Wenn Rassismus kaum greifbar ist

München, Dezember 2025: Fahrgäste warten auf dem Bahnsteig am Bahnhof Odeonsplatz, während ein Zug der Linie U5 in Richtung Neuperlach Süd einfährt. (Foto: picture alliance / Wolfgang Maria Weber)
Mehr als die Hälfte derer, die Diskriminierung erleben, melden dies nie. Viele Vorfälle ereignen sich im Alltag. (Foto: Picture Alliance / W. M. Weber)

In Deutschland ist Diskriminierung oft subtil. Statt offener Feindseligkeit erleben viele Migrant:innen beiläufige Bemerkungen oder Momente des Schweigens. Schwer lässt sich dann Rassismus nachweisen, doch Betroffene können das Erlebte nicht vergessen.

Essay von Sayed Jalal Shajjan

Es war im Juli 2020, am frühen Nachmittag, als wir das Krankenhaus anriefen, zum zweiten innerhalb einer Stunde. Die Covid-Pandemie war im vollen Gange und wir wurden zum ersten Mal Eltern. Die Masken und Sicherheitsmaßnahmen isolierten uns während dieser ohnehin schon einschüchternden Erfahrung noch mehr.

Unseren ersten Anruf in der Frauenklinik des Stuttgarter Krankenhauses hatte eine junge Stimme entgegengenommen. Es gebe genug Betten, sagte sie. Da es unser erstes Kind sei, könnten die Wehen eine Weile dauern. Wir sollten ruhig bleiben, uns beschäftigen und beobachten, wie sich die Situation entwickelt. „Lassen Sie eine Maschine Wäsche laufen oder bügeln Sie, lenken Sie sich ab“, schlug sie vor.

Wir waren erleichtert. Meine Frau versuchte, dem Rat zu folgen, doch innerhalb der nächsten dreiviertel Stunde wurden die Wehen stärker. Gegen halb zwei riefen wir erneut an. Dieselbe Stimme nahm ab. Dieses Mal fragte sie nach der Frequenz der Wehen und kam zu dem Schluss, dass wir kommen sollten. Sie nahm die Formalia auf und fragte nach dem Namen meiner Frau.

Meine Frau ist in Deutschland aufgewachsen und hier zur Schule gegangen. Im Gegensatz zu meinem gebrochenen, grammatikalisch nicht korrekten Deutsch deutet nichts in ihrer Stimme auf etwas „Fremdes“ hin. Sie nannte ihren Namen: „… Ahmad“. Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause, kurz, aber bemerkbar.

„Tut mir leid“, sagte die Stimme in flachem Ton. „Wir haben gerade keine Kapazitäten“. Meine Frau war irritiert und antwortete: „Aber vor weniger als einer halben Stunde haben Sie uns gesagt, es gebe genug Betten.“ „Haben wir jetzt aber nicht mehr“, widersprach die Stimme und legte auf.

Einen Moment lang sahen wir uns nur an. Wir hatten keine Zeit, das Geschehene zu verarbeiten. Wir rafften die Taschen zusammen, die meine Frau vorbereitet hatte, und fuhren ins Krankenhaus am anderen Ende der Stadt. 

Die Wehen wurden stärker. Zeit war plötzlich kostbar und die Sekunden an der roten Ampel fühlten sich an wie Stunden. Während wir auf Grün warteten, rief meine Frau erneut im Krankenhaus an und die Rezeptionistin hieß uns willkommen. 

Als wir ankamen, setzte ich meine Frau am Eingang ab und beeilte mich, das Auto zu parken. Als ich zurückkam, lag meine Frau bereits im Kreißsaal. Um exakt 15.30 Uhr wurde mein erster Sohn geboren. 

In den folgenden Wochen und Monaten, als alles etwas ruhiger wurde, kehrten wir zu der Situation am Telefon zurück. Wir versuchten zu verstehen. Vielleicht hatte sich die Lage im Krankenhaus tatsächlich innerhalb weniger Minuten geändert. Vielleicht gab es wirklich keine freien Betten? Wir ließen die Szene wieder und wieder vor unserem inneren Auge abspielen und testeten logische Erklärungen.

Doch wir blieben an dieser Pause hängen. Wir stellten uns eine Frage, die gleichzeitig simpel und doch unmöglich zu beantworten war: War das Rassismus?

Die Hierarchie des Leids

Oft habe ich solche Situationen mit anderen Afghan:innen diskutiert. Und immer kommen wir zum selben Schluss: Wir können mit solchen Dingen umgehen. Verglichen mit der Entrechtung in unserem Heimatland sind solche Vorfälle nicht der Rede wert.

Doch in dieser Haltung steckt eine tragische Logik. Es ist schwierig, einen abwertenden Ton oder eine verschlossene Tür gegen all die systematische Gewalt und die Instabilität aufzuwiegen, die viele hinter sich gelassen haben. Auf einer solchen Skala des Leids wirken die Mikroaggressionen in der deutschen Gesellschaft klein.

Durch einen solchen Vergleich lenken wir die Aufmerksamkeit jedoch von unseren Erfahrungen ab. Es entsteht eine Hierarchie, in der nur die sichtbarsten Ungerechtigkeiten ernst genommen werden. Mehr als die Hälfte der Menschen, die in Deutschland Diskriminierung erfahren, melden diese nie. Nicht weil nichts passiert ist, sondern weil sie es nicht beweisen können.

Obwohl meine Frau sagt, sie hätte in den mehr als zwanzig Jahren in Deutschland nie Diskriminierung erfahren, diskutieren wir bis heute über den Vorfall am Tag der Geburt unseres Sohnes. Was die Sache so schwierig macht, ist nicht nur die Frage, was passiert ist, sondern auch, wie es passierte. Es gab keine Beleidigung oder explizite Ablehnung, nichts Offensichtliches. Nur ein veränderter Ton, eine Verweigerung des Krankenhausbetts und eine Tür, die ohne Erklärung vor unserer Nase zuging.

Ein Mann mit schwarzem Haar und Bart im Hemd steht in einem großen Raum.
Sayed Jalal Shajjan ist freiberuflicher Journalist und lebt in Deutschland. Er hat in Afghanistan, Großbritannien sowie in verschiedenen Ländern Europas und des Nahen Ostens gelebt und gearbeitet. (Foto: privat)

Uneindeutige Momente wie in unserem Fall sind keine isolierten Vorkommnisse. Ausgrenzende Haltungen haben an politischer Sichtbarkeit gewonnen, unter anderem durch die rechtspopulistische AfD. Laut Deutschlandtrend hat die Partei im Mai neue Höchstwerte erreicht und ist zur beliebtesten Partei Deutschlands geworden. In diesem politischen Klima wird es immer schwieriger, angespannte Momente im Alltag richtig zu interpretieren.

Vor einigen Jahren wurde ich in der Londoner U-Bahn Zeuge, wie eine Frau einen jungen südasiatisch aussehenden Mann anschrie, er solle „zurück nach Indien“ gehen. Die rassistische Feindseligkeit war direkt und eindeutig.

In unserem Fall aber ist die Unsicherheit Teil der Erfahrung. Wir konnten den Moment schwer erklären und es war sogar uns selbst gegenüber leicht, ihn einfach abzutun. Bei solchen Interaktionen trägt plötzlich die Person die Verantwortung, die Diskriminierung erfährt: Stellt man die Frage nach Diskriminierung, wird man möglicherweise als übersensibel abgestempelt. Akzeptiert man die Situation, bleibt der Zweifel, was tatsächlich vorgefallen ist. 

Institutionell gelten nur eindeutige Verstöße

In Deutschland gibt es seit 20 Jahren das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG); es verbietet Diskriminierung aufgrund fast aller von außen erkennbarer Merkmale. Doch Fälle wie der unsere werden selten juristisch behandelt. Nicht weil sie nicht wichtig wären, sondern weil sie nahezu unmöglich zu beweisen oder in die Sprache der Institutionen übersetzbar sind. Systeme sind darauf ausgelegt, klare Verstöße zu ahnden, nicht das Zögern, den Ton oder Gesprächspausen. Was nicht klar benannt werden kann, bleibt oft ungesehen.

Und doch wird gerade in solchen Momenten eine andere Art von Grenze sichtbar. Keine, die offen erklärt, sondern eine, die stillschweigend durchgesetzt wird. Sie schließt Menschen nicht gänzlich aus, sondern sorgt für Zweifel, Verzögerungen und Distanz. Sie signalisiert, ohne es ausdrücklich zu sagen, dass die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft an Bedingungen geknüpft ist.

Diese Momente des Zögerns sagen viel darüber aus, wie Rassismus heute erlebt wird. Nicht immer durch offene Feindseligkeit, sondern durch Momente, die so gering erscheinen, dass sie abgestritten werden können. Gleichzeitig sind sie so treffsicher, dass man sie nie vergisst.

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis.

 

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