Der Krieg steckt noch im Boden
Als Khadija al-Muhammad eines Morgens im August in einem Dorf in Idlib das Frühstück für ihre drei Kinder zubereitete, zerriss eine Explosion die Stille. Schreie der Kinder, die vor dem baufälligen Haus gespielt hatten, durchdrangen plötzlich die staubige Luft.
Barfuß rannte Khadija hinaus und fand ihren achtjährigen Sohn Ghayath im trockenen Gras liegen. Die Explosion hatte ihm einen Arm abgerissen, seine Kleidung war blutüberströmt. Nachbarn brachten ihn zur nächsten Krankenstation, die Mutter lief dem Auto laut weinend hinterher. Die Ärzte teilten Khadija mit, dass Ghayaths Verletzung schwerwiegend sei. Der Rest des Arms müsse amputiert werden.
Der Vorfall erinnert daran, dass die Hinterlassenschaften des Krieges in Syrien, darunter Minen und Blindgänger, weiter Leben bedrohen. Betroffen sind vor allem Binnenvertriebene, die nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 in ihre Heimat zurückgekehrt sind.
Khadija ist eine von ihnen. Nach sieben Jahren der Vertreibung ist sie in ihr Dorf al-Bara im Süden der Provinz Idlib zurückgekehrt. Erschöpft vom Leben im Zelt, entschied sie sich, in ihr baufälliges Haus zurückzukehren. Sie habe gehofft, dass es erträglicher sei als die Kälte im Lager, wie sie Qantara erzählt.
Doch wie in vielen Dörfern in Idlib, Hama und Aleppo verbergen sich auch in al-Bara noch immer Spuren des Krieges. Damals lagen sie an der Front, heute sind vor allem Randgebiete und Olivenhaine noch kontaminiert. Verschärft wird die Gefahr durch fehlende Warnschilder und Karten, die die Standorte von Minen und nicht explodierten Kampfmitteln verzeichnen.
Am 21. Mai explodierte eine Mine auf dem Grund eines verlassenen Brunnens im Dorf Abu Habba im östlichen Umland von Idlib, nachdem spielende Kinder Steine hineingeworfen hatten. Bei der Explosion starben vier Kinder, darunter der sechsjährige Marwan al-Sulaiman.
„Die Minen haben sein unschuldiges Gesicht entstellt“, erzählt seine Mutter, Reema Hamdan, gegenüber Qantara. „Ich sagte ihm: ‚Geh nicht in die Nähe des Brunnens!‘, aber er war noch ein Kind und hat nicht verstanden, dass die Steine, die er hineinwarf, den Tod heraufbeschwören würden. Ich habe nicht nur ihn verloren, sondern auch meinen Schlaf. Immer wenn ich ein Kind in der Gasse spielen sehe, rufe ich ihm zu, es solle vom Brunnen wegbleiben.“
Herausforderung Arabisch
Ali ist elf Jahre alt, sechs davon hat er in Deutschland verbracht. Zurück in Syrien kämpft er mit seiner Muttersprache. Syriens neue Regierung scheint mit der Integration der zurückgekehrten Schulkinder überfordert zu sein.
Nach Schätzungen der internationalen Hilfsorganisation Halo Trust, die auf Minenräumung spezialisiert und seit 2017 in Syrien tätig ist, gab es in dem Land seit Anfang dieses Jahres rund 700 Opfer von Explosionen durch Munition, von denen etwa ein Drittel ums Leben kam.
Simon Jackson, Syrien-Programmdirektor bei Halo Trust, sagte der Nachrichtenagentur AFP im September, dass die durchschnittliche Zahl der Unfälle in Syrien bei „einem Opfer alle sechs Stunden“ liege. Einen deutlichen Anstieg der Unfälle habe es Anfang 2025 gegeben, da die Bevölkerung nach dem Sturz des Assad-Regimes schnell in ihre Heimat zurückgekehrt sei.
Vielerorts würden Blindgänger die Bewohner:innen aber daran hindern, ihre Häuser und Geschäfte wieder aufzubauen, fügte er hinzu. Landwirte könnten ihre Felder nicht wieder bewirtschaften. Er warnte, es könne 20 bis 30 Jahre dauern, bis dieses Problem vollständig gelöst sei.
Jeder Zentimeter kann gefährlich sein
Spezialisierte Teams internationaler Organisationen, darunter Halo Trust, arbeiten in verschiedenen Regionen des Landes an der Beseitigung von Minen und Kriegsrückständen – in Abstimmung mit Teams des syrischen Ministeriums für Notfälle und Katastrophenschutz und mit Unterstützung des UN-Minenräumdienstes (UNMAS).
Im ersten Quartal 2026 führten allein die Teams des Ministeriums laut der syrischen Nachrichtenagentur SANA 311 Operationen zur Beseitigung von Blindgängern durch und identifizierten mehr als 200 mit Kriegsrückständen kontaminierte Orte.
Die Teams untersuchen Gebiete, in denen eine Kontaminierung mit Kampfmitteln wahrscheinlich ist, und bringen Warnschilder an. Auch Reem al-Rahmoun macht diese Arbeit. Die gelernte Krankenpflegerin ist in ihren Zwanzigern und kam vor etwa zwei Jahren zum Zivilschutz. Der Anblick von durch Explosionen verwundeten Frauen und Kindern hatte sie dazu motiviert.
Zunächst arbeitete al-Rahmoun in der Datenerhebung und in Programmen zur Sensibilisierung der Bevölkerung, später schloss sie sich den Teams zur Räumung von Kampfmitteln an. Jeden Morgen macht sie sich im Norden von Idlib auf den Weg zur Arbeit, setzt ihren Helm auf und schultert die schwere Ausrüstungstasche.
„Jeder Schritt, den ich im Einsatzgebiet mache, ist eine Konfrontation mit dem Tod. Gleichzeitig ist jeder Schritt ein Beitrag zur Rettung von Leben, wir haben schon so viele Opfer zu beklagen. Ich tue es trotz der Angst meiner Familie“, sagt al-Rahmoun gegenüber Qantara. Deshalb behandelt sie jeden Quadratmeter Land so, als berge er potenzielle Gefahren. „Der gefährlichste Moment ist nicht der, in dem man die Mine findet, sondern in dem man glaubt, der Ort sei sicher.“
Ihre Teams, berichtet al-Rahmoun, würden Familien dringend bitten, keine unbekannten Gegenstände anzufassen, selbst wenn diese klein oder harmlos erscheinen. Verdächtige Gegenstände sollen sie umgehend über die Zivilschutz-Hotlines melden.
Al-Rahmoun rät außerdem dazu, Kinder von Gebieten fernzuhalten, die in der Vergangenheit bombardiert wurden oder in denen bereits Blindgänger gefunden wurden. Es sei wichtig, sie über die Gefahren von glänzenden oder unbekannten Gegenstände auf Feldern und Straßen aufzuklären.
Wenn es zu einem Unfall kommt, rücken die Einsatzteams aus, um den Ort zu sichern, die Zivilbevölkerung zu evakuieren und die Verletzten zur nächstgelegenen Krankenstation oder zum Feldlazarett zu transportieren. Anschließend wird das Gebiet abgesucht, um sicherzustellen, dass keine weiteren Sprengkörper vorhanden sind.
Ist die Gefahr gemäß den festgelegten Verfahren beseitigt, besuchen die Teams die betroffenen Familien, um sie aufzuklären und eine Wiederholung solcher Vorfälle zu verhindern. Ziel ist es, den Zivilisten den Zugang zu ihrem Land oder Häusern sowie ein Leben ohne Angst zu ermöglichen.
In den regelmäßigen Vorfällen sieht al-Rahmoun den Beweis, dass ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen ist. Sie hält die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für genauso wichtig wie die Beseitigung der Minen und Munition selbst.
Das Kartografieren der Minenfelder
Der Minenräumungsprozess in Syrien steht jedoch vor vielfältigen Herausforderungen, darunter die Identifizierung kontaminierter Gebiete, die Sicherung der notwendigen Finanzmittel sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung.
„Nach allem, was ich gesehen habe, arbeiten die Zivilschutzteams und das Ministerium für Notfälle zwar hart, aber ohne einen klaren nationalen Plan und ohne ausreichende Finanzierung“, erklärt Salah al-Ahmad. Gemeinsam mit anderen hat der Maschinenbauingenieur sein Land und das seiner Nachbarn von Minen und Kriegsrückständen befreit.
Al-Ahmad erklärt, welche Typen von Antipersonenminen in Syrien verbreitet sind: die OZM-72-Sprungminen, die hochspringen erst dann explodieren; POM-2-Minen, die mit Spanndrähten ausgestattet sind, deren Berührung die Mine auslösen kann, sowie PMN-3-Minen, die mit Bewegungssensoren ausgestattet sind, was ihre Räumung noch schwieriger macht.
Er fordert, der Räumung von Straßen, Schulen, Gesundheitseinrichtungen und Brunnen Priorität einzuräumen, anschließend dann den landwirtschaftlichen Flächen. Parallel sollte es niedrigschwellige und innovative Aufklärungskampagnen geben, die unterschiedliche Alphabetisierungsgrade berücksichtigten und Überlebende hinzuzögen, damit sie ihre Erfahrungen weitergeben können.
Al-Ahmad schlägt die Entwicklung einer leicht zugänglichen digitalen Plattform vor, auf der eine aktuelle Karte minenverseuchter Gebiete abrufbar wäre. Die Bevölkerung könnte mutmaßliche Minenstandorte per Handy-App melden. Geschulte Teams würden die Meldungen überprüfen. Zudem ruft er dazu auf, langfristige internationale Unterstützung zu mobilisieren und Minenräumprojekte mit Programmen zum wirtschaftlichen Wiederaufbau zu verknüpfen.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Übertragung von Clara Taxis mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.
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