„Zwischen Fluss und Meer ist Platz für alle“

Filmmaker Netalie Braun
In ihrem Film „Shooting“ untersucht Netalie Braun die Beziehung zwischen Krieg und Kino in Israel. (Foto: privat)

Netalie Braun dreht antimilitaristische Filme in einem Land, in dem die Arme „in die DNA der Gesellschaft eingeschrieben ist", wie sie sagt. Hier spricht sie über Zensur in Israel, Boykotte im Ausland und die Schwierigkeit, sich Frieden überhaupt noch vorzustellen.

Interview von Tamar Ziff

Qantara: Vor kurzem haben Sie in Berlin Ihren Film „Shooting“ gezeigt. Wovon handelt er?

Netalie Braun: Der Film thematisiert die israelische Film- und Fernsehindustrie beziehungsweise ihre Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsapparat, also der Armee und der Polizei. Ich erzähle drei individuelle Geschichten. Eine handelt zum Beispiel von einem älteren Israeli, der Waffenattrappen an Filmproduktionen vermietet. Die Geschichten haben faszinierende Berührungspunkte.

Alle drei drehen sich um die filmische Darstellung von Krieg und Gewalt. Die Attrappen des älteren Herrn sind beispielsweise in der bekannten Serie „Fauda“ zu sehen, in der es um Israel und Palästina geht. Glorifiziert die israelische Gesellschaft den Krieg?

Die Armee ist in die DNA der israelischen Gesellschaft eingeschrieben. Sie ist im Bildungssystem präsent, in den Medien, im Kino und im Fernsehen. Unendlich viele Darstellungen und Bilder der Armee umgeben die Gesellschaft. 

In den 1990er-Jahren schien es, als wählten wir einen Weg in eine andere Zukunft. Einen, der uns vor dem endlosen Krieg retten würde. Es wehte ein Wind der Veränderung. Ein Friedensabkommen mit Jordanien wurde unterzeichnet, Rabin und Arafat schüttelten sich die Hände

Nach Rabins Ermordung (1995, Anm. d. Red.) und Netanjahus Eintritt in die Regierung (1996) stürzte Israel in eine Abwärtsspirale. Netanjahu legitimierte rassistische Parteien, heute befinden wir uns an einem absoluten Tiefpunkt.

Ein Mann sitzt auf einem Plastikstuhl und hält eine Waffenattrappe in der Hand. Hinter ihm weitere Waffenattrappen an der Wand.
Szene aus Netalie Braun's „Shooting“ (Photo: Netalie Braun)

Im letzten Jahr wurden sowohl „Shooting“ als auch Ihr Spielfilm „Oxygen“ in Israel gezeigt. Beide drehen sich um Krieg und kritisieren die IDF. Warum machen Sie Anti-Kriegsfilme?

Ich beobachte meine Lebensrealität und reagiere auf sie. Beide Filme sind antimilitaristisch, weil das meiner politischen und ethischen Haltung entspricht. Als Künstlerin würde mir alles andere schwerfallen. Das dringendste Anliegen in unserem Kontext ist, die Besatzung zu beenden. Ein faires und gleichberechtigtes Leben muss für beide, das israelische und das palästinensische Volk, möglich sein.

Netalie Braun. (Photo: Private)

Netalie Braun ist Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin. Ihr Spielfilm Oxygen (2025) wurde beim Jerusalem Film Festival als bester Film ausgezeichnet. Ihr Dokumentarfilm Shooting (2025) feierte internationale Premiere beim Telluride Film Festival und erhielt den Jurypreis bei DocAviv. Derzeit ist Braun Leiterin des Master-of-Fine-Arts-Programms an der Steve Tisch School of Film and Television der Universität Tel Aviv. 

„Oxygen“ wurde 2025 auf dem Jerusalemer Filmfestival als bester Film ausgezeichnet. Die Jury hob „die radikale Lesart der israelischen Existenz“ hervor, „mit einer Mutter im Fokus, die heldenhaft beschließt, kein Opfer des israelischen Ethos“ mehr zu sein. Was ist mit diesem „israelischen Ethos“ gemeint?

Die Überzeugung, mit der jede:r in Israel aufwächst, ist, dass wir keine andere Wahl haben, als mit dem Schwert zu leben. Die Überzeugung, dass man uns zerstören will, wie es in der Haggadah geschrieben steht, die wir am Pessachabend lesen. Eine Überzeugung, die offensichtlich auf der tragischen Geschichte des jüdischen Volkes beruht, die zur Gründung des Staates Israel geführt hat.

Es ist jedoch unmöglich, dieses kollektive Trauma endlos und immer neu zu durchleben. Über die Jahre und nach viel Blutvergießen ist es uns gelungen, eine relativ stabile Beziehung zu Ägypten und Jordanien aufzubauen. Wenn die Palästinenser:innen endlich ihren eigenen Staat bekämen, würde Frieden auch mit weiteren Staaten in der Region möglich werden.

Das Ethos des ewigen Lebens an der Waffe setzt das Opfer unserer Kinder für die Armee voraus. In jeder Generation aufs Neue. Angesichts dieses Opferns, das gegen jeden elterlichen Instinkt verstößt, habe ich „Oxygen“ gedreht.

Für den Film habe ich den Charakter einer Frau entworfen, die zunächst mit dem Militär- und Bildungssystem kooperiert. Sie ist selbst Tochter eines „Helden Israels“ und wuchs mit dem oben beschriebenen Ethos auf. Doch als ihr Sohn in den Libanonkrieg geschickt werden soll, durchläuft sie eine Verwandlung.

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Israels Kulturminister Miki Zohar ist für seine Kritik an IDF-kritischen Filmen bekannt. Auch „Oxygen“ lehnt er ab. Erschwert das politische Klima Ihre Arbeit?

Die öffentliche Filmförderung in Israel ist unabhängig, außerdem begann meine Arbeit an beiden Filmen vor vielen Jahren. Damals gab es keinen offenen oder verdeckten Druck auf die Filmindustrie. Beide meiner Filme wurden öffentlich finanziert. Leider glaube ich nicht, dass das heute noch möglich wäre.

Der sogenannte Kulturminister schaut die Filme normalerweise nicht, die er kritisiert. Trotzdem riet er den Israelis letztes Jahr davon ab, „Oxygen“ auf dem Jerusalem Filmfestival zu sehen. Mein Film schade der Moral der Armee und stärke die Erzählungen des Feindes.

Als ich den Film gemeinsam mit den Organisationen „Breaking the Silence“ und „Standing Together“ an der Universität von Tel Aviv zeigen wollte, mussten wir mehrere Male den Ort wechseln. Der Veranstaltungsort war öffentlich bekannt geworden und rechte Aktivist:innen wollten die Veranstaltung sabotieren. 

So ist die Lage: Innerhalb Israels gibt es Zensur und Gewalt gegen kritisches Kino durch die Regierung und ihre Anhänger:innen; und international werden Werke aus Israel boykottiert, unabhängig von ihrem Inhalt.

Warum ist der Boykott von israelischen Werke im Ausland so verbreitet?

Für den Großteil des internationalen Publikums ist Israel ein Monolith. Israel wird heute von unserer kranken Regierung repräsentiert, die wirklich furchtbar ist. Diese Regierung vertritt zwar Teile des Landes, aber ein großer Teil der Öffentlichkeit lehnt sie ab, kämpft gegen sie und leidet unter ihr.

Ein Teil der verständlicherweise harschen Kritik an Israel überschreitet jedoch die Grenze des Legitimen. Die Existenz Israels an sich abzulehnen, ist ebenfalls rassistisch, vor allem vor dem historischen Hintergrund der Gründung Israels als Zufluchtsort der Juden. Das kann ich schwer nachvollziehen. Zwischen Fluss und Meer ist Platz für alle.

Während des Publikumsgesprächs in Berlin erwähnten Sie, dass Sie darüber nachdenken, Israel zu verlassen. Es hänge von den Ergebnissen der bevorstehenden Parlamentswahlen ab. Wie steht es um diese Entscheidung?

Das ist ein schmerzhaftes Thema. Meine älteste Schwester hat das Land mit ihrer Familie verlassen, kurz bevor ihr ältester Sohn 16 Jahre alt geworden ist. Sie wollte verhindern, dass er in die IDF eingezogen wird. Es fällt mir im Moment schwer, mich als Israelin zu identifizieren und Steuern an eine Regierung zu bezahlen, die damit Verbrechen finanziert, die ich mit jeder Zelle meines Körpers ablehne.

Auf der anderen Seite geht es um meine Heimat und meine Sprache. Das hier ist mein Problem und es ist meine moralische Verpflichtung, zumindest zu versuchen, die Realität zu verändern. Persönlich binden mich auch meine Eltern und meine jüngere Schwester mit ihrer Familie an das Land.

Sollte die aktuelle Alptraumregierung in irgendeiner Form wiedergewählt werden – vorausgesetzt, die Wahl findet überhaupt statt und wird nicht aufgrund des nächsten Krieges und eines andauernden Ausnahmezustands verschoben –, dann werde ich alles daransetzen, mit meinen Kindern und der erweiterten Familie zu gehen. 

Ob ich dann im Ausland Filme über Israel machen kann, weiß ich nicht. Es ist nicht einmal klar, ob ich überhaupt weiter Filme machen würde. Wir befinden uns in einer Situation extremer Unsicherheit, die jeden Aspekt meines Lebens betrifft.

Glauben Sie denn, dass ein anderes Israel möglich ist?

Dazu habe ich widersprüchliche, aber gleich starke Emotionen. Auf der einen Seite verspüre ich großen Pessimismus und große Angst. Wenn ich aber eine breitere, historische Perspektive einnehme, sehe ich, dass viele Nationen aus unvorstellbaren Tiefpunkten herausgefunden haben. Diese Länder haben sich wieder Werte beigebracht. Vielleicht gibt es doch immer eine Chance.

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis.

 

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