Zwischen Angst und Rebellion
Haneen Al-Sayeghs Debütroman „Mithaq al-Nisa“ (2023) hat in der arabischsprachigen Welt viel Aufmerksamkeit erregt und wurde als „Das Unsichtbare Band“ auch ins Deutsche übersetzt. 2025 stand er auf der Shortlist des International Prize for Arabic Fiction (IPAF).
Al-Sayeghs zweiter Roman, „Die Frucht des Feuers“, ist Ende 2025 auf Arabisch erschienen und spielt im gleichen Umfeld wie ihr Debüt. Erneut thematisiert Al-Sayegh die Lebensbedingungen und Kämpfe drusischer Frauen im libanesischen Hinterland.
Dabei lässt die Autorin, die ihre kreative Laufbahn mit der Lyrik begonnen hatte und sich erst später der Prosa zuwandte, Frauen aus der drusischen Gemeinschaft des Landes sprechen, die geprägt ist von Armut, von ideologischer und geographischer Isolation und von religiösen und patriarchalen Autoritäten.
„Die Frucht des Feuers“ ist ein Roman über Geduld, Bedachtsamkeit und Besinnung. Die Erzählung bewegt sich zwischen vier Generationen von Frauen hin und her, von den 1940er-Jahren bis in die Gegenwart. Zentral sind dabei die Sorgen, Ängste und die Ruhelosigkeit der Frauen sowie deren Strategien, mit diesen Zuständen umzugehen.
In ihre Figuren webt die Autorin Leben und Tod, Liebe und Schmerz ein – kein Schmerz im physischen oder psychologischen Sinne, sondern ein flüchtiger, verborgener Schmerz, verdeckt von unausgesprochenen Gefühlen und Kämpfen.
In anderen Worten: Es handelt sich um Angst, eine Angst aus Kindertagen, Angst vor der Familie und der eigenen Umgebung. Angst vor der Gemeinschaft, wenn die Kreativität einen aufruft, sich aus ihren Grenzen zu befreien. Angst, sich selbst zu verlieren, wenn man dies nicht tut. Und schlussendlich die Angst, die eigene Familie an den Tod zu verlieren.
Das „mutierte Virus“ der Angst
Al-Sayegh vergleicht diese Angst mit einem „mutierten Virus, das nur vernichtet werden kann, indem man alles tötet, wovon es sich nährt“. Sie sieht darin eine Lebensaufgabe ohne Garantie, zu überleben. Sogar wenn die Söhne und Töchter des ländlichen Libanon an Orte wie Beirut, Dubai, Berlin, Melbourne oder Florida ziehen, wo große Teile des Romans spielen, bringen sie ihre Ängste mit.
Zunächst ist da Mahiba. Sie steht für die erste Generation von Frauen und ist eine von Angst aufgezehrte Frau, die jedwedes Gefühl von Liebe und Barmherzigkeit in sich zum Schweigen gebracht hat. Ihrer ältesten Tochter verweigert sie die Heirat und die Erfahrung der Mutterschaft; ihrer mittleren Tochter ruiniert sie das Leben mit nie endenden Zurechtweisungen.
Nabila, die jüngste Tochter Mahibas und die zentrale Figur in „Die Frucht des Feuers“, entkommt der mütterlichen Kontrolle dagegen weitgehend. Sie schließt die Grundschule nicht ab und verlässt das Dorf nie, wird aber gezwungen, einen Mann zu heiraten, den sie nicht kennt, und gebärt ihm mehrere Töchter.
Ihre Liebe gilt dagegen einem jungen Mann, der nicht zu ihrer Glaubensgemeinschaft gehört – eine unmögliche Liebe – und sie fängt an, ihre Gefühle in einem Notizbuch festzuhalten. Als heilsam entdeckt sie für sich das Brotbacken: Dabei tut sie etwas für ihre Familie und schafft sich gleichzeitig eine Welt nur für sich.
Durch das Ritual des Brotbackens kommt Nabila zu der Erkenntnis, dass es der beste Weg ist, schlechten Gefühlen zu widerstehen, wenn man sie verstärkt. Sie übt sich darin, ihre erste Liebe zu begraben, während ihr Geliebter Muhannad seine Gefühle beim Herstellen von Kohle lautlos und restlos begräbt.
Das Stereotyp der still leidenden Frau
Im Bewusstsein, dass sie allein keine radikalen Lösungen entwerfen kann, arbeitet Nabila stattdessen daran, die Grenzen ihres Inneren zu erweitern. Sie widersetzt sich der Logik der Frau als Opfer und entwickelt subtile Strategien, um ihr Leben möglichst ungestört weiterzuführen.
Sie sucht den Dialog mit religiösen Autoritäten. Sie hostet unter einem Pseudonym eine Kochshow im Radio. Sie nimmt, getarnt als versteckte Liebhaberin, über Facebook Kontakt zu ihrem Ehemann auf. Und schließlich „war sie fähig zu vergeben, als sie rein gar nichts mehr von ihm wollte“, wie Al-Sayegh schreibt.
Ihre Darstellung von Nabila geht über das Stereotyp der still leidenden Frau hinaus. Nabila sieht, wie andere Frauen unter dem Gewicht von Angst und Tyrannei zusammenbrechen. Sie aber klammert sich mutig an ihre Menschlichkeit: Sie gibt, ohne etwas zu erwarten; sie vergibt, ohne sich als Heldin zu stilisieren. Und dennoch ist dies kein idealisiertes Porträt. Es trägt Spuren der Erschöpfung und widerspricht dem Mythos der Mutterschaft als makellosem Epos, frei von Zweifel und Narben.
Nabilas jüngste Tochter, Amal Bu Nemer, geht über die vorsichtige Taktik ihre Mutter hinaus. Sie trotzt den Traditionen ihrer Gemeinschaft und macht ihre eigene „sanfte Revolution“, indem sie ihre Ausbildung mit einem Diplom in Englischer Literatur an der Amerikanischen Universität in Beirut abschließt. Sie zahlt jedoch den Preis dafür: mit der Scheidung von ihrem Ehemann, der versucht hatte, sie in der Ehe einzuengen.
Neben ihrer Arbeit als Lehrassistentin an der Universität startet Amal ihr eigenes Projekt und produziert eine Fernsehdokumentation über kreative Drusinnen und Drusen, Männer und Frauen, die ausgegrenzt werden, weil sie mit Konventionen brechen – etwa der Künstler Makram, der für seine bunten T-Shirts, seine Liebe zum Tanzen und seinen Ausdruck verschiedener sexueller Identitäten kritisiert wird. Oder Onkel Zoukan, ein erfolgreicher Geschäftsmann, den man meidet, weil er außerhalb der drusischen Community geheiratet hat.
Religion und die Lust an der Macht
Al-Sayegh nähert sich in ihrem Roman dem drusischen Glauben nicht über die Doktrin oder den Ritus an, sondern über das Verhalten der Vertreter:innen der Religion. Sie stellt zwei Prototypen vor: Scheich Al-Ruhani Abu Taher, ein Asket, der Geld und Macht entsagt, sowie dessen Nachfolger Scheich Riad, der die Religion instrumentalisiert, um das Dorfleben bis ins letzte Detail zu kontrollieren.
Mithilfe dieser gegensätzlichen Figuren legt Al-Sayegh nahe, dass das Problem weniger in den heiligen Texten liegt als in der Lust an der Macht mancher Menschen, die der eigentliche Grund für Isolation und Leiden der Gläubigen ist. Die Massen folgen diesen mächtigen Männern und brandmarken bereitwillig alle Abweichler:innen als verräterisch, grenzen sie aus und verweigern ihnen im Tod die Gnade.
Amal scheint sich weder voll der einen noch der anderen Seite zugehörig zu fühlen. Stattdessen wird sie von Fragen getrieben: Warum sollte sich jemand einem falschen Gegensatz unterordnen und sich entscheiden müssen, entweder die Achtung vor sich selbst zu wahren oder sie für gesellschaftliche Anerkennung über Bord zu werfen? Und: Wenn die Konservativen das Recht haben, sich für ihren Seelenfrieden anzupassen und wegzuschauen, sollten die Rebellen unter uns dann nicht auch das Recht haben zu sagen, was sie denken – ganz ohne Angst?
„Die Frucht des Feuers“ (bislang nur auf Arabisch als ثمرة النار)
Haneen Al-Sayegh
Dar Al-Adab
2025
Dieser Text ist im Original auf Arabisch erschienen. Übersetzung aus dem Englischen von Jana Treffler.
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