„Wir müssen unser Wissen über die Kolonialzeit vertiefen“
Qantara: In Ihrem Buch „Die Ankunft“ (L'arrivée, 2023) schreiben Sie, Sie seien als algerischer Jude in eine „Grauzone“ geboren worden. Sie seien weder Kolonisator noch Muslim gewesen, aber auch kein Franzose aus dem „Mutterland“. Was sagt Ihre Identität über die Beziehung zwischen Algerien und Frankreich aus?
Benjamin Stora: In meiner Person überschneiden sich mehrere Welten. Ich gehöre zur kolonial-französischen Kategorie der „Indigenen“ (Anm.: Les indigènes), zu denen die algerischen Juden und Jüdinnen zählten, die jahrhundertelang Seite an Seite mit Muslim:innen lebten. Beeinflusst hat mich das republikanisch-französische Schulsystem, außerdem bleibe ich den politischen Überzeugungen aus meiner Jugend treu, die auf Antikolonialismus und der Ablehnung von Rassismus beruhen.
Hinzu kommen mein familiäres Erbe und meine Erziehung: Mein Vater hatte ausgezeichnete Kenntnisse der arabischen Sprache und einen Abschluss in islamischer Rechtswissenschaft von der Universität Algier. Ich selbst habe noch vor dem Französischen gelernt, Hebräisch zu lesen.
Dieses Erbe ermöglicht es mir, die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, Vorurteile zu überwinden und den Tatsachen näher zu kommen. Doch die Vielschichtigkeit kann auch zur Last werden, denn sowohl die französische als auch die algerische Sichtweise versuchen, mich auf eine meiner Zugehörigkeiten zu reduzieren. Sie stellen die verschiedenen Aspekte in einen ständigen Gegensatz zueinander und erkennen nicht, dass die Geschichte vielfältige Zugehörigkeiten geschaffen hat, die es zu akzeptieren gilt.
In Ihrem Buch schildern Sie auch Ihre Auswanderung nach Frankreich infolge der Unabhängigkeit Algeriens 1962 und die damit verbundenen Herausforderungen der Integration und Anpassung an die französische Gesellschaft. Haben die Kinder und Enkel algerischer Migrant:innen heute dieselben Chancen wie Ihre Generation damals?
Vor allem hat sich der wirtschaftliche und soziale Kontext verändert. Die „Trente Glorieuses“ genannten Jahrzehnte zwischen 1945 und 1975 waren eine Phase des Wachstums und der Expansion. Als ich in den 1960er Jahren nach Frankreich kam, gab es viele Arbeitsplätze. Heute herrscht in der jüngeren Generation ein Gefühl der Stagnation. Der soziale Aufstieg ist ins Stocken geraten.
Die Kinder derjenigen, die aus postkolonialen Ländern eingewandert sind, stoßen darüber hinaus an eine sogenannte gläserne Decke. Sie werden nicht als vollwertige französische Staatsbürger:innen angesehen. Auf ihrem Lebensweg erinnert man sie ständig an ihre Herkunft, als stünde diese im Widerspruch zu einer weitgehend imaginären „französischen Identität“.
Dennoch treten allmählich einflussreiche Persönlichkeiten algerischer Herkunft in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Unternehmertum in die Öffentlichkeit. In Gemeinden und lokalen Gremien übernehmen Menschen mit algerischem Migrationshintergrund politische Ämter. Der französischen politischen Klasse wird nichts anderes übrig bleiben, als diese neue Kraft zu akzeptieren.
2021 haben Sie im Auftrag von Präsident Macron einen Bericht zur Förderung der Versöhnung zwischen dem französischen und dem algerischen Volk veröffentlicht, der eine breite Diskussion auslöste, insbesondere in Frankreich. Was hat Ihnen der Auftrag damals bedeutet?
Meine Motivation, diesen Bericht zu schreiben, beruhte auf meiner Überzeugung, dass wir uns der kolonialen Vergangenheit stellen und unser Wissen über die Kolonialzeit vertiefen müssen. Die Vorschläge, die ich in meinem Bericht gemacht habe, sollen dazu beitragen, die Auswirkungen der Kolonialisierung und des algerischen Unabhängigkeitskriegs (Anm.: 1954-1962) auf die Erinnerungskultur verschiedener Interessengruppen, vor allem in Frankreich, zu untersuchen.
Diese Auseinandersetzung mit den Auswirkungen von Erinnerungen steht in der Tradition meiner früheren Werke wie „Wundbrand und Vergessen“ (La gangrène et l’oubli, 1991) bis hin zu „Die gefährlichen Erinnerungen“ (Les mémoires dangereuses) aus dem Jahr 2015.
Auf Ihre Anregung wurde 2022 während des Besuchs Macrons in Algerien eine algerisch-französische Historikerkommission ins Leben gerufen. Sie vertreten die französische Seite dort. Wie beurteilen Sie die bisherige Arbeit?
Ich halte es für notwendig, die Aufarbeitung der Vergangenheit weiter voranzutreiben. Der gemeinsame Prozess steht gerade in Frankreich noch ganz am Anfang, insbesondere was die Rückgabe der Archive und des Eigentums Algeriens betrifft. Aber auch in Algerien muss die Erinnerungsarbeit fortgesetzt werden. Dazu gehört das Erforschen des Kolonialsystems und seiner Nachwirkungen auf den Aufbau der Nation, insbesondere des komplexen Charakters der algerischen Nationalbewegung und des Werdegangs ihrer Hauptakteure.
Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, die bilateral bereits erzielten Fortschritte hervorzuheben. Dazu zählen die Anerkennung der Massaker vom Mai 1945 in Sétif und Guelma, die Übergabe von Karten über damals an den Grenzen verlegte Minen an die algerischen Behörden, die Verurteilung des Massakers an den Algerier:innen in Paris im Oktober 1961, die Anerkennung der Ermordung von Maurice Audin und Ali Boumendjel sowie die Rückgabe der Schädel einer Reihe von Anführer:innen des algerischen Widerstands.
Strahlendes Erbe
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Ist die französische Gesellschaft heute besser in der Lage, sich ihrer kolonialen Vergangenheit zu stellen? Und könnte der Aufstieg der extremen Rechten diese Debatte zurückwerfen?
Die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit bleibt angesichts des wachsenden Einflusses der extremen Rechten schwierig, da diese versucht, die Kolonialgeschichte zu verherrlichen. Um solche Versuche der historischen Verfälschung einzudämmen, ist die historische und wissenschaftliche Arbeit umso wichtiger.
In Frankreich stehen im kommenden Jahr Präsidentschaftswahlen an. Zwar ist in der Republik die „nationale Identität“ eher politisch definiert als kulturell oder ethnisch. Doch die eigene Darstellung der Geschichte nimmt in den Reden der prominenten Kandidat:innen eine zentrale Rolle ein.
Das Interesse an der algerischen Geschichte wirft schnell Fragen auf, die in Frankreich nach wie vor brisant sind, sei es zum Thema Einwanderung oder zum Islam. Die extreme Rechte praktiziert zudem ein systematisches Vergessen. Die historische Erzählung wird umgeschrieben und die während der Kolonialzeit begangenen Verbrechen werden daraus getilgt.
Es gibt eine neue Generation von Historiker:innen, die sich auf die Geschichte Algeriens spezialisieren. Sie haben die Forschungsarbeiten mehrerer von ihnen betreut, wie etwa von Malika Rahal und Naima Yahi. Wie können diese Arbeiten dazu beitragen, die einander widersprechenden Narrative über die koloniale Vergangenheit zu überwinden?
Durch meine rund vierzigjährige Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten in Frankreich und im Ausland konnte ich tatsächlich mehreren Generationen von Studierenden Wissen vermitteln. Zu den Forscher:innen, deren Dissertationen ich betreut habe, möchte ich Linda Amiri hinzufügen, die eine hervorragende Dissertation über die Geschichte der französischen Föderation der FLN verteidigt hat, außerdem E. Alcaraz mit seiner Arbeit über die Gedenkstätten des Algerienkriegs. Marie Chominot schrieb über die Bedeutung von Fotografien für das „Sehen“ des Unabhängigkeitskriegs und Lydia Ait Saadi untersuchte arabischsprachige Schulbücher.
In den letzten Jahren sind neue Forschungsschwerpunkte entstanden, die sich insbesondere mit der Geschichte der kolonialen Expansion im 19. Jahrhundert befassen, mit der Verrohung der Gesellschaft und den Formen des Widerstands, aber auch mit der Rolle der Frauen im Alltag. Die Erweiterung des kollektiven Wissens zeigt, dass keine Geschichtsschreibung endgültig ist, auch wenn sie in den nationalen Diskursen auf beiden Seiten des Mittelmeers eingefroren zu sein scheint.
Was sehen Sie als zentrale Bedingung für stabile Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien? Beginnt der Weg dorthin mit dem politischen Willen, mit der Arbeit der Historiker:innen oder mit dem kulturellen Austausch und der gegenseitigen Anerkennung von Erinnerungen?
All das ist notwendig: die Arbeit der Historiker:innen, die Anerkennung verletzender Erinnerungen und der politische Wille, sich der kolonialen Vergangenheit offen zu stellen. In der Zwischenzeit bleibt es jedoch unser Ziel, das Bewusstsein für das aufrechtzuerhalten, was in Frankreich und Algerien bereits erreicht wurde – sei es im Bildungsbereich, bei Gedenkfeiern oder im Rahmen kultureller Aktivitäten in Museen, im Kino oder in der Literatur.
Dieses Projekt zielt nicht nur darauf ab, alle von dieser schmerzhaften Geschichte betroffenen Gruppen zufrieden zu stellen – was die Spaltung der Erinnerungen zementieren und die Bitterkeit noch verstärken könnte –, sondern darauf, diese verschiedenen Gruppen zusammenzubringen, um gemeinsam die Zukunft zu gestalten.
Dennoch bleibt die Gefahr eines Rückschritts bestehen, wenn die Rechte oder die extreme Rechte an die Macht gelangen. Was wir erreicht haben, könnte untergraben werden. Weitere notwendige Schritte wie die Rückgabe von Archiven oder die Anerkennung der französischen Atomtests in Algerien würden möglicherweise infrage gestellt.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Übertragen von Abdulrahman Afif.
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