Ceuta war eine Volksabstimmung

Swimming gear lies scattered on the beach, while people in wet clothes can be seen in the background after emerging from the water.. (Photo: picture alliance / Anadolu | Marcos Moreno)
Dutzende Menschen starben beim Versuch, schwimmend die spanische Exklave Ceuta zu erreichen. Dieser Gruppe gelang es, 30. Juli 2026. (Foto: Picture Alliance / Anadolu | M. Moreno)

Kurz vor der Parlamentswahl hat die Massenflucht nach Ceuta das Bild von Marokko als stabile und aufstrebende Nation erschüttert. Dass sich so viele Menschen auf den Weg gemacht haben, offenbart die wachsende Unzufriedenheit im Land. Ein Kommentar.

Kommentar von Mohamed Taifouri

Es ist bezeichnend: Während die Welt Ende Juli längst über die Ereignisse von Ceuta diskutierte, brauchte die marokkanische Regierung mehrere Tage, bevor sie ihr Schweigen brach. Erst nach vier Tagen verlas ein Sprecher des Innenministeriums eine Erklärung

Die Geschehnisse seien eine Massenflucht gewesen, die auf „mehrere miteinander verflochtene Faktoren“ zurückzuführen sei, „allen voran die missbräuchliche Nutzung des digitalen Raums, die Verbreitung irreführender Informationen und Aktivitäten von Schleuserbanden“. 

Doch auf eine zentrale Frage, die die Menschen in Marokko umtrieb, gab er keine direkte Antwort: Warum ziehen tausende Bürger:innen aus einem befreiten Land in eine als besetzt angesehene Enklave, um dort ihr Heil zu suchen? Zehntausende marokkanischer und nicht-marokkanischer Migrant:innen waren nach Ceuta vorgedrungen, das seit Jahrhunderten unter spanischer Herrschaft steht – ein Ereignis, das noch lange im kollektiven Gedächtnis Marokkos bleiben wird. 

Zeitgleich mit der Krise an der Grenze zu Ceuta feierte die Nation nur wenige Kilometer entfernt das 27. Thronjubiläum von König Mohammed VI. Auf spanischer Seite überschlugen sich da bereits die Ereignisse, und die USA und Israel verliehen dem Ganzen eine bemerkenswerte internationale Dimension, als sie in einen Schlagabtausch mit Spaniens Premier Sánchez einstiegen – wegen dessen humanitärer Haltung zum israelischen Krieg im Gazastreifen.

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Marokkos offizielles Schweigen war umso befremdlicher, als die Ereignisse von Beginn an zu einem geopolitischen Druckmittel geworden waren, das jede Seite im Sinne der eigenen Interessen einzusetzen versuchte. Rabats Schweigen stand in deutlichem Widerspruch zum Image Marokkos als einflussreicher, aufstrebender Regionalmacht.

Viele Erklärungen – wenige Gewissheiten

Auf der Suche nach Antworten, wie es zu der massenhaften Grenzüberquerung kommen konnte, häuften sich schnell die Erklärungsversuche. Manche stellten einen Zusammenhang mit den Spannungen zwischen Spanien und Marokko her – angefangen bei Sánchez’ Besuch in Algerien im Juli über eine im spanischen Parlament diskutierte Gesetzesvorlage zur Verleihung der spanischen Staatsbürgerschaft an Nachkommen von Sahrauis, die während der Kolonialzeit geboren wurden, bis hin zu Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Wiedereröffnung der Handelszollstellen mit Ceuta und Melilla. 

Andere brachten das Ereignis mit den Veränderungen in Spaniens Migrationspolitik in Verbindung, insbesondere mit dem Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli, das die sofortige Zurückweisung irregulärer Migrant:innen als rechtswidrig einstufte. Hinzu kam die Entscheidung der spanischen Regierung zu Beginn dieses Jahres, den Aufenthaltsstatus von rund 500.000 irregulären Migrant:innen zu legalisieren. 

Spaniens Regierung ihrerseits ließ verlauten, eine irreführende Auslegung des erwähnten Gerichtsurteils vom Juli sei von Menschenhändler-Netzwerken gezielt verbreitet worden und habe den Massenansturm auf Ceuta ausgelöst.

Allerdings ist es schwer vorstellbar, dass sich tatsächlich zehntausende Menschen in Richtung Ceuta bewegt hätten, ohne dass sie dabei gelenkt oder organisiert worden wären. Ob die Menschen möglicherweise gezielt zur Grenze gelotst wurden, um eine politische Botschaft zu übermitteln, bleibt jedoch unklar.

Der Blick auf Marokkos Realität

Was auch immer genau geschah: Keine dieser Erzählungen vermag die schmerzhafte Realität in Marokko zu erklären, wo Flucht längst von einem individuellen Wagnis zum kollektiven Traum geworden ist – geboren aus Verzweiflung. 

Die Regierung ist dabei Teil des Problems, nicht zuletzt, weil sie über Jahre hinweg das Image eines „aufstrebenden Marokkos“ aufgebaut hat, das zu einer Art symbolischem Kapital geworden ist. Die Lebensrealität der Bürger:innen löst sich jedoch immer mehr von diesem Image, was dringende Fragen aufwirft: 

Erstens: Die Darstellung des Innenministeriums, dass die „missbräuchliche Nutzung des digitalen Raums“ und die „Verbreitung irreführender Informationen“ Schuld seien an der Tragödie, lässt vieles offen. Gerüchte mögen zwar Menschen mobilisieren, doch wenn nicht bereits eine innere Bereitschaft bestünde, dürfte es kaum möglich sein, Tausende dazu zu bewegen, sich ins Ungewisse aufzumachen. 

Zudem untergräbt diese These des Innenministeriums – ohne dass sich ihre Verfechter:innen dessen bewusst sind – im Kern das Ansehen des marokkanischen Sicherheitsapparats. Dieser hat sich weltweit im Kampf gegen Terrorismus und Extremismus einen Namen gemacht. Wie konnten die „wachsamen Augen“, die niemals schlafen, Bewegungen solchen Ausmaßes nicht erkennen – ganz gleich, ob im virtuellen oder im realen Raum? 

Zweitens: Die Wirtschaftszahlen und makroökonomischen Kennziffern, die Marokko bisweilen eine Spitzenposition verschaffen, bedeuten keineswegs, dass es dem Land gut geht. Unter den rund 36,8 Millionen Einwohner:innen leben etwa 7.500 Millionär:innen, darunter wiederum 423 Personen mit extrem großem Vermögen. Sie leben Seite an Seite mit 2,5 Millionen Menschen, die unter mehrdimensionaler Armut leiden (6,8 Prozent der Bevölkerung im Jahr 2024). Das Problem liegt folglich nicht in der Fähigkeit der Wirtschaft, Wohlstand zu schaffen, sondern in der Frage, wie gerecht dieser verteilt wird. 

Drittens: Die Ceuta-Krise sendet der politischen Elite Marokkos im Vorfeld der Parlamentswahlen Ende September eine unmissverständliche Botschaft. Wenn sich mehr als 40.000 Marokkaner:innen unterschiedlichen Alters entscheiden, sich den Gefahren des Meeres auszusetzen, statt auf Institutionen, Parteien und staatliche Verwaltung zu vertrauen, stellt sich die Frage: Wie lassen sich diese Menschen wieder mit einem Land versöhnen, aus dem zu flüchten für sie erträglicher geworden ist als zu bleiben? 

Die Tragödie an der Grenze zur besetzten Stadt Ceuta war somit weit mehr als eine vorübergehende Migrationskrise. Sie hat entlarvt, dass Marokko, um das eigene Image zu pflegen, lieber die Realität schönredet als sie zu verändern.

Die Statistiken bescheren Marokko Beschreibungen wie „aufstrebende Macht“, während die soziale Ungleichheit die Hoffnungen der jungen Menschen im Land erstickt. Dies zeigt sich zu deutlich, als dass es sich noch mit vereinzelten Regierungserklärungen überdecken ließe.

Der Staat steht an einem Scheideweg: Entweder begreift er den massenhaften Exodus als Volksabstimmung gegen die bestehende Politik – oder er muss dabei zusehen, wie seine eigenen Bürger:innen dazu genutzt werden, geopolitische Konflikte anderer zu befeuern.

Die Zeit für Notlösungen ist vorbei. Wenn die Lage nicht mit Mut und Entschlossenheit neu bewertet wird, wird die Frage morgen nicht mehr lauten, wer versucht, das Land zu verlassen, sondern was von der Heimat für diejenigen übrig bleibt, die sich entscheiden zu bleiben.

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