Abschied von der Kolonialsprache
Jahrzehntelang standen Arabisch und Französisch im Mittelpunkt eines angespannten sprachlichen Gleichgewichts in Algerien. In den letzten Jahren ist ein neuer Akteur hinzugekommen: Englisch. Seine Präsenz beschränkt sich mittlerweile nicht mehr auf akademische Forschungsräume oder soziale Medien, sondern gewinnt auch in den Bereichen Bildung und Wirtschaft an Einfluss. Bei den Jüngeren prägt Englisch auch die Alltagssprache.
Die medizinischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten in Algerien haben seit dem akademischen Jahr 2025/26 ihre Lehrpläne für Erstsemester von Französisch auf Englisch umgestellt. Die Maßnahme ist Teil des Vorhabens der Regierung, das Englische als Unterrichtssprache an Universitäten einzuführen.
Der eigentliche Wendepunkt in der algerischen Sprachpolitik liegt jedoch bereits im Jahr 2022, als Präsident Abdelmadjid Tebboune erstmals ankündigte, das Englische solle ab der dritten Grundschulklasse unterrichtet werden, während das Französische schrittweise abgeschafft würde. Dieser Trend macht sich auch in offiziellen Institutionen bemerkbar: Die Tickets der Fluggesellschaft Air Algérie und die Rechnungen der Telekom Algerien werden nun auf Englisch ausgestellt.
Eine politische Entscheidung
Dieser Sprachwechsel geht über die rein technisch-linguistische Ebene hinaus. Vielmehr weist er auf eine tiefgreifende Neuverhandlung von Identität und Erinnerung hin und muss in seinem politischen Kontext betrachtet werden.
Zwar wird die Übernahme des Englischen offiziell als professionelle und strategische Entscheidung dargestellt, die den Anforderungen des Arbeitsmarktes und der Offenheit für globale wissenschaftliche Forschung entspricht, doch überschneidet sie sich auch mit den eskalierenden politischen Spannungen zwischen Algerien und Frankreich. Diese haben die Frage nach dem Französischen als Instrument der Einflussnahme und als Symbol eines ungelösten kolonialen Erbes wieder in den Vordergrund gerückt.
Ähnliche Tendenzen sind in westafrikanischen Ländern wie dem Niger, Burkina Faso und Mali sowie in Tunesien zu beobachten. Dort wurde die Rolle des Französischen im Bildungswesen und in der Verwaltung zugunsten des Englischen oder, in manchen Ländern, lokaler Sprachen zurückgedrängt. Diese Entscheidungen sind Teil der Bemühungen, die eigene postkoloniale Erzählung zu verändern.
„Der Trend zum Englischen kann nicht allein als Wunsch zur Öffnung verstanden werden, sondern ist ein Vorhaben mit ideologischen und politischen Dimensionen“, bestätigt Aomar Abdellaoui, Professor für Soziolinguistik an der Universität Béjaïa in Algerien, gegenüber Qantara.
Sprache ist in Algerien seit der Unabhängigkeit im Jahr 1962 eng mit Fragen der Souveränität, Befreiung und des kolonialen Erbes verbunden. Arabisch stand im Zentrum eines als „Arabisierung“ bekannten Regierungsvorhabens zur Wiederherstellung der kollektiven Identität des Landes. Die mehr als ein Jahrhundert andauernde französische Kolonialherrschaft hinterließ eine kulturelle und sprachliche Prägung, die bis heute präsent ist.
Der Plan zur Arabisierung stieß jedoch auf eine komplexe sprachliche Realität. Denn während das Tamazight seine historische Bedeutung in der Gesellschaft beibehielt, blieb das Französische für die Verwaltung, das Hochschulwesen und die Wissensproduktion zentral. Vor diesem Hintergrund ist der Aufstieg des Englischen in algerischen Bildungskreisen eine Entwicklung, die die Karten neu mischt.
In algerischen Schulen wird offiziell auf Arabisch unterrichtet, das Französische ist erste Fremdsprache und Englisch wurde im Jahr 1993 als zweite Fremdsprache in der Sekundarstufe eingeführt. An den Universitäten hingegen war das Französische jahrzehntelang Hauptunterrichtssprache der Naturwissenschaften und Medizin, während die Geisteswissenschaften sich hauptsächlich auf das Arabische stützten; nur teilweise wurde französischsprachige wissenschaftliche Literatur herangezogen oder einzelne Lehrveranstaltungen angeboten. Folglich scheinen die aktuellen Entwicklungen ein Versuch zu sein, das Englische als neues Element im algerischen Bildungswesen zu etablieren.
Englisch ist noch Fremdsprache
Abdellaoui sieht in der Art und Weise, mit der das Englische in Politik und Öffentlichkeit integriert wird, einen Top-Down-Ansatz, der bestehende Missverhältnisse zu reproduzieren droht, statt sie zu beseitigen. Er verweist dabei auf das Versagen der Arabisierungspolitik: Das Französische sei nach wie vor als Verwaltungssprache und als Sprache der kulturellen Elite vorherrschend.
Auch wenn das Bildungsministerium für das Unterrichten auf Englisch Schulungen für Lehrkräfte entwickelt hat, ist Abdellaoui nicht überzeugt. Die meisten Lehrkräfte hätten ihre Ausbildung auf Französisch oder Arabisch absolviert und die Kursformate seien aufgrund ihrer inhaltlichen Begrenztheit eher Symbolmaßnahmen.
Dementsprechend schätzt der Soziologe das Potential einer Umstellung auf Englisch als Bildungssprache als gering ein. Die Aussichten des neuen Projekts seien kaum größer als die des Arabisierungsprozesses. Die größten Risiken entstünden für die Grundschule, denn dort werde eine neue Fremdsprache in ein System eingeführt, das ohnehin mit Mehrsprachigkeit zu kämpfen habe.
Das Englische wird in Algerien abgesehen von bestimmten digitalen Sphären und Berufen im Alltag kaum benutzt und bleibt eine Fremdsprache. Das schmälert die Chance auf eine rasche Etablierung als Unterrichts- und Wissenschaftssprache. So gibt es keine Statistiken zur Anzahl englischsprechender Algerier:innen. Die französische Sprache beherrschen neben dem Arabischen oder Tamazight laut eines Berichts der Internationalen Organisation der Frankophonie aus dem Jahr 2022 circa 15 Millionen von insgesamt 45 Millionen Algerier:innen, also rund ein Drittel.
Nichtsdestotrotz ist der Wunsch, das Französische durch das Englische zu ersetzen, laut einer Studie der Ben-Khaldoun-Universität in Tiaret sowohl unter Studierenden als auch unter den Lehrenden aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen weit verbreitet. Außerdem waren einige politische Entscheidungsträger von der Umstellung überzeugt, die das Englische zur wichtigsten Fremdsprache des Landes machen wollen.
Dieser Trend spiegelt einen Wandel auf dem Arbeitsmarkt wider, auf dem Englischkenntnisse zu einer immer wichtigeren Voraussetzung für Beschäftigung und beruflichen Aufstieg geworden sind. Folglich handelt es sich nicht zwingend um eine Reaktion auf politische Entscheidungen, sondern vielmehr auf wachsende soziale und wirtschaftliche Zwänge. Hinzu kommt, dass Englisch im kollektiven Gedächtnis nicht mit der kolonialen Last des Französischen behaftet ist.
Akademiker sind skeptisch
In akademischen Kreisen löst der Vorstoß Besorgnis aus, weiß Abderrezak Dourari, Sprachwissenschaftler an der Universität Algiers. Er warnt vor einem „erzwungenen Sprachwechsel“, denn dieser könne zu einer „Umwälzung in der Struktur der Eliten und den Mechanismen der Wissensproduktion“ führen.
„Die Bildungselite Algeriens arbeitet auf Arabisch oder Französisch. Eine sprachliche Umstellung würde unter Umständen den Verlust ihrer gewohnten Ausdrucks- und wissenschaftlichen Werkzeuge bedeuten. Es ist möglich, dass wir für mindestens eine Generation in einen Zustand der ‚epistemischen Sprachlosigkeit‘ geraten“, sagt er gegenüber Qantara.
Algeriens unabhängige Kunst-Avantgarde
Eine neue Generation von Künstler*innen mischt die algerische Kulturszene auf. Sie malen in den Straßen, organisieren sich im Untergrund, wollen hinterfragen und zum Denken anregen. Es könnte der Beginn eines tiefgreifenden kulturellen Wandels sein.
Er betont, dass die Sprache eines Professors oder Wissenschaftlers komplexer sei als die der Studierenden, da sie mit Konzepten verknüpft ist, die innerhalb eines spezifischen Sprachsystems gebildet werden. Daher erfordere der übereilte Wechsel zum Englischen die Anpassung des berufsspezifischen „sprachlichen Habitus“. Dies sei ein langwieriger Prozess, der sich auf die akademische Leistung und Kontinuität der Wissensproduktion auswirken könne.
Beispiele wie Ruanda zeigen jedoch, dass diese Art von Wandel grundsätzlich möglich ist. 2008 hatte das Land im Zuge seiner politischen und wirtschaftlichen Neuorientierung hin zu Ostafrika und der angelsächsischen Welt die Unterrichtssprache von Französisch auf Englisch umgestellt. Zu Beginn hatte jedoch auch Ruanda erhebliche Herausforderungen bei der Ausbildung von Lehrkräften und der Verbesserung der Sprachkenntnisse zu meistern.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Übersetzt von Serra al-Deen.
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