Das Schweigen der Kinder von Gaza
Die neunjährige Asal al-Ladawi ahnte nicht, dass dies ihr letzter gemeinsamer Moment mit ihrer Mutter sein würde, als sie ihr in der Küche ihres Hauses im Stadtteil Zaytun von Gaza-Stadt beim Kochen half.
Eine heftige Explosion erschütterte das Haus; eine israelische Granate zerschmetterte das Dach. Asal fand sich unter den Trümmern wieder, neben ihrer toten Mutter. Das Mädchen versuchte zu schreien, aber ihre Stimme blieb ihr im Hals stecken.
„Ich zog meine Tochter aus den Trümmern, zitternd und stumm, und fand dann meine tote Frau“, erinnert sich Asals Vater, der 42-jährige Basel al-Ladawi, an den Moment der Explosion im vergangenen September.
Nach Asals Rettung stellte sich heraus, dass das Mädchen durch Bombensplitter am Kopf verletzt worden war. Aber das war nicht alles: Das Mädchen konnte kein Wort mehr sprechen.
Die Ärzt:innen bescheinigten, dass sie unter traumatischem Mutismus leide. Asal ist eines von vielen Kindern, die während des israelischen Krieges gegen Gaza ihre Sprechfähigkeit verloren haben, der auf den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 folgte.
Schweigen als Überlebensreaktion
Traumatischer Mutismus tritt als Folge eines schweren Traumas auf, etwa wenn sie Zeuge von Blutvergießen, Massakern, Vertreibung oder eines Unfalls werden. Das Phänomen sei letztendlich eine Überlebensreaktion, sagt die Psychologin Hala Sukkar von der Hilfsorganisation National Society for Rehabilitation in Gaza gegenüber Qantara.
Traumatischer Mutismus unterscheidet sich vom sogenannten neurogenen Mutismus, der durch eine direkte Schädigung des Nervensystems, etwa des Gehirns oder der für Sprache und Sprechen zuständigen Nerven, verursacht wird. Beim traumatischen Mutismus liegt keine organische Schädigung vor.
Wie viele Kinder in Gaza von traumatischem Mutismus betroffen sind, ist nicht bekannt. Im November erklärte das UN-Hilfswerk Unicef lediglich, dass alle der rund eine Million Kinder in Gaza nach zwei Jahren Gewalt und Vertreibung dringend eine Form von psychologischer und psychosozialer Unterstützung benötigten.
Insgesamt seien posttraumatische Belastungsstörungen wie Angstzustände, Depressionen, Rückzug, Aggressivität und Verlust des Sicherheitsgefühls in Gaza weit verbreitet, betont die Psychologin Sukkar. Eine psychologische Diagnose dieser Störungen könne jedoch immer erst nach Ausschluss physischer Ursachen wie Hörverlust oder Hirnverletzungen gestellt werden.
Für Sukkar ist der plötzliche Verlust der Sprache ein „stiller Schrei“, der einen dringenden Bedarf an professioneller psychologischer Unterstützung signalisiert. Im Gazastreifen mangele es jedoch aufgrund der Blockade und der weitflächigen Zerstörung an psychologischer Hilfe.
Asals Vater beschreibt, was seine Tochter durchmacht: „Sie hat Angst vor jedem Geräusch, wacht voller Schrecken aus Albträumen auf und wenn jemand versucht, mit ihr zu sprechen, weint sie oder rennt weg.“ Ein großer Teil von ihr sei mit ihrer Mutter gestorben, sagt er.
Virtual-Reality in der Therapie
Um ihre Sprechfähigkeit zurückzugewinnen, ist die Neunjährige mittlerweile gemeinsam mit anderen Kindern in psychologischer Behandlung, in der auch Virtual-Reality-Technologie (VR) eingesetzt wird.
Das Team der Organisation „Tech Med Gaza“ setzt VR in der Psychotherapie speziell bei Kindern ein, die unter Mutismus leiden. Die Initiative konzentriert sich auf Süd- und Zentralgaza, vor allem auf Deir al-Balah und die Flüchtlingslager Nuseirat und Zawayda. Nord-Gaza ist stark zerstört und hat bisher keine spezialisierten Psychotherapie-Zentren für traumatisierte Kinder.
„Die Sitzungen wurden speziell für Kinder entwickelt, die vom Krieg betroffen sind”, sagt Abdullah Abu Schamla, der bei „Tech Med“ für psychische Gesundheit zuständig ist. „Ziel ist es, eine positive Wahrnehmung der Welt wiederherzustellen und den Kindern durch eine Kombination von Verhaltenstherapie und interaktiven Technologien bei der Bewältigung ihres Traumas zu helfen.“
Der Ansatz verbinde klinische Expertise mit Technologie, indem virtuelle Spiele für therapeutische und entwicklungsfördernde Zwecke programmiert würden. Die Spiele versetzen die Kinder in sichere Umgebungen, etwa ans Meer oder anderswo in die Natur. Laut Abu Schamla beschleunigt VR den Heilungsprozess, so dass die Anzahl der Sitzungen von zehn bis zwölf auf nur fünf bis sieben reduziert werden könne.
Genutzt wird dabei eine VR-Brille, um erste Kommunikationsbrücken wieder aufzubauen. Zwar seien die Ergebnisse ermutigend und auch genügend Fachkräfte stünden zur Verfügung, doch fehle es an Geräten, weshalb das Angebot beschränkt bleibe.
Farben statt Sprache
Im Zawayda-Lager in Zentralgaza sitzt der 15-jährige Salah Abu Rakba, vor sich ein weißes Blatt Papier, und versucht zu malen – eine Form der verhaltenstherapeutischen Psychotherapie. Auch er ist traumatisch bedingt unfähig, sich mit Worten auszudrücken. Farben sind zu seiner Sprache geworden, das Papier zu seinem Fenster zur Welt, die er neu zu verstehen versucht.
Karama Abu Rakba, 40, erinnert sich an den Tag, an dem ihr Sohn verletzt wurde: „Am 26. Juli 2025 ging er mit einem Freund nach Ost-Dschabalia, um Holz zu sammeln. Ich sagte: ‚Geh nicht zu weit, das ist ein gefährlicher Ort.‘ Er antwortete: ‚Ich komme schnell zurück, Mama.‘“ Kurz darauf habe sie Schüsse gehört.
„Man sagte uns, eine israelische Drohne habe auf sie geschossen“, fügt sie hinzu. „Sein Freund war sofort tot, Salah wurde schwer am Kopf verletzt. Als ich ihn im Krankenhaus sah, sprach er nicht mehr. Er sah mich nur an und weinte.“
Salahs körperliche Verletzung war nicht das Schlimmste. Der Schock war so schwer, dass er sein Gehirn und seine psychische Gesundheit beeinträchtigte. Auf die psychologische Behandlung spreche er nur schwer an, sagt seine Mutter.
Laut Iman al-Khatib, Logopädin bei „Tech Med“, verbessern sich Kinder, die kontinuierliche Therapiesitzungen erhalten, in der Regel mit der Zeit. Um Nachhaltigkeit zu gewährleisten, blieben die Psycholog:innen dabei in ständigem Kontakt mit der Familie, um auf jede Veränderung des psychischen Zustands reagieren zu können. Erneute Angriffe könnten die Situation jedoch immer wieder verschlechtern.
Einige Kinder machten auch von selbst Fortschritte, sagt al-Khatib. Der Prozess sei jedoch lang und kompliziert, vor allem unter den schwierigen Bedingungen in Gaza. Teils hielten Eltern das Problem fälschlicherweise für vorübergehend, doch sei es ein ernstes Warnsignal: Bleibt die Störung unbehandelt, könne das Kind sogar dauerhaft die Sprechfähigkeit verlieren, so al-Khatib.
Sicherheit zurückgewinnen
Die neunjährige Asal sei einer der schwierigsten Fälle, mit denen sie zu tun hatte, sagt al-Khatib. Das Mädchen sei anfangs in den Sitzungen völlig still geblieben. Nach und nach habe es begonnen, auf die sicheren Umgebungen zu reagieren, in die sie dank der VR-Brille eintauchen konnte: Meereswellen, grüne Bäume, kreisende Vögel – Welten, die es ihr ermöglichten, sich von den Erinnerungen an die zerstörte Küche zu lösen.
„Ein Kind spricht nicht, wenn es sich von der Welt bedroht fühlt“, erklärt al-Khatib, „das Trauma verschließt alle Türen zur Kommunikation.“ Ziel der Therapie sei es daher, wieder ein Gefühl der Sicherheit aufzubauen.
In jeder Sitzung zeigte Asal eine neue Reaktion: Erst konnte sie ihre Hand heben, dann auf Dinge zeigen und schließlich mithilfe der Logopädin leicht ihre Lippen bewegen. Nach einer Reihe intensiver Sitzungen aus kognitiv-verhaltenstherapeutischer Behandlung und Logopädie begann sie dann schließlich, wieder erste Worte zu sprechen.
Auch Salah, der Junge aus dem Flüchtlingslager Zawayda, hat mithilfe der psychotherapeutischen Behandlung wieder begonnen, seine Lippen zu bewegen. Sie hoffe, dass er bald wieder sprechen kann, sagt seine Mutter. „Er hat einen starken Willen.“
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