„Es ist ein Archiv der Emotionen“

Demonstrierende halten ein Transparent mit der Aufschrift "Freiheit für alle politischen Gefangenen im Iran".
Proteste für politische Gefangene vor der iranischen Botschaft in Berlin, 1999. Foto: Verein Iranischer Flüchtlinge Berlin

Beim Schahbesuch 1967, aber auch im Zuge der „Frau-Leben-Freiheit“-Bewegung demonstrierten Tausende in Berlin. Sanaz Azimipour hat Erinnerungen der iranischen Diaspora für eine Ausstellung zusammengetragen. Sie erklärt, was man aus der Vergangenheit lernen kann.

Interview von Jana Treffler

Qantara: In Berlin eröffnen Sie am Sonntag Ihre Ausstellung „Archiv der Leerstellen“ über die iranische Diaspora in Berlin. Warum Leerstellen? 

Sanaz Azimipour: Die Flyer, Plenumsprotokolle und Fotos, die ich in Archiven gesammelt habe, sind nicht Teil der offiziellen Geschichtsschreibung oder Erinnerungspolitik. Außerdem sind persönliche Geschichten aus Interviews in die Ausstellung eingeflossen, da mich das Emotionale, Affektive und die Beziehungsebene mehr interessieren als historische Daten. 

Beinahe hätten Sie die Ausstellung abgesagt. Warum?

Eine Ausstellung erscheint angesichts einer Lebensrealität von Krieg und Massakern erst einmal irrelevant. Ich befürchtete, es könnte Aufmerksamkeit abziehen und unsensibel wirken. Aber am Ende habe ich mich doch für die Eröffnung entschieden, da viele der Materialien und Geschichten auch heute relevant sind, etwa der Teil zur Anti-Kriegsbewegung während des Iran-Irak-Kriegs in den 1980er-Jahren. 

Ich habe unter anderem Menschen dazu interviewt, wie sie den Krieg erlebt haben, welche Position sie vertreten und wie sie sich dagegen organisiert haben. Dabei geht es um das Politische, aber auch die persönliche Ebene, um Affekte und die Beziehungen zwischen den Menschen. Wie erlebt man dunkle Zeiten, wie überlebt man sie?

Eine Frau im Abendlicht lehnt an einem Zaun, hinter ihr Graffiti.
Aktivistin

Sanaz Azimipour lebt seit 2016 in Berlin und ist in verschiedenen Bewegungen aktiv. Mit einer Förderung des Berliner Senats erarbeitete sie das „Archiv der Leerstellen“. Dafür führte sie 20 Oral-History-Interviews mit Exil-Iraner:innen und recherchierte in 25 Archiven in Berlin. 

Wie beeinflusst diese Diaspora-Vergangenheit die Gegenwart?

Betrachtet man die historischen Materialien wie Plakate und Flyer, versteht man, warum manche Erinnerungen heute noch relevant sind und wie sie die politische Lage beeinflussen. 

Die rechten Narrative etwa, die innerhalb des iranischen Diaspora-Diskurses herrschen und eine Rückkehr des Schahs fordern, basieren auf einer bestimmten Version der Vergangenheit – aus meiner Sicht auf verfälschten Erinnerungen. Daher wollte ich herausfinden, welche Erinnerungen es darüber hinaus gibt.

Welche anderen Erzählungen haben Sie gefunden? Welche Phasen haben die Diaspora geprägt?

Natürlich war eines der größten Ereignisse die Revolution von 1979. Diese wird von verschiedenen Gruppen unterschiedlich interpretiert: als Scheitern, als Revolution oder als Sieg. Die vorausgehende Zeit in Berlin war sehr wichtig. In der studentischen Bewegung der 1960er- und 1970er-Jahre waren Iraner:innen mit der „Konföderation Iranischer Studenten“ stark vertreten. Der Schahbesuch in Berlin im Juni 1967 zeigt, wie gut die Massenmobilisierung und die transnationalen Beziehungen der Bewegung organisiert waren.

Nach der Revolution 1979 waren deutsche Universitäten als Ort immer noch zentral, aber es kamen auch andere Menschen aus Iran nach Deutschland. Die Community bestand nicht mehr nur aus Studierenden, sondern aus geflüchteten Oppositionellen, vor allem linken Aktivist:innen. Sie waren mit mehreren Herausforderungen konfrontiert: dem Exilleben in Berlin, den Hinrichtungswellen der 1980er-Jahre im Iran und dem riesigen Scheitern einer Revolution. Sie mussten sich neu orientieren.

Welche neuen Bewegungen sind aus dieser Zeit entstanden?

Zum einen die Selbstorganisation von Migrant:innen und Geflüchteten, etwa der „Verein Iranischer Flüchtlinge in Neukölln“ von 1986. Die Frauen aus linken Kontexten organisierten sich zudem in der feministischen Bewegung, denn sie wurden vom Regime in Teheran als Erste ausgegrenzt und unterdrückt.

In den 1990er-Jahren begann eine neue Phase der Kämpfe für Gerechtigkeit. Ein Einschnitt war das Mykonos-Attentat von 1992, bei dem der iranische Geheimdienst im gleichnamigen Restaurant in Berlin vier kurdisch-iranische Oppositionelle erschoss. 

Anfang der 2000er-Jahre kam dann eine Zeit des kritischen Dialogs, in Iran kamen Reformisten an die Macht. Die internationalen Beziehungen des Iran entspannten sich, auch mit Deutschland. 

Wie hat sich das auf die Community in Berlin ausgewirkt?

Im Jahr 2000 organisierte die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin eine Konferenz zum Thema „Iran nach den Parlamentswahlen“. Da kamen erstmals Intellektuelle und Aktivist:innen, Vertreter:innen der Reformbewegung, aber auch Verantwortliche für Massenhinrichtungen nach Deutschland. 

Exil-Iraner:innen protestierten massiv auf der Veranstaltung, gegen Teilnehmende aber auch gegen die Lage im Iran an sich. In Reaktion auf diese Proteste wurden mehrere Teilnehmer:innen der Konferenz inhaftiert.

Ein Protestzug durch das Brandenburger Tor mit einem Transparent mit der Aufschrift "Freiheit für alle politischen Gefangenen im Iran"
Protestzug durch das Brandenburger Tor für die Freilassung politischer Gefangener im Iran, 2000er-Jahre. Foto: Verein Iranischer Flüchtlinge Berlin

Im Iran gibt es etliche Minderheiten. Welchen Platz haben sie in der iranischen Diaspora in Deutschland?

Sobald Minderheiten wie die Belutsch:innen oder die Kurd:innen ihre eigenen Kämpfe thematisieren, die über die Gegnerschaft zur Islamischen Republik hinausgehen, wird ihnen schnell Separatismus vorgeworfen. Gleichzeitig sind ihre Strukturen, etwa die der Kurd:innen, für die Opposition sehr wichtig. Sie sind seit langer Zeit politisch aktiv und haben viel Repression überlebt.

Welche Bedeutung hat Berlin für die iranische Diaspora? Immerhin haben der Schahbesuch, die Mykonos-Attentate und die Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin stattgefunden. 

Berlin ist unter anderem wegen seiner linken Geschichte zentral. Die Leute, die sich nach 1979 an den Universitäten, vor allem an der Technischen Universität Berlin, organisierten, pflegten eine enge Zusammenarbeit mit linken Gruppen aus anderen Ländern. 

Damalige Poster zeigen, dass die palästinasolidarische, die kurdische, die türkische, eigentlich alle linken Bewegungen in Berlin zusammenkamen. 2022 fand hier im Zuge der „Jin, Jiyan, Azadî“-Bewegung („Frau, Leben, Freiheit“) außerdem die größte feministische Demonstration im iranischen Exil mit 100.000 Teilnehmenden statt.

Sie sind Mitgründerin des Women* Life Freedom“-Kollektivsin Berlin, das die Demo damals mitorganisiert hat. Die Protestwelle war dezidiert feministisch. Welche Rolle spielt Feminismus in Ihrer Ausstellung?

Männer und Frauen erinnern sich und erzählen sehr unterschiedlich von der Vergangenheit, das habe ich bei den Interviews für die Ausstellung gemerkt. Was in den gängigen Heldenerzählungen oft nicht erwähnt wird, ist die Care-Arbeit von revolutionären Frauen. Diese Leerstellen zu füllen, ist meine feministische Praxis. 

Was Feminismus bedeutet, muss in Zeiten von Krieg und Massakern immer wieder neu definiert werden. Es geht dann nicht um abstrakte Fragen, sondern konkret um die Verteidigung von Leben. Es ist zum Beispiel auch feministisch, gegen Krieg und Militarisierung zu mobilisieren.

Männer stehen in einer Flughafenhalle und halten ein Schild gegen Abschiebungen hoch.
Proteste gegen Abschiebungen in den Iran am Flughafen Schönefeld 1994/95. Foto: Verein Iranischer Flüchtlinge Berlin

Menschen im Exil sind nicht nur mit der Lage in der Heimat konfrontiert, sondern auch mit der Politik hier vor Ort. Inwiefern spielt das eine Rolle für die iranische Diaspora? 

Bei meiner Recherche hat mich immer wieder überrascht, dass gerade die Menschen, die politisch sehr aktiv und für die Bewegung wichtig waren, jetzt in Altersarmut oder allgemein unter sehr prekären Bedingungen leben müssen. Hinzu kommen Rassismus und die Belastung durch immer wieder nur befristet ausgestellte Aufenthaltstitel.

Sie schreiben im Rahmen der Ausstellung, dass es im Exil nicht nur ums Leben, sondern immer auch um das Überleben geht. Was bedeutet das?

Krieg und Massaker zerstören Leben im materiellen Sinne, aber auch das Kollektiv. Das hinterlässt Spuren: Gemeinschaften, Beziehungen und Freundschaften gehen auseinander. Es wird unmöglich, politische Kämpfe fortzuführen, weil die Kapazitäten fehlen. Durch die Gewalt verändert sich, wer man ist und wie man trauert. Man entfremdet sich von den Menschen, die nicht betroffen sind, aber auch von anderen Betroffenen, weil Menschen sehr unterschiedlich mit Trauma und Gewalt umgehen. 

Was bleibt, sind Brüche. In einem selbst, aber auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen und politischen Räumen. Deswegen interessiere ich mich dafür, wie Menschen und Strukturen in der Vergangenheit angesichts solcher Gewalt überlebt haben. Das Archiv ist in erster Linie ein Archiv der Emotionen.

Welche Strategie haben Exil-Iraner:innen in der Vergangenheit in solchen Situationen entwickelt?

Sie haben enge soziale Netze geknüpft. Beispielsweise erzählte mir Mihan, die Frau eines der Opfer der Mykonos-Attentate, dass in der Zeit danach alle ihre Bekannten zu ihr kamen. Tag und Nacht kümmerten sie sich in Schichten um sie und ihr Kind. Auch heute ist dieses Konzept der „chosen family“, der selbstgewählten Familie, für die Diaspora in Berlin sehr wichtig.

 

Ausstellung „Archiv der Leerstellen“, 19. bis 27. April 2026 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin Begleitet von vier Veranstaltungen. Mehr Infos auf der Webseite der Volksbühne.

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