Die Frau, die Frieden im Kleinen stiftet

A woman wearing a headscarf is sitting on a sofa, with a rack of shields behind her.
Eine Frau im Mittelpunkt des alternativen Justizsystems von Gaza: Faten Harb zu Hause in Deir al-Balah, Juli 2026. (Foto: Qantara/Doaa Shaheen)

Ehekrach, Streit mit den Nachbarn, familiäre Probleme: Faten Harb ist eine der ersten weiblichen „Mukhtaras“ in Gaza. In dieser traditionellen Männerrolle vermittelt sie, wo es Konflikte gibt. Doch seit Kriegsbeginn dreht sich vieles um Vertreibung, Armut und Tod.

Von Doaa Shaheen

„Hallo, wer ist da?“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung zögert kurz, dann sprudeln die Worte heraus – eine Flut von Beschwerden und Sorgen. Faten Harb hört schweigend zu, stellt nur hin und wieder eine Frage. Sie versucht zu verstehen, was das Paar, das in einen Streit geraten ist, an den Rand einer Trennung gebracht hat.

Angefangen hatte alles mit einem heftigen Wortwechsel zwischen der Frau am Telefon und ihrer Schwiegermutter. Es ging um die Belastungen der Vertreibung und die Enge im Zelt der Familie. Ihr Mann hatte sich eingemischt und wurde laut gegenüber seiner Frau. Sie verließ das Zelt und ging zu ihrer Familie. Zurückkehren wolle sie erst, wenn sie ein eigenes Zelt bekommen würde.

„Es wird eine Lösung geben“, beruhigt Harb die Frau. „In jeder Familie gibt es Streit. Wichtig ist, dass man die Konflikte nicht schwelen lässt, bis eine Versöhnung schwierig wird.“ Damit beginnt ihre Arbeit: Sie muss eine Lösung finden, mit der beide Ehepartner leben können. „Versöhnung beginnt, wenn sich jede Seite gehört fühlt.“

Für die 54-jährige Faten Harb beginnen die meisten Tage auf ähnliche Weise: in ihrem Gästezimmer in Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens. Sie sitzt auf einem Sofa vor Regalen, in denen die Plaketten und Anerkennungsurkunden stehen, die sie für ihre Arbeit an der Versöhnung innerhalb der Gemeinschaft im gesamten Gazastreifen erhalten hat. 

Das Zimmer ist kein offizielles Büro. Dennoch ist es zu einem Ort geworden, an den Familien kommen, wenn sie eine Vermittlerin brauchen, die ihnen hilft, ihre Konflikte zu lösen. Harb ist eine der ersten Frauen in Gaza, die den Titel Mukhtara trägt – eine Rolle, die jahrzehntelang Männern vorbehalten war.

Faten Harb, one of the selected candidates, receives a plaque of appreciation for her community work, surrounded by her friends
Faten Harb erhält eine Gedenktafel als Anerkennung für ihre gemeinnützige Arbeit, umgeben von Freundinnen, Juli 2026. (Foto: Qantara/Doaa Shaheen)

Die Gesellschaftsordnung Gazas ist zum Teil entlang großer Familien und Clans organisiert. Jede dieser Gemeinschaften kann einen oder mehrere staatlich anerkannte Mukhtars haben. Sie berufen in der Regel auf der Ebene der Clans Versöhnungsräte ein, schlichten Familienstreitigkeiten und fungieren als Bindeglied zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und staatlichen Stellen. Während des Krieges haben sie zudem eine wichtige Rolle bei der Organisation und Verteilung von Hilfsgütern übernommen.

Harbs Weg war nicht einfach. Sie heiratete mit 16 Jahren, doch Ehe und Mutterschaft hielten sie nicht davon ab, ihre Ausbildung fortzusetzen. Sie nahm ihre schulische Laufbahn wieder auf und erwarb mit dreißig Jahren ihren Schulabschluss. 2010 schloss sie an der Al-Quds Open University ein Studium der Erziehungswissenschaften mit einem Bachelor ab. Sie gehörte zu den Besten ihres Jahrgangs.

Nach ihrem Abschluss interessierte sie sich zunehmend für Konfliktlösung. Sie hörte Menschen zu und half ihnen, ihre Streitigkeiten beizulegen. Sie bildete sich in Führung, Kommunikation und Mediation weiter, bevor sie 2015 in die gemeinschaftliche Versöhnungsarbeit einstieg. Heute ist sie Mutter von fünf Kindern und Großmutter von sechs Enkelkindern. Gleichzeitig arbeitet sie an einem Masterabschluss in Führung und Management. 

Doch dass eine Frau als Mukhtara arbeitet, ist für einige in der konservativen Gesellschaft Gazas noch immer eine Überraschung – und es sorgt für Widerstand.

Harb nippt an ihrem Kaffee, während sie sich an ihre Anfänge erinnert. Sie beschreibt diese Zeit als ein „Meißeln durch Fels“. Sie war Kritik und Mobbing ausgesetzt, auch innerhalb ihrer eigenen Familie. „Ich hörte oft Leute sagen: ‚Gibt es denn keine Männer mehr, dass eine Frau Mukhtara werden muss?‘ Für viele zählte nur, dass ich eine Frau bin, sie übersahen, worum es bei dieser Arbeit eigentlich geht.“

Die Konflikte verändern sich

Bevor Israels Krieg gegen Gaza begann, beschäftigten Harb vor allem familiäre und soziale Konflikte – von Eheproblemen über Erbstreitigkeiten bis hin zu Fragen des Sorgerechts. Heute spiegeln die Fälle, mit denen die Menschen zu ihr kommen, die Folgen eines Krieges wider, der Familien auseinandergerissen und ihr Leben grundlegend verändert hat.

Frauen wenden sich längst nicht mehr nur mit Eheproblemen an sie. Sie kommen auch wegen Schwierigkeiten, die aus der neuen Lebensrealität entstanden sind: Einkommensverlust, Gewalt innerhalb der Gemeinschaft, Erpressung oder die Suche nach Sicherheit angesichts von Vertreibung und Armut. Harb hat auch Familien betreut, deren gesamte Struktur sich durch die Tötung oder schwere Verletzung eines oder mehrerer Angehöriger verändert hat.

Da große Teile des Justiz- und Polizeiapparats im Gazastreifen nicht mehr funktionieren, verlassen sich die Menschen zunehmend auf Clan-Älteste und traditionelle Versöhnungskomitees, um ihre Alltagskonflikte zu lösen. Trotz ihrer Bedeutung, betont Harb, könnten diese traditionellen Mechanismen die Justiz und andere staatliche Institutionen nicht ersetzen. Sie könnten vielmehr dazu beitragen, Spannungen abzubauen und den sozialen Zusammenhalt zu bewahren, bis die offiziellen Institutionen ihre Arbeit wieder aufnehmen können.

Einige Praktiken der traditionellen Konfliktvermittlung sind allerdings bei Frauenrechts- und zivilgesellschaftlichen Organisationen auf Kritik gestoßen, insbesondere bei Tötungsdelikten, vor allem bei sogenannten „Ehrenverbrechen“. Damit ist die Tötung von Frauen durch Familienangehörige gemeint, die dies mit der angeblichen Verteidigung der „Ehre“ der Familie rechtfertigen. Solche Fälle werden häufig im Rahmen von Versöhnungsverfahren innerhalb der Clans beigelegt. Mitunter führt dies zum Freispruch der Beschuldigten oder zu einer Strafmilderung.

Auch Faten Harb kritisiert diese Praxis. Strafrechtliche Angelegenheiten, betont sie, fallen in die Zuständigkeit der Justiz. Rechtsstaatlichkeit, so ihre Überzeugung, entstehe nicht durch eine Einigung in der Gemeinschaft, sondern durch Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht.

Unter den Dutzenden Fällen, in denen sie vermittelt hat, ist ihr ein Tötungsdelikt zwischen zwei Familien besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben. Sie sollte sich mit der Mutter des getöteten jungen Mannes treffen, um herauszufinden, ob sie bereit war, die Situation zu entschärfen. Dabei erfuhr sie, dass ihr Sohn an seinem Geburtstag ermordet worden war. Die Nachricht traf sie tief – nicht nur als Mukhtara, auch als Frau und Mutter.

Die Mutter bestand darauf, den Täter juristisch zur Verantwortung zu ziehen. Zugleich wollte sie verhindern, dass der Tod ihres Sohnes eine Blutfehde auslöst. Für Harb war dieser Moment „eine Lektion, dass Gerechtigkeit und der Verzicht auf Rache miteinander vereinbar sind – und dass manche Wunden zu tief sind, als dass eine Vermittlerin sie heilen könnte“.

Ihre jahrelange Arbeit in der Konfliktvermittlung habe ihr gezeigt, dass die meisten Auseinandersetzungen auf grundlegende menschliche Gefühle zurückgehen: Angst, das Empfinden von Ungerechtigkeit und den Verlust von Sicherheit.

Gewählt in den Stadtrat von Deir al-Balah

Im April 2026 kandidierte Harb bei den ersten Kommunalwahlen in Deir al-Balah seit 2005. Dabei erlangte sie einen Sitz im Stadtrat der Stadt, die in dem genozidalen Krieg von den schwersten Militäroperationen weitgehend verschont geblieben war und sich zu einem Zentrum für Binnenvertriebene entwickelt hatte.

Als Stadtratsmitglied sah sich Harb mit außergewöhnlichen Herausforderungen konfrontiert. Die Bevölkerung hatte sich vervielfacht, während die verfügbaren Ressourcen und Kapazitäten begrenzt blieben. Die Stadtverwaltung stand zunehmend unter Druck: Sie musste die Wasserversorgung sicherstellen, Abfälle entsorgen, die verbliebene Infrastruktur instandhalten und zugleich den wachsenden humanitären Bedürfnissen gerecht werden. Harb betont, dass „die Vertriebenen keine Belastung von außerhalb der Gemeinschaft sind, sondern ein Teil von ihr“.

A woman is sitting on a sofa, with two men on the other side.
Faten Harb bei einem Treffen mit Vertretern einer Hilfsorganisation, Juni 2026. (Foto: privat)

Sie sagt: „Kommunale Arbeit in Kriegszeiten bedeutet nicht, perfekte Lösungen zu finden. Es geht darum, das Leid der Menschen mit den Mitteln zu lindern, die zur Verfügung stehen.“ Zugleich betont sie, dass die Kommunen echte Unterstützung benötigen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können – schließlich sind sie die staatliche Ebene, die den Bürgerinnen und Bürgern am nächsten steht.

Harbs Gästezimmer ist weiterhin ein Anlaufpunkt für Menschen, die Hilfe bei der Beilegung von Konflikten suchen. Zugleich versucht sie, ihre Arbeit im Stadtrat mit ihrer Tätigkeit als Mukhtara zu vereinbaren. Am Kern ihrer Aufgabe hat sich nichts geändert: Den Menschen zuzuhören und ihre Probleme zu verstehen, ist für sie nach wie vor der sicherste Weg, das zu bewahren, was vom Zusammenhalt der Gemeinschaft noch übrig ist.

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übertragung des arabischen Originals. Übersetzung aus dem Englischen mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools von Leon Holly.   

 

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