"Wohin geht die türkische Gesellschaft?"

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Rainer Hermann zählt zu den kompetentesten deutschen Auslandskorrespondenten und versiertesten Kennern der Türkei. In seinem jüngst erschienen Buch beschreibt er den politischen und gesellschaftlichen Wandel am Bosporus.

Von Semiran Kaya
Rainer Hermann; Foto: Helmut Fricke
"Wohin geht die türkische Gesellschaft?" - In seinem Buch zieht Rainer Hermann Bilanz nach 12 Jahren Korrespondententätigkeit für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Foto: Helmut Fricke

​​Über die Türkei zu schreiben, bedeutet über Gegensätzliches zu schreiben. Kaum ein anderes Land erzeugt so unterschiedliche Bilder und Emotionen wie die Türkei.

Warum das so ist, und weshalb Gesetzesreformen das Land von Grund auf politisch ändern oder aber in ein Desaster stürzen können, erfährt der Leser bei der Lektüre von Rainer Hermanns neuesten Buch "Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei".

Aufgeteilt in drei große Teile, gelingt es dem Autor, den Leser mit auf eine ungewöhnliche Reise mitzunehmen. Auf die gesellschaftlichen Veränderungen - insbesondere die der letzten zehn Jahre - fokussierend, zeigt Hermann auf, warum dem Land ein Absturz droht, obgleich es eigentlich nach politischen Lösungen sucht.

Die Illusion der nationalen Homogenität

Die politischen, ökonomischen und militärischen Verflechtungen sind manchmal selbst für Experten schwer zu entschlüsseln. Für den Leser ist es daher ein Gewinn, dass der Autor ein Journalist ist. Nicht nur weil Hermann komplizierte Sachverhalte verständlich wiedergeben kann, sondern weil er insgesamt 17 Jahre lang in der Türkei gelebt hat und daher in der Lage ist, einen tiefen, sachkundigen Einblick zu gewähren.

Treffend drückt er das bis heute gültige Grundproblem des Landes mit einem Zitat aus einer türkischen Zeitung aus den 50er Jahren aus: "Das Volk hat die Badeorte überflutet, die Bürger können nicht mehr baden."

Diese Schlagzeile reflektiert das damalig vorherrschende kemalistische Staatsverständnis: Auf der einen Seite gibt es die Bürger, die das Gemeinwesen konstituieren – auf der anderen Seite gibt es das ungebildete "Volk", das für Staat und Politik keine Rolle spielt.

Heute dagegen sind aus dem ungebildeten anatolisch-frommen "Volk" gewöhnliche Bürger hervorgegangen. Mit der regierenden AKP hat die alte kemalistische Elite Konkurrenz bekommen - ausgerechnet durch jene Gruppierung, die schon Staatsgründer Mustafa Kemal aus dem Staatskonzept ausschließen wollte: die gläubigen Muslime.

"Kraftspender" türkischer Nationalismus

Eindrucksvoll beschreibt der Islamwissenschaftler Hermann, weshalb es nicht zutrifft, dass die AKP das Land islamisiere. Vielmehr nationalisiere das Militär die Religion.

Nüchtern beschreibt Hermann wie sehr der Laizismus Atatürks zu einer Ersatzreligion wurde, der "Kraftspender" türkischer Nationalismus, der sich in allen Gesellschaftsschichten wieder findet, zunehmend an Wirkung verliert und - wie manche Bürger die Landesflagge mehr lieben als ihr Land selbst, wie der Nationalismus sich also zunehmend verselbstständigt.

Mit der für ihn bezeichnenden Mischung aus Sympathie für die Türkei einerseits und rationaler Analyse andererseits, versteht es Hermann, die gesellschaftlichen Umbrüche in der Türkei präzise zu beschreiben. Selbst für Türkeiexperten bietet sein Buch viele aufschlussreiche "Aha"-Momente. So erfährt der Leser zum Beispiel, dass sich der Generalstab den Verteidigungshaushalt selbst genehmigen darf.

Erdogan - der "Realo aus dem Hafenviertel"

Seit sich mit der Wahl der islamischen AKP in der Türkei eine Gegenelite gebildet hat, findet ein "Kulturkampf" statt, so die Hauptthese Hermanns. Der gesellschaftliche Wandel enthülle die Homogenität der Nation als Fiktion. Ein Wandel, bei dem es nicht um die Religion in der Politik, sondern in der Gesellschaft geht. Eine Auseinandersetzung, die arabische Länder mit Interesse verfolgen.

Doch auch in Bezug auf die Geschichte Deutschlands ist das Buch aufschlussreich: der türkische Kulturkampf weise unverkennbare Parallelen zum Kulturkampf unter Reichskanzler Bismarck auf, meint Hermann.

​​Eindrucksvoll schildert er zudem, wie sich die moderne türkische Gesellschaft zunehmend von den kemalistischen Fesseln löst und sich immer mehr Bürger über ihre Kultur definieren, abseits des von oben verordneten Türkentums, sprich der Staatsideologie.

Ministerpräsident Recep Tayip Erdogan beschreibt Hermann als einen "Realo aus dem Hafenviertel", der trotz der Faktoren Religion und Militär den Spielraum der Demokratie vergrößern will.

"Wohin geht die türkische Gesellschaft?" ist ein spannendes, komplexes Buch, das sich stellenweise wie ein Krimi liest. Nicht, weil Hermann dem Leser fast ein "Who is who" der türkischen Unterwelt mit ihren Verstrickungen bis in die höchsten Etagen von Politik und Militär präsentiert.

Tiefe Einblicke in das Machtgefüge des Staates

Vielmehr, weil der Autor einen umfassenden Einblick in die politischen Mechanismen des Landes bietet und erläutert, warum autoritär geprägte Staaten wie die Türkei lieber mit den stets gleichen Problemen kämpfen, jedoch dabei selber mehr Konfliktpotenziale schaffen, als Demokratie und individuelle Freiheiten stärken.

Auch wenn sicher mehr Reportagen wünschenswert gewesen wären und einige Namen weniger das Personal übersichtlicher gestaltet hätten: Hermanns Buch sticht aus der Eintönigkeit der zahlreichen Türkei-Sachbücher hervor - nicht zuletzt auch deshalb, weil er die Reformdenker, die das Land im Laufe seiner Geschichte hervorgebracht hat, angemessen würdigt.

Ob es das Militär, das Kopftuch, der Ehrenmord oder der EU-Beitritt ist – das Buch verdeutlicht, dass gerade aktuelle Konflikte, wie sie zwischen alter und neuer Elite herrschen, ihre Wurzeln in der Geschichte des Landes haben. Insofern bietet "Wohin geht die türkische Gesellschaft?" unvoreingenommene Einsichten und Hintergründe - ganz gleich, wie man politisch zur Türkei steht.

Semiran Kaya

© Qantara.de 2008

Rainer Hermann: Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei, München: dtv 2008, 320 S.