„Schönheit ist für mich Selbstvertrauen und Präsenz“
Qantara: Anfang dieses Jahres haben Sie am „Miss Arab World“-Wettbewerb teilgenommen. Was hat Sie dazu bewegt?
Muna Almohamad: Ästhetik und Schönheit beschäftigen mich seit meiner Kindheit. Mit Schönheit verbinde ich gar nicht zwingend äußere Schönheit. Außerdem ist die ja sehr subjektiv und es variiert von Land zu Land, was als schön gilt. Ich persönlich verbinde mit Schönheit Souveränität, Selbstvertrauen und Präsenz, die Schönheit von innen und einen guten Umgang mit Menschen.
Dieselben Sachen verbinde ich mit einem Schönheitswettbewerb. In die Gesamtpunktzahl fließt auch ein, wie man sich hinter den Kulissen benimmt, wie man mit dem Personal und den Mitstreiterinnen umgeht.
Persönlich wollte ich auch lernen, professionell zu laufen und mich auszudrücken. Ich wollte andere Kulturen kennenlernen und diese Sisterhood, die Bekanntschaft mit Frauen aus anderen Kulturen, erleben. Deshalb habe ich mich entschlossen, teilzunehmen.
Wie können wir uns diesen Wettbewerb vorstellen?
Den Wettbewerb gibt es mittlerweile seit 20 Jahren. Ins Leben gerufen hat ihn die Ägypterin Hanan Nasr, jede Frau aus den arabischen Ländern kann sich bewerben. Es gibt eine länderinterne Vorauswahl, die normalerweise in dem jeweiligen Land stattfindet. Aufgrund der derzeitigen politischen Situation in der Region fanden viele der nationalen Vorentscheide allerdings online statt. Auch unser Laufsteg- und Sprechtraining war online.
Unter den 15 syrischen Bewerberinnen habe ich mich am besten geschlagen und konnte so mein Land beim „Miss Arab World“-Wettbewerb vertreten. Der fand wegen der angespannten Lage am Persischen Golf nicht wie geplant in Katar, sondern in Kairo und mit weniger Teilnehmerinnen als sonst statt.
In westlichen Ländern stehen Schönheitswettbewerbe häufig in der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, ein bestimmtes, auch ungesundes, Schönheitsideal vorzugeben oder Frauen auf ihr Äußeres zu reduzieren. Gibt es diese Kritik auch in arabischen Ländern?
Dass man Schönheitswettbewerbe erst einmal kritisch betrachtet, halte ich für gesund. Auch in arabischen Ländern gibt es Kritik am Wettbewerb, aber die Kritik ist eine andere als im Westen. Bei westlichen Wettbewerben wird eher das Frauenbild kritisch hinterfragt. Bei arabischen Wettbewerben steht dagegen die Frage im Vordergrund: Passt ein solcher Wettbewerb zu unserer Kultur, zu unseren Werten?
So gibt es beim „Miss Arab World“-Wettbewerb zum Beispiel keine Bademoden-Show. Das war mir persönlich wichtig, sonst hätte ich auch nicht teilgenommen. Es hätte gegen meine persönlichen Werte verstoßen.
Unterscheiden sich die Schönheitsideale dort von den klassisch westlichen?
In der arabischen Welt gilt „curvy“, also „Vollschlank“, als Schönheitsideal. Was das genau ist, ist natürlich wieder Auslegungssache. Was mir bei unserem Wettbewerb wirklich gefallen hat, war das diverse Bild dort. Die Mädchen hatten unterschiedliche Hautfarben, es gab eine Sudanesin mit dunklem Teint, eine Tunesierin mit einem weniger dunklen Teint, aber auch helle Mädchen. Und es gab ganz unterschiedliche Körperformen. Das ist ein sehr offenes Bild von Schönheit und sendet die Botschaft, die auch ich repräsentieren will: Jede Frau steht für sich, mit ihrer ganz eigenen Schönheit.
Beim letzten „Miss Germany“-Wettbewerb gab es zwei Kandidatinnen mit Hidschab. Sie selbst tragen auch Hidschab. Erleben Sie, dass klassische Schönheitsbilder, wie sie in diesen Wettbewerben bislang vorgegeben wurden, aufbrechen?
Dass bei diesem Wettbewerb zwei sichtbar muslimische Mädchen zugelassen wurden, finde ich großartig. Ich beobachte da weltweit eine Veränderung. 2016 war die Somalierin Halima Aden die erste Frau, die mit einem Hidschab an einem Schönheitswettbewerb teilnahm. Sie stellte sich als „Miss Minnesota“ zur Wahl und lenkte dadurch weltweit Aufmerksamkeit auf das Thema Hidschab bei Schönheitswettbewerben. Seitdem hatte sie eine steile Modelkarriere.
Beim „Miss Universe“-Wettbewerb 2025 bekam „Miss Pakistan“ einen Burkini, also einen Ganzkörperanzug, für die Bademoden-Show geschneidert, weil sie „modest“, also bedeckt, laufen wollte. Neben den klassischen jungen, großen 90-60-90-Models werden auch im Westen immer mehr Frauen gebucht, die nicht in diese Schablone passen.
Bei schönheitschirurgischen Eingriffen spalten sich die Geister. Der Libanon gilt als Hochburg für Schönheits-OPs. Welches Ansehen haben diese Eingriffe in arabischen Ländern?
Bei meinen Reisen in arabische Länder sehe ich tatsächlich viele Frauen, die operiert sind. Ich denke, das liegt auch am Einfluss von Social Media und weltweiten Modetrends, wie sie etwa von den Kardashians vorgegeben werden.
Gleichzeitig sehe ich in arabischen Ländern viel Natürlichkeit und traditionelle Schönheitsrituale. Etwa mit Henna oder im Hamam, dem traditionellen Bad. Beides existiert nebeneinander.
Ich würde jedes Mädchen dazu ermutigen, zu reflektieren: Warum mache ich das gerade? Wenn jemand mit sich selbst im Reinen ist und trotzdem etwas ändern möchte, finde ich das okay. Aber man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, nur weil das gerade jeder macht.
Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Was bedeutet es für Sie persönlich, an dem Wettbewerb teilzunehmen und Syrien zu vertreten?
Für mich war es etwas sehr Besonderes, mein Land zu repräsentieren. Gerade vor dem Hintergrund, dass ich in Deutschland aufgewachsen bin. Ich hatte das Gefühl, dass mir die Teilnahme geholfen hat, den Spagat zwischen beiden Kulturen besser hinzubekommen. Das ist für viele Menschen ein Thema, die nicht in ihrem Herkunftsland aufgewachsen sind.
Dieser Wettbewerb hat mich auch in meiner Lebens- und Denkweise bestätigt: dass Schönheit in erster Linie von innen kommt, dass man sie ausstrahlt und dass ein guter Umgang mit unseren Mitmenschen auch im kleinen Rahmen Schönes bewirken kann.
Denken Sie, diese Wettbewerbe können Frauen auch empowern?
Wir haben gesellschaftlich natürlich noch viel vor uns. Ich bin jetzt nicht so naiv zu sagen, dass so ein Wettbewerb Herausforderungen wie die Gleichberechtigung der Frau im Beruf oder gar im patriarchalischen System lösen könnte.
So ein Wettbewerb kann aber eine Chance sein, weil er Frauen eine Plattform bietet. Die Teilnehmerinnen bekommen eine Bühne und ihre Stimmen können andere inspirieren. Auch wird das Selbstvertrauen der Teilnehmerinnen gestärkt, die das dann an ihr unmittelbares Umfeld weitergeben können.
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