„Antisemitismus wird zum Teil hier in Deutschland gelernt“
Qantara: Sie haben kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der Sie die These des importierten Antisemitismus untersuchen. Hatten Sie angesichts der aufgeheizten Situation Sorge, missverstanden zu werden?
Neta-Paulina Wagner: Uns war die Brisanz natürlich bewusst. Sie war auch Auslöser der Studie. Die Sicherheitslage für Jüdinnen und Juden hat sich in Deutschland zugespitzt, wir haben einen massiven Anstieg antisemitischer Vorfälle gesehen. Gleichzeitig gab es auch einen starken Anstieg antimuslimischen Rassismus. In dieser aufgeheizten Situation dominierte in Politik und Medien eine Erklärung: die These vom sogenannten importierten Antisemitismus.
Also die Vorstellung eines Antisemitismus, der primär durch Migrant:innen, besonders aus mehrheitlich muslimischen Ländern, eingeschleppt wurde.
Unsere Frage war: Stimmt diese These? Oder erfüllt sie eine Funktion – etwa im Zusammenhang mit Muslimfeindlichkeit in Deutschland? Als wir die Ergebnisse veröffentlichten, hatten wir Sorge, dass einzelne Befunde verkürzt oder aus dem Kontext gerissen würden. Deshalb ist es uns wichtig, klarzustellen, dass es sich um eine explorative Studie handelt. Wir wollen den Austausch mit der wissenschaftlichen Community suchen und eine Weiterentwicklung der Antisemitismusforschung anstoßen.
Fazit Ihrer Studie ist, dass die These vom importierten Antisemitismus nicht haltbar ist. Aber die Ergebnisse zeigen, dass die Gruppe von muslimisch geprägten Befragten signifikant öfter antisemitischen Aussagen zustimmt als die Gruppe der Mehrheitsgesellschaft. Wischen Sie damit nicht den Antisemitismus in bestimmten Kreisen beiseite?
Wir wischen nichts beiseite, sondern differenzieren – das ist ein wichtiger Unterschied. Die Studie benennt die Problemfelder sehr klar und die Zahlen liegen auf dem Tisch. Beim israelbezogenen Antisemitismus zum Beispiel ist die Zustimmung der muslimisch geprägten Gruppe mit 28 Prozent fast dreimal so hoch wie in der Mehrheitsgesellschaft. Auch bei bestimmten Aussagen des sekundären Antisemitismus.
... also einem Antisemitismus, der speziell in Deutschland in erster Linie einer Schuld- oder Erinnerungsabwehr dient und der oft mit einer Umkehr von Tätern und Opfern einhergeht.
Bei einer Frage, in der es um die Täter-Opfer-Umkehr geht, ist die Zustimmung bei der Gruppe muslimischer Befragter ebenfalls fast dreimal so hoch. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – die Ergebnisse beweisen nicht die These, dass der Antisemitismus importiert ist. Sie zeigen vielmehr im Gegenteil, dass Antisemitismus keine starke kulturelle Eigenschaft ist. Antisemitismus wird zum Teil hier in Deutschland gelernt.
Ein Beispiel, das dies untermauert: Wir haben uns die Bekanntheit des Begriffs „Jude“ als Schimpfwort angesehen. Unter neu Zugewanderten kennen das nur 11 Prozent aus ihrer Kindheit, aber hier geborene Personen mit Migrationshintergrund der zweiten Generation zu 42 Prozent. Das heißt, dieser Antisemitismus ist nicht etwas, was in den Koffer gepackt wurde, sondern das hier erlernt wurde auf einem deutschen Schulhof. Und in Teilen der Mehrheitsgesellschaft haben wir ebenfalls relevante, teils signifikant höhere Quoten antisemitischer Einstellungen gemessen – dahinter steckt kein Import, sondern politische Orientierung.
Anleitung zur Differenzierung
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Wie interpretieren Sie dann, dass neu zugewanderte Personen häufiger Aussagen zustimmen, die sekundären Antisemitismus ausdrücken, als Personen, die schon länger da sind?
Wir haben hier verschiedene Problematiken. Bei bestimmten Aussagen gibt es tatsächlich erhöhte Werte, nicht bei allen. Eine dieser Aussagen bezieht sich auf Deutschland, da heißt es: „Mich nervt es, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören.“ Das ist eine klare, schuldabweisende Formulierung, wie sie vor dreißig Jahren in der Forschung entwickelt wurde.
Doch wir stoßen hier an Grenzen, weil unsere Messinstrumente für eine vermeintlich homogene westdeutsche Nachkriegsgesellschaft entwickelt wurden. Was messen wir damit bei einer Person, deren Familie erst vor zehn, zwanzig Jahren aus der Türkei oder aus Syrien eingewandert ist? Wenn sie diesem Satz zustimmt, liegt das sicher nicht an einem Schuldgefühl oder familiärem Bezug auf die Shoah.
Nun könnte es gut sein, dass die Zustimmung auf Basis antisemitischer Ressentiments entsteht. Aber es könnte auch anders sein. Wir wissen es noch nicht. Vielleicht liegt die Zustimmung an einer empfundenen Ungleichbehandlung? Hat die Person etwa das Gefühl, dass jüdisches Leid in Deutschland proportional mehr anerkannt wird oder jüdische Menschen einen besonderen Schutz in Deutschland genießen?
Deshalb sagen wir ganz klar: Das ist eine explorative Studie. Wir brauchen dringend neue erinnerungssensible Abfragen, die unterschiedliche Erfahrungen und Konfliktlinien abbilden, die in der postmigrantischen deutschen Gesellschaft existieren.
Wäre es eine Bestätigung der These vom importierten Antisemitismus, wenn sich bestätigen würde, dass einer Aussage wie der von Ihnen genannten aus antisemitischen Beweggründen zugestimmt wird?
Das wäre verkürzt und somit nicht richtig. Die These besagt ja, dass Antisemitismus in eine Gesellschaft hineingebracht wird, die vermeintlich aufgeklärt ist und mit Antisemitismus abgeschlossen hat. Deshalb ist es so wichtig, sich den Kontext der Mehrheitsgesellschaft anzugucken.
Bei der Aussage „Mich nervt es, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“ liegt die Zustimmung von Personen mit muslimischem Hintergrund bei um die dreißig Prozent. Bei den AfD-Wähler:innen aber, als Beispiel aus der Gruppe der Mehrheitsgesellschaft – und das sind ja immerhin um die zwanzig Prozent der Wahlberechtigten – stimmen weit über fünfzig Prozent zu.
Es ist also kein Import, wenn sekundärer Antisemitismus hier genauso existiert, und das mit teils höheren Werten. Vielmehr sehen wir in der Mehrheitsgesellschaft einen deutlichen Zusammenhang zwischen parteipolitischen Präferenzen und antisemitischen Einstellungen.
Ist die Importthese schon hinfällig, wenn man zeigt, dass in der Mehrheitsgesellschaft ebenso Antisemitismus herrscht? Muss man sich den Antisemitismus in migrantischen Gruppierungen dann gar nicht ansehen?
Nein. Das Ganze hat ja einen Zweck. Antisemitismus ist eine reale Bedrohung für Jüdinnen und Juden in Deutschland. Wenn wir dies angehen möchten, müssen wir uns angucken, wo die realen Gefahren sind und wie stark Antisemitismus in welchen Segmenten zu finden ist. Dabei sehen wir dann auch: Es gibt nicht die Schablone, um Antisemitismus zu bekämpfen.
Derzeit aber werden sehr viele Ressourcen darauf verwendet, den vermeintlich importierten Antisemitismus zu bekämpfen. Ich würde also überhaupt nicht argumentieren, dass wir den Antisemitismus aus mehrheitlich muslimischen Gruppierungen nicht bekämpfen müssen. Aber die Problematik scheint in einem anderen Teil der Gesellschaft deutlich größer zu sein und dort wird sie im Moment ignoriert.
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In der Studie haben Sie auch festgestellt, dass diejenigen, die die These vom importierten Antisemitismus unterstützen, oft selbst verdeckte antisemitische Einstellungen haben. Wie erklären Sie das?
Diejenigen, die am lautesten „importierter Antisemitismus“ rufen, befürworten auch häufiger antisemitische Aussagen. Besonders deutlich wird dies bei der erinnerungskritischen Aussage „Mich nervt es, ... “. Wer dem zustimmt, wird nicht wirklich am Schutz von Jüdinnen und Juden interessiert sein.
Zusätzlich haben wir auch muslimfeindliche Einstellungen abgefragt und was wir sehen, ist eine sehr starke statistische Korrelation zwischen Personen, die der Importthese zustimmen und sowohl antisemitischen als auch muslimfeindlichen Aussagen zustimmen. Das lässt vermuten, dass diese Gruppe versucht, Antisemitismus zu externalisieren und mit der Abwertung von Muslim:innen Schuld von sich abzuweisen.
Widerlegen Sie mit Ihrer Studie die These, dass Antisemitismus unter Linken weit verbreitet ist?
Viele Personen berichten, dass sie wesentlich mehr Antisemitismus aus dem linken Milieu wahrnehmen als zuvor. Ich glaube, es gibt sehr wohl Antisemitismus in der Linken. Das ist wenig verwunderlich, denn Antisemitismus ist ja eine Weltsicht, in der die Existenz der Juden die Ursache aller Probleme ist, also ein Schwarz-Weiß-Denken, von dem Linke nicht verschont bleiben. Genauso wenig wie alle anderen Personen.
Gleichzeitig sprechen unsere Daten eine sehr deutliche Sprache, die dieser Wahrnehmung und dem entsprechenden Diskurs widerspricht. Sie zeigen deutlich, dass antisemitische Einstellungen unter Linken- und Grünenwähler:innen am wenigsten verbreitet sind. Durchweg.
Was ist Ihr persönliches Fazit?
Im Endeffekt geht es darum, Jüdinnen und Juden ein sicheres Leben in Deutschland zu ermöglichen. Das können wir, indem wir Antisemitismus gezielt erforschen, erkennen und bekämpfen. Dafür müssen wir benennen, wo er existiert. Und im Moment benennen wir ein ziemlich großes Feld nicht, zumindest nicht im öffentlichen Diskurs. Das ist problematisch.
Wir machen es uns einfach und sagen: „Wir können Antisemitismus abschieben. Wir müssen nicht in Bildungsformate investieren. Antisemitismus ist ein Problem, das ganz einfach gelöst werden kann.“ Aber Antisemitismus lässt sich nicht abschieben.
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