„Eines Tages fahren wir von Damaskus nach Jerusalem“
„Gott sei Dank geht es mir gut. Ich danke Gott für alles“, sagt Henry Hamra in einem Englisch, wie man es in Brooklyn spricht. Wo er die ersten 15 Jahre seines Lebens verbracht hat, hört man ihm nicht an: in seinem Heimatland Syrien. Hamra erinnert sich noch genau an den Tag vor 34 Jahren, an dem seine Familie das Land verlassen hat. Sein Vater, Rabbi Yosef Hamra stand in der Küche, ein Glass Wasser in der Hand, und sagte: „Ich weiß nicht, wann wir dieses Wasser wieder trinken werden.“
Es war keine leichte Entscheidung zu gehen. Hamras Mutter konnte nicht aufhören zu weinen, war doch das Haus voller Erinnerungen. Erst ein Jahr zuvor hatten sie es renoviert, alle ihre Söhne hatte sie hier zur Welt gebracht. Nichtsdestotrotz gab es in Syrien „keine Zukunft für uns“, erinnert sich Hamra.
Ohnehin waren die Hamras bereits länger geblieben als die meisten jüdischen Syrer:innen. Auf ihrem Höhepunkt zählte die jüdische Community 50.000, manchen Schätzungen zufolge sogar 60.000 Mitglieder. Aber schon im 19. Jahrhundert, zur Zeit des beginnenden Niedergangs des Osmanischen Reichs angesichts der sich ausbreitenden europäischen Kolonialmächte, begann die Emigration der syrischen Jüdinnen und Juden.
In den islamischen Imperien wurde Jüdinnen und Juden wie anderen religiöse Minderheiten der Status nicht-muslimischer Untertanen, genannt dhimmis, zugesprochen. Dieser Status gewährte ihnen Schutz und erlaubte einen Grad an religiöser Freiheit und rechtlicher Autonomie, wobei sie gleichzeitig einige rechtliche und soziale Einschränkungen erlebten.
Als mit zunehmendem europäischen Einfluss auch die christlichen Konfessionen an Bedeutung gewannen, wuchs die Angst vor einer Machtverschiebung. Diese Ängste entluden sich in religiöser Gewalt, zu deren Zielscheibe Jüdinnen und Juden wurden. Immer mehr wählten die Emigration.
Syriens jüdische Gemeinde existiert praktisch nicht mehr
„Die Zeit, die ich erlebt habe, war nicht so hart wie die meines Vaters“, sagt Hamra. Sein Vater, Rabbi Yosef Hamra wurde 1948 geboren, im Jahr der Gründung des Staates Israel. Obwohl es in Syrien schon früher zu religiöser Gewalt gegen Jüdinnen und Juden gekommen war, begann erst nach dem UN-Teilungsplan von 1947 die Massenabwanderung. Diese meißelte das Vorhaben in Stein, im britischen Mandatsgebiet Palästina einen Staat für Jüdinnen und Juden etablieren.
Bei Ausschreitungen gegen die jüdische Gemeinde wurden 75 Menschen getötet, hunderte verletzt und Teile des historischen jüdischen Viertels in Damaskus zerstört. Zum Ende des Jahres 1948 war die einst große Community auf nicht mehr als 5.000 syrische Juden und Jüdinnen geschrumpft.
Für sie wurde das Leben in Syrien immer schwieriger. Gesetze wurden erlassen, die es ihnen verboten auszuwandern, Eigentum zu verkaufen, in der Verwaltung oder im Bankensektor zu arbeiten und die ihr Recht auf Bewegungsfreiheit einschränkten. Auch wenn manche dieser Restriktionen mit der Zeit abgeschwächt wurden, blieb die Regierung misstrauisch: Die Gemeinde stand unter ständiger Überwachung durch die Geheimpolizei.
Assads langer Schatten
In Syrien war Minderheitenschutz schon immer ein Vorwand, um religiöse und ethnische Gruppen gegeneinander auszuspielen. Wir Syrer müssen uns gegen die Instrumentalisierung unserer Identitäten wehren – denn auch die neue Regierung setzt auf Spaltung.
Hamra erinnert sich nicht nur an die Verfolgung seines Glaubens, sondern auch an ein Gefühl der Zusammengehörigkeit in seiner Kindheit. „Wir haben alle zusammengelebt“, sagt er, „ich war mit allen befreundet, auch mit Palästinenser:innen.“ Viele hätten nicht mal gewusst, was Jüdisch-Sein bedeutete.
Es war die Verantwortung seines Vaters als Rabbi und Oberhaupt der schwindenden jüdischen Gemeinde, die die Familie trotz des zunehmenden Drucks im Land hielt. In den frühen 1990er-Jahren nutzten die verbliebenen Jüdinnen und Juden dann eine kurzzeitige Aufweichung des Auswanderungsverbots des Assad-Regimes und verließen ihre Heimat. Damit war die jüdische Gemeinde Syriens praktisch ausgelöscht. Im Jahr 1998 waren nur noch 250, vor allem ältere, Menschen übrig.
„Das Ziel ist, die Grundlage für eine Rückkehr zu schaffen“
Nachdem das Assad-Regime vor über einem Jahr überraschend gestürzt worden war, kehrte Hamra auf Einladung der neuen Machthaber aus New York nach Syrien zurück. Er besuchte sein altes Zuhause und fand es in Trümmern.
„Das war ein schwerer Anblick“, sagt Hamra. Jetzt habe er mit der Renovierung begonnen. „Ich will, dass es so wird, wie es einmal war“, erklärt er und meint damit nicht nur das Haus der Familie, sondern die Möglichkeit jüdischen Lebens in Syrien überhaupt.
Nachdem er bei den ersten Wahlen unter der neuen Regierung erfolglos um einen Sitz im syrischen Parlament kandidiert hatte, gründete Hamra die erste jüdische NGO des Landes. Die Stiftung für jüdisches Erbe in Syrien führt 16 Synagogen auf, die über das ganze Land verteilt liegen und alle renovierungsbedürftig sind. „Das Ziel ist es, die Grundlage für eine Rückkehr nach Syrien zu schaffen“, so Hamra.
Anders als in Europa wurden die Jüdinnen und Juden unter der Herrschaft der Osmanen nicht gezwungen, in Ghettos zu leben. Sie konnten die Bildung und Verwaltung ihrer Glaubensgemeinschaft unabhängig organisieren. Wichtige Bestandteile des jüdischen Lebens wie Gebetskreise, Ritualbäder, koscheres Essen, religiöse Schulen oder Friedhöfe waren vor allem in den urbanen Zentren wie Aleppo oder Damaskus zu finden.
So etwa die Dschobar-Synagoge am Rande der syrischen Hauptstadt, die Henry Hamra besonders fasziniert. Als eine der ältesten Synagogen der Welt zeugt sie von der jahrtausendealten jüdischen Präsenz im Land. Jüdinnen und Juden siedelten sich in Syrien an, nachdem die Römer den Zweiten Tempel in Jerusalem zerstört hatten.
Eine frühere Inschrift in der Synagoge erzählte davon, dass das Gotteshaus vom Propheten Elischa selbst gegründet worden sein soll. Heute ist von ihr nur noch ein Haufen Schutt übrig. Wie viele Gebäude in den Vororten von Damaskus ist auch die Synagoge im Bürgerkrieg bei Kämpfen zerstört worden.
Seit Assads Sturz ist Hamra viermal nach Syrien gereist. Jedes Mal wuchs seine Delegation um ein paar Mitglieder der syrisch-jüdischen Diaspora. Viele aus Syrien stammende US-Amerikaner:innen wollen zurückkommen, wenn auch nur für einen Besuch. Die meisten von ihnen haben noch nie syrischen Boden betreten, identifizieren sich aber als Syrer:innen. Sie wollen sehen, wo ihre Großväter, wo ihre Väter gelebt haben, wo sie zur Synagoge oder Schule gingen. Eines Tages, hofft Hamra, werden sich manche für immer in Syrien niederlassen.
Als Hamra im September letzten Jahres bei der Parlamentswahl antrat, war er der erste jüdische Kandidat seit den 1940er-Jahren. Er warb im Wahlkampf damit, „eine bessere Zukunft gemeinsam mit unseren syrischen Mitbürger:innen aufzubauen — eine Zukunft, in der Synagogen, Moscheen und Kirchen friedlich Seite an Seite stehen“.
Vertreter des neuen Regimes hatten Hamra zu seiner Kandidatur ermutigt. Auch wenn er nicht ins Parlament gewählt wurde, hofft er nun, direkt von Interimspräsident Ahmed al-Scharaa zum Abgeordneten ernannt zu werden. Dieser ist für die Besetzung eines Drittels der Parlamentssitze zuständig. Eine Regelung, die weithin als Versuch kritisiert wurde, al-Sharaas eigene Machtposition zu stärken.
Allianz eines Ex-Islamisten und eines syrischen Juden?
2025 strichen westliche Länder wie die USA und das Vereinigte Königreich Hay’at Tahir al-Scham von ihren Terrorlisten und hoben später auch die Sanktionen gegen deren Anführer Ahmed al-Scharaa auf. Seitdem hat sich dessen pragmatischer Ansatz als wirkungsvoll erwiesen, Sanktionen wurden ausgesetzt und ausländische Investitionen angelockt. Die Beziehungen zum Westen konnte er weitgehend normalisieren.
Die auf den ersten Blick unwahrscheinliche Allianz zwischen einem ehemaligen Islamisten und einem führenden Kopf der syrisch-jüdischen Gemeinde basiert laut Hamra auf dem gemeinsamen Ziel, Syrien wieder aufzubauen. „Syrien ist ein großartiges Land und ich will etwas zurückgeben“, sagt er. Neben der Möglichkeit eines gelebten religiösen Pluralismus gebe es viele Menschen in der Diaspora, die „in Syrien Geschäfte machen wollen.“
Trotz der Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, bleibt eine gewisse Unsicherheit. Berichte über Massaker und Gewalt gegen Minderheiten in Latakia und Suwaida haben Ängste vor einer ethno-religiösen Spaltung der Bevölkerung geschürt. Israels Unterstützung der drusischen Anführer eskalierte mit der Bombardierung von Damaskus im vergangenen Juli, der zweite Angriff seit dem Ende des Assad-Regimes. Darüber hinaus hat Israel seine Besatzung im Süden Syriens ausgeweitet, Verhandlungen zu deren Beendigung blieben bislang erfolglos.
Und dennoch bleibt Hamra optimistisch: „Die einzige Antwort ist Frieden, alle haben genug vom Krieg. Alle wollen ihre Kinder mit am Tisch sitzen haben“, sagt er. Seiner Ansicht nach sollte Syrien sich nicht auf eine einzelne Religion oder Kultur festlegen, sondern stärker im Interesse des Landes handeln. „Wer weiß, vielleicht können wir eines Tages ins Auto steigen und von Damaskus nach Jerusalem fahren“, sagt Hamra. So weit hergeholt sei das nicht.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übersetzt von Jana Treffler.
© Qantara.de