Archivieren gegen die Auslöschung

 Ein Arbeiter ist in der Großen Omari-Moschee zu sehen, wo die Restaurierungsarbeiten begonnen haben. Die Moschee wurde durch anhaltende Angriffe der israelischen Armee in Gaza-Stadt, Gaza, am 26. Dezember 2025 schwer beschädigt.
Wiederaufbau der Großen Omari-Moschee in Gaza-Stadt nach israelischem Bombardement, Dezember 2025. (Foto: Picture Alliance / Anadolu | A. Fteha)

Schmerzhaft zu lesen, aber eins der wichtigsten Bücher zum Thema, schreibt Asmaa al-Ghoul: „Archiving Gaza in the Present“ vereint Texte über Kunst, Literatur, Musik und Archäologie in Gaza. Es bewahrt die Erinnerung an eine Kulturwelt, die es so nicht mehr gibt.

Von Asmaa al-Ghoul

Die Seiten von „Archiving Gaza in the Present: Memory, Culture and Erasure“ führen uns zurück in den Gazastreifen vor dem 7. Oktober 2023. Man hört, sieht, fühlt und riecht ihn: seine Galerien und Künstler:innen, die Gebäude und Denkmäler, Literatur und Lyrik, Universitäten und Filme. Nach dieser Reise in die Vergangenheit trägt man eine kollektive kulturelle Identität im Herzen, die durch den Krieg fast vollständig vernichtet worden ist.

Die Herausgeberinnen Dina Matar und Venetia Porter lassen in dem Sammelband Kunstschaffende, Oppositionelle, Journalist:innen, Anwält:innen und Forscher:innen aus Palästina und darüber hinaus zu Wort kommen. Die Beiträge enthüllen Geschichten, von denen einige nicht einmal den Einwohner:innen Gazas bekannt sind.

Dabei bereichern die Beiträge von ausländischen Autor:innen das Buch, ohne in Orientalismus abzugleiten. Das auf Englisch bei Saqi Books erschienene Werk ist tief in der lokalen Realität verwurzelt und vermittelt zugleich auf universelle Weise menschliches Leid. Es ist ein zeitloses Werk und eines der wichtigsten Bücher über Gaza. Dass Form und Qualität der Texte sehr unterschiedlich sind, ist zugleich Stärke und Schwäche des Buchs.

In der Einleitung machen die Herausgeber:innen deutlich, dass sie das Archivieren als Akt des Widerstands gegen die Auslöschung von Erinnerung verstehen – ein Ansatz, der sich durch alle Kapitel zieht. Als rasante Erzählung gleicht das Buch einem in Eile abgespulten Film, der aufzählt, was von den bedeutenden Stätten im Gazastreifen nach seiner Zerstörung noch übrig ist.

Praxis des Widerstands

Das erste Kapitel widmet sich der reichen Szene der bildenden Künste und beschreibt sie als Praxis des Widerstands. Analysen stehen hier neben persönlichen Erfahrungen, und die Kunst Gazas wird im Rahmen ihrer politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge betrachtet – unter anderem der Auswirkungen von 19 Jahren Abriegelung des Gebiets durch Israel.

Die beiden Gruppen „Iltiqa“ (dt.: Treffen) und „Shababeek(dt. Fenster) stellt das Buch als beispielhaft für kollektive künstlerische Produktion vor. Abdrucke von Fotografien und Kunstwerken machen die Erzählung greifbar und zeichnen den Werdegang von Künstler:innen in Gaza und in der Diaspora nach.

Die Stärke des Kapitels zeigt sich in seiner Dekonstruktion der vorherrschenden Idee, dass Krieg Kreativität erstickt. Es dokumentiert Hunderte von Fällen, in denen unterschiedliche Medien als Mittel des Ausdrucks und des Überlebens eingesetzt wurden. Allerdings wiederholen sich viele Namen und Themen, sodass mehrere Texte besser zu einem einzigen prägnanteren Essay zusammengefasst worden wären. 

Das wiederholte Erwähnen derselben Künstler in mehreren Texten schwächt den Rhythmus und belastet die Erzählung, da sich historische Darstellungen überschneiden. Außerdem führt es zu einer deutlichen Marginalisierung von Künstlerinnen aus Gaza, was eher die patriarchische Struktur der Kunstszene widerspiegelt als die Realität der kreativen Produktion.

Ein Mann unterrichtet eine Klasse von Kindern in einer Galerie.
Der Künstler Shareef Sarhan, einer der Gründer der Shababeek-Galerie, führt vor dem Ausbruch des aktuellen Krieges eine Gruppe von Schülern durch die Galerie. (Foto: Shababeek for Contemporary Art)

Das zweite Kapitel vermittelt beeindruckende Kenntnis und trägt historische Details zum archäologischen und architektonischen Erbe Gazas zusammen, die in Texten selten zu finden sind. Es behandelt frühe archäologische Entdeckungen, darunter eine riesige Zeus-Statue aus dem Jahr 1879. Außerdem dokumentiert es Diebstähle durch Israel und illegale Ausgrabungen seit 1967 sowie Schutzbemühungen in der Zeit, als Gaza von der Palästinensischen Autonomiebehörde regiert wurde. 

Durch die Herausstellung dieses Materials verdeutlicht das Kapitel den zivilisatorischen Reichtum Gazas. Es unterstreicht die Bedeutung dieser historischen Zeugnisse für die Verteidigung des Rechts Gazas auf seine eigene Geschichte. So berichtet auch der Schweizer Archäologe Marc-André Haldiman von der Rettung von 530 Artefakten und deren Überführung nach Genf im Jahr 2007. Heute sind sie die einzigen, die es nach der Zerstörung des Archäologischen Museums in Gaza im Krieg noch gibt.

Durch den Archäologen Fadel Al-Utol erhält die Erzählung menschliche Tiefe. Er berichtet, wie er und seine Familie den Krieg überlebten, und schreibt über den Verlust der Ausgrabungsstätten, denen er sein Leben gewidmet hatte. Mittlerweile kümmert er sich im Exil in Genf um die Altertümer Gazas.

Das dritte Kapitel befasst sich mit Museen, kulturellen Zentren und Archiven. Darin liefert Omar Al-Qattan, Gründungsmitglied der Abdul Mohsen Al-Qattan Foundation, eine klare Analyse des Kriegs und seiner Auswirkungen auf die Existenz der Palästinenser:innen selbst. Er spricht über die Zerstörung des Qarara-Museums in Khan Junis und des Rafah-Museums sowie über die Tötung von dutzenden Künstler:innen und Kulturschaffenden. Das Kapitel enthält zudem bewegende Berichte über die Zerstörung der Bibliotheken in Gaza und des historischen Al-Saqa-Hauses, das bis zu seiner Zerstörung durch Israel ein bedeutendes kulturelles Wahrzeichen war. 

Anhand des Archivs des palästinensisch-armenischen Fotografen Kegham Djeghalian, der Gaza über vier Jahrzehnte hinweg dokumentierte, befasst sich das Kapitel auch mit dem visuellen Gedächtnis. Das Archiv wird heute von Djeghalians Enkel gepflegt. 

Buchvover: Archiving Gaza. Von: Saqi Books
Buchcover: Saqi Books

Die Luftfahrt in Gaza

Das vierte Kapitel bietet einen enttäuschend selektiven Einblick in die sehr aktive Literatur- und Filmszene in Gaza. Diese wurde von Personen und Initiativen geprägt, die sich seit dem Konflikt zwischen Fatah und Hamas im Jahr 2006 gegen Besatzung, Belagerung und Vorurteile sowie gegen die islamistische Vorherrschaft wehren. 

Im Buch kommt aber lediglich eine kleine Auswahl literarischer Texte und ein einziges Filmprojekt mit dem Namen „From Ground Zero“ vor, das 22 Kurzfilme umfasst, die während des Kriegs unter der Leitung von Rashid Masharawi im Gazastreifen gedreht wurden.

Die Auswahl lässt viele Namen von Dichter:innen bis hin zu Regisseur:innen vermissen, die die Szene vor dem Krieg geprägt haben und in ihm umgekommen sind. Dies spiegelt eine Tendenz im Buch wider, von allem ein bisschen aufzuschreiben statt sich mit den wegweisenden Persönlichkeiten der Kulturszene auseinanderzusetzen.

Dieser Ansatz entspringt offenbar der Dringlichkeit, etwas bewahren zu müssen. Der Krieg war auf seinem Höhepunkt, als das Buch geschrieben wurde. Es herrschte Angst vor dem Verlust. Doch auch wenn die Umstände zweifellos schwierig waren: Die oberflächliche Behandlung des Kapitels bleibt eine Schwäche.

Dennoch enthält es einige herausragende Artikel zu anderen Themen. Zu erwähnen ist hier vor allem der Beitrag „Airmindedness“ der Forscherin Chin-Chin Yap aus Singapur. Sie arbeitet die Geschichte der Luftfahrt in Gaza und Palästina auf, vom ersten osmanischen Flughafen im Jahr 1917 über die Rolle Gazas als zentraler Knotenpunkt der britischen imperialen Luftfahrt bis hin zur Gründung der Palestinian Airlines, der Zerstörung des Flughafens von Gaza im Jahr 2000 sowie der vollständigen Kontrolle des Luftraums durch Israel und der Verwandlung des Himmels in ein Militärgebiet.

In einem weiteren Artikel, in dem es um die Dokumentation von Social-Media-Inhalten geht, erklärt Ghada Dimashk, Spezialistin für den Erhalt und die Katalogisierung von kulturellem Erbe, wie der Krieg die Methoden zur Aufzeichnung von Konflikten neu definiert hat. Für sie hat die zentrale Bedeutung der sozialen Medien, die gleichzeitig lokale Realitäten wie auch globale Solidarität eingefangen haben, das Konzept der digitalen Archivierung erweitert.

Musik als Ausdruck der Freude

Die letzten beiden Kapitel, „Law, Heritage and Life“ und „Looking Forward“, befassen sich mit bereits behandelten Themen, aber aus einer rechtlichen und zukunftsorientierten Perspektive. Der Schwerpunkt liegt auf internationaler Rechenschaftspflicht.

Die Völkerrechts-Expertin Joanna Oyediran verfolgt die Spur von seit 1967 aus Gaza geraubten Artefakten, darunter 23 Särge und 10 Grabdeckel vom kanaanitischen Friedhof in Deir al-Balah sowie ein Mosaik der byzantinischen Kirche, das in den 1960er Jahren südlich von al-Ramal in Gaza-Stadt entdeckt wurde. Zudem warnt sie, dass von der Kontrolle Israels über Artefakte und die Geschichtserzählung eine Gefahr ausgehe.

Eine einzigartige Dokumentation des Alltagslebens während des Krieges findet sich im Beitrag „No one will believe what the survivors will say“ der Forscherin Caitlin Procter. Der Beitrag basiert auf privaten WhatsApp- und Telegram-Unterhaltungen mit Freund:innen und Bekannten in Gaza. Es ist ein fragiles, intimes und lebendiges Porträt dessen, was die Menschen in Gaza durchgemacht haben.

Eine junge Frau hält eine Wandreparaturbürste in der Hand, hinter ihr stehen zwei junge Männer.
Die Al-Khidr-Bibliothek in Deir al-Balah, Gaza, während ihrer Restaurierung im Jahr 2015. (Foto: RIWAQ-Archiv)

Das letzte Kapitel „Looking Forward“ beginnt mit einem Essay des Schriftstellers und Akademikers Atef Alshaer über Lieder und Gedichte aus Gaza während des Kriegs. Er konzentriert sich auf religiöse Lieder und Widerstandslieder, wobei er leider die vielfältige Musikproduktion ignoriert, die schlicht Ausdruck von Menschlichkeit ist. Auch vernachlässigt er, dass Singen in Gaza auch ein einfacher Akt des Lebens und der Freude war und nie im Widerspruch zu Standhaftigkeit oder Patriotismus stand.

Der beharrliche Fokus des Sammelbands auf Dokumentation mindert den Schmerz des Verlusts nicht, sondern konfrontiert die Lesenden direkt damit. Wohl aus diesem Grund schließt das Buch mit einem Gedicht von Mahmoud Darwish, das dem Gazastreifen seine Symbolik als schmerzbehafteter, angegriffener und liebenswerter Ort zurückgibt und einen mit einer Erinnerung zurücklässt, die nur als Verlust begriffen werden kann.

Das Lesen dieses Werks war eine Art psychologische Folter; eine harte Rückkehr in das Gaza vor dem Krieg, zu einem kulturellen und künstlerischen Leben, das für immer verloren ist. Zu Menschen, Intellektuellen und einfachen Leuten, die sich auf diesem Boden nie wieder begegnen werden. Szene für Szene spielt das Buch das Leben vor dem Krieg noch einmal ab, das heute nur noch als Erinnerung existiert. 

Am Ende bleibt eine Frage: Wie können ein Land, eine Geschichte und eine Erinnerung in weniger als zwei Jahren einfach ausgelöscht werden?

 

"Archiving Gaza in the Present: Memory, Culture and Erasure"
Herausgegeben von Dina Matar and Venetia Porter
Saqi Books
November 2025

 

Dieser Text ist eine Übersetzung des arabischen Originals durch Leonie Nückell. 

 

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