Bahnbrechendes Urteil gegen Menschenhändler
„Walid schlug mit einem Wasserschlauch auf mich ein, bis mein Rücken völlig aufgerissen war. Als ich ihn fragte, was ich falsch gemacht hätte, hielt er mir die Pistole an den Kopf und sagte: ‚Ich werde dich erschießen‘.“
Die Aussage stammt von einem Überlebenden, der im Prozess gegen den Menschenhändler Amanuel Walid, auch bekannt als Tewelde Goitom, aussagte. Das Gericht im niederländischen Zwolle verurteilte den Angeklagten am Dienstag zu zwanzig Jahren Haft.
Der Eritreer soll zwischen 2014 und 2018 ein internationales kriminelles Menschenhändlernetzwerk angeführt haben. Schuldig befunden wurde er für „Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Menschenhandel und Erpressung“.
„Zusammen mit Ihren Komplizen haben Sie diese Menschen ohne Mitgefühl, Gewissen oder Achtung der Menschenwürde behandelt“, so Richter René Melaard. „Es scheint, dass dies ausschließlich dazu diente, möglichst viel Geld von schutzbedürftigen und hilflosen Menschen zu erpressen.“
Walids Netzwerk hat Internierungslager in Libyen, hauptsächlich in Bani Walid, betrieben. Dort wurden die Menschen gefoltert, bis ihre Familien Lösegeld in Höhe von Tausenden von US-Dollar zahlten. Der Fall wurde in den Niederlanden verhandelt, da viele dort lebende Eritreer:innen angaben, von Walids Netzwerk erpresst worden zu sein.
Das Gericht sprach von einer „außergewöhnlichen Schwere“ des Falls „sowohl hinsichtlich des Umfangs als auch der Art der Straftaten.“ Der Prozess beleuchtete die gesamte Migrationsroute von Eritrea über den Sudan und Libyen bis nach Europa und gab Aufschluss über die Funktionsweise transnationaler Schleusernetzwerke.
Der erste große Fall
Seit dem Sturz Muammar Gaddafis 2011 ist es für Migrant:innen sehr schwierig, sich in Libyen etwas aufzubauen. Das Land ist für Menschen, die vor Konflikten und Armut fliehen, zu einer wichtigen Station auf dem Weg nach Europa geworden. Bewaffnete Gruppierungen profitieren von der vulnerablen Situation durch Menschenhandel.
„Dies ist der erste Fall gegen einen Anführer einer kriminellen Vereinigung“, sagte Luigi Prosperi, Assistenzprofessor für Rechtswissenschaften an der Universität Utrecht, vor der Urteilsverkündung gegenüber Qantara. Laut ihm richten sich alle anderen europäischen Prozesse im Zusammenhang mit dem Schmuggel von Migrant:innen durch Libyen gegen „kleine Fische“.
Die 30.000 Seiten umfassende Akte in den Niederlanden war in sieben Anhörungen im November 2025 erörtert worden. Eritreer:innen aus den gesamten Niederlanden waren angereist, um dem ersten Verhandlungstag beizuwohnen.
„Wir haben in unserem Land keine Erfahrung mit solchen Prozessen, daher sind alle froh, hier zu sein“, sagte Tadese Teklebrhan, Vorsitzender der niederländischen NGO Eritreische Menschenrechtsverteidiger, im November.
Der Angeklagte selbst hatte im Prozess angegeben, nicht Walid zu sein. „Ich bin nicht der, den Sie suchen“, ließ er durch einen Dolmetscher am ersten Prozesstag ausrichten. Für den Rest des Prozesses berief er sich auf sein Aussageverweigerungsrecht.
Die Staatsanwaltschaft hörte rund 200 Aussagen von Überlebenden und Zeug:innen an, 30 davon wurden in die Anklageschrift aufgenommen. Die erste Aussage, die der Richter verlas, stammte von einem 15-jährigen eritreischen Mädchen, das am 4. Februar 2018 in Messina, Sizilien, ankam.
Sie berichtete, dass auf der Bootsfahrt von Libyen weder Essen, Trinken noch ein Telefon erlaubt waren. „Ich kann nicht schwimmen, und wir hatten keine Schwimmwesten“, sagte sie den Ermittlern. Wie viele andere wurde sie von den italienischen Behörden gerettet.
Nach italienischen Angaben kamen 128 von den 157 Geretteten aus Eritrea und wurden alle in Lagerhäusern nahe Bani Walid festgehalten. Die meisten sollen an Krätze gelitten haben. Erst nachdem ihre Familien Lösegeld – oft zwischen 3.000 und 6.000 US-Dollar – gezahlt hatten, durften sie die Lager verlassen und zur Küste reisen. Viele Familien hatten Mühe, die Summe aufzubringen, manche schafften es nicht.
Das Leid der Flüchtlinge in Libyen
Ausbeutung, Gewalt, Folter: Libyen ist kein sicheres Land für Flüchtlinge, mahnen immer mehr Organisationen. Deshalb sollte Europa Bootsflüchtlinge nicht dorthin zurückschicken. Ein Überblick über die Zustände vor Ort. Von Jeannette Cwienk
Zeug:innen berichteten, wie sie vor der eritreischen Diktatur über Äthiopien, Sudan und Libyen flohen, wo sie an Walid verkauft und in Lagerhäusern gefangen gehalten wurden. Mehr als tausend Menschen waren dort jeweils zusammengepfercht und warteten oft drei bis sieben Monate.
Walid kontrollierte mehrere Dutzend „Kapos“, Flüchtlinge, hauptsächlich aus Eritrea, die sich die Reise nicht leisten konnten und deshalb für ihn arbeiten mussten. Sie schlugen und folterten die Gefangenen mit Plastikstöcken oder gossen ihnen geschmolzenes Plastik über die nackte Haut. Walid wurde auch beschuldigt, selbst Menschen geschlagen zu haben.
Laut den verlesenen Aussagen mussten die Gefangenen täglich Schlange stehen, um ihre Angehörigen anzurufen und sie zur Zahlung des Lösegelds aufzufordern. Während der Anrufe wurden sie geschlagen. „Sie wollen, dass man weint oder schreit“, sagte T., eine Frau in ihren Dreißigern, die mit ihren beiden kleinen Kindern reiste. Ziel sei es, dass die Angehörigen schneller zahlten.
Die Zustände in den Lagerhäusern waren entsetzlich, berichteten Zeug:innen. Es herrschte akuter Mangel an Toiletten und Nahrungsmitteln. Einen einzigen Teller Nudeln, oft nur einmal täglich verteilt, mussten sich acht Personen teilen. Der 16-jährige E. erinnerte sich, bei seiner Ankunft in Sizilien trotz einer Größe von 1,70 Meter nur 30 Kilogramm gewogen zu haben.
Mehrere Zeug:innen berichteten von Menschen, die an Hunger, Folter, Krankheiten oder im Kindbett starben. Viele gaben an, von Walid sexuell missbraucht worden zu sein. Er soll Frauen gezwungen haben, mit ihm zusammenzuleben; einige berichteten, schwanger geworden zu sein.
„Jenseits jeder Menschlichkeit“
In ihrem Schlussplädoyer am 19. November hatte Staatsanwältin Petra Hoekstra von Verbrechen „jenseits jeder Menschlichkeit“ gesprochen, die „Tausende von Menschen betroffen“ hätten. Sie schätzte, dass Walid fast zwei Millionen US-Dollar verdient hat.
Der Prozess erregte großes Aufsehen. Laut Richter Melaard verfolgten über tausend Menschen den vom Gericht organisierten Livestream in Niederländisch, Englisch und Tigrinya. Der Prozess war das Ergebnis einer 2018 begonnenen Untersuchung, in deren Rahmen die niederländische Staatsanwaltschaft mit Italien, Europol, dem Internationalen Strafgerichtshof und anderen zusammenarbeitete.
"Diese Menschen wollen eine Chance"
Der couragierte katholische Priester Mussie Zerai setzt sich für die Rechte von Flüchtlingen in Italien ein und hat bereits zahllosen Menschen das Leben gerettet. Der Kandidat für den Friedensnobelpreis wird daher auch als "Engel der Flüchtlinge" bezeichnet. Viele Flüchtlinge nennen ihn einfach nur "Vater Moses". Von Andrea Backhaus
Neben Walid sind sechs weitere Personen in den Fall verwickelt, die aktuell in den Niederlanden in Untersuchungshaft sitzen. Sie werden der Erpressung und des Geldtransfers über das nicht nachverfolgbare und informelle Hawala- System verdächtigt, das außerhalb der traditionellen Bankensysteme operiert und auf Transferagenten angewiesen ist.
Einer der sechs Verdächtigen ist Kidane Zekarias Habtemariam, den die niederländische Polizei als „einen der berüchtigtsten und grausamsten Menschenschmuggler der Welt“ bezeichnet. Er wurde 2020 zusammen mit Walid in Äthiopien festgenommen, konnte ein Jahr später fliehen, wurde aber 2023 im Sudan wieder gefasst.
In den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde der Anfangvierzigjährige zunächst wegen Finanzvergehen verurteilt, nach Verbüßung seiner Haftstrafe wurde er am 24. Dezember 2025 an die Niederlande ausgeliefert. Das Verfahren gegen ihn soll noch in diesem Jahr beginnen.
Eritrea in Menschenhandel involviert?
Seitdem Eritrea sich vor drei Jahrzehnten von Äthiopien unabhängig machte, wird das Land vom Diktator Isaias Afwerki regiert. Die Menschenrechte sind stark eingeschränkt und die Bürger:innen werden zu einem langen und brutalen Nationaldienst gezwungen.
Auch im Ausland werden Eritreer:innen häufig bedroht. VluchtelingenWerk, eine niederländische Flüchtlingsorganisation, schätzt, dass 28.000 Menschen eritreischer Herkunft in den Niederlanden leben.
Trotz der Risiken hatten Eritreer:innen zu Prozessbeginn am 3. November eine Demonstration vor dem Gericht in Zwolle organisiert. Rund 30 Personen demonstrierten und forderten eine Untersuchung der Verbindungen zwischen dem kriminellen Netzwerk und den eritreischen Behörden.
Laut Mirjam van Reisen, Professorin an der Universität Tilburg und Expertin für Menschenhandel am Horn von Afrika, operieren eritreische Menschenhändlernetzwerke in Libyen, Sudan und anderen Ländern unter dem Schutz des eritreischen Staates. Diese Netzwerke seien weitaus größer als Walid und Kidane, warnt van Reisen.
Doch Prozesse dieser Art zeigen Wirkung. Laut van Reisen agierten Schleuser in der Vergangenheit „völlig ungestraft“. So wurde während des Prozesses Beweismaterial von Walids Facebook-Profil präsentiert, darunter Aufzeichnungen von Gesprächen über Lösegeldforderungen und öffentlich zugängliche Videos aus den Lagerhallen.
Van Reisen betont, dass jene, die in Libyen Übergriffe gegen Migrant:innen verübten, früher „vor nichts Angst hatten.“ Das habe sich aber grundlegend geändert: „Es ist deutlich geworden, dass die Staatsanwaltschaft das Thema ernst nimmt und in der Lage ist, solche Verbrechen zu untersuchen und die Täter vor Gericht zu bringen.“
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übersetzt von Clara Taxis. Die deutsche Fassung wurde nach Verkündung des Urteils aktualisiert.
© Qantara.de