Alternativ-Filmfest mit Fokus auf Palästina
Während die Berlinale letzten Donnerstag mit dem Comedy-Drama „No Good Men“ eröffnete, das in Kabul spielt, setzte ein anderes Filmfestival nur wenige Kilometer weit entfernt ein ganz eigenes Zeichen: die Palinale. Das Festival, das dieses Jahr bereits zum zweiten Mal stattfindet, bezeichnet sich als unabhängige Plattform für palästinensisches Kino und andere marginalisierte Perspektiven.
Organisiert wird die Palinale von einem Berliner Kollektiv, dessen Mitglieder in dem Festival eine Reaktion auf ein Phänomen sehen, das sie als anhaltende Repression gegen palästinensische Stimmen und pro-palästinensische Kulturschaffende in der deutschen Filmindustrie beschreiben.
Das Kollektiv, gegründet Ende 2024, hatte es schon im Februar letzten Jahres geschafft, eine Reihe von Filmvorführungen und Diskussionsveranstaltungen auf die Beine zu stellen. Vieles beruhte auf freiwilliger Arbeit: Filmschaffende, Kurator:innen, Medienschaffende, Aktivist:innen und politische Organisator:innen packten mit an.
Beeindruckend selbstbewusst präsentierten sie am Ende das so kurzfristig angekündigte Festival – und das, während rundherum das größte jährliche Kinoereignis der Hauptstadt stattfand. Dieses Jahr konnte die Palinale ihr Programm noch deutlich ausbauen, obwohl die sie weiter auf freiwilliger Arbeit beruht.
Das Festival sei eine Initiative, die „unabhängig von staatlichen, unternehmerischen oder militärischen Fördergeldern“ arbeite, so eine Sprecherin gegenüber Qantara. Es finanziere sich weitgehend durch Spenden, „versteht kulturelle Arbeit als Form kollektiver Fürsorge und möchte wirtschaftliche Hürden für die Teilnahme abbauen.” In der Praxis heißt das: Der Eintritt zu den Veranstaltungen erfolgt auf Spendenbasis, feste Ticketpreise gibt es nicht.
Nicht nur Leid, auch Freude
Der Unterschied zur Berlinale zeigt sich auch bereits in der Auswahl der Veranstaltungsorte. Während sich die Berlinale in den größten Kinos der Stadt abspielt, findet die Palinale in kleineren, intimeren Räumen statt.
Für die Eröffnungsveranstaltung fiel die Wahl auf das Arkaoda in Berlin-Neukölln. Gezeigt wurde Michel Khleifis Dokumentarfilm „Fertile Memory“ von 1981. Khleifi porträtiert darin zwei palästinensische Frauen aus unterschiedlichen Generationen, die sich mit den Herausforderungen von (fehlender) Staatlichkeit und Frausein auseinandersetzen.
Mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Premiere war der Film eine passende Wahl für den Palinale-Eröffnungsabend und auch beim Publikum im ausverkauften Arkaoda fand er Anklang. Mit diesem grundlegenden Werk des palästinensischen Kinos gelang es dem Palinale-Team, frühere und aktuelle Kämpfe um Land, Identität und politische Handlungsfähigkeit miteinander zu verbinden.
Doch dem Festival geht es nicht nur um palästinensisches Leid. In den einleitenden Worten zu „Fertile Memory“ betonte das Team der Palinale, dass auch palästinensische Freude ihren Platz haben soll. So steht im Programm etwa ein weiterer von Khleifis Filmen, der bahnbrechende Spielfilm „Eine Hochzeit in Galiläa“ aus dem Jahr 1987.
Ein weiteres Highlight ist der Dokumentarfilm „One more show“ (2025), der dem „Free Gaza Circus“ folgt, dessen Team den Kindern in Gaza Momente der Leichtigkeit und des Lachens schenken will. Die Regisseur:innen Ahmed Al Danaf und Mai Saad kommunizierten während der Produktion nur per Telefon zwischen Gaza und Ägypten.
Ein Gegengewicht zur Berlinale
Die Palinale wurde aus einem Bedürfnis heraus gegründet, palästinensische Stimmen im deutschen Kulturbetrieb hervorzuheben und sich mit ihren Kämpfen solidarisch zu zeigen. Den Bedarf an einem solchen Alternativprogramm hat die Berlinale auch in diesem Jahr wieder illustriert, wenn auch unfreiwillig.
Bei der Pressekonferenz am Eröffnungstag der Berlinale am vergangenen Donnerstag wurde der Jury-Vorsitzende Wim Wenders nach „selektiver Empathie“ gefragt, also nach Empathie für die Menschen in Ländern wie dem Iran oder der Ukraine, weniger aber für Gaza. Seine Antwort lautete, Filmschaffende sollten sich aus der Politik heraushalten, ja ein „Gegengewicht zur Politik darstellen“.
Doch die Beziehung zwischen den beiden Festivals ist komplexer als ein einfacher Gegensatz von bestimmten Standpunkten. Wie auch in den letzten zwei Jahren zeigt die Berlinale auch dieses Mal sehr wohl palästinensische Filme beziehungsweise Filme über Palästina – etwa „Chronicles from the Siege“ oder „Who Killed Alex Odeh?“. Zwar hat die Berlinale keine explizite Haltung zum Standpunkt der deutschen Bundesregierung in Bezug auf den Gazakrieg zum Ausdruck gebracht, sie hat aber palästinensische Filmschaffende nie aktiv aus ihrem Programm ausgeschlossen.
Das Problem liegt für Kritiker:innen weniger in der Auswahl der Filme als in einer – in ihren Augen – zögerlichen Auseinandersetzung mit dem politischen Kontext, in dem die Werke gezeigt werden. Bei Filmen aus dem Iran oder der Ukraine sind solche Kontextualisierungen gängig. Wenders Aussage hat diese Kritik befeuert und der Palinale die Gelegenheit gegeben, dem Berlinale-Publikum zu zeigen, dass es ihr Festival ist, das Raum für Engagement bietet.
Ob sich die Palinale fest etabliert, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Fest steht, dass sie Berlins Kulturkalender, in dem bereits einige Filmfestivals mit klarem Themen-Schwerpunkt stehen, bereichert. Gleichzeitig ist es eine Stärke der Palinale, dass sich ihr Programm über Palästina hinaus öffnet.
So bietet das Festival dieses Jahr auch Dokumentarfilme aus dem Sudan und dem Irak, eine Diskussion zur Demokratischen Republik Kongo sowie Filme über neokoloniale Arbeitskämpfe in Brasilien und im Libanon. Auch geht es auf die Situation von Journalist:innen aus Gaza in Ägypten ein.
In diesem Sinne versteht sich die Palinale nicht als Konkurrenz zur Berlinale, denn diese würde nicht unbedingt auf solche Themen setzen. Das Zentrum der Filmwelt im Februar wird die Berlinale bleiben, doch die Palinale zeigt, dass marginale Themen politisch sind und ebenfalls ein Publikum verdient haben.
Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Originals. Übersetzung von Clara Taxis.
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