Englisch im Untergrund
Jebrael, der westlichste Vorort der afghanischen Großstadt Herat, wächst seit Jahren unaufhaltsam. Wo früher Felder und Ackerland lagen, drängen sich heute Häuser entlang staubiger Straßen und offener Abwasserkanäle. Schulen arbeiten im Schichtbetrieb, Wohnraum ist knapp, eine funktionierende Müllentsorgung existiert kaum.
Zu Stoßzeiten schieben sich Tausende gelbe Tuk-Tuks hupend durch die Gassen, Kinder spielen Fußball, Händler verkaufen Obst und Gemüse. Viele Familien, die heute hier leben, gehören zur Volksgruppe der Hazara und kamen in den vergangenen Jahrzehnten aus afghanischen Provinzen wie Ghor, Daikondi oder Bamiyan nach Herat – auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben.
Mitten in diesem Viertel lebt Fatema*, eine Frau Anfang zwanzig. Seit 2007 wohnt sie mit ihrer Familie in einem zweistöckigen Haus in Jebrael. Damals zog die Familie aus Zentralafghanistan in den noch ruhigen und ländlich geprägten Vorort, in dem nur wenige Hazara-Familien lebten. Vieles wirkte beschaulich, doch schon damals gehörten Diskriminierung und subtile Ausgrenzung für viele Hazara zum Alltag.
Seit der erneuten Machtübernahme der radikal-islamischen Taliban 2021 in Afghanistan hat sich das Leben in Jebrael grundlegend verändert. Für Frauen wie Fatema ist der Alltag seither massiv eingeschränkt: Sie werden eingeschüchtert, dürfen öffentliche Orte nur in Begleitung eines männlichen Vormunds betreten und unterliegen strengen Vorgaben bei Kleidung und Verhalten.
Hazara in Afghanistan doppelt benachteiligt
Wie Fatemas Familie gehören schätzungsweise zehn bis zwanzig Prozent der Gesamtbevölkerung Afghanistans zu den Hazara. Die überwiegend schiitische Volksgruppe lebt vor allem im zentralafghanischen Hazarajat, einer Gebirgsregion mit der Stadt Bamiyan als kulturellem Zentrum.
Viele Hazara sprechen Hazargi, eine Variante des Persischen, und unterscheiden sich äußerlich durch ihre zentralasiatischen Gesichtszüge von anderen Bevölkerungsgruppen. Gerade diese Merkmale werden von den Taliban immer wieder zum Anlass genommen, sie auszugrenzen.
Als „doppelte Minderheit“ – ethnisch und religiös – zählen die Hazara zu den am stärksten benachteiligten Gruppen des Landes und wurden über Jahrzehnte von verschiedenen afghanischen Regierungen wirtschaftlich und sozial marginalisiert.
Mit der Machtübernahme der Taliban hat sich ihre Lage erneut verschärft. Für viele Hazara bedeutet die Rückkehr der Taliban vor allem eines: neue Unsicherheit und wachsende Angst vor systematischer Ausgrenzung.
Frauen von Teilhabe ausgeschlossen
Für Fatema ist all das gelebte Realität. Als junge Frau und Angehörige der Hazara hat sie es in diesem „Gender-Apartheidssystem“ besonders schwer – einem System, das Frauen weitgehend von gesellschaftlicher Teilhabe ausschließt und sie in die eigenen vier Wände verbannt. Bildung und ein selbstbestimmtes Leben sind massiv eingeschränkt. Fatema jedoch leistet ihre eigene Form des Widerstands.
Mit sieben Jahren wurde sie eingeschult und besuchte zunächst eine Schule mit einem speziellen Programm für Binnenmigrant*innen. Später wechselte sie auf die weiterführende Mädchenschule von Jebrael. Damals war die Schule mit 50 bis 55 Schülerinnen pro Klasse überfüllt. Es fehlte an Büchern, Klassenzimmern und Lehrkräften. Aufgrund der hohen Schülerzahl musste der Unterricht in vier Schichten zu je drei Stunden organisiert werden – viel zu wenig, um ordentlich lernen zu können.
Trotz der schwierigen Umstände erinnert sich Fatema wehmütig an die Zeiten zurück. „Ich lernte voller Hoffnung und Entschlossenheit, auch wenn ich mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Ich musste abends Teppiche weben und dann bis spät in die Nacht lernen.“ Alles ordnete sie ihrem Traum unter, nach der Schule Informatik und Cybersicherheit zu studieren und sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.
Lebende Tote
Bei der Einnahme Kabuls durch die Taliban im August 2021 war Fatema in der elften Klasse. Mädchen über zwölf wurden schnell vom Unterricht ausgeschlossen. Doch im folgenden Sommer konnte Fatema immerhin noch die Prüfungen der 12. Klasse ablegen und hat somit einen offiziellen Schulabschluss.
Das war jedoch nur ein schwacher Trost: Jahrelang litt sie unter Depressionen und hat bis heute Mühe, mit der neuen Realität zurechtzukommen. „Ich habe viele Möglichkeiten verloren und fühlte mich wie eine lebende Tote. Alle meine Träume sind zerstört.“
Angesichts der religiös begründeten Unterdrückung durch die Taliban hat sich auch Fatemas Verhältnis zum Glauben verändert. Religion spielt in ihrem Leben inzwischen keine Rolle mehr, denn anstatt ihr Hoffnung und Sinn zu geben, fühlt sie sich gefangen und machtlos. „Ich habe das Gefühl, dass sie mir die Chance auf ein wirkliches Leben genommen hat und mich zu jemandem gemacht hat, der nur noch überlebt, statt zu leben.“
Ihrer Familie kann sie sich mit ihren Zweifeln nicht anvertrauen, gerade ihrer Mutter würde sie das Herz brechen. So bleibt ihr verändertes Verhältnis zur Religion ihr Geheimnis.
Wirtschaftlicher Druck
Immer wieder erlassen die Taliban neue Regeln und Vorschriften – oft unvorhersehbar und willkürlich. Viele Familien geraten dadurch wirtschaftlich immer stärker unter Druck. Gleichzeitig hat der Iran 2025 im Zuge des Zwölftagekriegs mit Israel Hunderttausende Afghan:innen nach Afghanistan abgeschoben. Sie belasten ein ohnehin vor dem Kollaps stehendes System zusätzlich.
Frauen leiden unter dem wirtschaftlichen Druck besonders. Nicht selten entlädt sich die Frustration in Gewalt. Um das wirtschaftliche Überleben der Familien zu sichern, werden Frauen immer häufiger in Zwangsehen gegeben und junge Mädchen verkauft.
Auch Fatemas Familie bleibt von dem Druck nicht verschont. Einer ihrer Brüder sowie ein Onkel bereiten sich darauf vor, erneut illegal nach Iran zu reisen, da sie in Afghanistan keine Perspektive sehen.
Inmitten von Angst und Perspektivlosigkeit bewahrt sich Fatema ihren Mut. „Wenn ich heute mein Land sehe, habe ich das Gefühl, dass es hier für viele junge Mädchen und Frauen keine wirkliche Zukunft gibt. Dabei geht es nicht nur um Armut, sondern auch um unsere Chance auf ein normales Leben.“
Gerade deshalb war es ihr eine Herzensangelegenheit, als sie 2023 begann, Mädchen in ihrem Viertel heimlich Englischunterricht zu geben. Sie selbst hatte zuvor über eine Hilfsorganisation die Möglichkeit bekommen, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern – eine Chance, die sie nun weitergeben möchte.
Als der Taliban-Geheimdienst von den Aktivitäten erfuhr, wurde es zu gefährlich, und sie musste für einige Monate pausieren. Heute unterrichtet sie gemeinsam mit einer Partnerorganisation rund zwanzig junge Frauen – ständig auf der Hut vor dem Regime und neuen Schikanen. „Ich mache weiter, weil ich diesen Mädchen die Chance geben möchte zu lernen, Fähigkeiten zu erwerben und von einem besseren Leben zu träumen“, sagt sie.
Afghanen als Sündenböcke
Im Krieg mit Israel schürt das Regime in Teheran das Misstrauen gegenüber afghanischen Geflüchteten. Dabei sind ausgerechnet sie den israelischen Luftangriffen am schutzlosesten ausgeliefert.
Vor einigen Monaten erhielt Fatema ein Stipendium für eine Universität in Malaysia. Für sie ist das Stipendium die Chance auf ein Leben mit Sicherheit, Bildung und Freiheit. „Ich möchte als Mensch leben, nicht nur existieren.“
Gleichzeitig schmerzt sie der Gedanke, Afghanistan und ihre Familie zu verlassen. Besonders die Situation anderer Frauen beschäftigt sie. „Ich träume von einem Tag, an dem in Afghanistan die Menschlichkeit an erster Stelle steht und wir frei und sicher leben können – ohne Diskriminierung und Unterdrückung.“
Dann fügt sie hinzu: „Ich wünsche mir, dass die Welt afghanische Frauen nicht nur als Opfer sieht. Wir sind so viel mehr als das. Wir haben Träume, Talente, Wünsche und Mut. Uns wäre mehr geholfen, wenn man unsere Stärken anerkennen und unsere Fähigkeiten fördern würde.“
Wann genau Fatema nach Malaysia ausreisen kann, steht noch nicht fest. Solange sie bleibt, will sie weitermachen – trotz Angst, Unsicherheit und wachsendem Druck.
*Name geändert
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