Online lebt die Sprache auf
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In einem Facebook-Video trauert der algerische TV-Moderator Takfarinas Nait Chabane um einen Kollegen – in seiner Muttersprache Tamazight, früher auch als Berbersprache bekannt. Er spricht spontan, die Szene wirkt schlicht, und doch zeigt sie einen tiefgreifenden Wandel.
Tamazight, jahrzehntelang mit kämpferischen Slogans und Forderungen nach Anerkennung von Algeriens Amazigh-Bevölkerung verbunden, ist heute im Alltag präsent, auf dem Handy wie auf der Straße.
In den letzten Jahren ist die Zahl der Amazigh-Influencer:innen gewachsen, die ihre Kultur in den sozialen Medien präsentieren. Sie nutzen Humor, Musik und Alltagserzählungen, um ein Publikum zu erreichen, das über die eigentlichen Amazigh-Regionen hinausgeht. Für viele ist die Verwendung ihrer Muttersprache heute weniger politische Haltung als natürlicher Ausdruck ihrer Identität.
Tamazight als Alltagssprache
Schulunterricht auf Tamazight führte Algerien bereits Ende der 1990er-Jahre schrittweise ein. 2002 folgte die Anerkennung als Nationalsprache, und im Zuge der Verfassung von 2016 wurde Tamazight auch als Amtssprache eingeführt. Auch wurde die Algerische Akademie für Tamazight gegründet, die für die Weiterentwicklung der Sprache sowie die Erstellung von Wörterbüchern zuständig ist.
Obwohl der Übergang von der rechtlichen Anerkennung zur zunehmenden Verwendung im Alltag mit vielen Herausforderungen verbunden ist – insbesondere angesichts der weiten Verbreitung von Arabisch und Französisch –, ist die Sprache inzwischen digital präsent: in witzigen Videos, Kochrezepten, Reiseberichten, sogar in Kommentaren zu aktuellen Ereignissen.
Nait Chabane lehrte in der Vergangenheit Tamazight an der Mouloud-Mammeri-Universität in Tizi Ouzou. Er sagt, eine Sprache könne nur überleben, wenn sie im Alltag verwendet werde. Spreche man sein Publikum dagegen ausschließlich auf Französisch oder Arabisch an, laufe man Gefahr, eine historisch marginalisierte Sprache weiter zu schwächen.
Durch den wachsenden Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI) sei die Menge der heute digital verfügbaren Inhalte auf Tamazight zudem entscheidend dafür, ob die Sprache künftig in neuen Sprachtechnologien präsent sein werde.
Die Schriftstellerin und Influencerin Chabha Ben Gana hat nach eigenen Angaben begonnen, Inhalte in der kabylischen Variante des Tamazight zu produzieren, weil sie ihr Interesse an ihrer Muttersprache mit anderen teilen wollte. Beim Erstellen ihrer Online-Inhalte bringt sie die Liebe zu ihrer Muttersprache und zur Literatur mit ein.
So entsteht online ein Raum, in dem sie sich direkt mit ihrem Publikum austauschen kann. Ben Gana ist überzeugt, dass die neue Generation von Influencer:innen sich nicht mehr damit zufrieden gibt, die Sprache zu bewahren, sondern sie auch weiterentwickeln will.
Der Journalist Madjid Serrah pflichtet dem bei: „Das, was heute produziert wird – trotz seiner Begrenztheit –, bietet die Möglichkeit, Stimmen, Meinungen und künstlerische Talente ins Rampenlicht zu rücken, die sonst kein so großes Publikum erreichen würden“, sagt er.
Die Diaspora im Ausland könne außerdem gesellschaftliche Debatten verfolgen, die sie über traditionelle Medien nicht mitbekommen würde – besonders auch deshalb, weil die bekanntesten Namen dieser Szene nicht als Influencer:innen im digitalen Sinne begonnen hätten, sondern als Aktivist:innen, Autor:innen oder Wissenschaftler:innen bekannt geworden wären.
Wirtschaftliche Hürden
Die Begeisterung für die digitale Weiterentwicklung des Tamazight darf jedoch nicht über strukturelle Hindernisse hinwegtäuschen. Tamazight sei zwar mittlerweile in Apps wie Google Translate integriert, sagt Serrah, doch der Übergang vom mündlichen zum schriftlichen Sprachgebrauch stecke noch in den Anfängen. Insbesondere in Fachbereichen: Wer sich auf Tamazight über Geopolitik, Medizin oder Geschichte unterhalten möchte, muss lange nach den passenden Begriffen suchen.
Folglich ist das sogenannte Code-Switching unter Influencer:innen weit verbreitet. Dabei wechseln sie innerhalb eines Videos zwischen Tamazight, Arabisch und Französisch. Innerhalb des Tamazight gibt es außerdem eine Vielfalt von Dialekten; in Algerien wird unter anderem zwischen Kabylisch, Chaouia, Mazabia und Tamascheq unterschieden.
Tamazight kann in unterschiedlichen Schriftsystemen notiert werden – dem lateinischen, dem arabischen oder auch dem Tifinagh-Alphabet, der historischen Schrifttradition. Diese Uneinheitlichkeit wirft die Frage auf, inwieweit digitale Inhalte über sprachliche Unterschiede hinweg ihr Publikum erreichen können.
Ein weiteres Hindernis ist die wirtschaftliche Dimension. Das tamazight-sprachige Publikum in Algerien verspricht keine lohnenden Werbeeinnahmen, was den Anreiz für professionelle Investitionen begrenzt. Laut Serrah ist die Produktion von digitalen Inhalten auf Tamazight deshalb eher als Suche nach einem alternativen Raum zu sehen denn als Aufbau einer gewinnbringenden Branche.
Wer sind die Imazighen?
Noch immer als „Berber“ bekannt, gehören Millionen Menschen den Imazighen an. Brahim El Guabli von der Johns Hopkins-Universität über Identität, Sprache und Geschichte einer Gruppe, die in der arabischen Mehrheitsgesellschaft um Anerkennung kämpft.
Veränderungen, die über die Sprache hinausgehen
Dennoch ist die Amazigh-Kultur in digitalen Inhalten zunehmend präsent, und dabei nicht auf die Sprache beschränkt. Auch Musik, Kleidung, traditionelle Gerichte und Volksmärchen spielten eine Rolle, sagt Serrah.
Wichtig ist dabei, dass sie als Bestandteile des Alltags der Influencer:innen präsentiert werden, nicht als folkloristisches Material, das sich an Tourist:innen oder Ethnolog:innen richtet. Dies verleiht den Inhalten Glaubwürdigkeit und sorgt für Nähe zum Publikum.
Schriftstellerin Ben Gana sieht in Gesprächen auf Tamazight über Kultur, Gesellschaft, Technologie und Kunst – und nicht nur über Folklore und Traditionen – „eine Form des digitalen kollektiven Gedächtnisses“.
Gleichzeitig bringt der digitale Raum eigene Herausforderungen mit sich: Die Geschwindigkeit der Plattformen und das Streben nach hohen Klickzahlen können dazu führen, dass Kultur auf Stereotype und Entertainment reduziert wird.
Die Bemühungen um den Erhalt des Tamazight haben sich vor allem dahingehend gewandelt, dass nicht mehr Gesetze und die staatliche Anerkennung im Vordergrund stehen. Stattdessen wird Tamazight lebendig gehalten, was besonders für eine Sprache mit einer jahrhundertealten Tradition der mündlichen Überlieferung bedeutsam ist.
Ob digitale Plattformen den Schulunterricht oder die öffentlichen Medien in Hinblick auf den Spracherhalt ersetzen können, wird sich noch zeigen. Sicher ist, dass sie einen neuen Raum geschaffen haben, der es der jungen Generation – Männern wie Frauen – ermöglicht, Tamazight zu sprechen und ihre Identität zum Ausdruck zu bringen. Fernab von der politischen Polarisierung, die die Sprachdebatte jahrzehntelang geprägt hat.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Übertragen von Clara Taxis mithilfe KI-gestützter Tools.
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