Eine Ära der automatisierten Gewalt
„Gratulation zu den wunderschönen Blumen, die Sie heute an Ihrem Küchenfenster aufgestellt haben“, sagte ein israelischer Geheimdienstoffizier in ruhigem, beinahe beiläufigem Ton, bevor er dem Mann am anderen Ende der Leitung 30 Minuten Zeit gab, das Haus zu evakuieren.
Dieser Anruf erreichte Ende Oktober 2023 einen politischen Analysten, der in Gaza-Stadt lebte. Die Äußerungen des Offiziers hätten detaillierte Kenntnisse über sein Privatleben offenbart, erzählte er mir in einem Interview – über die Blumen auf der Fensterbank, den Aufenthaltsort seiner Frau und Kinder und den Standort seines Autos. Der Offizier nannte außerdem Nachbar:innen beim Namen und wies den Analysten an, von Tür zu Tür zu gehen, um sie zu warnen.
Der Anruf war mehr als eine routinemäßige Warnung durch das Militär. Für den Analysten brachte er die unheimliche Erkenntnis, dass jegliche Privatsphäre verschwunden war. Der Verweis auf die Blumen war eine kalkulierte Demonstration der unsichtbaren Überwachungsarchitektur, die heute jeden Winkel Gazas umspannt.
Drohnen fliegen durch geöffnete Fenster und filmen das Innere von Wohnungen, Satelliten beobachten von oben und Signale und Metadaten von Mobiltelefonen werden in Echtzeit abgefangen und in Geheimdienst-Datenbanken eingespeist. Schon lange bevor die erste Bombe fiel, wurden so Profile von Familien, Gesichtern und alltäglichen Gewohnheiten erstellt.
Die in diesem Artikel erwähnten Erfahrungsberichte habe ich in der Studie „High-tech Warfare in Gaza“ ausführlich dokumentiert. Dafür führte ich im September 2025 Interviews mit Menschen aus Gaza, die nach Ägypten geflohen waren, und sprach zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 online mit Menschen, die weiterhin in Gaza lebten. Intimes Wissen ist dort zu einer brutalen Waffe im Arsenal der algorithmusbasierten Kriegsführung geworden. Bevor die israelische Armee ein Leben nimmt, raubt sie dem Opfer in seinen intimsten Momenten das Gefühl der Sicherheit.
Das Schweigen der Kinder von Gaza
Zwei Jahre Krieg haben tiefe Spuren hinterlassen. Viele Kinder sind traumatisiert, einige haben sogar aufgehört zu sprechen. Ein Team von Psycholog:innen versucht, ihnen die Sprache zurückzugeben.
Aus meinen Gesprächen wurde deutlich, dass Mobiltelefone und Kommunikationsplattformen wie WhatsApp für die Menschen in Gaza im Krieg, der auf die Hamas-Angriffe vom 7. Oktober 2023 folgte, keine verlässliche Infrastruktur darstellen. Sie sind vielmehr Lebensadern, die gleichzeitig hohe Risiken mit sich bringen.
Die Telefone sind unverzichtbar, um Familienmitglieder zu erreichen, eine Unterkunft sowie lebensnotwendige Ressourcen zu finden oder sich über Gefahren zu informieren. Zugleich rücken sie ihre Nutzer:innen aber ins Visier von Überwachung und militärischer Zielerfassung.
Ein Interviewpartner brachte diese zermürbende Taktik treffend auf den Punkt:
„In jenen Nächten, in denen die Bombardierungen den Boden unter uns erschütterten, war das Telefon unser einziges Fenster nach draußen, um zu erfahren, wer noch am Leben war, um nach einer Mutter zu sehen, die im Norden gestrandet war, oder nach einem Kind, das im Süden in einem Zelt Schutz suchte. Gleichzeitig hatten wir das Gefühl, in der Hosentasche einen Spion mit uns herumzutragen – einen, der niemals schläft und niemals blinzelt. Wir leben wie ein offenes Buch, dessen Seiten von einer Armee mit den fortschrittlichsten Überwachungstechnologien der Welt unter dem Mikroskop gelesen werden. Wir wissen, dass wir völlig ausgeliefert sind, und trotzdem konnten wir es uns nicht leisten, das Gerät auszuschalten. Denn das hätte bedeutet, in eine noch beängstigendere Situation zu geraten, als wir es sowieso schon waren.“
Erzwungene Komplizenschaft
Diese Realität führt uns zu einem zentralen Konzept der Studie: erzwungene Komplizenschaft. Um zu überleben, müssen Palästinenser:innen für genau das System digital sichtbar bleiben, das ihre Existenz bedroht. Wenn sie ständig wechselnde „Sicherheitszonen“ lokalisieren, Lebensmittelhilfe empfangen oder über QR-Codes auf Informationen zugreifen wollen, hinterlassen sie digitale Spuren – Datenmaterial, das die Tötungsmaschinerie am Laufen hält.
Auf die Angriffe vom 7. Oktober 2023, bei denen in Israel 1.139 Menschen getötet wurden, folgte eine militärische Kampagne gegen Gaza, die das Prinzip der erzwungenen Komplizenschaft auf die Spitze getrieben hat. Die Palästinenser:innen haben dem System seither immer wieder Daten für ihre eigene Überwachung geliefert, im Gegenzug für eine dünne Überlebenschance. Es ist ein höllischer Kreislauf, in dem die Infrastruktur der Überwachung Daten unmittelbar in die Infrastruktur des Tötens einspeist. Technologie wird von einem Instrument des Empowerments zu einem der Auslöschung.
Der israelische Geheimdienst speichert beispielsweise palästinensische Telefongespräche im großen Umfang ab. Laut einer Untersuchung der Medien +972 Magazine, Local Call und The Guardian von 2024 werden Millionen aufgezeichnete Anrufe auf den Cloud-Servern von Microsoft gespeichert. Auch WhatsApp-Nachrichten und Informationen über die Mitgliedschaft in WhatsApp-Gruppen werden gesammelt. Auf welchem Weg genau diese Daten in die Hände des israelischen Geheimdienstes gelangen, ist allerdings nicht bekannt und wurde von Meta nicht offengelegt.
Wie über Zionismus sprechen?
Kritik an der Ideologie, die zur Gründung Israels führte, gilt in Deutschland als heikel. In den USA hingegen, wo der zionistische Konsens in der jüdischen Community zerbricht, wird offen diskutiert. Das könnte Folgen haben – und verdient Aufmerksamkeit.
Die Daten fließen in ein KI-System namens „Lavender“, das nahezu jeden Erwachsenen in Gaza auf einer Skala von 1 bis 100 danach bewertet, wie wahrscheinlich es ist, dass die betreffende Person ein Kämpfer ist. Zu Beginn des Krieges sollen Geheimdienstmitarbeiter:innen, sobald eine Person als Ziel markiert worden war, regelmäßig nur etwa 20 Sekunden mit der Überprüfung der Daten verbracht haben, bevor sie einen Bombenangriff genehmigten.
Sobald ein Name auf der Liste steht, verfolgt ein unter dem Spitznamen „Where’s Daddy?“ bekanntes System das Telefonsignal der betreffenden Person und löst einen Angriff aus, sobald sie zu Hause angekommen ist – häufig nachts, wenn sie mit großer Wahrscheinlichkeit in unmittelbarer Nähe zu ihrer Familie schläft.
Andere Systeme wie „The Gospel“ und „Blue Wolf“ vervollständigen das Überwachungssystem. Blue Wolf, das als „Facebook für Palästinenser“ beschrieben wird, leitet an israelischen Checkpoints aus den gescannten palästinensischen Gesichtern unmittelbare biometrische Urteile ab: Grün bedeutet Durchlass, Rot bedeutet Festnahme. Diese algorithmusbasierten Systeme haben aus Gaza eine Fabrik der automatisierten Zielerfassung gemacht, in der menschliche Intuition und ethisches Urteilsvermögen durch eine kalte maschinelle Logik ersetzt worden sind.
Die koloniale Logik der Überwachung
Wie schon in früheren Kriegen sahen sich Palästinenser:innen gezwungen, Durchhalte- und Ausweichstrategien zu entwickeln. Eine in Kairo interviewte Doktorandin beschrieb, wie Menschen in Gaza etwas praktizieren, das ich „Überwachung des eigenen Körpers“ nenne. Sobald das Summen einer Drohne zu hören ist, verändert sich das Verhalten: Gruppen lösen sich auf, Menschen gehen in bewusst gewählten Abständen voneinander. Manche unterdrücken selbst kleinste Bewegungen in ihren Zelten, aus Angst, akustische oder thermische Sensoren könnten sie als Bedrohung einstufen.
Der Terror hat surreale Ausmaße angenommen. Vertriebene warnten einander davor, Äste mit sich zu tragen, die sie für etwas Wärme hätten verbrennen können – aus Angst, dass einer der in Gaza eingesetzten israelischen Bodenroboter sie als Waffe interpretiert und das Feuer sofort eröffnet.
Das scheint keine Paranoia zu sein, denn das System „denkt“ nicht darüber nach, was jemand bei sich trägt. Vielmehr gleicht es die längliche Form eines Gegenstands, sein Verhältnis von Länge zu Breite, den Winkel, in dem er gehalten wird, sowie seine thermische Dichte ab mit einem Modell, das anhand von Waffen trainiert worden ist. Für das algorithmische Auge können sich die Datenpunkte einer Waffe und eines Astes überlappen. Das Urteil fällt innerhalb von Sekundenbruchteilen – lange bevor ein menschliches Auge überhaupt eingreifen kann.
Der Einsatz von solchen Überwachungstechnologien durch Israel stellt keinen Bruch mit der Geschichte dar, sondern ist eine Fortsetzung tief verwurzelter kolonialer Praktiken. Das Muster reicht bis in die Zeit der britischen Kolonialherrschaft über Palästina nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Die Mandatsbehörden verwalteten die Bevölkerung, kartierten das Land und sammelten Daten über die Demografie – jene Informationen, die eine Kolonialmacht benötigt, um ein Gebiet zu beherrschen.
„Zwischen Fluss und Meer ist Platz für alle“
Netalie Braun dreht antimilitaristische Filme in einem Land, in dem die Armee „in die DNA der Gesellschaft eingeschrieben ist", wie sie sagt. Hier spricht sie über Zensur in Israel, Boykotte im Ausland und die Schwierigkeit, sich Frieden überhaupt noch vorzustellen.
Die zionistische Bewegung übernahm dieselbe Logik. In den 1940er Jahren entstanden die sogenannten village files: klassifizierte Geheimdienstdossiers, die von zionistischen militärischen Organisationen noch vor 1948 zusammengestellt wurden und die Topografie jedes palästinensischen Dorfes, seine Familienstrukturen, Landbesitzverhältnisse und die politischen Einstellungen seiner Bewohner:innen akribisch dokumentierten. Die Akten dienten als operative Grundlage für die gewaltsame Entvölkerung von mehr als 400 Dörfern während der Nakba.
Die koloniale Denkweise hat sich kaum verändert: Die Identifizierung der Bevölkerung ist der erste Schritt zu ihrer Kontrolle oder Vertreibung. Der einzige Unterschied besteht darin, dass dieses Wissen heute algorithmisch und transkontinental ist und in klimatisierten Räumen verarbeitet wird, weit entfernt vom Geruch des Todes.
Gaza ist somit zu einem globalen Labor geworden, in dem Systeme an Zivilist:innen getestet werden, um ihre tödliche Effizienz zu steigern. Die Opfer werden dabei zu Daten, welche die Leistungsfähigkeit der Algorithmen verbessern. Als „im Einsatz erprobte“ Produkte werden diese Technologien dann von israelischen Unternehmen auf internationalen Sicherheitsmessen präsentiert. Wir stehen einer grenzüberschreitenden Ökonomie des Tötens gegenüber, die menschliche Tragödien in profitable technologische Ware verwandelt.
Die Geschichte von den Blumen auf der Fensterbank ist eine moralische Warnung an eine Welt, die auf eine unkontrollierte Automatisierung von Gewalt zusteuert. Hinter jedem Algorithmus und jedem Wahrscheinlichkeitswert steht ein menschliches Leben – mit Träumen, geliebten Menschen und Erinnerungen –, das innerhalb eines Augenblicks ausgelöscht werden kann. Die Palästinenser:innen müssen sich ihre Menschlichkeit mit aller Kraft bewahren, angesichts eines Systems, das sie auf bloße Daten reduziert.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übertragen von Leon Holly.
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