Krieg aus der Maschine

Filmemacher Yuval Abraham ist vor der Skyline von Tel Aviv im Gespräch mit einem Mann zu sehen. (Foto: picture alliance / COLLECTION CHRISTOPHEL | The Guardian - JW Films - Placeh)
Szene aus „Naza“, rechts Filmemacher Yuval Abraham (Picture Alliance / COLLECTION CHRISTOPHEL | The Guardian - JW Films - Placeh)

„Naza“ läuft in den Kinos und ist bald kostenlos beim Guardian zu sehen. Die Doku über Israels Krieg in Gaza zeigt, wie Technologie Distanz zum Töten schafft. Die Automatisierung der Kriegsführung mitsamt KI-Einsatz ist schockierend, allerdings nicht neu.

Von Amin Farzanefar

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„Naza“ ist das hebräische Wort für „Kollateralschäden“. Es bezeichnet die zivilen Opfer, die Israels Militär etwa im Gazakrieg einkalkuliert. Im September erhielt der gleichnamige Dokumentarfilm der israelischen Filmemacher:innen Yuval Abraham und Rahel Szor in Venedig den Spezialpreis der Jury. Ab Ende November soll „Naza“ kostenlos auf der Website des Guardian gestreamt werden, der an der Produktion beteiligt war. 

In „Naza“ berichten 24 israelische Militärangehörige, wie mithilfe KI-basierter Systeme „Ziele“ im Gazastreifen identifiziert werden – Häuser oder auch Menschen –, wie die KI anschließend einen „Kollateralschaden“ berechnet und wie auf dieser Grundlage Angriffe und Tötungen, vorzugsweise aus der Luft, ausgeführt werden. 

Fast noch schockierender als diese Automatisierung der Kriegsführung ist die nüchterne Art, in der die Militärs über die Tötung von Zivilist:innen sprechen. Ein Zeuge etwa schildert ohne erkennbare Betroffenheit, wie auf den Beschuss einzelner Stockwerke die Zerstörung ganzer Gebäude folgte – ohne vorherige Prüfung, ob sich noch Überlebende unter den Trümmern befanden. 

Bei der filmischen Umsetzung hat Szors Kamera auf Anonymisierung geachtet: Wir sehen nur die Silhouetten der Militärs. Die dahinter glitzernde Skyline des nächtlichen Tel Aviv lässt verschiedene Assoziationen zu: die Bedrohung der israelischen Zivilbevölkerung durch Hamas-Raketen, aber auch die emotionale Distanz zur Gewalt im 60 Kilometer entfernten Gaza oder die Auslöschung palästinensischer Kultur durch gesichtslose Neubauten. 

Der gläserne Gazastreifen

Gaza gehört zu den am besten erfassten Regionen der Welt: So gut wie alle Gebäude sind eingelesen, die Einwohner:innen werden getrackt. Digitale Spuren beim Einkauf, am Checkpoint, bei bürokratischen Vorgängen und durch Social-Media-Nutzung dienen der Erstellung von Mustern, mit deren maschineller Interpretation Israel Täterverhalten erkennen und voraussagen will. 

Was die Militärs im Film berichten, ist schrecklich, größtenteils aber bereits bekannt. Was „Naza“ vor allem leistet, ist, die bekannten Fakten erfahrbar zu machen: zu zeigen, wie Menschen unvorstellbar hohe Zahlen anderer Menschen töten können, wenn durch medien-technologische Mittel genügend räumliche und psychologische Distanz geschaffen wird. 

Anwohner:innen gehen am 11. Oktober 2025 durch die weitreichenden Zerstörungen im Stadtteil Al-Katiba und in der Straße 5 von Khan Junis im Süden des Gazastreifens, nachdem sich Israel fast fünf Monate nach einer groß angelegten Militäroperation schrittweise zurückgezogen hat. (Foto: picture alliance / SIPA | Doaa Albaz/MEI)
Khan Junis im südlichen Gazastreifen, Oktober 2025. (Foto: picture alliance / SIPA | D. Albaz/MEI)

Abraham forscht seit 2023 zu KI-basierten „Entscheidungsunterstützungssystemen“, mit denen Israels Armee beim „Targeted Killing“ arbeitet. Er publiziert regelmäßig im +972-Magazin sowie im Guardian und sorgte 2024 mit einer Recherche zum Zielidentifizierungssystem „Lavender” weltweit für Aufsehen. 

Lavender erhält auch in „Naza“ ein eigenes Kapitel: Das Programm erfasst die meisten der zwei Millionen Einwohner:innen von Gaza, markiert potenzielle Gefährder und weist jedem ein Bedrohungslevel entsprechend einer möglichen Zugehörigkeit zur Hamas oder zum Islamischen Dschihad zu. 

Eine angemessene Zahl ziviler Opfer bei einem möglichen Angriff wird vom Militär vorgegeben. Im Film werden für die Tötung eines niederrangigen Hamas-Mitglieds durchschnittlich zwanzig „Naza“ als akzeptabel genannt; bei einem hochrangigen Ziel soll laut einer Aussage im Film aber auch eine Freigabe von 500 „Naza“ erfolgt sein. Die israelischen Streitkräfte IDF bestreiten diese Zahl.

In einem Podcast berichtete Abraham, dass die von ihm interviewten Militärs – in „Naza“ kommen 23 Männer und eine Frau zu Wort–, unterschiedlichen Gruppen angehörten. Würden einige Skrupel empfinden, handelten andere in der Überzeugung, dass Israel aggressiv verteidigt werden müsse. Die meisten gehörten aber zum liberalen Bildungsbürgertum Israels und sympathisierten traditionell eher mit den Palästinenser:innen. 

Der Film zeigt jedoch, dass sie infolge klarer Befehlsvorgaben und einer Fokussierung auf das taktische Ziel Aktionen durchgeführt haben, die sie unter ethischen und politischen Gesichtspunkten ablehnen würden. Einfacher war dies dem Film zufolge im Fall von Luftschlägen, etwas schwieriger für Sniper, die – so ein Schütze in „Naza“ – hungernde Menschen, die bei der Nahrungsmittelausgabe aus der Warteschlange ausscherten, erschossen. 

Kritik von israelischer Seite

Seitens der Regierung und des Militärs in Israel stößt der Film auf erbitterten Widerstand. Die IDF warfen Abraham die Weitergabe von Militärgeheimnissen, aber auch die Verbreitung von Unwahrheiten vor. Die Regierung verbreitete sogar ein Youtube-Video als Gegendarstellung unter dem Titel „Naza: The Real Story“. 

Der Guardian versicherte, die Identitäten der Militärs und alle geschilderten Vorfälle überprüft zu haben, und verwies auf insgesamt über hundert befragte Quellen – auch hochrangige Militärs, die unmittelbar an der Genehmigung von Angriffen beteiligt gewesen seien. Auch ist Journalist und Filmemacher Abraham in Fachkreisen renommiert; seine Veröffentlichungen werden von einem internationalen Netzwerk von KI-Expert:innen besprochen.

Die IDF bestreiten nicht grundsätzlich die Nutzung von Überwachungstechnologie und KI-Programmen zur Zielidentifizierung. Sie geben jedoch an, KI-gestütztes „Targeted Killing“ diene der Vermeidung ziviler Opfer. Dem widersprechen allerdings nicht nur die Macher:innen von „Naza“; auch die Technikforscherin Jutta Weber von der Universität Paderborn bezweifelt, dass KI-gestützte Kriegsführung zivile Opfer verhindert.  

Als Grund nennt Weber hohes Vertrauen in eine der KI zugeschriebene Autorität, auch KI-Bias genannt. Eine Rolle spielten zudem die extrem kurze Zeit für die menschliche Überprüfung eines Ergebnisses sowie die Fehlerquote, die jedem Machine-Learning-System innewohne (jenem Teilgebiet der KI, um die derzeit die öffentlichen Debatten kreisen). 

Der KI-Theoretiker Christian Heck, der sich an der Kunsthochschule für Medien in Köln mit neuen Technologien befasst, ergänzte gegenüber Qantara, die Systeme würden auf dieselbe Technologie zurückgreifen, die wir im Alltag nutzen. Sie würden gewissermaßen mit unseren Daten angelernt. KI-Systeme von Konzernen wie Meta, Anthropic, Google oder OpenAI seien von vornherein für gleichzeitige zivile und militärische Nutzung ausgelegt. 

Durch ein Zusammenspiel von KI-gestützter Überwachung, Identifikation und Klassifikation von Menschen sowie durch die Umwandlung von Leben in Daten und Ziele werde militärische Verantwortlichkeit verteilt. Die Hemmschwelle zur Gewalt sinkt derart, so vermittelt es „Naza“ eindrücklich, dass es in Gaza zu Größenordnungen von über 70.000 Toten kommen konnte.  

Die IDF-Praktiken, führt Heck fort, seien allerdings im globalen Vergleich nicht singulär: Militärischer KI-Einsatz reicht zurück bis zu IBM-Rechenoperationen im Vietnamkrieg und erfuhr einen enormen Schub nach 9/11. Im „War on Terror“ investierten die USA massiv in „netzwerkzentrierte Kriegsführung“, Drohnenüberwachung und Machine Learning. Ziel war es, mit technologischen Mitteln den „unknown known“ ausfindig zu machen.  

Anonyme Quellen

Kritik erntete Naza auch für die Anonymisierung der Quellen im Film. Allerdings gehört diese Art von Zeugenschutz zum Besteck des investigativen Journalismus. Auch der Whistleblower Edward Snowden hatte 2013 in der NSA-Affaire den Guardian zunächst unter dem Pseudonym „Citizen4“ über Massenabhörungen seitens der US-Geheimdienste informiert.  

Solch verantwortungsvollem Quellenschutz stand die Veröffentlichungspraxis von Julian Assanges Wikileaks gegenüber, das 2010/11 Material über mögliche US-Kriegsverbrechen im Irak- und Afghanistankrieg freigab und dabei die Identität gefährdeter Quellen offenlegte.  

Gänzlich andere Kritik kommt von palästinensischer Seite. Filmschaffende wie Kamal Aljafari, aber auch Journalist:innen wie Mahmoud Mushtaha lasten dem Film an, die emotionale Distanz zu den Leidtragenden zu zementieren: Stimmen und Bilder der Opfer fehlten fast völlig. Ayat Abou Shmeiss schrieb im +972-Magazin, er könne „Naza“ deshalb nicht anschauen. 

Abaraham und Szor sind sich dieses Ungleichgewichts bewusst. So deutlich wie das Regie-Duo den Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 verurteilt, hat es auf Pressekonferenzen versichert, dass jede Szene von „Naza“ im Gedenken an die palästinensischen Opfer gedreht worden sei.

 

© Qantara.de