Die Konservativen, die Erdoğan die Stirn bieten

Eine Reihe von Männern in Anzügen betet in einer Moschee.
Erdoğan setzt auf die sunnitischen Konservativen in der Türkei – doch nicht alle fügen sich seiner Führung. (Foto: Picture Alliance / Anadolu | TUR-Präsidentschaft/M. Kula/Handout)

Die Türkei geht gegen die Süleymancı-Bewegung vor, die sich gegen eine Vereinnahmung durch Erdoğans sunnitisch-konservative Koalition wehrt. Vorgeworfen werden ihr auch ihre Aktivitäten in Deutschland, wo sie ein großes muslimisches Netzwerk unterhält.

Von Salim Çevik

Die türkischen Behörden haben eine großangelegte Operation gegen die Süleymancı-Bewegung begonnen, eines der größten sunnitischen Religionsnetzwerke der Türkei. Ihr Anführer, Alihan Kuriş, wurde mit dutzenden anderen festgenommen. Auch mit dem Netzwerk verbundene Unternehmen wurden wegen Verdachts auf Geldwäsche, Betrug und weitere Finanzvergehen ins Visier genommen. 

Die Regierung beharrte zunächst darauf, dass die Ermittlungen nicht die religiöse Gemeinschaft, sondern allein eine kriminelle Organisation rund um Kuriş zum Ziel hätten. Doch bereits am Tag nach Beginn der Operation am 13. August weitete sie die Ermittlungen auf das Hauptwohnheim der Gemeinschaft in Istanbul aus, womit sich die Unterscheidung zunehmend schwer aufrechterhalten ließ.

Die Entwicklungen müssen vor dem Hintergrund des zunehmend feindseligen Verhältnisses der Süleymancı-Bewegung zur AKP von Präsident Recep Tayyip Erdoğan betrachten werden. Nachdem es der Regierung nicht gelungen ist, die Gemeinschaft zu vereinnahmen oder alternative, AKP-nahe Führungspersonen zu etablieren, scheint sie nun auf Repression zurückzugreifen.

Koranschulen als Herzstück der Bewegung

Die Süleymancı-Gemeinschaft geht auf Süleyman Hilmi Tunahan (gest. 1959) zurück, einen islamischen Gelehrten und Sufi-Scheich, der unter dem restriktiven Säkularismus der frühen türkischen Republik das Lehren des Korans erhalten wollte. Zu einer Zeit, zu der traditionelle religiöse Bildung weitgehend aus dem öffentlichen Leben verschwunden war, etablierte Tunahan ein informelles Netzwerk für Koranrezitation und -studium.

Koranausbildung ist bis heute das prägende Merkmal der Süleymancı-Bewegung geblieben, die organisatorisch auf ein eigenes Netzwerk von Korankursen und Studentenwohnheimen zurückgreifen kann. Selbst als der Staat begann, die Einschränkung des religiösen Lebens zu lockern, Imam-Hatip-Schulen einzurichten und die Religionsbehörde Diyanet auszubauen, blieben die Süleymancıs einer staatlichen religiösen Bildung gegenüber skeptisch.

Mit dem Argument, ihre eigene Ausbildung, insbesondere im Bereich der Koranrezitation, sei überlegen, betrieben sie ihr weitgehend autarkes Bildungsnetzwerk weiter. Damit verstärkte sich die relative Abgeschiedenheit der Süleymancıs innerhalb der türkischen Religionslandschaft.

Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes im Anzug, der einen weißen Turban trägt und einen Bart hat.
Süleyman Hilmi Tunahan, Gründer der Süleymancı-Gemeinschaft. (Foto: Wikimedia)

Religiös und auch politisch verorten sich die Süleymancıs jedoch im traditionellen sunnitisch-konservativen Mainstream der Türkei: nationalistisch, staatsfreundlich und politisch pragmatisch, nicht etwa systemkritisch. 

Wie andere religiöse Gemeinschaften finanziert sich ihr Netzwerk größtenteils durch Spenden und verfügt neben den Wohnheimen über Unternehmen und andere Immobilien. Formale Organisationen existieren dabei parallel zu langjährigen informellen Spendenpraktiken – ein Erbe jahrzehntelanger Tätigkeit im Kontext von rechtlichen und politischen Restriktionen.

Ab den 1970er Jahren folgte die Gemeinschaft zudem den türkischen Migrant:innen nach Westeuropa. In Deutschland entwickelte sie eines der drei größten türkisch-muslimischen Moscheenetzwerke des Landes, das heute vom Kölner Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) koordiniert wird.

Erdoğans religiöse Koalition

Historisch gesehen haben die religiösen Gemeinschaften der Türkei ihre Interessen eher durch Anpassung als durch Konfrontation mit dem Staat verfolgt. Seit dem Übergang zum Mehrparteiensystem in den 1940er Jahren haben sie typischerweise klientelistische Beziehungen zu politischen Parteien aufgebaut; für ihre Unterstützung bei Wahlen erhielten sie Zugang zu Ressourcen und Schutz.

Die Beziehung der Süleymancıs zum Staat war in der Vergangenheit besonders eng. Die Anführer der Bewegung, die auf den Gründer Tunahan folgten, saßen wiederholt im Parlament. Politisch unterstützte die Gemeinschaft eher Mitte-Rechts-Parteien als die explizit islamistischen Bewegungen der Türkei.

Der Aufstieg der AKP im Jahr 2002 machte sie mit dieser Haltung zunehmend zur Ausnahme. Erdoğan versammelte mit der Zeit einen Großteil der zersplitterten religiös-konservativen Wählerschaft der Türkei unter dem Dach der AKP, doch die Süleymancıs blieben außen vor und unterstützten wiederholt seine Rivalen.

Seit Beginn der aktuellen Razzien fällt auf, dass sich regierungsnahe Kommentator:innen, die die Operation gutheißen, auf die Folgschaftsverweigerung der Süleymancı-Bewegung berufen. Obwohl dieser Vorwurf in strafrechtlicher Hinsicht irrelevant ist, zeigt die Rechtfertigung des Vorgehens gegen die Gemeinschaft, dass politische Illoyalität selbst zum Verdachtsmoment geworden ist.

Die Weigerung der Bewegung, sich dem politischen Einflussbereich der AKP anzuschließen, war nicht nur in Bezug auf Wahlen relevant. Die AKP versuchte zunehmend, religiöse Gruppen in ihr größeres politisches Projekt einzubinden. Zusammenarbeit wurde wie gewohnt mit Zugang zu Ressourcen und Institutionen belohnt. Wo dies nicht funktionierte, förderte die Regierungspartei ihr wohlgesonnene Führungspersönlichkeiten oder versuchte, die Gruppen durch interne Spaltung zu schwächen.

Die Familie von Süleyman Hilmi Tunahan ist dafür ein besonders deutliches Beispiel. Traditionell blieb die Führung innerhalb der Großfamilie Tunahan, deren interne Streitigkeiten es der AKP ermöglichten, ihre Spaltungsstrategie zu verfolgen. Mehmet Beyazıt Denizolgun, ein Enkel Tunahans, trat der AKP bei und war Abgeordneter. Dessen Sohn, Fatih Süleyman Denizolgun, folgte demselben Weg und war von 2018 bis 2023 AKP-Abgeordneter.

Weder Vater noch Sohn gelang es jedoch, die Mehrheit der Bewegung von dieser politischen Entscheidung zu überzeugen. Stattdessen blieben die Süleymancıs zunächst Ahmet Arif Denizolgun, einem weiteren Enkel Tunahans, und später dessen Neffen Alihan Kuriş treu, während sie weiter Distanz zu Erdoğan wahrten.

Die aktuelle Operation gegen die Bewegung markiert nun offenbar eine dritte Phase der Auseinandersetzung: Nachdem sowohl Vereinnahmung als auch die Versuche, eine konforme Führung zu etablieren, gescheitert sind, folgt nun Repression.

Verdacht wegen Verbindungen ins Ausland

Die offizielle Begründung für das aktuelle Vorgehen gegen die Süleymancıs ist nicht politischer, sondern finanzieller Natur. Die Staatsanwaltschaft wirft Kuriş und einem ganzen Netzwerk von Firmen ungeklärte Finanzströme, Geldwäsche und andere Unregelmäßigkeiten vor. Zugrunde liegen den Anschuldigungen informelle Spendenaktionen und undurchsichtige Finanzstrukturen. 

Diese sind jedoch kein Alleinstellungsmerkmal der Süleymancıs, sondern typisch für die türkische Religionslandschaft. Bargeldspenden finanzieren seit jeher religiöse Bildung, Wohnheime, Immobilien und andere Aktivitäten zahlreicher Gemeinden. Finanzielle Unregelmäßigkeiten allein erklären daher kaum, warum gerade diese Gruppe ins Visier geraten ist.

Und tatsächlich geht die Darstellung des Falls durch die Regierung auch über finanzielle Vorwürfe hinaus. Innenminister Mustafa Çiftçi lenkte die Aufmerksamkeit explizit auf die Aktivitäten der Süleymancıs in Deutschland. Die Gemeinschaft plane, ihre Aktivitäten in ihr neues, im Bau befindliches Gemeindezentrum in Köln zu verlegen. Eine Verlagerung der Aktivitäten nach Deutschland stellte er an sich als verdächtig dar, erläuterte diese Einschätzung aber nicht.

Dabei ist die deutsche Präsenz der Gemeinschaft weder neu noch geheim, und ihr neues Kölner Hauptquartier entstand in einem transparenten Prozess, der die voranschreitende Institutionalisierung der alteingesessenen deutschen Religionsgemeinschaft illustriert. Ankara behandelt diese institutionelle Präsenz im Ausland jedoch als Sicherheitsrisiko und bindet den Vorwurf in ein umfassenderes Narrativ des Misstrauens ein.

Die Darstellung, Widersacher im Inland seien mit ausländischen Mächten verbunden, ist ein bekanntes Mittel im politischen Repertoire der AKP. Besonders bekannt ist der Vorwurf, die Gülen-Bewegung werde von den USA unterstützt. Das deutsche Netzwerk der Süleymancıs bietet eine weitere Chance, um eine religiöse Gemeinschaft außerhalb der Kontrolle der Regierung als fremd und bedrohlich darzustellen.

In diesem Punkt widerspricht sich allerdings die Erzählung der türkischen Regierung. Einerseits wird der Süleymancı-Bewegung in der Türkei Finanzkriminalität vorgeworfen, obwohl Intransparenz und Informalität für türkische Religionsgemeinschaften charakteristisch sind. Andererseits gilt das Streben der Bewegung in Deutschland nach stärkerer Institutionalisierung und Sichtbarkeit als Quelle des Misstrauens.

Unter Erdoğan ist die Unterstützung der Regierung zunehmend zu einer inoffiziellen Voraussetzung dafür geworden, dass Religionsgemeinschaften staatlichen Schutz genießen und ungestört agieren können. Das harte Vorgehen gegen die Süleymancı-Bewegung sendet deshalb auch eine Warnung an andere Religionsgemeinschaften: Sich außerhalb des politischen Einflussbereichs der Regierung zu bewegen, hat seinen Preis.

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung aus dem Englischen von Clara Taxis. Übertragen mit Hilfe KI-gestützter Programme.

 

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