„Ewige Feindschaft“ im Wandel

Ein Mann läuft vor einer Mauer mit einem Anti-Amerika-Graffiti
Anti-Amerika-Graffiti an einer Wand der ehemaligen US-Botschaft in Teheran (Foto: picture alliance / SIPA | Yar/MEI)

„Tod Amerika“ gehört fest zur Rhetorik des iranischen Regimes. Antiamerikanismus im Iran ist jedoch älter als die Islamische Republik. Vor dem Hintergrund des aktuellen Krieges ist die Zukunft dieser jahrzehntealten Feindschaft ungewiss.

Von Farhad Payar

Abgesehen von Antisemitismus und Israelhass hat kein anderes Motiv die außenpolitische Identität der Islamischen Republik Iran so geprägt wie die Feindschaft zu den Vereinigten Staaten. Der aktuelle Iran-Krieg stellt dieses ideologische Fundament auf die Probe. Während das Regime den Konflikt als Beweis für eine Aggression der USA darstellt, reagieren viele Iranerinnen und Iraner deutlich ambivalenter. 

Ein Teil der Opposition sieht in der militärischen Schwächung des Systems eine Chance für politische Veränderungen. Einige Oppositionsfiguren, darunter der im Exil lebende Reza Pahlavi – Sohn des 1979 gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi – bedankten sich sogar öffentlich bei den USA. Anhänger:innen des Regimes hingegen fühlen sich in ihrer antiamerikanischen Haltung bestätigt.  

Die gegensätzlichen Reaktionen werfen eine grundlegende Frage auf: Welche Rolle wird Antiamerikanismus künftig noch spielen, sollte es im Iran tatsächlich zu einem grundlegenden Wandel, möglicherweise sogar zu einem Sturz des Regimes kommen?  

Historische Wurzeln des Antiamerikanismus

Die Ursprünge dieser Feindschaft reichen weit vor die Revolution von 1979 zurück. Ein entscheidender Bezugspunkt ist der Staatsstreich von 1953 gegen den damaligen Premierminister Mohammad Mossadegh. Der demokratische Politiker hatte die iranische Ölindustrie verstaatlicht und damit die Interessen westlicher Ölkonzerne herausgefordert.  

In Zusammenarbeit mit britischen Geheimdiensten organisierte die CIA den Putsch, Mossadegh wurde gestürzt und die Macht von Schah Mohammad Reza Pahlavi gefestigt. 

Für viele Iranerinnen und Iraner wurde dieses Ereignis zum Symbol ausländischer Einmischung in die nationale Politik. Besonders ältere Generationen verbinden damit bis heute ein tiefes Misstrauen gegenüber den USA. 

Ein zweites prägendes Ereignis folgte während der Revolution 1979. Im November besetzten radikale Studierende die US-Botschaft in Teheran und hielten 52 Mitarbeitende 444 Tage lang als Geiseln fest. Die Führung um Ayatollah Ruhollah Khomeini unterstützte die Aktion und nutzte sie, um den revolutionären Charakter des neuen Staates zu festigen und politische Gegner als „Vasallen Amerikas“ zu diskreditieren. 

Die Besetzung markierte den Beginn eines jahrzehntelangen Konflikts zwischen dem Iran und den USA, der unterschiedliche Sanktionen zur Folge hatte. Diese trieben den Iran in die internationale Isolation und an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. In staatlichen Medien und Schulbüchern wurde fortan das Bild eines feindlichen Amerikas gepflegt, das Iran politisch dominieren wolle.

Wer dieser Linie widersprach, geriet schnell unter Druck. Ein Beispiel ist Abbas Abdi, selbst einer der damaligen Botschaftsbesetzer:innen. Als sein Meinungsforschungsinstitut Anfang der 2000er Jahre eine Umfrage veröffentlichte, der zufolge eine Mehrheit der Bevölkerung für eine friedliche Koexistenz mit den USA sei, wurde er zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt – die Haftstrafe wurde allerdings nach einigen Monaten aufgehoben. 

Wandel in der iranischen Gesellschaft

Paradoxerweise ist unter jüngeren Generationen die Ablehnung der USA deutlich schwächer ausgeprägt als in der offiziellen Rhetorik des Staates. Viele im Iran unterscheiden zwischen der US-Regierung und der amerikanischen Gesellschaft. In sozialen Medien zeigt sich häufig eine überraschend positive Haltung gegenüber der amerikanischen Kultur und Wissenschaft. 

Selbst unter ehemaligen Botschaftsbesetzer:innen hat sich der Blick auf die Ereignisse von 1979 teilweise verändert. Einige erklärten später, die Geiselnahme habe dem Iran langfristig geschadet. 

Die Ironie der Geschichte zeigt sich im privaten Leben mancher Beteiligter: Während sie einst als Symbolfiguren des Antiamerikanismus galten, lebten später Familienmitglieder einiger Besetzer:innen in den USA, etwa der Sohn von Masoumeh Ebtekar, die als Sprecherin der Besetzer:innen bekannt wurde, später Familienministerin war und auch als eine Vizepräsidentin diente. 

Hoffnung und Misstrauen im Iran

Der aktuelle Krieg könnte die ambivalente Haltung der Iraner:innen in Bezug auf die USA verändern. Militärische Konflikte stärken oft nationale Solidarität und können antiwestliche Stimmungen verstärken.  

Sollte ein Sturz der Islamischen Republik mit militärischem Druck von außen erzwungen werden, könnten viele dies als erneute ausländische Intervention wahrnehmen – ähnlich wie 1953. Wenn es dagegen zu einer Einigung mit Teilen des bestehenden Systems kommt, dürfte die Enttäuschung vieler Regimegegner:innen groß sein. 

Die Geschichte zeigt, dass autoritäre Systeme selten allein durch militärischen Druck zusammenbrechen. Politische Umbrüche entstehen meist erst, wenn äußerer Druck mit Machtkämpfen innerhalb der Elite und gesellschaftlicher Mobilisierung zusammentrifft. Zudem verfügt das iranische System über eine bemerkenswerte institutionelle Widerstandsfähigkeit. Besonders die Revolutionsgarden können in Krisenzeiten rasch neue Kommandeure hervorbringen. 

Sollte die amerikanisch-israelische Intervention aber tatsächlich zur Entstehung eines demokratischeren Systems beitragen, könnte sich das Bild Amerikas im Iran auch grundlegend verbessern. Dies wird allerdings auch stark davon abhängen, welche Rolle Washington in einem möglichen politischen Umbruchsprozess spielt.  

 

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