„Palästina zeigt die Grenzen der Solidarität“
Qantara: Warum findet die palästinensische Sache bei antikolonialen Bewegungen auf der ganzen Welt so starken Anklang?
Raouf Farrah: Der Fall Palästina zeigt, wie durch imperiale Macht Territorium erobert und umgestaltet werden kann. Er macht außerdem deutlich, wie Siedlerkolonialismus nicht nur die Geografie, sondern auch die Demografie eines Landes verändern kann und dabei gesellschaftliche Strukturen zerstört. Deshalb ist Palästina seit langem zentral für antikoloniale Vorstellungen in Afrika, Lateinamerika und Asien.
Andererseits offenbart Palästina die Grenzen und Widersprüche internationaler Solidarität, wie zum Beispiel in Kamerun. Trotz seiner antikolonialen Geschichte ist Kamerun heute einer der engsten Verbündeten Israels in Afrika. Die Sicherheitskräfte, die den Präsidenten Paul Biya schützen, wurden mit israelischer Unterstützung ausgebildet und ausgerüstet.
Israel exportiert seine Technologien und Waffen, die im Kontext der Besatzung entwickelt werden, auch in andere afrikanische Staaten, unter anderem an autoritäre Regime.
Was unterscheidet die palästinensische Sache von afrikanischen antikolonialen Kämpfen?
Der erste Unterschied liegt darin, dass es sich bei Palästina um ein andauerndes siedlerkoloniales Projekt handelt. Es geht nicht um eine historische Erfahrung, deren formale Struktur verschwunden ist, sondern um einen andauernden Prozess der Kolonisierung.
Anders als die meisten Bevölkerungen Afrikas kämpfen die Palästinenser:innen also noch immer für die grundlegendsten Ziele der Dekolonisierung: Souveränität, Freiheit von Besatzung und das Recht auf Rückkehr.
Historisch gesehen konnten die Palästinenser:innen viel von den afrikanischen Freiheitsbewegungen lernen, während Palästina wiederum afrikanische Bewegungen inspiriert hat. Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und andere palästinensische Gruppen bauten ab den 1960er-Jahren weitreichende Beziehungen zu afrikanischen Freiheitsbewegungen auf, darunter zum Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in Südafrika und zur Polisario in der Westsahara.
Laut der Soziologin Eva Illouz hat der Zionismus allerdings nicht nur koloniale, sondern auch antikoloniale Dimensionen. Es ging um ein Projekt der Selbstbestimmung von Juden und Jüdinnen, die keinen eigenen Staat hatten. Stehen sich im israelisch-palästinensischen Konflikt also zwei konkurrierende Ansprüche auf Selbstbestimmung gegenüber?
Ich würde Zionismus nicht als antikoloniale Bewegung beschreiben. Er entstand in einem Europa, das geprägt war von Jahrhunderten des Antisemitismus und der Verfolgung der europäischen Juden und Jüdinnen, die im Holocaust gipfelte. Diese historische Realität muss ausdrücklich anerkannt werden, sie verleiht dem politischen Projekt des Zionismus in Palästina aber keinen antikolonialen Charakter.
Eine verfolgte Gruppe kann Sicherheit, Würde und politischen Schutz anstreben, ohne ein anderes Volk zu enteignen. Der politische Zionismus basiert jedoch auf der Idee eines jüdischen Staates in einem Land, das bereits von einer anderen Bevölkerung bewohnt wurde, ergo auf demografischer Veränderung.
In diesem Punkt unterscheidet sich der Zionismus von afrikanischen Befreiungsbewegungen, die darum kämpften, die koloniale Dominanz über die bereits in der Region lebende Bevölkerung zu beenden. Die Vertreter:innen des Zionismus hingegen bemühten sich um imperiale Unterstützung für eine neue territoriale und demografische Ordnung in Palästina. Dass die Palästinenser:innen diesem Projekt nie zugestimmt haben, unterstreicht den kolonialen Charakter des Vorgehens.
Palästinensische Forderungen nach Selbstbestimmung werden oft mit Indigenität und der Enteignung seit 1948 begründet. Doch auch der Zionismus erhebt Anspruch auf die historische Verbindung von Juden und Jüdinnen mit dem Land. Wie lässt sich mit diesen konkurrierenden Ansprüchen umgehen?
Der zentrale Unterschied ist für mich eindeutig: Allein aus historischer oder religiöser Verbindung zu einem Territorium kann kein legitimes Recht auf Souveränität abgeleitet werden. Würden solche Ansprüche ausreichen, ließen sich Gebietsansprüche auf der ganzen Welt nicht schlüssig begrenzen.
Palästina ist grundsätzlich keine theologische Frage, sondern eine der (De-)Kolonisierung und Enteignung. Die historische Verbindung zu einem Land kann durchaus eine tiefgreifende kulturelle Bedeutung haben, aber niemals eine Souveränität rechtfertigen, die mit Kolonisierung, Apartheid und Zwangsumsiedlung einhergeht.
Es sollte also um die Frage gehen, wie eine historische Verbindung zu einem Land in einen Anspruch auf Souveränität und Kontrolle über eine existierende Bevölkerung übersetzt wird. Palästinenser:innen hatten eine dauerhafte soziale, ökonomische, politische und territoriale Verbindung zu dem Land, sie waren keine externe Bevölkerung.
Die Frage ist nicht, wessen historische Ansprüche am weitesten in die Vergangenheit zurückreichen, sondern wessen Rechte in der Gegenwart verletzt werden.
Südafrika ist zu einem führenden Unterstützer Palästinas geworden, hält seine Handelsbeziehungen zu Israel aber aufrecht. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?
Viele afrikanische Staaten unterstützen die palästinensische Selbstbestimmung auf diplomatischer Ebene, während sie die bilateralen Beziehungen zu Israel, etwa in den Bereichen Wirtschaft oder Sicherheit, weiterführen. Darin spiegelt sich die Spannung zwischen einem traditionell antikolonial begründeten Bekenntnis zu Palästina und zunehmend pragmatischen staatlichen Interessen.
Wie über Zionismus sprechen?
Kritik an der Ideologie, die zur Gründung Israels führte, gilt in Deutschland als heikel. In den USA hingegen, wo der zionistische Konsens in der jüdischen Community zerbricht, wird offen diskutiert. Das könnte Folgen haben – und verdient Aufmerksamkeit.
In Südafrika zeigt sich dieser Widerspruch besonders deutlich. Die Klage des Landes gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) stellt eine massive politische und rechtliche Intervention zur Unterstützung Palästinas dar. Dennoch laufen die Handelsbeziehungen weiter.
Hier wird der Unterschied zwischen symbolischer und materieller Solidarität relevant. Es ist wichtig, palästinensische Rechte anzuerkennen, internationale Resolutionen zu unterstützen und politische Statements zu veröffentlichen. Solidarität wird aber erst dann materiell wirkmächtig, wenn sie auch Folgen für die wirtschaftlichen, militärischen und diplomatischen Beziehungen hat. Auf dieser Logik beruht beispielsweise die BDS-Kampagne.
Auch in Marokko zeigt sich die Kluft zwischen Regierung und Zivilgesellschaft. Während das Land 2020 die Abraham-Abkommen unterzeichnete, trug die marokkanische Gen-Z-Bewegung bei ihren Anti-Regierungs-Protesten 2025 palästinensische Flaggen. Was sagt das aus?
Der marokkanische Fall zeigt, wie weit die offizielle Diplomatie von der politischen Haltung der Bevölkerung abweicht. Marokko ist seit der Unterzeichnung der Abraham-Abkommen zu einem der engsten Verbündeten Israels auf dem afrikanischen Kontinent geworden.
Die Normalisierung der Beziehungen zu Israel steht in direkter Verbindung mit der Westsahara-Frage: Während Marokko die Abraham-Abkommen unterzeichnete, erkannten die USA die marokkanische Souveränität über die Westsahara an. Die geopolitischen Verhandlungen wurden auf Kosten sowohl der palästinensischen als auch der sahrawischen Selbstbestimmung geführt.
Gleichzeitig fanden in Marokko seit Beginn des Genozids in Gaza die größten und ausdauerndsten Proteste in der arabischen Welt und Afrika statt. Die Solidarität mit Palästina in der marokkanischen Bevölkerung ist besonders wichtig, da sie eine Form des Widerstands gegen die wachsende Präsenz Israels in der Politik, Sicherheit, Technologie und Wirtschaft Afrikas ist.
Dafür ist Marokko ein gutes Beispiel: Wie Amnesty International dokumentiert hat, wurde die von der israelischen NSO Group entwickelte Spionagesoftware Pegasus gegen Menschensrechtsaktivist:innen in Marokko und der Westsahara eingesetzt, darunter gegen den sahrawischen Aktivisten Aminatou Haidar.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übertragung von Jana Treffler mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.
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