Wo ist Gülistan Doku?

Frauen halten ein schwarz-weiß Bild einer jungen Frau hoch, im Hintergrund lila Fahnen.
In Istanbul demonstrieren Frauen für Aufklärung im Fall der verschwundenen Studentin Gülistan Doku. 15. April 2026 (Foto: Picture Alliance / ZUMAPRESS | M. Kocabas)

Jahre nach dem Femizid an einer jungen Kurdin haben Ermittlungen zu Festnahmen geführt. Tatverdächtig sind Beamtensöhne. Seither debattiert die Türkei über Staatsversagen und Verschleierung von Mord. Weniger Beachtung findet der Aspekt anti-kurdischer Gewalt.

Von Jana Treffler

227 Tage lang durchsuchten Behörden im Jahr 2020 den Uzunçayır-Stausee in Dersim in Ostanatolien. Boote mit moderner Suchtechnik zogen ihre Kreise, Taucher drangen bis zum schlammigen Grund vor; das Wasser wurde teilweise abgelassen. Sie suchten den Körper der 21-jährigen Studentin Gülistan Doku. Vergeblich. 

Niemand hatte Doku springen sehen und doch ermittelte die Polizei damals ausschließlich in Richtung Suizid. Die Nachricht ihres Selbstmords überbrachte der Gouverneur der Provinz Tunceli, wie Dersim auf Türkisch genannt wird, der Familie Doku persönlich. 

So erinnert sich Dokus Schwester Aygül in einem Podcast. Doch geglaubt habe sie an die Suizid-These von Anfang an nicht. Freund:innen, Familie und feministische Gruppen sind überzeugt, dass Gülistan ermordet wurde. Seit sechs Jahren fragen sie: „Gülistan Doku nerede? — Wo ist Gülistan Doku?“ Sechs Jahre lang blieb eine Antwort aus.

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Frauendemo in Dersim für die Aufklärung des Falls Gülistan Doku, April 2026.

Vor einem Jahr hat die Staatsanwältin der Provinz Tunceli Ebru Cansu eine erneute Untersuchung von Dokus Fall angeordnet. Seitdem verdichten sich die Hinweise auf staatliche Vertuschung eines Verbrechens. 

Aus den Unterlagen eines Krankenhauses wurden Daten zu einem Besuch Dokus kurz vor ihrem Tod gelöscht, aus ihrem Handy entfernte ein Polizist nach ihrem Verschwinden Kontakte und entscheidende Kameraaufnahmen fehlen. Im April 2026 wurden ein Dutzend Verdächtige festgenommen, teilweise wegen dringenden Mordverdachts.

Als Hauptverdächtige gelten der Sohn des Gouverneurs und Dokus gewalttätiger Ex-Partner, dessen Vater als Polizist möglicherweise Beweise manipulierte, während der Gouverneur und ein Chefarzt beschuldigt werden, an der Vertuschung beteiligt gewesen zu sein. Doku war kurdisch, die mutmaßlichen Täter sind es nicht. Höhere Ämter sind in kurdischen Regionen oft mit türkischen Beamt:innen besetzt.

Die Brisanz der Personalien hat in der Türkei eine Debatte über Staatsversagen ausgelöst, über die Instrumentalisierung des Rechts und über die fehlende Aufklärung von Femiziden, die allzu oft als Suizide zu den Akten gelegt werden

In kurdischen Medien und in der kurdischen Community wird der Fall über die Grenzen der Türkei hinweg noch anders diskutiert: Der Femizid an Doku wird hier in eine Geschichte anti-kurdischer Gewalt eingeordnet, die Frauen auf spezifische Weise zum Ziel macht.

Ebru Cansu, die plötzliche Heldin?

2025 zählte die Plattform We Will Stop Femicide 459 Morde an Frauen in der Türkei. Viele bleiben offiziell ungeklärt, dann heißt es häufig: Suizid. „Warum stürzen so viele türkische Frauen in den Tod?“, titelte der Guardian Anfang des Jahres. 

Einer der Todesfälle steht möglicherweise in direkter Verbindung zu Gülistan Doku: Der Körper ihrer ebenfalls kurdischen Freundin Rojwelat Kizmaz wurde 2024 im Hasankeyf-Stausee gefunden. Eine weitere kurdische Studentin, Rojin Kabaiş, verschwand im selben Jahr und wurde am Ufer des Van-Sees geborgen. In beiden Fällen kämpfen die Familien um Aufklärung, da sie der offiziellen Suiziddarstellung keinen Glauben schenken.

Staatsanwältin Ebru Cansu erscheint in diesem Kontext als Heldin, die für Gerechtigkeit sorgt. Sie selbst sagt, als Mutter liege ihr das Schicksal der vermissten jungen Frau am Herzen. KI-generierte Bilder kursieren in den sozialen Medien, auf denen Cansu Doku im Arm hält. 

Die Symbolik der Bilder ist heroisch. Die Frauen stehen vor einem Gerichtsgebäude, an dem die türkische Fahne weht, „Adalet = Ebru Cansu“ steht auf einem Monument, das die Staatsanwältin als Justizia zeigt.

KI-generiertes Bild mit zwei Frauen Arm in Arm. Im Hintergrund eine Justizia-Statue mit dem Gesicht der einen Frau, Türkei-Fahnen und ein Gerichtsgebäude.
In den sozialen Medien kursieren KI-generierte Bilder, die Staatsanwältin Ebru Cansu als Verkörperung der Gerechtigkeit zeigen. (Screenshot)

Cansu ist dennoch Teil eines Justizapparats, der seit langem zu politischen Zwecken instrumentalisiert wird. Zu sehen war das etwa bei der wiederholten Amtsenthebung kurdischer Bürgermeister:innen und zuletzt bei der Absetzung des Vorsitzenden der kemalistischen Oppositionspartei CHP, Özgür Özel. 

Dass die Staatsanwältin aktiv geworden ist, kann kaum auf individueller Initiative beruhen. Vielmehr wolle der „männlich geprägte Staat die Ermittlungen als Mittel nutzen, um interne Abrechnungen zu begleichen, einige Bürokraten zu opfern und andere zu profilieren“, so das feministische Kollektiv „Ich brauche Frieden“ in einem Statement zu Dokus Fall.

Gewalt gegen kurdische Frauen

Für Menschenrechtsanwältin und Aktivistin Eren Keskin, die Dokus Fall beobachtet, geht es nicht nur um einen vertuschten Femizid. Vielmehr sei der Fall Teil einer langen Geschichte systematischer Gewalt gegenüber der kurdischen Bevölkerung. In den 1990er-Jahren tobte der Guerilla-Krieg zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Seit dieser Zeit herrsche in den kurdischen Gebieten eine Praxis der Straflosigkeit für staatliche Akteure, die bis heute fortwirke.

Die Mobilisierung der kurdischen Frauen war der Staatsgewalt dabei stets ein besonderer Dorn im Auge, erklärt die Soziologin und Autorin Pınar Selek, die im französischen Exil lebt. Deswegen wurde „Gewalt gegen Frauen im Krieg gegen die kurdische Bevölkerung in den 1990er-Jahren als Waffe eingesetzt“, so Selek „unter anderem in Form systematischer Vergewaltigungen in Gefängnissen.“

Die Musiker Metin und Kemal Kahraman haben Gülistan Doku 2020 ihr Lied „Çene“ („Tochter“ im kurdischen Dialekt Kirmançkî) gewidmet. Darin verbinden sie das Schicksal der Studentin mit dem Trauma der Region: 1937/1938 verübte der türkische Staat Massaker an der kurdisch-alevitischen Bevölkerung, die Armee tötete bis zu 70.000 Menschen.

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Entführung, Assimilation und sexueller Missbrauch von Frauen und Mädchen waren Teil des genozidalen Prozesses. Augenzeug:innen berichteten von Frauen, die auf der Flucht von hohen Klippen in den Munzur-Fluss sprangen und ertranken.

Für die Musiker ist das Verschwinden der Körper im Wasser eine Verbindung zwischen Geschichte und Gegenwart: „Die Wasser rissen meine Tochter fort […] / Achtunddreißig ist ein Jahr tiefen Leids für uns / Lasst Himmel und Erde sprechen, lasst sie euch erzählen, was wir erduldet haben.“

Kurdische Identität in der feministischen Bewegung

Landesweit mobilisieren Feminist:innen gegen patriarchale Gewalt und Femizide und für deren Aufklärung. Zur Frage, wie diese Proteste die spezifische Gewalt gegen kurdische Frauen mitdenken, gibt es widersprüchliche Einschätzungen.

Die Anthropologinnen Ronay Bakan und Seda Saluk kritisieren, dass kurdische Lebensrealitäten aus Diskursen um Femizide verdrängt würden. Etwa im Fall der 2020 in der Westtürkei ermordeten Pınar Gültekin, die in internationalen Medien meist als „türkische junge Frau“ beschrieben wurde. Spezifisch kurdische Geschichten der Repression und des Widerstands werden ausgeblendet, so Bakan und Saluk. 

Gleichzeitig labeln türkische Medien patriarchale Gewalt innerhalb kurdischer Communities wiederholt als „Ehrenmorde“, die mit einer vermeintlichen Rückständigkeit und Antimodernität der kurdischen Kultur begründet werden.

„Die Geographie der Tat, nämlich dass Doku in Ostanatolien ermordet wurde, verhindert größere internationale Aufmerksamkeit“, sagt die in Deutschland lebende Juristin Çiğdem, die mit ihrem Account Chidemlee Aufklärungsarbeit zu kurdischen Themen betreibt. Aus Sicherheitsgründen will sie ihren Nachnamen nicht veröffentlichen. Die Juristin sieht Leerstellen beim türkischen Feminismus, wenn es um Gewalt gegen kurdische Frauen geht.

„Der Feminismus in der Türkei heute ist nicht mehr der von vor 20 Jahren“, meint dagegen die Soziologin Pınar Selek: „Die Bewegung hat viel von kurdischen Frauen gelernt, ist von ihnen transformiert worden“. 

Dass bei Demonstrationen für Gülistan Doku nicht immer explizit auf deren kurdische Identität verwiesen werde, sei keine Leugnung, findet auch die Anthropologin und Medienwissenschaftlerin Bahar Şimşek. „All die Frauen, die bei der Demonstration zum 8. März in Istanbul fragten: ‚Wo ist Gülistan Doku?‘, riefen auch: ‚Jin, Jiyan, Azadî‘.“ Doch die Frage ist noch immer ohne Antwort: Dokus Körper wurde nie gefunden.

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