„Religiöse Praxis kann überall stattfinden“

Auf einer bogenförmigen Autobahnbrücke tanzen vier Frauen in weißen Gewändern und langen dunklen Haaren.
Samāʿ auf der Osthafenbrücke in den frühen Morgenstunden, Frankfurt am Main, 2022. (Foto: M. Varvani)

Die Fotoausstellung „Seen and Unseen – Sufisches Leben in Frankfurt“ bietet Einblick in die Praxis von Sufis in Deutschland. Auf der Suche nach einem harmonischen Zusammenleben verbindet Kuratorin Negah Angha Ästhetik, Wissenschaft und Politik.

Interview von Julia Gerlach

Qantara: Negah Angha, Sie haben die spirituelle Praxis von Sufis in Deutschland und Marokko untersucht, insbesondere die Rolle des Glaubens im Alltag. Jetzt eröffnen Sie Ihre Ausstellung über eine lokale Glaubensgemeinschaft in Frankfurt. Was ist die Geschichte dieser Gruppe?

Negah Angha: Die Gemeinschaft gehört der „Maktab Tarighat Oveyssi Shahmaghsoudi“ (MATO) an, einer Sufi-Schule mit Wurzeln im Iran. Die Anhänger:innen sehen den Ursprung ihrer Spiritualität vor circa 1.400 Jahren bei Oveys Gharani, einem Zeitgenossen des Propheten Mohammed. Die Schule breitete sich im 20. Jahrhundert weltweit aus und ist in Deutschland seit vier Jahrzehnten vertreten.

Heute hat die Frankfurter Gemeinschaft nach eigener Aussage um die fünfzig aktive Mitglieder, die iranische, deutsche und andere internationale Hintergründe und Bezüge haben. Die Identitäten überlappen sich, es gibt keine klaren Kategorien, etwa eine Trennung zwischen einer iranischen Gruppe und deutschen Teilnehmenden.

In großen Kreisen sitzen in weiß gekleidete Personen bei einer Zeremonie in einem hell erleuchteten Raum.
Eine wöchentliche Sitzung im örtlichen MTO-Zentrum in Düsseldorf, 2025. (Foto: A. Norouzi)

In diesem Jahr wurde in Frankfurt-Eschersheim das neue Gemeindezentrum eröffnet. Darin steckt viel ehrenamtliches Engagement, was viel über den Anspruch der Gemeinde aussagt. Konzipiert ist es als Haus der Begegnung, dekoriert mit persischen Spiegelarbeiten, Kalligrafie und Musik. Zusammenkommen kann man hier im Rahmen von Meditation, interreligiösem Austausch und Nachbarschaftsinitiativen.

Als Fotografin interessiert mich, wie Traditionen Teil des heutigen Lebens werden. Mir geht es nicht nur um den Erhalt von iranischen Bräuchen im Ausland, sondern vielmehr um die Leute, die diese Traditionen zu einem Teil von Frankfurt gemacht haben.

Eine Frau mit orangener Sonnenbrille und Kamera in der Hand schaut seitlich in die Kamra.

Negah Angha ist US-iranische Kuratorin, Fotografin und Außenpolitik-Expertin. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit am King’s College London untersucht sie Sufi-Gemeinschaften in Deutschland und Marokko. Sie ist Stipendiatin an der Akademie für Islam in Forschung und Gesellschaft (AIWG) der Goethe-Universität Frankfurt. Angha stammt aus einer einflussreichen Sufi-Familie im Iran und praktiziert selbst den Sufismus. Unter Präsident Joe Biden beriet die US-Regierung.

In Ihrer akademischen Arbeit vergleichen Sie Sufi-Gemeinschaften in Deutschland und Marokko. Gibt es eine typisch deutsche Art, Sufismus zu praktizieren?

Das Verhältnis von Minderheit und Mehrheit ist entscheidend. In Deutschland müssen Gemeinschaften wie die MTO ihre Glaubenspraxis in der Nachbarschaft, gegenüber öffentlichen Institutionen und der Öffentlichkeit erklären – möglicherweise Leuten, die zum ersten Mal mit dem Sufismus in Berührung kommen. 

In Marokko befasst sich meine Forschung mit der Sufi-Praxis in einem mehrheitlich muslimischen sozialen Umfeld. Das bedeutet jedoch nicht, dass es dort ein einheitliches oder unumstrittenes Verständnis des Sufismus gibt. 

Mich interessiert, wie innere Überzeugungen äußerlich Gestalt annehmen: Wem gegenüber fühlen sich die Menschen verantwortlich, wie werden sie dieser Verantwortung gerecht und wie wird diese Praxis weitergegeben? Das ist aufschlussreicher als der Versuch, einen „deutschen Sufismus“ im Gegensatz zu einem „marokkanischen Sufismus“ zu definieren.

Erzählen Sie uns mehr über die neue Ausstellung. Was erwartet die Besucher:innen?

Die Ausstellung präsentiert Fotografien und interaktive Elemente. Ich kuratiere zum ersten Mal eine Ausstellung und zeige auch eigene Fotografien, hinzu kommen Arbeiten von Aram Norouzi und Mehdi Varvani. Finanzierung und Unterstützung haben wir von der Hessischen Landesregierung bekommen, organisiert haben wir die Ausstellung gemeinsam mit der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Zwei Frauen in weißen Gewändern und lila Schürze tanzen in einer festlich beleuchteten Kirche.
Samāʿ in einem gemeinsam genutzten sakralen Raum, Pfarrkirche St. Nikolaus, Köln, 2025. (Foto: M. Varvani)

Sufismus und Spiritualität generell sind nicht leicht fotografisch abzubilden. Es geht ja um etwas, das im Inneren einer Person passiert und nicht unbedingt von außen zu sehen ist. Wie haben Sie Spiritualität fotografisch festgehalten?

Das ist eine interessante Frage, denn die Ausstellung soll nahbar sein. Wir wünschen uns, dass sie atheistische Menschen gleichermaßen anspricht wie Leute, die mit dem Islam vertraut sind oder auch mit dem Sufismus. Sie soll auch für Besucher:innen interessant sein, die einfach neugierig sind, die an der Römerhalle vorbeikommen und sich fragen, was dort passiert. 

Damit sind wir bei Ihrer Frage: Welches Bild stellt Sufismus dar? Speziell Sufismus in Frankfurt? Es ist in der Tat sehr schwierig. Ich würde nicht behaupten, dass ich die Spiritualität einzelner Personen abgebildet habe. Mein Anspruch war, die Ausstellung nahbar zu machen, ohne zu suggerieren, dass man alles über die abgebildeten Personen erfährt.

Wie haben Sie das umgesetzt?

Wir haben viel Zeit mit Beobachtung und Fotografieren verbracht. Anschließend haben wir eine Auswahl von Fotos getroffen, die zusammengenommen die richtige Botschaft vermitteln. An einer Wand sieht man beispielsweise zwei Fotos von derselben Person: eines von ihr im Berufsalltag und eines, das sie bei ihrer spirituellen Praxis zeigt. 

Darauf bezieht sich auch der Titel der Ausstellung: „Seen and Unseen – Sufisches Leben in Frankfurt“. Es geht darum, was man sieht und was man nicht sieht, wenn man jemandem im Alltag begegnet. Es kommt auf den Moment an, entweder bei der Arbeit oder im spirituellen Raum. 

Im Vordergrund spielt ein Mann mit geschlossenen Augen auf einer Rahmentrommel, im Hintergrund goldene Plaketten an einer Wand.
Samāʿ Praxis in Frankfurt am Main. (Foto: M. Varvani)

Es gibt ein eindrucksvolles Foto, das Samāʿ-Praktizierende auf einer Brücke in Frankfurt zeigt. Für mich strahlt es große Offenheit und Freiheit aus. Welche Geschichte steckt dahinter?

Das Foto ist ein Still aus einem Film, der auf der Frankfurter Osthafenbrücke gedreht wurde und ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Es zeigt Mitglieder des MTO-Sufi-Ensembles „Zendeh Delan“ beim Samāʿ, einer Praxis des Zuhörens, die hier durch Bewegung zum Ausdruck kommt. Die Brücke bettet diese Sufi-Praxis in eine vertraute städtische Landschaft ein. Wir wollten den Menschen zeigen, dass religiöse Praxis überall stattfinden kann, sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Privaten.

Praktizieren Sie selbst den Sufismus?

Ja, dadurch habe ich gleichzeitig eine Innen- und eine Außenperspektive: Ich gehöre derselben Sufi-Schule an, bin aber kein Teil des Alltags in der MTO-Gemeinschaft hier in Frankfurt. Ich bin mit vielem vertraut, aber eben nicht mit allem. Meine Forschung verlangt, dass ich Fragen stelle und nicht davon ausgehe, schon alles zu wissen. Ich bewege mich dabei zwischen Teilnahme und Beobachtung, das soll deutlich werden.

Sie sind nicht nur Wissenschaftlerin und Kuratorin, sondern haben früher auch die US-Regierung beraten. Ich kann mir vorstellen, dass es in Ihrer Arbeit oft um ganz andere Themen geht, zumal Sie iranisch-amerikanische Expertin für Außenpolitik sind.

Ich war im Bereich der US-Außenpolitik und der nationalen Sicherheit tätig, wo Wissen zwar eine große Rolle spielt, aber auch Verpflichtung und Vertrauen von großer Bedeutung sind. In meiner Doktorarbeit untersuche ich diese Konzepte auf einer viel persönlicheren Ebene: Wie Menschen ihre Verpflichtungen gegenüber anderen verstehen und wie dieses Verständnis ihren Alltag prägt. Dies spiegelt sich in meiner Fotografie wider.

Außerdem bin ich Vorstandsmitglied des Musée d’Art et de Culture Soufis MTO (MACS MTO) in Chatou bei Paris, einem Museum, das sich dem Sufismus widmet. Dort beschäftigen wir uns mit weiteren Fragen, etwa wie die Öffentlichkeit den Sufismus sowie die Kunst und Kultur der Sufis wahrnimmt. Was all diese verschiedenen Tätigkeiten verbindet, ist mein starkes Interesse an Friedensförderung und der Frage, wie Menschen harmonisch zusammenleben können.

Ein Mann, eine Frau und ein Jugendlicher stehen in weißer Kleidung und Haarnetz in einer Küche und bereiten Essen zu.
Freiwillige bereiten Kräuter und frische Lebensmittel für das wöchentliche Treffen vor, Düsseldorf, 2025. (Foto: A. Norouzi)

Kommen wir noch einmal auf unseren Ausgangspunkt zurück, nämlich Ihre Ausstellung in Frankfurt. Steckt auch darin eine politische Botschaft? 

Für mich lautet die politische Frage: Wer darf als ganz normaler Bestandteil des städtischen Lebens auftreten und wer nur als Gegenstand einer Debatte? Wenn das Leben von Muslim:innen in erster Linie unter dem Gesichtspunkt von Integration, Sicherheit oder kulturellen Unterschieden betrachtet wird, besteht die Gefahr, dass die einzelnen Menschen hinter diesen Kategorien verschwinden. Ich wollte, dass die Ausstellung einen anderen Ansatzpunkt bietet, ohne dabei so zu tun, als gäbe es die politischen Fragen nicht.

Die Ausstellung in der Römerhalle verlagert diese Auseinandersetzung in einen bürgerlichen Raum. Die Besucher:innen müssen die Glaubensvorstellungen der Praktizierenden nicht teilen, um sich mit deren Leben auseinanderzusetzen. Auch sollte Zugehörigkeit nicht davon abhängen, ob sich eine Gemeinschaft als besonders harmonisch, nützlich oder beruhigend darstellt. Ich möchte den Sufismus nicht als einen „akzeptablen Islam“ darstellen, an dem andere Muslim:innen gemessen werden.

Aufgrund meiner Erfahrung im Politikbetrieb würde ich nicht behaupten, dass eine Ausstellung politische Spaltungen überwinden kann. Fotografien können verbriefte Rechte, Institutionen oder materielle Unterstützung nicht ersetzen. Aber sie können eine vereinfachte Darstellung infrage stellen und einen Anlass schaffen, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen.

Das ist die Art von Verbindung, auf die ich hoffe: die Möglichkeit einer aufmerksameren Begegnung.

 

Die Ausstellung „Seen and Unseen: Sufisches Leben in Frankfurt – Zuhören, Präsenz und Gemeinschaft im zeitgenössischen Deutschland“ wird vom MTO Sufi Verband e.V. präsentiert, mit Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie des Frankfurter Amtes für Multikulturelle Angelegenheiten. Akademischer Partner ist die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) der Goethe-Universität Frankfurt. Die Ausstellung findet vom 16. bis 22. Oktober in der Römerhalle in Frankfurt statt.

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übertragung von Clara Taxis mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.

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