Ein Film über die Wurzeln kolonialer Gewalt
„Palästina 36“ beleuchtet ein zentrales, doch oft übersehenes Kapitel der palästinensischen Geschichte: den arabischen Aufstand von 1936–1939 gegen das britische Mandat und die zunehmende jüdische Einwanderung in Palästina – ein Aufstand, der mit Streiks und Demonstrationen begann, bevor er von den Mandatsbehörden gewaltsam niedergeschlagen wurde.
Als internationale Koproduktion aus Palästina, Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Katar, Saudi-Arabien und Jordanien hat der Film, der seit Mitte Mai auch in deutschen Kinos zu sehen ist, internationale Anerkennung erfahren. Beim Tokyo Film Festival wurde er als bester Film ausgezeichnet; auch stand er auf der Shortlist für den Oscar 2026 in der Kategorie „Bester internationaler Spielfilm“.
Regisseurin Annemarie Jacir wollte die historischen Ereignisse authentisch darstellen und ihnen zugleich eine menschliche Dimension verleihen. Dabei romantisiert sie die Rolle der Palästinenserinnen und Palästinenser in diesen Ereignissen nicht. Stattdessen stellt der Filme echte Menschen dar: Menschen, die liebten und wüteten, die protestierten, stahlen, fürchteten und sich Sorgen machten.
Als palästinensische Filmemacherin setzt sich Jacir in ihrem Werk mit Identitätsfragen im Kontext vergangener und gegenwärtiger kolonialer Erfahrungen auseinander und legte während der Dreharbeiten von „Palästina 36“ großen Wert darauf, die damalige Zeit sorgfältig nachzubilden. Ihre Liebe zum Detail spiegelt sich im Film in der Darstellung von Mode, Architektur und anderen Aspekten des Alltagslebens.
Zudem arbeitete Jacir mit einem größtenteils palästinensischen Produktionsteam. „Wir haben die Dreharbeiten ein ganzes Jahr lang vorbereitet“, schildert sie gegenüber Qantara ihren akribischen Arbeitsprozess, „jedes Detail im Film zählte.“ So stammt beispielsweise die im Film gezeigte Schreibmaschine tatsächlich aus dem Jahr 1936. „Wir haben sie in Beirut gefunden und nach Palästina transportiert“, erzählt sie.
„Einen Film über die Revolution von 1936 wollte ich schon lange drehen, aber ich empfand auch ein tiefes Verantwortungsgefühl“, sagt Jacir. Ihr sei es darum gegangen, ein Zeugnis dieser entscheidenden Phase palästinensischer Geschichte zu schaffen. So verbrachte sie im Vorfeld Jahre damit, Unterstützung und Finanzmittel für das Projekt zu sammeln, das letztlich über ein Budget von rund sechs Millionen Dollar verfügte.
Der Großteil des Films konnte vor Ort in palästinensischen Städten und Dörfern des besetzten Westjordanlands gedreht werden. Um den Film historisch authentisch wirken zu lassen, bepflanzte das Produktionsteam sogar ganze Felder in der Nähe eines Dorfes.
Mit Ausbruch des Gaza-Kriegs und dem darauffolgenden Genozid mussten die Dreharbeiten allerdings viermal unterbrochen werden. Die Produktion wurde vorübergehend nach Jordanien verlegt, bevor das Team im November 2024 nach Palästina zurückkehren konnte. Die Unterbrechungen erwiesen sich als kostspielig. „Jedes Mal mussten wir alles von Grund auf neu aufbauen“, erklärt Jacir.
Dorfleben und jüdische Einwanderung
Der Film begleitet Jusuf (Karim Daoud Enaya), einen jungen Dorfbewohner, der in Jerusalem als Fahrer für Amir Bek (Dhafer Abidine) und dessen Frau Khulud (Yasmine Al Masri) arbeitet. Das Paar stammt aus der palästinensischen Bourgeoisie und engagiert sich in Politik und Journalismus. Durch subtile Bilder offenbart der Film nach und nach die wirtschaftlichen, kulturellen und klassenbezogenen Unterschiede zwischen ihnen und ihrem Fahrer.
Die Handlung verlagert sich dann in Jusufs Dorf, wo das Leben friedlich und voller Herzlichkeit scheint: Die Bewohner:innen bewirtschaften das Land, Kinder spielen unbeschwert, Gelächter liegt in der Luft und Liebende tauschen vor der malerischen Kulisse Palästinas Blicke aus.
Doch hinter dieser Ruhe lauert eine Bedrohung, die niemand ganz begreift: Auf den grünen Hügeln im Hintergrund sind Neuankömmlinge in europäischer Kleidung zu sehen. Die Dorfgemeinschaft glaubt zunächst, diese würden gemeinsam mit ihnen leben wollen, doch in Wirklichkeit hatten die Neuen vor, sie zu verdrängen.
In einer Szene versuchen die Dorfbewohner:innen, mit den Neuangekommenen über die Zäune zu verhandeln, die auf einmal ihre Felder durchziehen. Doch noch bevor das Gespräch überhaupt beginnt, fallen die ersten Schüsse.
Die Kolonialmacht im Visier
Wer mit Jacirs Werk vertraut ist, erkennt ihren charakteristischen Ansatz wieder: sozial verankerte Filme, in die sie die Themen Fremdherrschaft und Besatzung in die Erzählung einfließen lässt, sie aber nicht zum zentralen Handlungsstrang macht – etwa in „Das Salz des Meeres“ (2008) oder „Wajib – Hochzeit in Nazareth“ (2017).
Mit „Palästina 36“ wollte Jacir einen Film schaffen, den sie als „politisch und persönlich“ beschreibt, zu einer Zeit, in der sich viele Filme über Palästina auf Gewalt, Krieg und Völkermord konzentrieren. „Mein Film ist brutal, aber niemals blutig“, sagt sie, „ich möchte, dass das Publikum in seinem eigenen Tempo zu eigenen Schlussfolgerungen gelangt.“
Trotz seines epischen Ausmaßes und der Auseinandersetzung mit einem historisch-politischen Schlüsselmoment konzentriert sich der Film auf menschliche Beziehungen, Familiendynamiken und das Leben gewöhnlicher Menschen unter außergewöhnlichen Umständen. Beeinflusst worden sei sie von Werken wie „Schlacht um Algier“ (1966), „Malcolm X“ (1992) und „The Wind That Shakes the Barley“ (2006), sagt Jacir.
In „Palästina 36“ spielt neben Palästinenser:innen und jüdischen Einwanderer:innen vor allem das britische Empire eine zentrale Rolle, dessen Soldaten, Checkpoints und Flagge in unterschiedlichen Städten zu sehen sind.
Das Publikum lernt beispielsweise den sogenannten Tegarts Zaun kennen, ein System aus Stacheldrahtbarrieren, das vom britischen Offizier Charles Tegart entworfen wurde, um die Bewegung von Kämpfern über die libanesische Grenze zu blockieren. Solche Barrieren werden bis heute eingesetzt und spiegeln eine koloniale Denkweise wider, die in Israels Segregationspolitik verankert ist. Umgesetzt wird sie durch den militärischen Sicherheitsapparat.
Aus diesem Grund ist der kurze Auftritt der Figur Tegart, gespielt von Liam Cunningham, von Bedeutung. Die Anwesenheit dieses britischen Experten für Aufstandsbekämpfung ist ein Hinweis auf das nächste Kapitel der palästinensischen Geschichte. Im Laufe des Films kann das Publikum nachvollziehen, inwiefern das heutige System zur Unterdrückung der Palästinenser:innen auf die britische Herrschaft zurückgeht.
„Die Briten haben das gesamte Besatzungssystem aufgebaut, das die Israelis heute nutzen“, sagt Jacir: „Vom Einsatz menschlicher Schutzschilde über die Checkpoints, Landenteignung und Kollektivstrafen bis hin zu Verwaltungshaft und Vertreibung.“
Wie in den meisten Filmen von Jacir hat „Palästina 36“ keine einzelne Held:innenfigur. Stattdessen entsteht ein Gefühl von kollektivem Heldentum, während sich der Film auf die sich entwickelnden Ereignisse konzentriert. Jacir wirkt dabei wie eine Dirigentin, die eine Truppe von Hunderten von Schauspieler:innen sorgfältig anleitet.
„Ich wollte in diesem Film nicht wie üblich eine zentrale Figur haben. In ‚Palästina 36‘ geht es schließlich um einen Massenaufstand, einen Aufstand des Volkes“, erklärte die Regisseurin.
Am Ende nimmt der Film auch auf Gaza Bezug. Ein Gedicht des Dichters Salim al-Naffar (1963–2023) wird auf schwarzem Hintergrund eingeblendet. Al-Naffar wurde zusammen mit seiner Familie nach dem 7. Oktober 2023 in Gaza getötet, ihre Leichen liegen noch immer unter den Trümmern.
Dieser Text ist eine gekürzte und bearbeitete Version des arabischen Originals. Übersetzung: Maram Taylor.
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