„Die islamische Kultur kannte auch nicht-normative Identitäten“
Qantara: Sie gehören zu den ersten Expertinnen für Gender Studies in Tunesien und der arabischsprachigen Wissenschaft. Warum wird das Thema oft mit Skepsis betrachtet?
Amel Grami: Historisch gesehen wurden Geschlechterfragen ausschließlich in Fremdsprachenfakultäten wie Französisch und Anglistik behandelt. Man stützte sich auf ausländische Quellen, ohne die lokalen Realitäten zu berücksichtigen. Aber nach und nach fand Gender als Analysewerkzeug für Machtverhältnisse und soziale Rollen Eingang in die meisten Sozial-, Geistes- und sogar in die Naturwissenschaften.
Parallel zu diesem akademischen Wandel begann sich unter internationalem Druck die staatliche Politik vieler Länder in der Region zu verändern. Sie begannen, Geschlechterfragen in ihre Politik zu integrieren.
Doch diese von oben verordnete Einführung der Gender-Themen offenbarte das Fehlen einer spezialisierten akademischen Disziplin. Forschende ohne entsprechende Spezialisierung trugen so zu Missverständnissen und begrifflicher Verwirrung bei. In vielen Fällen wurden Gender Studies mit Frauenforschung und feministischen Studien gleichgesetzt.
Es gab auch feindselige Kampagnen gegen Gender Studies. Rechtebasierte und feministische Diskurse, die patriarchale Strukturen, männliche Dominanz und Formen sozialer Ungerechtigkeit dekonstruieren wollen, werden oft als Narrative dargestellt, die Gesellschaft und Familie schaden, als westlich gelten und daher die lokale Kultur und Werte untergraben.
Solche Anschuldigungen – die oft von Predigern, Imamen und konservativen Akademikern verbreitet werden – haben die kollektive Wahrnehmung genährt, dass Gender Studies Homosexualität und moralischen Verfall fördern.
Was hat Ihr Interesse an Gender Studies geweckt?
Ich habe Vergleichende Religionswissenschaft und Koranstudien unter anderem in Beirut und Mailand gelehrt. Ich untersuchte, wie Bücher der Koranexegese, der Jurisprudenz, der Hadith-Literatur, der Philosophie und andere Quellen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern darstellen.
Ich stellte fest, dass es aufseiten der arabischen und islamischen Kultur an Gender Studies fehlte, und begann zu fragen: Wie haben verschiedene Quellen – historische, medizinische, religiöse und andere – dieses Thema behandelt? Wie verstanden Gelehrte Männlichkeit und Weiblichkeit, und auf welcher Grundlage legten sie gesellschaftliche Regeln fest, wiesen Rollen zu und strukturierten Beziehungen?
Und was haben Sie herausgefunden?
Die islamische Kultur kannte neben der binären Männlichkeit/Weiblichkeit beziehungsweise Mann/Frau auch nicht normative Identitäten wie mukhannath (femininer Mann), khuntha mushkil (intersexuelle Person unbestimmten Geschlechts), Eunuchen und amrad (bartloser Jüngling).
Historisch gesehen begegneten islamische Gesellschaften Menschen mit nicht-normativen Identitäten ohne Feindseligkeit. Vielmehr integrierten sie diese in die Gesellschaft und nahmen ihren Rechtsstatus ernst.
So enthalten beispielsweise Bücher der islamischen Jurisprudenz explizite Hinweise auf Erbansprüche von khuntha mushkil sowie Regelungen zur Leitung von Gebeten und Eheschließungen von mukhannath. Diese Beispiele belegen die Anerkennung der Rechtsgelehrten gegenüber Menschen, die nicht in die traditionelle binäre Geschlechterordnung fielen.
Dasselbe gilt für Schriftsteller:innen, Dichter:innen und andere Kreative, die eine solche Haltung in ihren Texten zum Ausdruck brachten. Die Flexibilität der arabischen Kultur unterscheidet sie von anderen Kulturen, die solche Individuen an den Rand drängten und ihnen das Existenzrecht absprachen.
"Der Islam gibt uns Spielraum zum Denken"
Muslimisch und schwul – für Muhsin Hendricks ist das kein Widerspruch. Wer den Koran richtig interpretiere, sagt der Imam aus Südafrika, wisse, dass Homosexualität keine Sünde ist. Jannis Hagmann hat sich mit dem Imam unterhalten.
Was hat dann zu der sozialen Ausgrenzung geführt, die wir heute beobachten?
Mit dem Niedergang der arabischen Zivilisation, der Zersplitterung der Länder und dem Einzug des Kolonialismus, der ihre Ressourcen ausbeutete, zog sich die Kultur in sich selbst zurück. Hass, Intoleranz und Angst vor dem „Anderen“ nahmen zu.
In den meisten kolonisierten Ländern zwang die Einführung westlicher Gesetze – französischer, britischer und anderer – die Bevölkerung, Rechtsrahmen zu übernehmen, die gezielt Gruppen ins Visier nahmen, die nicht den vorherrschenden sozialen Normen entsprachen.
Der Kolonialismus zielt nicht nur auf Landbesitz ab, sondern prägt auch Denkmuster und beeinflusst die Selbstwahrnehmung der Kolonisierten. Er hat die Wahrnehmung von Menschen mit nicht-normativen Identitäten in arabischen Gesellschaften verändert.
Das Bewusstsein für die Auswirkungen der Kolonialzeit ermutigt uns heute, dieses Erbe zu analysieren und neu über Eurozentrismus sowie über unsere eigenen erkenntnistheoretischen Entscheidungen nachzudenken. Folglich beschränkt sich die akademische Lehre nicht mehr auf Werke aus frankophonen Kontexten. Ergebnissen der Gender Studies innerhalb arabischer Gesellschaften sowie den Beiträgen von im Exil lebenden Wissenschaftler:innen schenken wir mittlerweile mehr Aufmerksamkeit.
Die Übersetzung geschlechtsbezogener Terminologie ins Arabische stellt Forschende seit langem vor Herausforderungen. Wie sind Sie mit diesem Problem umgegangen?
Es herrscht erhebliche terminologische Verwirrung im Bereich der feministischen und Gender Studies. Der Begriff „Gender“ beispielsweise wurde auf unterschiedliche Weise ins Arabische übertragen: dschunūsah (im Libanon und Sudan), al-nawʿ al-idschtimāʿī (soziales Geschlecht, unter anderem in Tunesien, Marokko und Libyen), al-nawʿ (Typ/Gender, in Ägypten) und nawʿ al-dschins (Gender-/Sex-Kategorie) in anderen Ländern.
Diese Vielfalt an Begriffen hat es digitalen Datenbanken nicht leicht gemacht, wissenschaftliche Publikationen zu klassifizieren. Die jüngsten Entwicklungen haben jedoch schrittweise zu einem gewissen Konsens über die Verwendung von sozialem Geschlecht (al-nawʿ al-idschtimāʿī ) oder einfach gender (al-nawʿ) geführt.
Hinzu kommt, dass es viele Fehlübersetzungen gibt, sogar in UN-Dokumenten. Beispielsweise wurde al-dschinsāniyya, was eigentlich „Sexualität“ bedeutet, manchmal synonym mit „Geschlecht“ verwendet, um Gender zu bezeichnen.
Ich selbst stieß beim Verfassen meiner Dissertation auf dieses Problem. Daher habe ich mich bemüht, Konzepte zu vereinfachen und sie arabischen Leser:innen durch das Konzept „Geschlechterdimension des Wissens“ verständlicher zu machen. Es beschreibt, wie Wissensgebiete anhand von gesellschaftlich zugewiesenen Rollen von Frauen und Männern kategorisiert werden.
In meinen Vorlesungen bemühe ich mich, arabische Alternativen für den Begriff LGBTQ+ zu entwickeln, indem ich zum Beispiel „Menschen mit nicht-normativen oder nicht-standardisierten Identitäten“ verwende. Zusätzlich habe ich auf islamische Kulturreferenzen zurückgegriffen, darunter die eingangs erwähnten Begriffe für beispielsweise die intersexuelle Person mit unbestimmtem Geschlecht. Statt des Begriffs „Sexualität“ wird auch der Plural „Sexualitäten“ genutzt, um der Vielfalt an Identitäten, Orientierungen, Praktiken und Ausdrucksformen Rechnung zu tragen.
Die "gefährlichen" Frauen von Khateera
Das feministische Medienunternehmen Khateera in Beirut erreicht mit humorvoll-sarkastischen Videos über Themen wie Sex, Liebe und Geschlechterrollen jüngere Menschen in ganz Nahost und Nordafrika.
Wie gehen Sie mit geschlechterinklusiver Sprache um?
In meinem Unterricht verwende ich geschlechterinklusive Sprache. Ich nutze auch weibliche Formen wie „die Leserin“, da wir üblicherweise die Existenz eines männlichen Lesers, Übersetzers oder Kritikers voraussetzen.
2014 habe ich mich auch gemeinsam mit anderen für die Verwendung inklusiver Sprache bei der Ausarbeitung der tunesischen Verfassung eingesetzt, für Formulierungen wie „tunesische Frauen und tunesische Männer“. Auf Kritik habe ich den Koranvers 35 der Sure al-Ahzab angeführt: „Wahrlich, muslimische Männer und muslimische Frauen, gläubige Männer und gläubige Frauen, fromme Männer und fromme Frauen (...).“
Inwieweit hat sich der Umgang mit Geschlechterfragen in den heutigen arabischen Gesellschaften verändert?
Länder, die Geschlechterfragen in ihre politischen Entscheidungen integrieren, haben maßgeblich dazu beigetragen, das Bewusstsein für das Thema zu schärfen. Praktisch zeigt sich das beispielsweise im Verständnis für den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Frauen sowie bei der Anerkennung des Digital Gender Gaps.
Darüber hinaus haben akademische und journalistische Analysen aus einer Geschlechterperspektive sowie filmische Werke maßgeblich zur Veränderung von Haltungen beigetragen. Sie unterstreichen die Ungerechtigkeiten, denen Frauen ausgesetzt sind, erforschen deren Ursachen und zeigen Lösungsansätze auf. Diese Bemühungen verdienen Anerkennung, auch wenn sie dem von uns Forscher:innen gewünschten Perspektivwechsel noch nicht vollständig entsprechen.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des Arabischen Originals. Übertragung aus dem Englischen von Clara Taxis mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.
© Qantara.de