Wo Geflüchtete ein Zuhause finden
Mazen Rabia hebt den Blick, begrüßt knapp, dann setzt er seinen nächsten Schachzug. Nach dem Spiel, sagt er, werde erstmal gekocht, dann gemeinsam gegessen, danach könne man miteinander sprechen.
Rabia sitzt in einem langen Raum im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu, provisorisch eingerichtet, zugleich offen und einladend: eine Kochstelle, arabische Bücher, eine Tischtennisplatte. Zwei Personen spielen Saz, die traditionelle türkische Langhalslaute. An den Wänden hängen eine palästinensische und eine neue syrische Flagge, dazwischen selbst gebastelte Arbeiten und Gruppenfotos.
Addar, wie der Verein heißt, ist kein reines Begegnungszentrum. Über die Jahre hat er sich zu einer Anlaufstelle für syrische Geflüchtete mit unterschiedlichsten Bedürfnissen entwickelt. Angeboten werden Sprachkurse und Beratung bei schulischen oder universitären Fragen. Hinzu kommt Hilfe im Alltag, etwa bei Behördengängen oder medizinischen Anliegen.
„Am Anfang wussten viele nicht einmal, wie man in der Türkei einen Arzttermin bekommt oder welche Rechte man hat“, sagt Rabia. „Also haben wir versucht, bei allem zu helfen, was im Alltag nötig war.“
Mazen Rabia kommt selbst aus Syrien, ist palästinensisch-syrischer Herkunft. Seit rund fünfzehn Jahren lebt er in der Türkei. Er hat acht Geschwister, die wie viele syrische Familien verstreut über verschiedene Länder leben.
In Syrien wurde er Mitte der 1980er Jahre wegen politischer Aktivitäten inhaftiert. „Unter einer Diktatur“, sagt Rabia, „hat man das Recht, zur Universität zu gehen, und zugleich das Recht, im Gefängnis zu landen.“
In Syrien studierte Rabia Theaterwissenschaft und begann, Arabisch zu unterrichten, informell, für ausländische Studierende. Nach der Haft habe er offiziell nicht arbeiten dürfen, Sprache sei der Bereich gewesen, in dem er dennoch tätig bleiben konnte. In Istanbul arbeitet er heute als Arabischdozent an der Koç-Universität.
Als er 2011 nach Istanbul kam, um zu lehren, traf er auf eine wachsende syrische Community. Die meisten Syrerinnen und Syrer waren erst seit kurzer Zeit im Land. Viele hatten Schwierigkeiten mit Behörden, Bildungseinrichtungen oder medizinischer Versorgung.
„Am Anfang hatten sie kaum Chancen“, erinnert er sich. „Sie kannten die Sprache nicht.“ Es fehlte an Orientierung und an Orten, an denen sich ihr Alltag überhaupt erst organisieren ließ.
Temporäres Bleiberecht
Auf dem Höhepunkt im Jahr 2019 lebten mehr als 3,7 Millionen syrische Geflüchtete in der Türkei; heute sind es noch rund 2,5 Millionen.
2014 hatte der Staat mit einer Regelung zum vorübergehenden Schutz einen rechtlichen Rahmen geschaffen, der Abschiebungen ausschloss und Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung, Bildung und – unter bestimmten Bedingungen – zum Arbeitsmarkt ermöglichte.
Eine langfristige Aufenthaltsperspektive oder die Aussicht auf Einbürgerung war damit jedoch nicht verbunden; der Status blieb ausdrücklich temporär.
In dieser Zeit entstand die Idee für Addar, nicht als Projekt oder Hilfsorganisation, sondern als praktischer Ort. Addar bedeutet auf Arabisch „Haus“. „Das Ziel war, uns selbst zu helfen und einen sicheren Raum zu finden“, sagt Rabia.
In den ersten Monaten sei Addar vor allem aus einem privaten Umfeld heraus entstanden: aus einem Kreis von Freunden, Lehrern und Ingenieuren, viele mit Kindern, die zunächst einen Ort brauchten, an dem Alltag möglich war.
Es ging darum, Zeit miteinander zu verbringen, Aktivitäten für Kinder zu organisieren, gemeinsam zu kochen oder Ausflüge zu machen. Erst später sei eine formelle Struktur entstanden, die es auch erlaubte, Unterstützung zu beantragen.
Immer wieder organisiert Addar auch Tanz- und Sportkurse, Fotografie- und Kochworkshops, Strick- und Handarbeitsgruppen. „Manche Angebote entstanden einfach aus dem, was die Leute konnten“, erklärt Rabia. „Wenn jemand tanzen konnte, gab es einen Tanzkurs. Wenn jemand kochen konnte, wurde gekocht.“
Einige dieser Aktivitäten wurden mit türkischen und internationalen NGOs sowie Universitäten umgesetzt. In den ersten Jahren gehörten auch Museumsbesuche und Angebote für Familien mit Kindern zum Programm.
Mit „Hoca“ angesprochen
Über die Jahre wurde Addar für viele junge Besucher auch zu einem Raum, in dem sie sich auf schulische und akademische Wege vorbereiteten, während ihre Lebenssituation noch ungeklärt war.
Mindestens fünfzig junge Menschen wurden von hier aus auf Studienaufenthalte in den USA, Kanada und Großbritannien vorbereitet. Die meisten schlossen Masterstudiengänge ab, einige arbeiten heute an Dissertationen, betont Rabia stolz.
Für ihn sei dies ein Zeichen, dass sich die jahrelange Arbeit gelohnt habe. Entscheidend sei nicht, dass die jungen Menschen gegangen seien, sondern dass sie ihren Weg gefunden hätten. „Wir haben sie hier vorbereitet.“ Man habe sie bei Sprachtests und Bewerbungen unterstützt und die nötigen Kontakte hergestellt.
Von einigen Besuchern wird Rabia mit „Hoca“ angesprochen, ein türkischer Begriff für Lehrer oder Mentor. Eine Person, die regelmäßig kommt, beschreibt ihn als Vaterfigur. Andere beschreiben Addar als einen Ort, der Halt gibt.
Was Addar über die Jahre getragen hat, war ein Netzwerk aus Menschen, Zeit und Vertrauen. Der Betrieb beruhte auf freiwilliger Arbeit, punktueller Unterstützung und der Überzeugung, dass sich Lösungen finden lassen. Für Rabia selbst ist der Verein kein Projekt, sondern ein Ort des Ankommens: „Es ist Zuhause.“
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Netzwerk aus Menschen, Vertrauen und Zeit
Heute ist die Existenz von Addar unsicher. „Wir sind in einer kritischen Situation“, erklärt Rabia. Der Verein arbeitet vollständig ehrenamtlich und verfügt über keine dauerhafte Förderung. Die laufenden Kosten etwa für die Miete seien nur noch für wenige Monate gedeckt. Frühere Unterstützungen seien punktuell geblieben, neue Förderungen zuletzt ausgeblieben.
„Wir sind keine professionelle Organisation“, stellt Rabia klar. Es gebe niemanden, der systematisch Geld eintreibe. Die Arbeit entstehe weiter aus dem Alltag heraus, Kochen, Unterrichten, Organisieren, Zuhören. Dass dies aktuell immer schwieriger werde, sei allen Beteiligten bewusst.
Addar sei fast alles, sagt er, sein Leben und das vieler anderer. Schließen zu müssen, wäre für viele schwer, gerade für jene, die hier lernen, helfen und sich zu Hause fühlen.
Rabia sieht die Lage von Addar auch im Zusammenhang mit veränderten politischen Rahmenbedingungen. Zwar gehe die Zahl der syrischen Geflüchteten in der Türkei zurück, sagt er, „aber nicht alle kehren nach Syrien zurück.“ Nur für manche sei dies eine Option, etwa wenn Familie oder Eigentum geblieben sei. Andere hätten ihr Leben längst in der Türkei organisiert, auch wenn die Perspektiven hier unklar blieben.
Am Tag nach dem ersten Besuch wird Addar wie an jedem Freitag zu einem offenen Treffpunkt. Neben denen, die regelmäßig kommen, betreten Menschen den Ort auch zum ersten Mal. Rabia kocht; gegessen wird im Stehen oder auf Kissen auf dem Boden. Gespräche wechseln zwischen Arabisch, Türkisch und Englisch.
Doch das gemeinsame Essen an diesem Tag könnte das letzte gewesen sein. Kurz nach dem Besuch teilt Addar über seine Instagram-Seite mit, dass aus finanziellen Gründen freitags kein gemeinsames Essen mehr angeboten werde, die Treffen aber weiterhin stattfinden sollen.
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