„Die Hisbollah hat den Libanon nie vor Israel geschützt“
Qantara: Im Libanon herrscht erneut Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. Was unterscheidet die aktuelle Lage von früheren Kriegen?
Hazem Saghieh: Erstens sind die Regionen des Landes unterschiedlich stark betroffen. Diejenigen, die im Süden nahe der Grenze zu Israel gelebt haben, sind am stärksten vom Krieg betroffen. Die regionalen Unterschiede überschneiden sich dazu oft mit konfessionellen und gesellschaftlichen Trennlinien. Auch die soziale Stellung wirkt sich darauf aus, wie stark jemand betroffen ist: Wohlhabende können sich Häuser in anderen Gegenden mieten, in Hotels übernachten oder ins Ausland reisen, während die Ärmsten ohne Hoffnung und Obdach auf der Straße leben.
Auch Gebiete, die nicht direkt angegriffene werden, sind durch die Ankunft der Vertriebenen in einer Ausnahmesituation. Wie ist die Stimmung dort? Und zeigen die Anwohner:innen Solidarität mit den Vertriebenen?
Leider ist der Zusammenhalt schwach, sogar noch geringer als im vorherigen Krieg. Dafür gibt es viele Gründe, der wichtigste ist jedoch der tiefsitzende Hass der Bevölkerung auf die Hisbollah, die erneut für die Zerstörung des Landes verantwortlich ist.
Hinzu kommt die Angst vor israelischen Vergeltungsmaßnahmen. In der Vergangenheit hat die israelische Armee Orte ins Visier genommen, nachdem dort Vertriebene untergekommen waren. Der Verdacht, dass einer von ihnen Verbindungen zur Hisbollah unterhielt, war Grund genug.
Entgegen der gängigen, oft romantisierten und vereinfachten Darstellung, lieben und unterstützen sich eben nicht alle Libanes:innen gegenseitig. Stattdessen hat dieser Krieg erhebliche Widersprüche innerhalb der Bevölkerung offengelegt.
Laut der Internationalen Organisation für Migration wurden seit Beginn der Eskalation mehr als eine Million Menschen im Libanon vertrieben. Wohin sind sie geflüchtet? Und wie leben sie heute?
Sie sind über fast alle Regionen verstreut. Ich schätze aber, dass sich die größten Gruppen in Beirut, Sidon, der Chouf-Region und dem Bergland konzentrieren. Andere flohen in den Nordlibanon. Die staatlichen Kapazitäten zur Unterbringung sind aufgrund finanzieller Engpässe und des plötzlichen Zustroms von Vertriebenen begrenzt.
Ich gehe davon aus, dass offizielle Einrichtungen wie Schulen und öffentliche Institutionen sowie NGOs nur ein Viertel der Vertriebenen aufnehmen konnten, während die übrigen auf der Straße oder bei Verwandten und Freunden leben. Manche Menschen haben sich entschieden, auf der Straße zu bleiben, in der Hoffnung, bald nach Hause zurückkehren zu können – doch diese Hoffnung dürfte inzwischen geschwunden sein.
Bedeutet das auch, dass es derzeit kein funktionierendes Bildungssystem gibt?
Natürlich. Es ist ein weiteres Jahr, in dem junge Libanes:innen keinen Zugang zu Bildung haben. Es ist zu erwarten, dass die langfristigen Folgen zutiefst beunruhigend sein werden und die Gesellschaft schädigen.
Der Krieg besteht offiziell zwischen der Hisbollah und Israel, de facto betrifft er jedoch den gesamten Staat. Wie positioniert sich die libanesische Regierung dazu?
Die libanesische Regierung hofft auf eine politische Lösung: die Einstellung des Raketenbeschusses durch die Hisbollah und den Abzug der israelischen Truppen aus dem Libanon, um den Vertriebenen die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Traurigerweise scheint das derzeit höchst unwahrscheinlich, da Israel auf der Entwaffnung der Hisbollah als Bedingung für Gespräche besteht. Der libanesische Staat wiederum scheint zu schwach zu sein, um die Entwaffnung durchzusetzen – zumindest behauptet er das.
Präsident Joseph Aoun und Premierminister Nawaf Salam zeigten sich kürzlich bereit, direkte Verhandlungen mit Israel aufzunehmen. Doch die Israelis haben signalisiert, dass es keine Verhandlungen geben wird, bevor die Waffen der Hisbollah nicht vernichtet sind. Dies stellt ein erhebliches Hindernis für jede tragfähige Lösung dar.
Aus Nasrallahs Schatten zum neuen Chef
Naim Qassem ist ein Veteran der Hisbollah im Libanon. Schon bei der Gründung mit dabei, konnte er sich nie aus dem Schatten Nasrallahs befreien. Nun ist er der Chef – und ein Mann, dessen Todesurteil laut israelischer Regierung bereits gefällt ist.
Aber hatte der libanesische Staat nicht bereits etwa sechs Monate vor dem Krieg mit dem Prozess zur Entwaffnung der Hisbollah begonnen?
Die erneuten Kämpfe verdeutlichten, wie begrenzt die Erfolge des libanesischen Staates sind. Die Hisbollah demonstriert eine militärische Stärke, von der viele dachten, sie sei bereits neutralisiert worden.
Es gibt eine Tendenz in den libanesischen Behörden – oder Teilen davon –, die Waffen der Hisbollah zu ignorieren. Die Meinungen dazu gehen auseinander: Manche rechtfertigen diese Politik, sie trage zur Wahrung des inneren Friedens bei. Andere weisen darauf hin, dass die libanesische Armee für eine solche Aufgabe nicht stark genug sei und externe Unterstützung benötige.
Es gibt viele Erklärungsansätze. Einige davon mögen stichhaltig sein. Doch da Israel auf Abrüstung besteht, stehen wir letztlich vor bitteren und schwierigen Entscheidungen. Sollte Israel direkt intervenieren, um die Hisbollah zu entwaffnen, würde dies höchstwahrscheinlich zu einer neuen Besatzung führen.
Die Hisbollah hat mehrere Kriege mit Israel geführt, 2006, 2023 und nun 2026. Kann Israel die Waffen der Partei vollständig vernichten?
Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, aber eines ist klar: Irgendetwas im Libanon muss sich ändern.
Wie meinen Sie das?
Es heißt oft, jede Besatzung stoße auf Widerstand. Doch im Libanon hat sich dieses Muster umgekehrt: Zuerst entstand der Widerstand, dann folgte die Besatzung. Die Besatzungstruppen zogen sich zurück, der Widerstand aber blieb.
Der palästinensische Widerstand formierte sich im Libanon in den 1960er und 70er Jahren. Israel besetzte Teile des Landes 1978 und erneut 1982. Die Hisbollah formierte sich in den 1980er Jahren als Widerstandskraft, die israelische Besatzung hielt bis ins Jahr 2000 an.
Auch nach dem Rückzug im Jahr 2000 blieb die Hisbollah bestehen. Heute hat sich das Muster verschoben und der Widerstand hat eine erneute Besatzung zur Folge. Die einzige Lösung ist ein Staat, der in der Lage ist, seine Souveränität über sein Territorium durchzusetzen und Entscheidungen über Krieg und Frieden selbst zu treffen.
Wenn wir den Zusammenhang von Besatzung und Widerstand betrachten, hieße das nicht, dass selbst nach einer Entwaffnung der Hisbollah neuer Widerstand entstehen könnte? Manche glauben, dass Widerstand nicht mit Gewalt gebrochen werden kann, weil er über Waffen hinausgeht und Gewalt stets mehr Gewalt erzeugt.
Sollten die Waffen der Hisbollah diesmal vernichtet werden, könnte dieser Kreislauf ein Ende finden. Die Libanes:innen haben erkannt, wie teuer ihnen dieser Weg zu stehen kommt. Traditionell haben im Libanon alle Gruppen, die sich unterdrückt fühlten oder eine regionale Agenda verfolgten, unter dem Motto „Kampf gegen Israel und Befreiung Palästinas“ zu den Waffen gegriffen. Das Ziel wurde oft als Vorwand für bewaffneten Kampf genutzt.
Die Hisbollah ist die jüngste libanesische Gruppe, die diese Rolle spielt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine andere Gruppe diese Taktik anwenden würde, sollten die Waffen der Hisbollah wirklich vernichtet werden. Nicht nach all den bitteren Erfahrungen. Mit Sicherheit kann ich das aber natürlich nicht voraussagen.
Nasrallah auf den Pigeon Rocks
Die libanesische Regierung hat beschlossen, die Hisbollah zu entwaffnen. Diese reagierte mit einer Machtdemonstration mitten in Beirut. Verbirgt sich dahinter in Wahrheit ein Rückzugsgefecht der einflussreichen Miliz?
Die meisten Kriegsopfer sind Schiit:innen, vor allem weil die Hisbollah dieser Glaubensrichtung verbunden ist und die schiitische Gemeinschaft im Süden die Mehrheit der Bevölkerung stellt. Beeinträchtigt der Krieg die Popularität der Gruppe unter den Schiit:innen?
Es gibt unterschiedliche Ansichten. Manche glauben, dass Veränderungen Zeit brauchen, aber eine Distanzierung letztendlich eintreten wird. Bislang ist innerhalb der schiitischen Gemeinschaft jedoch keine nennenswerte Abkehr von der Partei zu verzeichnen, lediglich vereinzelte, verhaltene Kritik oder Proteste.
Derzeit gibt es keine Bewegung, die bereit wäre, die Hisbollah zu konfrontieren. Die Gruppe hat jahrelang eine Ideologie aufgebaut, Dienstleistungen angeboten und den Glauben genährt, sie stärke die Schiit:innen. Die Hisbollah verlieh ihnen Identität und Stärke und verschaffte ihnen die Anerkennung anderer.
Angesichts der Schwäche der libanesischen Armee, die Sie bereits erwähnten, präsentiert sich die Hisbollah als Abschreckungsmacht. Sie behauptet, den Libanon vor Israel zu schützen. Wie steht die libanesische Bevölkerung, abgesehen von den Hisbollah-Anhänger:innen, zur Idee der Entwaffnung?
Tatsächlich hat die Hisbollah den Libanon nie vor Israel geschützt. Wie ich bereits erwähnte, hat sie israelische Besetzungen verursacht. Heute, im Licht des Gaza-Krieges und der aktuellen rücksichtslosen Koalition von Netanjahu und den religiösen Parteien mit ihren expansionistischen Absichten, stellen sich ernsthafte Fragen:
Sind Israels Forderungen für den Libanon realisierbar, oder geht es lediglich darum, die Hisbollah zu vernichten, ohne eine politische Lösung anzustreben? Dies wäre möglicherweise der Anfang eines endlosen Kreislaufs der Gewalt.
Darüber hinaus sind westliche Länder nicht mehr in der Lage, Israel so unter Druck zu setzen wie früher. Was Trump persönlich betrifft, so ist er dazu durchaus fähig; er will anscheinend keinen Druck ausüben. Offenbar hat er die Lösung der Libanon-Frage Israel überlassen.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Aus dem Englischen von Clara Taxis.
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