Wer sind die Imazighen?
Wer sind die Imazighen?
Die Imazighen sind die indigene Bevölkerung von Tamazgha. Historisch als bilad al-barbar (Heimat der Berber) bekannt, umfasst Tamazgha Gebiete von den Kanaren bis nach Westägypten und vom Mittelmeer bis zur Sahelzone.
Mit 35 bis 40 Millionen Menschen weltweit leben die meisten Imazighen in Marokko und Algerien. Große Bevölkerungsgruppen gibt es auch in Libyen, Mali und Niger, kleinere zudem in Ägypten, Tunesien und Mauretanien.
Die Vielfalt Tamazghas wird durch die dreifarbige Amazigh-Flagge symbolisiert, die in den 1970er Jahren entworfen wurde. Die Farben Blau, Grün und Gelb stehen für das Meer, die Berge und die Sahara; zudem trägt sie den amazighischen Buchstaben ⵣ (z).
Die Imazighen sind heute mehrheitlich muslimisch. In der Vergangenheit praktizierten sie auch Animismus sowie Christen- und Judentum. Der Begriff „Amazigh“ hat keine religiöse oder ethnische Bedeutung, sondern definiert die Menschen über ihre Sprache.
„Berber“ – Warum wird der Begriff abgelehnt?
Als Teil ihrer Bemühungen, Terminologien zu überdenken und zu indigenisieren, ziehen Aktivist:innen den Begriff „Imazighen“ (Singular: Amazigh) der weit verbreiteten Bezeichnung „Berber“ vor. Im Deutschen existiert zudem der Begriff „Masiren und Masirinnen“.
Der Mittelalterhistoriker Ibn Khaldun machte den arabischen Begriff al-barbar populär, doch hat dieser negative Konnotationen: Barbarus, sein lateinisches Original, das aus dem Griechischen entlehnt wurde, stand für Fremdheit, Seltsamkeit, Brutalität und Barbarei.
Während die Römer den Namen für alle verwendeten, die anders waren als sie, wurde er mit der Zeit zur spezifischen Bezeichnung für die Imazighen. Laut Ramzi Rouighi, Autor des Buches „Inventing the Berbers“ (2019), bezeichnete al-barbar möglicherweise auch eine Kategorie von Sklaven.
Gegner der Wiederbelebung der Amazigh-Kultur verteidigen die Verwendung von „Berber“. Demnach sind die Begriffe „Amazigh“ und „Tamazight“ (für die Sprache) eine französische Erfindung. Dies kann mit historischen Quellen jedoch widerlegt werden.
Welche Sprache(n) sprechen Imazighen?
Verschiedene Varianten von Tamazight: unter anderem Taschelhit in Marokko, Taqbaylit (oder Kabylisch) in Algerien und Tamascheq (oder Tuareg) in Libyen, Niger und Mali. Die Unterdialekte sind untereinander nicht vollständig verständlich.
Zu ihrer Entwicklung haben sowohl die Kolonialisierung als auch die nationalistischen Strömungen nach der Unabhängigkeit der jeweiligen Nationalstaaten im 20. Jahrhundert beigetragen, indem nationale Grenzen festgeschrieben wurden.
Heute wird Tamazight in Schulen unterrichtet, auch in den Medien ist die Sprache präsent. Marokko erkannte sie 2011 als Amtssprache an, gefolgt von Algerien 2016. Seit dem Sturz des Gaddafi-Regimes 2011 können auch die libyschen Imazighen selbst über ihre Sprache und Kultur entscheiden.
Was versteht man unter Arabisierung der Imazighen?
Arabisierungsmaßnahmen in der Zeit nach der Unabhängigkeit vergifteten den lange beschworenen nationalen Zusammenhalt im nördlichen Tamazgha. In Algerien und Marokko hatten Nationalisten schon im antikolonialen Kampf der 1930er Jahre Arabisch und Islam zu zentralen Bezugspunkten gesellschaftlicher Identität gemacht.
Abdelhamid Ibn Badis, einer der Begründer des algerischen Nationalismus, sagte: „Der Islam ist unsere Religion, Arabisch ist unsere Sprache und Algerien ist unsere Heimat.“ Nach der Unabhängigkeit wurden solche antikolonialen Parolen zur Politik. Als „guter“ Amazigh galt, wer sich in die arabisch-islamische Gesellschaft assimilierte.
Unter dem Vorwand, Französisch zu bekämpfen, förderten nationalistische Parteien Arabisierungsmaßnahmen in Bildung und Kultur, obwohl ihre Führer ihre Kinder auf französische Schulen schickten. Die Verteidigung der Arabisierung verschleierte die Vorherrschaft von Arabisch und Französisch gegenüber den Imazighen.
Marokkanische Nationalisten hatten Frankreich in den 1930er Jahren sogar vorgeworfen, die Imazighen missionieren und sie vom Islam und der arabischen Sprache abbringen zu wollen. Dieses Erbe verfolgt Imazighen bis heute, die noch immer beschuldigt werden, pro-französisch oder oft auch pro-israelisch zu sein, wenn sie Rechte einfordern.
Jahrzehntelange systematische Ent-Amazighisierung ließ vielen Imazighen letztlich keine andere Wahl, als die hegemoniale Identität anzunehmen. Für viele Parteien und Mitglieder des religiösen Establishments bleibt Arabisch unantastbar. Auch wenn die Arabisierung nicht mehr so diskutiert wird wie einst, wirkt sie bis heute nach.
Werden die Imazighen diskriminiert?
Die Situation hat sich im Vergleich zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbessert. Heute ist Tamazight in Algerien und Marokko verfassungsmäßig verankert. Zeichen amazighischer Identität – vom Tifinagh-Alphabet bis zur Amazigh-Flagge – sind auf Dokumenten und an offiziellen Gebäuden zu sehen. Auch sind amazighische Namen nicht mehr verboten.
Dennoch hat das Arabische in den nördlichen Tamazgha-Staaten weiterhin einen fast heiligen Status. Imazighen sind folglich oft Bürger:innen zweiter Klasse in ihrer eigenen Heimat.
Lange Zeit wurde auch die Gesundheitsversorgung der Imazighen dadurch beeinträchtigt, dass Ärzt:innen und Pflegekräfte nicht mit ihnen kommunizieren konnten. Dies zeigte sich noch 2023: Als ein Erdbeben die überwiegend von Imazighen bewohnte Region des Hohen Atlas in Marokko heimsuchte, konnten die Ersthelfer:innen nicht mit den amazighischen Opfern kommunizieren.
Auch Lehrkräfte, die in überwiegend von Imazighen besiedelten Gebieten eingesetzt werden, haben meist keine Kenntnis der Sprache ihrer Schüler:innen. In Marokko verlassen jedes Jahr Tausende Kinder die Grundschule, viele, weil sie gezwungen sind, für den Unterricht zunächst eine „Fremdsprache“ zu lernen.
Was ist das Amazigh Cultural Movement?
Das ACM ist ein Zusammenschluss von Hunderten lose koordinierter zivilgesellschaftlicher Organisationen. Ursprünglich angeführt wurde es von der Académie Berbère, die 1966 von algerischen Exilant:innen in Frankreich unter der Leitung von Mohand Aarav Bessaoud gegründet wurde.
Der auf Rückbesinnung und Erneuerung zielende Aktivismus der Académie richtete sich an Eingewanderte und Studierende in Europa, doch die Botschaft erreichte auch die Jugend in Algerien und Marokko. In Marokko zeigte sich ihr Einfluss in der Gründung der Marokkanischen Vereinigung für Forschung und Kulturaustausch (AMREC) 1967.
Unter der Führung gebildeter Imazighen wuchs das ACM und vergrößerte sich bis Ende der 1990er Jahre auf Hunderte von Vereinigungen. Das ACM verbreitete ein neues Amazigh-Bewusstsein, das ein Recht auf amazighische Identität mit Forderungen nach Gleichberechtigung, Demokratisierung und sozialer Gerechtigkeit verband.
Nach der Wiener Weltkonferenz über Menschenrechte 1993 rückte der Indigenitätsbegriffs ins Zentrum der Kampagnen; Forderungen erstreckten sich im Dialog mit der globalen indigenen Bewegung nunmehr über sprachliche und kulturelle Anerkennung hinaus auf Land- und Ressourcen.
Vor allem Tamaynut, eine Organisation mit Zweigstellen in ganz Marokko sowie in der Diaspora, verbeitet seitdem den Indigenitätsbegriffs als Rahmen für den Kampf der Amazigh.
Spielen Imazighen heute eine politische Rolle?
Amazigh-Aktivismus war immer Teil der breiteren Zivilgesellschaft. ACM-Aktivist:innen sind nicht nur Amazigh, sondern auch vollwertige Bürger:innen, die sich in politischen Parteien, Gewerkschaften sowie in Menschenrechts- und Kulturvereinen engagieren.
In Algerien gelten die Parteien „Rassemblement pour la Culture et la Démocratie“ (RCD) und die „Front des Forces Socialistes“ (FFS) als in der Amazigh-Identität verwurzelt. Beide haben eine wichtige Rolle gespielt, indem sie Forderungen der Imazighen vertraten. Ihre Führungen verfolgten einen pragmatischen Kurs und arrangierten sich mit dem vom Militär dominierten Regime.
Allerdings führte ihre Unfähigkeit, wirkliche Veränderungen herbeizuführen, zu einer Separatistenbewegung. Präsident der „Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei“ ist Ferhat Mhenni. 2025 rief er die Föderale Republik Kabylei aus und bot dem Staat damit Gelegenheit, die Dämonisierung der Amazigh-Bewegung voranzutreiben.
In Marokko war zwischen 2005 und 2008 die „Parti Démocratique Amazigh” zugelassen. Obwohl sie nur von kurzer Dauer war, war es das erste Mal, dass eine marokkanische Partei „Amazigh“ in ihrem Namen trug. Im Anschluss wurden Amazigh-Themen vor allem von Mahjoubi Aherdan aufgegriffen, dem Gründer Partei „Mouvement National Populaire“, dessen Modus Vivendi mit dem Staat allerdings Kritik der Amazigh-Eliten hervorrief.
Von den Bemühungen um indigene Identität und Menschenrechte geprägt war auch die Grassroots-Bewegung „Hirak al-Rif“ 2016/17 in Marokko, die sozioökonomische Forderungen für die Amazigh-Region stellte. Zu nennen ist zudem „Amussu xf Ubrid n '96“ (Bewegung auf der Straße 96), eine von Imazighen geprägte Kampagne, die sich zwischen 2011 und 2019 gegen die Erschöpfung von Wasserressourcen durch Silberminen im Südost-Marokko wandte.
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