„Wir leben im Schatten der Revolution“
Als am 25. Januar 2011 die ägyptische Revolution ausbrach, waren Marwan Mahrez, Youssef Tobia, Maggie Walid und Youssef al-Esawy noch Kinder. Die Tragweite der Ereignisse konnten sie nicht erahnen.
Heute in ihren Zwanzigern, haben sie die zerbrochenen Träume von damals geerbt. Ihre eigenen Herausforderungen unterscheiden sich von denen der Generation, die 2011 aufbegehrte.
Die jungen Aktivist:innen stehen heute nicht nur einem autoritären Regime gegenüber, das dem vor der Revolution in nichts nachsteht, sondern auch einer angespannten Sicherheitslage und einer Wirtschaftskrise. Die Gesellschaft ist von Verzweiflung zermürbt.
Für die neue Generation wird die Frage nach politischem Wandel von einem noch komplexeren Problem überlagert: Wie kann man den geringen Handlungsspielraum erhalten, der in diesem restriktiven Umfeld noch übrig ist.
Die Ägyptische Revolution machte im Arabischen Frühling als spontane Jugendbewegung Schlagzeilen, doch sie geriet schnell ins Wanken. Die Spontanität verlieh der Revolution ihre Legitimation, sie war aber auch ihr Schwachpunkt: Eine gemeinsame Führung fehlte.
Nach dem Sturz von Hosni Mubarak am 11. Februar 2011 entstand ein Machtvakuum, in dem sich die etablierten Kräfte – vor allem die Muslimbruderschaft und das Militär – als zentrale Akteure der neuen Ordnung etablieren konnten.
Bei den Wahlen 2012 kam die Muslimbruderschaft an die Macht. Ihre Fehler bei der Regierungsführung und die stark polarisierte öffentliche Meinung führten zu ihrer Absetzung am 3. Juli 2013. Das Militär kehrte als einziger Machthaber zurück und das 2011 aufgeschlagene neue Kapitel schloss sich wieder.
„Unsere Generation lebt mit den Kosten der Revolution“
Marwan Mahrez (21)
Marwan, ein politisch aktiver Student aus Kairo, war gerade mal sechs Jahre alt, als die Revolution ausbrach. Er steht stellvertretend für eine Generation, die mit den Folgen des revolutionären Scheiterns aufwuchs, oder, wie er es ausdrückt, „die zwar die Rechnung, aber nicht den Tahrir-Platz bekommen hat“. Der Platz war damals der zentrale Ort der Revolution und stand für die Kontrolle des Volkes über den öffentlichen Raum.
Marwan sagt, die romantischen Versprechen der Revolution – „Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit“ – hätten sich in Luft aufgelöst. Stattdessen hätten sie exorbitante wirtschaftliche und sicherheitspolitische Folgen hinterlassen.
Heute sei Ägypten von extremer Polarisierung und wirtschaftlichem Niedergang geprägt, findet Marwan. Das Regime nutze die Erinnerung an den 25. Januar, um Repressionen zu legitimieren. Er nimmt die Revolution deshalb nicht als zu feiernde Heldengeschichte wahr, sondern als erdrückende und repressive Realität – insbesondere an den Universitäten, wo er politisch aktiv ist.
„Unsere Generation hat mehr mit den Kosten der Revolution gelebt als mit der Revolution selbst“, sagt er und verweist auf die vielen jungen Menschen, die eingesperrt wurden, nachdem sie ihre Meinung in den sozialen Medien geäußert hatten.
Für Marwan und viele seiner Freund:innen erscheint der Traum von einem Leben im Ausland realistischer als der Traum eines freien Ägyptens. Dies zeige das Scheitern der Revolution. Trotzdem hält Marwan an dem Wunsch fest, „würdevoll in Ägypten zu leben“, auch wenn „der kollektive Wille zum Wandel heute wie gelähmt“ erscheine.
„Der Altersunterschied ist beinahe irrelevant“
Youssef Tobia (27)
Youssef, ein Apotheker aus Assiut, steht für die Situation in Südägypten, wo Politik komplexer und weniger greifbar ist als in der Hauptstadt.
Anders als Marwan sieht er den Altersunterschied zwischen der Generation, die 2011 die Revolution anführte, und der Generation Z als beinahe irrelevant an. „Wir alle leben im Schatten der Revolution“, ist er überzeugt. „Sie hat unsere Persönlichkeiten und unsere Perspektiven geformt, trotz ihrer politischen Folgen.“
Und doch beschreibt der 27-Jährige seine Generation als „verloren“: eine Generation, deren Bewusstsein in der Kluft zwischen zwei Epochen geprägt wurde – den Träumen vom Januar 2011 und der düsteren Realität, die an ihre Stelle trat. Für seine Generation wurden die revolutionären Werte unter dem nun herrschenden Regimes erdrückt. Der politische Kampf wurde zum täglichen Kampf ums Überleben.
Die Revolution sei allerdings nicht gescheitert, weil ihre Ziele „Brot, Frieden und soziale Gerechtigkeit“ falsch gewesen seien. Die Revolutionäre hätten für den „Traum“ gekämpft, sagt er, aber letztlich habe nur der „Staat im Staate“ über die relevanten „Werkzeuge“ verfügt.
Durch seine Kontrolle über Medien, Justiz und Militär, lenkte der Staat den Verlauf des Wandels. Es wurde zur Priorität, die Sicherheit wiederherzustellen und das aktuelle Regime zu konsolidieren. Am 25. Januar begeht die Regierung heute lediglich noch den „Tag der Polizei“.
Youssef ist Mitglied der Ägyptischen Kommunistischen Partei, engagiert sich aber auch ehrenamtlich als Programmkoordinator bei Elwkala („Die Agentur“). Elwkala ist eine unabhängige Jugendinitiative in Oberägypten, die Filmvorführungen veranstaltet und Raum für offene Diskussionen schafft. Für Youssef hat sich der Kampf von der Straße auf die Leinwand verlagert.
Er beschreibt die Arbeit junger Filmemacher:innen im südlichen Ägypten als „lebenden Widerstand“. „Dieses Kino will kein Entertainment sein, sondern tief in die strukturellen Krisen eintauchen, die die post-revolutionäre Regierung mit ihrer Politik hinterlassen hat.“
„Diese einfachen Filme sind visuelle Dokumente, die wirtschaftliche und soziale Marginalisierung aufzeichnen“, fährt er fort. „Sie lassen Kunst zum Werkzeug werden. Sie helfen uns, unsere Handlungsfähigkeit in Zeiten des politischen Stillstands wiederzuerlangen“.
„Der einzige Weg ist, die verbleibenden politischen Räume aufzuspüren“
Maggie Walid (25)
Ägypten habe in allen Bereichen Rückschritte gemacht – politisch, ökonomisch und sozial. So sieht es Maggie, eine Aktivistin aus Alexandria. Ihre Generation sieht sie als „scharfe Kritikerin“ der Entwicklungen seit der Revolution.
Die Revolution selbst vergleicht sie mit einem „Sommertraum, einem flüchtigen Moment, in dem alle eine leuchtende Zukunft erahnten, nur um dann in der Realität eines Einparteienstaates aufzuwachen.“
Eine Stimme für Ägyptens Gefangene
Ein ägyptisches Kollektiv hat Texte und Zeichnungen politischer Gefangener veröffentlicht – erschütternde Zeugnisse aus dem Innern eines der schlimmsten Gefängnissysteme der Welt.
Über die vorrevolutionäre Zeit sagt sie: „Schon unter Mubaraks Regime waren die Räume für politischen Pluralismus und kulturelle Debatten begrenzt. Heute sind diese Räume verschwunden, ersetzt von einseitigen Medien und einer Öffentlichkeit, die jede Person ins Visier nimmt, die von der Norm abweicht“.
„Die Repression beschränkt sich nicht mehr nur auf politische Aktivist:innen; sie trifft auch Influencer:innen und Autor:innen, mit dem Ziel, eine einheitliche Erzählung durchzusetzen“, so Maggie.
Der politische Stillstand führte dazu, dass sich Maggies Generation einen Fokus auf das „individuelle Überleben“ aneignen musste. Dennoch führt sie den Kampf auf ihre Weise fort: „Sich selbst zu bilden und die verbleibenden politischen Räume aufzuspüren, ist der einzige Weg, mit dieser Realität fertig zu werden, die Leute zum Aufgeben zwingt oder in die Flucht treibt.“
„Nur durch Handeln wird Wandel möglich“
Youssef al-Esawy (20)
Youssef, ein Informatikstudent an der Universität von Mansoura, erinnert sich vage daran, als Kind mit seinem Vater über den Tahrir-Platz gelaufen zu sein. Damals verspürte er ein Gefühl der Ehrfurcht. Später wurde diese Erfahrung zentral für seine eigene Politisierung.
„Wir erleben heute eine verzerrte Fortführung der Ära vor Januar 2011, der Despotismus nimmt eine urbane Form an, welche die Klassenverhältnisse widerspiegelt.“ So verweist Youssef auf die Stadtplanung der Regierung, die sich durch immer mehr Gated Communities auszeichnet. Er ist der Meinung, dass es sich dabei „nicht nur um Immobilienentwicklung“ handele, sondern um „eine Politik der räumlichen Isolation, die darauf abzielt, die Abspaltung der herrschenden Elite von einer zunehmend verarmten Bevölkerung zu festigen“.
„Die Betonmauer ist das Mittel des Regimes, um den öffentlichen Raum abzuriegeln und das politische Bewusstsein zu nationalisieren. Zugleich fördert es Individualismus und Oberflächlichkeit, um die Bürger:innen von den eigentlichen Problemen Ägyptens abzulenken.“
Als Parteimitglied der Sozialistischen Volksallianz ist Politik für Youssef eine „moralische Pflicht“. Politik zu machen bedeutet für ihn, die Rolle des passiven Zuschauers zu verweigern.
Im Juni 2025 organisierte er mit Kolleg:innen eine Solidaritätskundgebung an der Universität von Mansoura, um Laila Soueif in ihrem langen Hungerstreik zu unterstützen und die Freilassung ihres Sohnes, des Aktivisten Alaa Abd El-Fattah, zu fordern.
Nach dem Protest wurde Youssef von Sicherheitskräften verhört. Doch diese Erfahrung bestärkte ihn nur in seiner Überzeugung: „Handeln, egal wie begrenzt es scheinen mag, bleibt die notwendige Bedingung für Wandel.“
Dieser Text ist eine überarbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Aus dem Englischen übersetzt von Jana Treffler.
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