Zwischen nomadischer Vergangenheit und digitaler Gegenwart
Die „lebhafte Vielfalt“ der zeitgenössischen saudischen Poesie habe bislang keinen Platz in englischen Übersetzungen gefunden, sagt Moneera al-Ghadeer. Der saudischen Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin war während einer Lehrtätigkeit in den USA aufgefallen, wie wenig neue saudische Literatur englischsprachigen Leserinnen und Lesern zugänglich ist.
Zwar hat es in den letzten zwanzig Jahren einen Boom an arabischen Literaturübersetzungen gegeben, doch nur selten stand Saudi-Arabien im Mittelpunkt. Es war also an saudischen Übersetzer:innen wie al-Ghadeer, diese Lücke zu schließen. Mit der Anthologie „ Tracing the Ether: Contemporary Poetry from Saudi Arabia “ ist ihr das gelungen.
Die von Syracuse University Press in einer zweisprachigen Ausgabe veröffentlichte Sammlung umfasst Werke von 26 zeitgenössischen saudischen Dichter:innen. Jede und jeder ist mit zwei oder drei Gedichten vertreten – mit Ausnahme der bekannten Dichterin Fawziyya Abu Khalid, von der vier Gedichte aufgenommen wurden –, womit der Band dem internationalen Publikum einen guten Einblick in die saudische Lyrik des 21. Jahrhunderts bietet.
„Jahrhunderte zu einem einzigen Moment verschmelzen lassen“
Was beschäftigt also die zeitgenössische saudische Dichtung? Viele der Gedichte in „Tracing the Ether“ erkunden die sich rasant verändernde Landschaft der Arabischen Halbinsel und Veränderungen, die durch die Ölindustrie und digitale Technologien angestoßen worden sind. Dieses Interesse an Veränderung erwächst auch aus der Geschichte des Nomadentums, der vorislamischen Dichtung und dem Gefühl eines ständig drohenden Verlusts.
Dabei blicken mehrere Gedichte der Sammlung auf die historische Dichtung der Arabischen Halbinsel zurück. So bezieht sich etwa Ibrahem Zoolis „Haltet ein, lasst uns weinen“ (قفا نبك), übersetzt von Wail S. Hassan, explizit auf das bekannteste Gedicht des großen Imru' al-Qais (501–544 n. Chr.), das mit den Worten beginnt: „Haltet ein, oh meine Freunde, lasst uns weinen über die Erinnerung an meine Geliebten.“ Die Bezüge zwischen den beiden Gedichten – eines aus dem 6., das andere aus dem 21. Jahrhundert – legen unterschiedliche Epochen übereinander und regen die Lesenden an, sich Zeit neu vorzustellen.
Zoolis kurzes Gedicht erinnert aber nicht nur an al-Qais’ klassisches Gedicht über Trauer, sondern verweist auch auf Abu al-Ala al-Ma'arris radikalen Roman „Luzumiyat“ (اللُّزوميات) aus dem 11. Jahrhundert und auf das leidenschaftliche Gedicht „Keine Versöhnung“ (لا تصالح) der ägyptischen Dichterin Amal Dunqul aus dem 20. Jahrhundert, das Wehklage in Wut verwandelt. Al-Ghadeer beschreibt die Wirkung als „ein Verschmelzen von Jahrhunderten zu einem einzigen Moment der Erkenntnis“.
Zoolis Gedicht, das sich zwischen Trauer und Wut und bis hin zum Schlachtruf bewegt, beginnt in melancholischer Stimmung:
„Warum führt mich die Nacht so weit fort / rauben mir die Straßen meinen Schatten?“
Nicht nur der Erzähler lässt sein Leben hinter sich: Auch Flüchtlingskinder werden beschrieben, die „traurige Volkslieder hinter sich herziehen“. Am Ende verwandelt der Poet Trauer und Wut in einen Befehl:
„Haltet ein, lasst uns weinen! / Haltet ein, lasst uns weinen!“
Das digitale Zeitalter in der saudischen Literatur
So wie Zooli Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen lässt, vereint auch der Titel der Sammlung, „Tracing the Ether“, verschiedene Bedeutungsnuancen des Wortes „Äther“: von den ätherischen, also flüchtigen Echos der Menschheitsgeschichte bis zum unsichtbaren „Äther“ der modernen Technologie.
Dieser Äther ist sowohl „digital als auch atmosphärisch“, sagt al-Ghadeer, und die Dichter:innen vollziehen darin „ein modernes Ritual der Wiederentdeckung. Inmitten der unsicheren und unsichtbaren Strömungen des technologischen Zeitalters finden sie das zeitlose Drehbuch der menschlichen Erfahrung wieder.“
In dem von al-Ghadeer selbst übersetzten Gedicht „Bild eines alten Hauses“ (صورة البيت القديم) von Mohamed Kheder sucht der Erzähler „über Google Earth nach unserem alten Haus“. Er sieht einen vertrauten Ort am digitalen Horizont, der nun so klein ist, „wie eine Narbe an einem Bienenstock“ (صغير ويبدو مثل ندبة في خلية نحل).
„Das kulturelle Gedächtnis der Araber”
Der Arabist Stefan Weidner hat vorislamische Gedichte gesammelt und ins Deutsche übersetzt. „Der arabische Diwan” gibt faszinierende Einblicke in jahrhundertealte Werke, die in der arabischen Welt heute noch zum Kanon zählen.
In Gedichten wie dem von Kheder geht es darum, wie sich die Landschaft Saudi-Arabiens verändert hat: „Der Bauernhof ist zu einem großen Supermarkt geworden.“ Aber auch darum, wie diese Veränderungen durch Technologie vermittelt werden, nämlich über Mobiltelefone, Google Maps und soziale Medien.
Bei Kheder wird die Vergangenheit sichtbar, „indem man mit Daumen und Zeigefinger auf dem Bildschirm zoomt“. Als der Erzähler einen Drachen entdeckt, den er früher steigen ließ, stellt er sich vor, er könne ihn „mit zwei Fingern wieder steigen lassen und losrennen / den Blick gen Himmel gerichtet“.
In manchen Fällen ist die Technologie ein Eindringling, wie in Ahmed Alalis Gedicht „Der Weg zu unserem Zuhause“ (طريق الوصول لبيتنا), übersetzt von Nashwa Nasreldin. Das Gedicht beginnt mit der Aussage: „Google Maps lügt.“ Hier steht die Technologie mit der Erinnerung auf Kriegsfuß. Der Erzähler wehrt sich, indem er dem Elternhaus eine körperliche Gestalt verleiht:
„Mauern wie Wangen, die erröten, wenn wir uns verlieben / die sich wölben, wenn wir wütend sind.“
Die Vielfalt der saudischen Poesie
Digitale Technologien können in Saudi-Arabien in mancher Hinsicht an die nomadische Kultur der Halbinsel anknüpfen. Fowziya Abu Khalids Gedicht „Mobiltelefon“ (الجوال), ebenfalls übersetzt von al-Ghadeer, verknüpft die Rastlosigkeit der Gegenwart mit der Bewegung von Nomad:innen, mit den „Umherziehende, deren Ehre darin besteht, niemals / nicht zu reisen“. Das Handy selbst führt uns „in die Vergänglichkeit der Zeit / und die Unbegreiflichkeit des Raums“.
„Tracing the Ether“, sagt al-Ghadeer, behandele nur eine Seite der zeitgenössischen saudischen Poesie. Die Gedichte dieser Sammlung stammen aus gedruckten Büchern und Literaturseiten nationaler Zeitungen. Die andere Seite sei die populäre, volkstümliche Nabati-Dichtung. Sie ist aus einer mündlichen Tradition hervorgegangen und findet über „hochkarätige Fernsehwettbewerbe“ und YouTube-Kanäle weite Verbreitung.
Beide Formen sorgen laut al-Ghadeer dafür, dass Dichter und Dichterinnen auch heute noch „öffentlich sichtbare Figuren“ bleiben. In Übersetzungen findet man diese Bandbreite bisher nicht. Deswegen, erklärt al-Ghadeer, sei „Tracing the Ether“ lediglich ein „erstes Kapitel“ in der Übersetzung saudischer Lyrik. Sie plant einen zweiten Band, „der diese weiteren Stimmen einbeziehen wird“.
Tracing the Ether – Contemporary Poetry from Saudi Arabia
Herausgegeben von Moneera Al-Ghadeer
Syracuse University Press
November 2025
Dieser Text ist eine bearbeitete und leicht gekürzte Übersetzung des englischen Originals. Übersetzung von Clara Taxis.
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