Ein Fenster zur kuwaitischen Seele

Portrait von Taleb al-Rifai im Anzug vor dunklem Hintergrund.
Fühlt der Golfgesellschaft auf den Zahn: der preisgekrönte Autor Taleb al-Rifai. (Foto: privat)

Hat der deutsche Literaturbetrieb blinde Flecken, wenn es um arabische Literatur geht? Unser Autor sieht mindestens einen: den kuwaitischen Literaten Taleb al-Rifai. Ein Plädoyer für sozialkritische Literatur, die orientalistische Erwartungen enttäuscht.

Von Abdulrahman Afif

Wer Taleb al-Rifai besuchen will, muss ihn im ersten Stock der „Stammesschule“ im historischen Mubarakija-Viertel in Kuwait-Stadt aufsuchen. Dort, in Zimmer Nr. 33, sitzt der 1958 geborene Autor inmitten von Bücherstapeln und dem Echo einer schwindenden Welt.

Al-Rifai ist kein Literat des Elfenbeinturms; er ist eine zentrale Säule der kuwaitischen Gegenwartsliteratur. Als studierter Bauingenieur und langjähriger Funktionär im Nationalen Rat für Kultur, Kunst und Literatur blickt er mit der Präzision eines Statikers auf die Tektonik seiner Gesellschaft. Sein Schreiben gleicht einer ‚Ingenieurskunst des Geistes‘. 

Al-Rifai berichtet bei diesem Besuch von seinem Bandscheibenvorfall, vom pulsierenden Taubheitsgefühl im Bein, das ihn zwingt, immer wieder aufzustehen und die Schritte in seinem Büro zu zählen. 

Der durch Belastung verursachte körperliche Schmerz ist eine passende Metapher für die Inhalte seines Werks: Wo andere nur den Aufstieg der Golfstaaten sehen, diagnostiziert al-Rifai die statische Belastung der Gesellschaft durch noch immer starre Konventionen bei gleichzeitiger Erosion traditioneller Werte. Al-Rifai sondiert die Risse im Fundament der kuwaitischen Moderne. 

Regional genießt al-Rifai höchste Anerkennung, unter anderem war er für den International Prize for Arabic Fiction (IPAF) nominiert. Es ist ein Paradox der Weltliteratur, dass diese Stimme im deutschen Feuilleton fast völlig fehlt und seine Hauptwerke bislang nicht in deutscher Übersetzung vorliegen.

Warum al-Rifai in Deutschland fehlt

Der deutsche Literaturbetrieb leidet bei der Rezeption arabischer Prosa oft an einer selektiven Wahrnehmung. Gesucht wird entweder das „Turm von Babylon“-Narrativ von Ölreichtum und Größenwahn oder das klischeehafte Bild orientalischer Unterdrückung. Al-Rifai entzieht sich diesen Kategorien. Er schreibt nicht über die Skyline, sondern über die statische Integrität der sozialen Normen, die darunter verborgen liegen.

Themen wie der sunnitisch-schiitische Konflikt oder die moralische Ambivalenz der konservativen Elite werden oft ignoriert. Gerade hier liegt der blinde Fleck unseres deutschen Diskurses: Während wir auf die ökonomische Macht der Golfstaaten starren, entgehen uns die konfessionellen Bruchlinien und der Kampf um individuelle Authentizität. 

Al-Rifai demontiert die „Halleluja-Fassade“ einer Gesellschaft, die nach außen hin makellose Frömmigkeit wahrt, während sie im Privaten an ihren eigenen Verboten erstickt. Dabei thematisiert er gesellschaftliche Probleme nicht in politischen Traktaten, sondern als menschliche Tragödien.

Al-Rifai zu lesen bedeutet, die Buschija, den von außen blickdichten Gesichtsschleier der Golfgesellschaft, zu lüften. Sein Gesamtwerk gleicht einer literarischen Samrija – einem traditionellen Tanz, bei dem die Schleier fallen und die Seele ihren Durst stillt, wie es in den Liedern des berühmten Sängers Mahmoud al-Kuwaiti anklingt. 

Ein idealer Roman zum Einstieg

Das Werk al-Rifais ist ein Akt der literarischen Wahrhaftigkeit. Schon in „Schatten der Sonne“ (ظل الشمس, 1998) brach er ein fundamentales Tabu der Golfstaaten und schrieb über das Schicksal der Gastarbeiter. Durch die Figur des ägyptischen Lehrers Hilmi beleuchtete er die Ausbeutung und intra-arabische Spannungen. 

Für „Geruch des Meeres“ (رائحة البحر, 2002) erhielt er den kuwaitischen Staatspreis. Kurzgeschichtensammlungen wie „Kleine Diebstähle“ (سرقات صغيرة, 2011) und „Der Stuhl“ (الكرسي, 2012) zeugen von seiner Fähigkeit, das Alltägliche in seiner ganzen Schwere zu erfassen. 

Al-Rifai ist zudem Gründer und Direktor des Kulturforums al-Multaqa in Kuwait sowie Gründer und Leiter des al-Multaqa-Preises für die arabische Kurzgeschichte, eine der renommiertesten Auszeichnungen der arabischen Welt. 

2025 erschien sein neuer Roman „Doukhi… Improvisationen über die Sehnsucht“ (دوخي.. تقاسيم الصبا), der das Leben des kuwaitischen Musikers Awad Doukhi (1932–1979) literarisch verarbeitet. Die Romanbiografie erzählt Doukhis Aufstieg von der Kindheit in Armut bis zur Musikikone und seine Modernisierung der kuwaitischen Musik. 

Zugleich reflektiert das Buch den gesellschaftlichen Wandel Kuwaits und vermittelt durch ein Glossar lokaler Begriffe die Traditionen, Berufe und Tänze der alten Golfgesellschaft. Dieses Werk unterstreicht al-Rifais Fähigkeit, persönliche Schicksale mit der Geschichte eines ganzen Landes zu verknüpfen.

Das ideale Einstiegswerk für das deutsche Publikum und das Werk von Taleb al-Rifai wäre aber der Roman „Im Hier“ (في الهُنا, 2014), nominiert für den IPAF 2016. Darin nutzt er radikale Meta-Fiktion: Indem er sich selbst als schreibende Figur in die Handlung integriert, bricht er die Illusion des Erzählens auf und legt die sozialen Bruchlinien der Gesellschaft schonungslos offen.

Buchcover mit arabischer Schrift, gemaltes Motiv.
Cover des Romans „Fi al-Huna“. Verlag: Dar el-Shourouk

Er tritt in diesem Buch selbst als Autor auf. In seinem Büro in Mubarakija sucht ihn die fiktionale Heldin Kauthar auf, um ihm ihre Geschichte anzuvertrauen. Es ist eine „Doppelbelichtung“ von Realität und Fiktion: Während al-Rifai Kauthars Schicksal niederschreibt, sitzt sie ihm physisch gegenüber.

Kauthar verkörpert den kuwaitischen Widerspruch par excellence. Als Leiterin der Privatkontenabteilung einer Bank fährt sie Porsche, trägt Hermès-Taschen und eine Chopard-Uhr. Doch dieser luxuriöse Panzer schützt sie nicht vor der Angst vor gesellschaftlicher Ächtung. 

Ihre Liebe zu Mischari, einem verheirateten Sunniten, gilt in Kuwait nicht nur als Ehebruch – sie ist ein „sozialer Skandal“, weil Kauthar Schiitin ist. Al-Rifai zeigt meisterhaft, wie Kauthar zwischen ihrem Kinderwunsch und dem Streben nach gesellschaftlicher Legitimität zerrieben wird.

Einladung zum Perspektivwechsel

Taleb al-Rifai ist weit mehr als ein Berichterstatter aus der Golfregion; er ist ein Meister darin, das Mensch-Sein einzufangen. Seine Texte sind eine ‚Rettung der Seele‘ durch das Wort. 

Er nimmt uns mit in die engen Gänge des Justizpalastes und in die verschlossenen Zimmer der Villen von al-Dasma, wo das kuwaitische Bürgertum traditionell residiert. Er will zeigen, dass das Streben nach Freiheit und Liebe universell ist – auch wenn konfessionelle Dogmen und stammesgesellschaftliche Strukturen im Wege stehen.

Al-Rifai in den deutschen Kanon aufzunehmen, ist notwendig, um die arabische Welt jenseits der Schlagzeilen zu verstehen. Er bietet keine exotische Verklärung, sondern die schmerzhafte, elegante Wahrheit einer Gesellschaft im Umbruch. Wer ihn liest, begreift: Schreiben ist kein Luxus, sondern das einzige Mittel, um in einer Welt der Masken freier zu atmen.

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