„Wenn wir diese Geschichten nicht erzählen, wer dann?“
Qantara: Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem World Press Photo Award 2026. Was bedeutet die Anerkennung Ihres Projekts „Moon Dust“ für Sie und die Menschen im Stadtteil Wadi al-Qamar in Alexandria, deren Leben Sie seit 2016 dokumentieren?
Mohamed Mahdy: Es fühlte sich wie ein Sieg an, als ich ihnen das mitteilte. Die Bewohner:innen von Wadi al-Qamar – oder „Tal des Mondes“ – haben seit der Bekanntgabe viel über den Wettbewerb gepostet. Sie wollen die Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen der Zementfabrik auch selbst weiter dokumentieren. Aber wir wissen auch, dass der Sieg nur vorübergehend ist. Echte Veränderung wäre es nur, wenn die Fabrik geschlossen oder verlegt wird.
Der Kampf gegen die Fabrik dauert seit Jahrzehnten an, aber es ist vor allem Ihrer Arbeit zu verdanken, dass die Welt begonnen hat, auf die Anwohner:innen zu hören. Was hat Sie auf das Thema aufmerksam werden lassen?
Ich komme selbst aus Alexandria und kam auf dem Weg zur Uni täglich an dieser Gegend vorbei. Der Gesundheitskrise habe ich aber keine große Beachtung geschenkt. Das änderte sich, als mir ein Freund, dessen Familie dort gelebt hat, erzählte, dass sie wegziehen wollen, weil seine kleine Schwester kurz davorstand, an Asthma zu sterben.
Ich leide selbst an Asthma, war mir aber nicht bewusst, dass die Krankheit so schwerwiegend sein kann. Mein Freund ermutigte mich, der Sache nachzugehen, und stellte mir einige seiner Verwandten vor. Eine Familie führte zur nächsten.
Was wir entdeckten, war schockierend: Kinder werden mit Asthma geboren, weil die Fabrik Abfälle verbrennt und unverantwortlich Giftstoffe freisetzt. Aber es ist nicht nur Asthma: Man trifft auch Menschen, die nicht riechen oder schmecken können oder Beatmungsgeräte benötigen. Jede Familie dort ist auf die ein oder andere Weise betroffen.
Manche mögen argumentieren, dass die Anwohner:innen einfach wegziehen sollten, so wie die Familie Ihres Freundes.
Wegziehen ist schwierig. Niemand wolle „auf einem Friedhof“ leben, heißt es, wenn die Menschen dort ihre Wohnungen und Häuser verkaufen oder vermieten wollen. Und da viele Anwohner:innen auch in der Fabrik arbeiten, wäre vor dem Hintergrund von Ägyptens schwieriger Wirtschaftslage auch ihre Einkommensquelle gefährdet.
2018 befand ein Gericht Titan Cement, das Unternehmen hinter der Fabrik, der Umweltverschmutzung für schuldig. Es war der erste Prozess dieser Art in Ägypten, der gewonnen wurde. Was hat sich seitdem geändert?
Die Menschen hatten schon Anfang der 2000er Jahre begonnen, individuell rechtliche Schritte einzuleiten. Seitdem sind allerdings einige der Kläger:innen verstorben. 2018 haben wir dann eine Ausstellung organisiert und Anwohner:innen eingeladen zu sprechen, was das Interesse der New York Times weckte. Der Druck nahm zu und die Fabrik begann, Filter zu installieren. Jedoch ohne wirkliche Wirkung.
Später wurden neue Einzelklagen von einem Anwalt übernommen und im vergangenen Jahr waren die ersten fünf erfolgreich. Die Entschädigung war jedoch sehr gering – zwischen 50.000 und 1.000.000 Pfund (etwa 820 bis 16.620 Euro). Wir hoffen, dass der World Press Photo Award mehr Menschen ermutigt, rechtliche Schritte einzuleiten.
Mit den Einnahmen aus Ihrem Projekt „Moon Dust“ unterstützen Sie die Bewohner:innen von Wadi al-Qamar finanziell. Wie reagieren Sie auf die Kritik, dass es Ihnen an professioneller Distanz und Objektivität mangelt?
Das ist eine ethische Frage. Ich möchte mit diesen herzzerreißenden Geschichten kein Geld verdienen. Wenn meine Arbeit als Fotograf mir Bekanntheit verschafft und es mir ermöglicht, international zu reisen und auszustellen, dann reicht mir das.
Ich habe auch das Gefühl, dass die Anwohner:innen das Geld dringender brauchen als ich. Beatmungsgeräte zum Beispiel sind in Ägypten nicht sehr teuer, können aber das Leben der Bedürftigen schnell verbessern.
Dies ist bereits das zweite Mal, dass Sie den World Press-Fotowettbewerb gewonnen haben. 2023 war Ihr Projekt ebenfalls in Alexandria und befasste sich mit Zwangsräumungen. Warum wählen Sie Themen aus Ihrer unmittelbaren Umgebung?
Ich unterrichte auch Fotografie und sage meinen Studierenden immer: Sucht nicht weit, um eine Geschichte zu finden. Je näher ihr dran seid, desto authentischer könnt ihr sie erzählen. Ich tauche immer komplett in meine Themen ein, zumindest vorübergehend. Ich habe auch eine Zeit lang in Wadi al-Qamar gelebt und mich ständig mit meiner Mutter über die Auswirkungen auf meine eigene Gesundheit gestritten.
Aber für mich war das wichtig. Wenn man eine Geschichte lebt, setzt man alle Sinne ein: Man riecht, man berührt, man hört zu. Es geht darum zu verstehen, was dein Protagonist meint, wenn er zum Beispiel sagt: „Wir essen Staub und wir atmen Staub. Es ist wie ein unerwünschter Freund in deinem Leben.“
Dennoch bleibt man immer ein Außenseiter. Es wird immer eine Kluft geben, die nicht überbrückt werden kann. Aber wenn wir als Einheimische diese Geschichten nicht erzählen, wer dann? Es ist unsere Verantwortung. Warum immer wieder endlose Fotos von Orten wie dem historischen Kairo machen, die zu einem Klischee geworden sind? Welche neuen Diskussionen stößt das an?
Nach der Revolution 2011 hat Ägyptens Fotoszene in Städten wie Kairo und Alexandria einen Aufschwung erlebt. Fotoschulen und Festivals wurden gegründet. Doch seitdem sind die Freiräume für lokale Medien geschrumpft und auch das internationale Interesse an Ägypten hat nachgelassen. Wie ist es, heute ein junger Fotojournalist in Ägypten zu sein?
Ich bin optimistisch, aber es stimmt, dass es in diesem Land sehr schwer ist, als Straßen- oder Dokumentarfotograf zu arbeiten. Viele Kolleg:innen versuchen, über die Runden zu kommen, indem sie Nebenjobs annehmen oder nebenbei kommerzielle Fotografie betreiben.
Selbst nach der Aufmerksamkeit, die meine Arbeit erhalten hat, habe ich nur ein oder zwei internationale Aufträge bekommen. Ich wünsche mir, dass internationale Redaktionen mehr Wertschätzung für unsere Arbeit zeigen und unseren Lebensumständen mehr Beachtung schenken. Anstatt jemanden aus dem Ausland zu schicken, könnten sie Ressourcen sparen und lokale Talente unterstützen.
Gleichzeitig sind die Leute in Ägypten nach wie vor motiviert und der Druck bringt einen dazu, die eigene Komfortzone zu verlassen, was manchmal auch gut sein kann. Die eigene Kultur zu entdecken, kann einem das Gefühl geben, neu geboren zu werden.
Wenn ich durch das Land reise, um zu unterrichten, ist es inspirierend zu sehen, was die jüngere Generation auf die Beine stellt. Für viele reicht es schon aus, ihre Arbeiten auf Instagram zu veröffentlichen. Ich ermutige sie immer, soziale Medien als ihre erste Galerie zu nutzen und sich dann auf Ausschreibungen zu bewerben – der Rest wird folgen.
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