Auf wessen Boden bauen Großinvestoren?
„Wir wissen nicht, was uns bevorsteht“, seufzt Hamza*, ein Grundstücksbesitzer aus dem Damaszener Stadtteil Dschobar. Sein Haus wurde im fast 14-jährigen Bürgerkrieg vollständig zerstört. Aufgrund der Nähe zur Altstadt wurde Dschobar damals zur Frontlinie, heute liegen 93 Prozent des Stadtteils in Trümmern. Die Weltbank schätzte 2025, dass das Umland von Damaskus die am zweitstärksten zerstörte Provinz des Landes nach Aleppo ist.
Ehemalige Bewohner:innen des Viertels kehrten nach dem Sturz des Assad-Regimes zurück und hofften, ihr Zuhause wieder aufbauen zu können. Im März 2026 schlug die Provinzverwaltung von Damaskus dann tatsächlich ein Immobilieninvestitionsprojekt im Umfang von rund 18 Milliarden Euro für den Wiederaufbau der Stadtteile Dschobar, Qabboun und Tishreen vor.
Die Details sind für Betroffene wie Hamza jedoch unerwartet schlechte Nachrichten: Nach dem von Maher Marwan Idlibi, dem Gouverneur von Damaskus, vorgelegten Plan sollen Grundstückseigentümer ihr Land abgeben. Im Gegenzug werden ihnen Flächen versprochen, die nur 50 Prozent ihrer Wohnimmobilien beziehungsweise 30 Prozent ihrer landwirtschaftlichen Flächen entsprechen.
Als die Anwohner:innen gegen diese Entscheidung protestierten, widersprachen sich Regierungsvertreter in ihren Reaktionen. Auch Hamza erhielt unterschiedliche Antworten: „Es gibt keine einzige verlässliche Quelle“, erklärte er. Ihm gegenüber hätten einige Regierungsbeamte eine vollständige Entschädigung versprochen.
Der Gouverneur bittet um Verständnis
Die Aussicht, dass ihm möglicherweise nur ein halb so großes Grundstück zur Verfügung stehen wird, ist für Hamza inakzeptabel. „Niemand hier hatte ein großes Haus“, erklärt er. Vor dem Krieg war Dschobar ein dicht besiedeltes Wohngebiet mit fast zwei Millionen Einwohner:innen, gelegen am Fluss Barada. „Die meisten Menschen besitzen 120, manche 200 Quadratmeter“, erklärt er. Er selbst hat seit seiner Flucht 2013 eine Familie gegründet und befürchtet nun, ein Haus mit „nur einem oder zwei Zimmern“ würde nicht ausreichen.
Als Reaktion auf die Kritik veranstaltete Gouverneur Idlibi im April eine öffentliche Dialogveranstaltung zum Projekt. Dort erläuterte er, dass der junge Staat bei der Finanzierung des Wiederaufbaus vor einer grundlegenden Entscheidung stehe. Die erste Möglichkeit sei es, den Wiederaufbau den Bürger:innen selbst zu überlassen. Die zweite stütze sich auf Zuschüsse und Kredite, die von der internationalen Gemeinschaft und von internationalen Institutionen bereitgestellt werden. Die dritte Option sei die Finanzierung durch Investitionen.
„Wir haben eigentlich keine Kredite“, erklärte Idlibi. Auf Anordnung von Präsident Ahmad al-Scharaa hat Syrien sich geweigert, Auslandsschulden aufzunehmen oder Kredite beim Internationalen Währungsfonds aufzunehmen. Die Hoffnungen auf einen Wiederaufbau durch eine exportorientierte Wirtschaft wurden durch anhaltende Handelsbeschränkungen für syrische Importe gebremst, wie Idlibi einräumt.
Auch die Versprechen der internationalen Gemeinschaft, Wiederaufbauhilfe zu leisten, hätten sich bislang nicht verwirklicht: „Es gibt zwar Zusagen für Zuschüsse, aber vor Ort ist bislang nichts Konkretes und Verbindliches angekommen.“
Der Wiederaufbau könnte Ungleichheit verschärfen
Die Weltbank schätzt die Kosten für den Wiederaufbau Syriens auf 189 Milliarden Euro. Zu seiner Strategie für den Wiederaufbau erklärte Ahmad al-Scharaa auf einer Investorenkonferenz in Riad im Oktober 2025: „Wir haben den Weg des Wiederaufbaus durch Investitionen gewählt und uns dagegen entschieden, Syrien durch Hilfe und Unterstützung wiederaufzubauen.“
Umfangreiche Investitionen fördert al-Scharaas Regierung durch wirtschaftliche Liberalisierungsmaßnahmen. Nach Änderungen entsprechender Gesetze dürfen ausländische Investoren Unternehmen in Syrien vollständig besitzen, ohne einen lokalen Partner zu benötigen. Darüber hinaus wurden die rechtlichen Schutzmaßnahmen für Investoren ausgeweitet und die vollständige Rückführung von Kapital ermöglicht, sodass ausländische Investoren ihre Gewinne nach Zahlung der erforderlichen Steuern in ihr Heimatland transferieren können. Zudem gelten Steuerbefreiungen für ausgewählte Branchen, darunter die Pharmaindustrie, die Landwirtschaft und die exportorientierte Fertigungsindustrie.
Neue Elite, neuer Kurs, alte Muster
Beim wirtschaftlichen Wiederaufbau setzt Syrien auf Liberalisierung, ausländische Investitionen und niedrige Staatsausgaben. Die neue Herrschaftsklasse profitiert, doch nachhaltiges Wachstum bleibt aus.
Benjamin Fève, Analyst bei der Beratungsagentur Karam Shaar Advisory Ltd., sagte gegenüber Qantara, die aktuelle Gesetzgebung mache „Syrien zum attraktivsten Steuerstandort in der Region“, mit Ausnahme der Golfstaaten. Für die Übergangsregierung sei das von Vorteil: „Für eine Regierung, die in einem instabilen Land schnell handeln und zugleich die politische Kontrolle bewahren möchte, bietet diese Flexibilität erhebliche Vorteile. Indem die Kosten aus dem Staatshaushalt ausgelagert werden, wird der Wiederaufbau zu einem projektbasierten System.“
Seit ihrer Einführung hat die Liberalisierung eine Reihe vielversprechender Großinvestitionsprojekte mit sich gebracht, insbesondere aus den Golfstaaten. Für die Sanierung des internationalen Flughafens von Damaskus sagte die in Katar ansässige UCC Holding 3,5 Milliarden Euro zu.
Die National Invest Corporation aus den VAE möchte 1,7 Milliarden Euro in den Bau einer U-Bahn in Damaskus investieren. Hinzu kommen Abkommen mit europäischen Investoren wie dem französischen Unternehmen CMA CGM. Am 1. Mai 2025 unterzeichnete Syrien mit diesem ein Investitionsabkommen im Wert von 230 Millionen Euro für Entwicklung und Betrieb des Hafens von Latakia, dem wichtigsten Seehafen des Landes.
Doch der Großteil dieser Investitionen ist bislang nicht zustande gekommen, erklärt Hani al-Jundi von der in Damaskus ansässigen Beratungsfirma Sima Partners gegenüber Qantara. „Von den landesweit unterzeichneten Investitionsvereinbarungen im Wert von 28 Milliarden Dollar entfallen etwa 10 Milliarden auf den Raum Damaskus, und davon ist bislang nur das Flughafenprojekt in die Umsetzungsphase übergegangen.“
Eine wirtschaftliche Erholung durch private Investitionen lässt offen, ob der Aufschwung die Bevölkerung insgesamt erreichen wird. Benjamin Fève warnt vor einer „Erholung mit zwei Geschwindigkeiten“: „Erstklassige Stadtlagen, Flughäfen, Energieinfrastruktur und besonders rentable Sektoren könnten Investitionen anziehen, während arme und ländliche Regionen zurückbleiben.“
Wirtschaftliche Schocktherapie stößt auf Widerstand
Syrien bewege sich in Richtung eines „auf Wettbewerb basierenden freien Marktsystems“, so der Vorsitzende der Handelskammer von Damaskus, Bassel Hamwi. Gleichzeitig hat die Übergangsregierung Austeritätsmaßnahmen eingeführt, die einen deutlichen Bruch mit dem Wirtschaftsmodell unter Assad darstellen. Das Baath-Regime hatte seine Wirtschaftspolitik maßgeblich durch staatlich vergebene Aufträge und Posten an Regimetreue sowie umfangreiche Subventionen für lebenswichtige Güter gestaltet.
Subventionen für Diesel, Düngemittel, Wasser und Brot wurden von al-Scharaas Regierung stark gekürzt oder abgeschafft, während neue Stromtarife eingeführt wurden, um die Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung zu verringern und Investitionen zu fördern. Zudem wurden im Januar 2025 rund ein Drittel der Regierungsangestellten entlassen, staatliche Unternehmen aufgelöst und ihr Vermögen versteigert, während Einfuhrzölle um 60 Prozent gesenkt wurden.
Diese Reformen haben wiederholt Proteste ausgelöst. Im Januar 2025 forderten entlassene Staatsbedienstete ihre Wiedereinstellung, Strompreiserhöhungen lösten Demonstrationen in mehreren Städten aus, und steigende Preise für Getreide und Treibstoff führten zu weiteren lokalen Protesten.
Grundstückseigentümer Hamza aus Dschobar weigert sich vorerst, sein Land zu verkaufen. Seine Versuche, von den Behörden Klarheit über die Pläne zu erhalten, haben ihn frustriert. Bis der Wiederaufbau seines Heimatorts beginnt, bleibt er in Ghouta, einem Nachbarbezirk seines früheren Wohnortes, wo er eine Wohnung gemietet hat. Er hofft auf eine Zukunft in seinen eigenen vier Wänden.
* Name geändert.
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