Journalismus für die Überlebenden
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Sexualisierte Gewalt ist schwer zu erfassen, und doch ist sie eines der häufigsten Verbrechen im Sudan. Seit Kriegsausbruch im April 2023 wurden immer wieder Berichte über sexualisierte Gewalt bekannt.
546 Fälle konfliktbezogener sexualisierter Gewalt (Conflict-Related Sexual Violence, CRSV) wurden vom UN-Menschenrechtsbüro verifiziert, 320 weitere werden noch untersucht. Zu den dokumentierten Fällen zählen Vergewaltigungen und Gruppenvergewaltigungen, Entführungen, sexuelle Versklavung und Menschenhandel.
Medien berichten durchaus über sexualisierte Gewalt im Sudan, doch selten zeigen sie das ganze Bild: „Auch wenn die meisten Berichte über CRSV anerkennen, dass die erfassten Fälle nicht der tatsächlichen Zahl der Betroffenen entsprechen, sind den Journalist:innen Zahlen besonders wichtig“, sagt Hala Alkarib, Regionaldirektorin der Frauenrechtsorganisation SIHA Network.
Eine Zahl kann das Ausmaß eines Verbrechens untermauern, aber weder zeigen, was drumherum passiert ist, noch welche Bedeutung dieser im jeweiligen Konflikt hat. CRSV werde häufig als „Nebenprodukt“ eines militärischen Konflikts dargestellt, anstatt sie als Bestandteil der Kriegsführung selbst zu untersuchen, ergänzt Maha Bashri, außerordentliche Professorin für Medien und Kommunikation an der Global Studies University in den Arabischen Emiraten.
Sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie
CRSV muss in den Kontext der langen Geschichte der Militarisierung im Sudan gestellt werden. Bereits vor der Unabhängigkeit 1956 spielten das Militär und Milizen eine zentrale Rolle im politischen Leben des Landes sowie in bewaffneten Konflikten. In diesem Zusammenhang wurde sexualisierte Gewalt Teil eines größeren Gewaltmusters. Sie wurde neben Vertreibungen, Tötungen und anderen Angriffen auf Zivilist:innen gezielt eingesetzt.
Darfur ist ein gutes Beispiel: Als dort 2003 der Krieg ausbrach, wurden Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt bei Angriffen auf die Zivilbevölkerung umfassend dokumentiert. Auch den Dschandschawid-Milizen wurden derartige Übergriffe vorgeworfen, die den Kern der Rapid Support Forces (RSF) bilden sollten, die heute gegen die staatlichen Streitkräfte (Sudanese Armed Forces, SAF) kämpfen.
Was ist los im Sudan?
Seit 2023 herrscht im Sudan ein brutaler Krieg, der im Westen kaum Beachtung findet. Wer kämpft in dem nordafrikanischen Land gegen wen, und wie sind die Aussichten?
CRSV tritt häufig gerade dann auf, wenn sich der Krieg auf neue Gebiete ausweitet. Sie wird eingesetzt, um Menschen einzuschüchtern und zur Flucht zu zwingen. Dieses Muster sei auch bei aktuellen RSF-Angriffen zu beobachten, sagt Alkarib. Kämpfer würden zunächst in Häuser eindringen und Frauen missbrauchen. Nachdem sie die Kontrolle über ein Gebiet erlangt hätten, würden dann Frauen ins Visier genommen, die auf öffentliche Räume angewiesen sind, – Teeverkäuferinnen, Gesundheitspersonal oder freiwillige Helferinnen.
Sexualisierte Gewalt dient somit einer größeren Strategie: der Festigung territorialer Kontrolle, Zerstörung der Gemeinschaften und Vertreibung der Bevölkerung. Die damit verbundene Stigmatisierung erstreckt sich auch auf die Familien und Gemeinschaften der Überlebenden – mit lang andauernden Folgen. „Die Methode haben sie schon immer eingesetzt, und jedes Mal hat es für sie funktioniert“, sagt Alkarib. Diesen strategischen Einsatz sexualisierter Gewalt übersehen Medien häufig.
Politische Interessen prägen die Berichte
Ein weiteres Problem der Berichterstattung über den Sudankrieg liegt in ihrer Politisierung: Der Krieg ist zum Stellvertreterkrieg geworden, an dem regionale und internationale Akteure beteiligt sind. Dabei beeinflussen politische Interessen, welchen Verbrechen Aufmerksamkeit geschenkt wird und ob Verantwortliche benannt werden – und damit auch, wie Medien über CRSV berichten.
Einige arabische Medien begünstigen die RSF. Sky News Arabia etwa berichtete, die Sicherheits- und humanitäre Lage in El Fasher habe sich stabilisiert, nachdem die RSF die Stadt im Oktober 2025 nach einer 18-monatigen Belagerung eingenommen hatten. Dabei flohen in den darauffolgenden Wochen fast 89.000 Menschen aus dem Gebiet. Während der RSF-Offensive rund um die Stadt und das Lager Zamzam dokumentierten die UN 118 Betroffene sexualisierter Gewalt, darunter 87 Frauen und 28 Mädchen. Sky News beendete 2026 schließlich seine Beteiligung an dem arabischen Sender.
In Medien, die den SAF nahestehen, wird der Konflikt in entgegengesetzter Weise dargestellt. Eine Untersuchung der Sudan-Berichterstattung großer panarabischer Medien ergab, dass Al Jazeera Arabic und Al Arabiya die SAF deutlich positiver zeigten als die RSF.
Die Realität ist differenzierter: Obwohl die RSF für die überwältigende Mehrheit der dokumentierten Fälle sexualisierter Gewalt im aktuellen Krieg verantwortlich sind, hätten auch die SAF und mit ihr verbündete Milizen Sexualverbrechen begangen, sagt Alkarib. Die Gewalt der RSF sei systematischer und strategischer, während die Gewalt des Militärs und seiner verbündeten Kräfte eher opportunistisch sei – etwa in Form von ethnisch motivierter Verfolgung oder Racheakten.
Solche Einordnungen finden selten ihren Weg in die Berichterstattung. Dadurch fehlt der Kontext, um zu verstehen, wie und warum Gewalt stattfindet.
Wie Informationen gefiltert werden
Selten erreichen Informationen über CRSV das internationale Publikum so, wie sie ursprünglich gemeldet wurden. Sie durchlaufen viele Stationen: Ursprünglich stammen die Berichte von Überlebenden, Augenzeugen oder lokalen Organisationen. Anschließend werden sie von sudanesischen Redaktionen aufbereitet, bevor sie internationale Medien erreichen – teilweise führt der Weg auch über internationale NGOs.
Einen Übergriff zu melden, heißt für viele Überlebende, sich erneut in genau jene unsichere Situation zu begeben, die den Übergriff ermöglicht hat. Gesundheitseinrichtungen sind oft die erste Anlaufstelle für die Meldung solcher Fälle, doch viele sind zerstört oder nicht mehr zugänglich. Schutzangebote sind begrenzt, Telefon- und Internetverbindungen immer wieder unterbrochen. Behörden sind häufig nicht erreichbar oder stellen selbst eine Gefahr dar.
Die Angst vor Vergeltung und der Zusammenbruch des Justizsystems halten Überlebende zusätzlich davon ab, sich zu melden. Denn oft können sie identifiziert werden, selbst wenn ihre Namen nicht genannt werden. Die Gefährdungslage der Überlebenden wirkt sich somit darauf aus, was über CRSV bekannt wird.
Auch die Zusammensetzung und Ausrichtung sudanesischer Redaktionen bestimmt, was berichtet wird. Eine Erhebung des Al-Alag Center for Press Services aus dem Jahr 2024 ergab, dass Frauen lediglich zwei Prozent der Führungspositionen in den 13 untersuchten Medienorganisationen innehatten. Frauen haben also nur sehr wenig Einfluss auf Priorisierung und Themenauswahl, wenn es um CRSV geht.
Sudanesische Journalist:innen sind darüber hinaus selbst mit Vertreibung, Unsicherheit, Verhaftungen und Einschränkungen konfrontiert, was eine kontinuierliche Berichterstattung erschwert.
Westliche Medien wiederum arbeiten unter eigenen strukturellen Zwängen. Maha Bashri zufolge suchen sie häufig nach großen Schlagzeilen. Wie Bashris Forschung zeigt, wissen sudanesische Journalist:innen sehr genau, welche Art von Geschichten westliche Medien erwarten und wie sie ihre Berichterstattung entsprechend „zuschneiden“ müssen. Eine vertiefende Berichterstattung wird durch geringe Aufmerksamkeit für den Sudan erschwert.
Alkarib ergänzt, dass oft eher internationale Organisationen als glaubwürdige Quellen zitiert würden als diejenigen, die der Gewalt am nächsten sind. „Unsere Arbeit wird nicht ernst genommen, solange internationale Institutionen sie nicht aufgreifen und über ihre eigenen Kanäle so lange weiterverbreiten, bis sie als glaubwürdig gilt.“
Wie geht es besser?
Internationale Medien sollten eine engere Zusammenarbeit mit sudanesischen Journalist:innen innerhalb und außerhalb des Landes aufbauen, sagt Bashri. Dies würde ihnen Zugang zu Informationen verschaffen und gleichzeitig Ressourcen zu den Kolleg:innen vor Ort lenken.
Redaktionen müssen darüber hinaus in Schulungen zur Befragung von Überlebenden investieren, Schutzmechanismen für sensibles Material etablieren und psychologische Unterstützung für Journalist:innen bereitstellen, die immer wieder traumatischen Berichten ausgesetzt sind. Das könnte sowohl die Qualität der Berichterstattung als auch den Umgang mit den Menschen verbessern, deren Erfahrungen sie dokumentiert.
Denn wie Journalist:innen mit Überlebenden umgehen, bestimmt, wie sie über diese berichten. Sie als Menschen mit Handlungsmacht zu behandeln und nicht als bloße Belege für Gewalt, verändert, welche Fragen gestellt werden. Dies könnte auch den Drang verringern, Übergriffe in allen Einzelheiten zu schildern. Die Beschreibung eines Übergriffs sollte sehr wohl dessen Schwere vermitteln; aus intimen Details ziehen Leser:innen jedoch nicht zwangsläufig zusätzliche Erkenntnisse.
Wie sieht eine Berichterstattung aus, die im Dienste der Überlebenden steht und zur Gerechtigkeit beiträgt? Sie ordnet ihre Schilderungen in das größere Gewaltmuster ein, wägt sorgfältig ab, was über die Überlebenden bekannt werden darf, und liefert eine gründlich verifizierte Dokumentation, die auch über den aktuellen Nachrichtenzyklus hinaus Nutzen hat.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals durch Jana Treffler mithilfe KI-gestützter Tools.
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