Zwischen Tradition und Folklore

Ein Mann steht am Straßenrand, im Hintergrund ist ein Dorf auf einem Hügel zu sehen.
Südtunesien: „Ohne den Tourismus hätten wir nie eine asphaltierte Straße bekommen“, sagt Jalloul Ghaki (Foto: Nadia Addezio)

Für Amazigh-Gemeinden in Tunesien ist Tourismus ein zweischneidiges Schwert. Zwar bringt er Geld und Jobs, doch viele Dörfer sind kaum noch bewohnt. Anwohner:innen fürchten, dass ihre Kultur zum reinen Konsumgut wird.

Von Nadia Addezio

Jalloul Ghaki läuft durch die verstreut stehenden Häuser von Tamezret, einem Dorf im Südosten Tunesiens. Sonnenlicht spiegelt sich im Schutt. Nur der Ruf eines Esels durchbricht die Stille. 

„Wir haben nichts in Tamezret. Die Klinik öffnet nur ein paar Mal die Woche. Für ältere Menschen mit chronischen Krankheiten ist es nicht möglich, hier zu bleiben“, sagt der 70-Jährige, der in diesem Dorf aufgewachsen ist.

Tamezret, das in den Dahar-Bergen liegt, verliert nach und nach seine Bewohner:innen. Hier und da bringen Busse voller Tourist:innen Leben in das Dorf, die wegen der amazighischen – oft „berberisch“ genannten – Kultur und Identität des Ortes kommen. 

Das kulturelle Erbe überlebt dank der Imazighen, der indigenen Bevölkerung Nordafrikas und Teilen des Sahels. Umgeben von Bergen und der Wüste, die aufeinanderfolgende Eroberer auf Abstand hielten, verwehren sie sich der kompletten Anpassung.

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Viele Tourist:innen machen in Tamezret ein paar Schnappschüsse, kehren im Café ein, das auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist, und fahren weiter. Wanderenthusiast:innen kommen auf einer von Destination Dahar empfohlenen Route durch das Dorf, einer Agentur für nachhaltigen Tourismus.

Doch die wachsende Beliebtheit des Ortes hat für die Menschen vor Ort nicht viel verändert. „Was Amazigh-Themen angeht, ist der Staat nicht präsent“, sagt Ghaki. „Wenn wir unsere Häuser und Straßen nicht selbst bauen, geht alles kaputt. Obwohl wir die indigene Bevölkerung Tunesiens sind, sind wir ein Tourismusprodukt, das in der Sommersaison vermarktet wird. Nicht mehr und nicht weniger.“

Weil ihm in Tamezret eine Perspektive fehlte, zog Ghaki zum Studium nach Tunis. Nach einer Beamtenkarriere kam er jedoch mit seiner Frau zurück in den Süden Tunesiens. 

Heute leben sie in Nouvelle Matmata, zwanzig Minuten Fahrt von seinem Heimatdorf entfernt. In Tamezret würden heute nur noch knapp über 400 Menschen aus 95 Familien leben, sagt er. „Die klimatischen Bedingungen und der Arbeitsmarkt haben die meisten gezwungen, in die großen Städte zu ziehen oder ins Ausland.“

Ein Mann entfernt sich von der Kamera. Vor ihm erstreckt sich eine weite Landschaft.
Jalloul Ghaki aus Tamezret ist Generalsekretär der Tunesischen Vereinigung für Amazigh-Kultur (ATCA). (Foto: Nadia Adezzio)

So bleibt für Tamezret und andere strukturschwache Regionen nur der Tourismus als Wirtschaftsmotor. Für die Einheimischen spielt er dennoch eine ambivalente Rolle. Sie befürchten, dass ihre Jahrtausende alte Kultur zur Folklore verkommt. Auch profitieren von den Einnahmen nicht alle.

Der Anteil der in Armut lebenden Bevölkerung im Verwaltungsbezirk Matmata, zu dem auch Tamezret gehört, lag 2020 bei 26,4 Prozent. Dabei verzeichnen Dörfer wie Matmata und Tamezret einen enormen Zustrom von Besucher:innen; die dortigen Unterkünfte melden eine Auslastung von über 90 Prozent. 

Neuer Spielraum für Tunesiens Minderheiten nach 2011

Jalloul Ghaki ist Generalsekretär der Tunesischen Vereinigung für Amazigh-Kultur (ATCA). Die ATCA wurde im April 2011 in Matmata gegründet, nachdem die sogenannte „Jasmin-Revolution“ zum Sturz des Diktators Zine El Abidine Ben Ali geführt hatte. Die kulturellen und religiösen Minderheiten Tunesiens gewannen damals Raum für Selbstentfaltung. 

Zu den Zielen der ATCA gehört der Erhalt der Amazigh-Architektur. In Tamezret „wurden Mauern aus weißem Kalksand gebaut, der zusammen mit Dung gebrannt wurde. So entstand ein Material, das dem heutigen Zement entspricht“, sagt Ghaki. „Alles stammte aus der Region: die Steine, die Baumaterialien, die für die Dächer verwendeten Palmstämme.“ 

Ein Teil der traditionellen Architektur, wie Ghaki sie beschreibt, droht nun zu verschwinden. Denn es gibt keinen staatlichen Plan zur Erhaltung des historischen Teils von Tamezret.

Seit 2022 gelten zwar die Amazigh-Dörfer Zarat und Toujane als Tourismusgemeinden, wodurch sie Zugang zu speziellen Fördermitteln erhalten; Tamezret aber ist davon ausgeschlossen. Die Anerkennung des Dahar-Gebirges als UNESCO-Weltgeopark im April weckt nun neue Hoffnung auf Unterstützung.

Die erste Abwanderungswelle aus Tamezret begann in den 1970er-Jahren. Damals setzte der erste Präsident des unabhängigen Tunesiens, Habib Bourguiba, Maßnahmen zur Modernisierung und Vereinigung des Landes unter einer arabisch-muslimischen nationalen Identität um. Lokalen Sprachen und Kulturen ließ diese Politik kaum Raum.

„Sich als Amazigh zu bekennen, bedeutete Marginalisierung und Unterdrückung, weshalb viele es lieber verschwiegen“, erklärt Anna Maria Di Tolla, Gründerin und Direktorin des Zentrums für Amazigh-Studien der Universität Neapel L’Orientale. „Geschichte und Wurzeln der Imazighen in diesem Land sind damit in den Hintergrund gerückt.“ 

Bis heute führt diese kollektive Amnesie dazu, dass viele Tunesier:innen die nationalhistorische Erzählung erst mit der arabischen Invasion und der anschließenden Islamisierung im 7. Jahrhundert beginnen.

Ein weiteres Ziel der ATCA ist die Erhaltung des Tamazight als Sprache. Zwar gibt keine offiziellen Statistiken, wie viele Menschen in Tunesien Tamazight heute noch sprechen, doch Schätzungen reichen von nur 10.000 bis zu einer Million Sprecher:innen.

Trotz einiger Fortschritte bei den Minderheitenrechten seit 2011 wirft die ATCA dem tunesischen Staat vor, ihre Arbeit aus ideologischen Gründen zu behindern. „Sie wollen den Vereinen keine Mittel zur Verfügung stellen, um die Sprache zu fördern. Tamazight ist klinisch tot, wir laufen wirklich Gefahr, die Sprache zu verlieren“, sagt Kilani Bouchahoua, Präsident der ATCA.

Im Gegensatz zu den Nachbarländern Algerien und Marokko hat Tunesien Tamazight bislang nicht als Amtssprache anerkannt. Dennoch findet man in Dörfern wie Tamezret nach wie vor Schriftzüge in Tamazight an den Wänden von Gebäuden, die Familienbesitz kennzeichnen.

Tourismus als Familienbetrieb

Weiter südlich, in Douiret in der Provinz Tataouine, finden sich ähnliche Inschriften. Sie sind in die Hauswände des heute verlassenen Dorfes und des Ksars, einer traditionellen befestigten Siedlung, eingemeißelt. Der Ksar von Douiret liegt an einer strategisch günstigen Stelle, die es der Amazigh-Bevölkerung einst ermöglichte, sich gegen Angriffe zu verteidigen. Er diente zudem als gemeinschaftliches Lager, in dem etwa Getreide, Öl und Datteln aufbewahrt wurden.

Ein Mann steht vor einer weiten Wüstenlandschaft. Im Hintergrund sind Berge zu sehen.
„Die Kultur und Identität der Imazighen sind nicht verschwunden, sondern haben sich weiterentwickelt“, sagt Raouf Talbi, Besitzer einer Pension. (Foto: Nadia Adezzio)

Das architektonische Erbe ist heute in den verfallenen Häusern und in der Dschamaa al-Nakhla (der Palmenmoschee), einem markanten weißen Wahrzeichen, zu erkennen, das sich deutlich von den ockergelben Farbtönen des Hangs abhebt.

Wie in Tamezret ist der alte Ortskern von Douiret weitgehend verlassen, doch direkt neben den Ruinen befindet sich die „Gîte Raouf“, eine Pension, die vom 48-jährigen Raouf Talbi geführt wird.

Talbi erinnert sich noch gut, wie die Familien ihre Siedlung auf dem Hügel verließen, um in das „moderne Dorf“ im Tal zu ziehen – im Zuge der von Bourguiba nach der Unabhängigkeit eingeführten Politik. 

Damals wurden in der Ebene neue Siedlungen gegründet und an die Wasser- und Stromnetze angeschlossen, um die Integration der Imazighen zu fördern und die Idee einer vereinten Nation zu stärken. Der Ansatz war vom ehemaligen französischen Kolonialmodell beeinflusst, das auf einer zentralisierten Territorialverwaltung und der Sesshaftmachung peripher lebender Gemeinschaften beruhte.

Als Kind in das moderne Dorf gezogen war, kehrte Talbi im Alter von zwanzig Jahren ins alte Douiret zurück. Er begann, als Reiseführer im Ksar zu arbeiten und gleichzeitig lokales Kunsthandwerk zu verkaufen. Später eröffnete er ein Café, ein Restaurant und eine Pension, die seiner ganzen Familie Arbeit bieten.

„Anfangs hatten wir drei Zimmer. Es gab weder ein Badezimmer noch Strom. Die Tourist:innen brachten ihre eigenen Matratzen und Schlafsäcke mit“, erinnert er sich. Doch als die Besucherzahlen stiegen, baute er das bescheidene Haus zu einer Unterkunft um, die Komfort bietet. 

Seitens des tunesischen Staates mangelt es an echtem Engagement für die Wiederbelebung des alten Douiret. Talbi ist es zumindest teilweise gelungen, das verlassene Dorf in einen Ort zu verwandeln, der Tourist:innen aus dem In- und Ausland auf der Suche nach „Authentizität“ willkommen heißt. 

Für Talbi bedeutet die Bewahrung des Amazigh-Erbes auch, es den Besucher:innen näherzubringen und sie in diese Welt eintauchen zu lassen. „Ich glaube, dass unsere Kultur hier weiterbestehen wird. Auch wenn sie im Laufe der Zeit arabisiert wurde, sind ihre Wurzeln nach wie vor tief im Amazighischen verankert. Viele Aspekte des Alltags – Ehe, Traditionen und Essen – bewahren das Erbe. Die Kultur und die Identität sind nicht verschwunden, sondern haben sich weiterentwickelt.“

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übertragen von Clara Taxis mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.   

 

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