Auf einmal spukt es

Ein Paar liegt im Bett, der Mann trägt eine Bandage um den Kopf und das Gesicht.
Szene aus „Roqia“ vom algerischen Regisseur Yanis Koussim, 2025. (Foto: Supernova Films)

Arabische Filmemacher pflegten lange einen sozialrealistischen Blick auf den Alltag einfacher Menschen. Nun zeichnet sich ein gänzlich neuer Trend ab. Eine spannende Entwicklung, schreibt Amin Farzanefar.

Von Amin Farzanefar

In „Aisha Can‘t Fly Away“ folgt Regisseur Morad Mostafa einer sudanesischen Krankenschwester, die im Kairoer Viertel Ain Shams als Pflegekraft arbeitet. In stillen Momenten, nachts vor allem, erscheint Aisha ein Vogelstrauß. Reglos und imposant, verstörend und poetisch steht er vor ihr – ein irritierendes Bild im ägyptischen Kino, doch kein Einzelfall mehr.  

Lange war arabisches Kino auf Sozialrealismus abonniert, auf den Alltag einfacher Menschen: ihren Kampf ums tägliche Überleben, die Auflehnung der Frauen gegen die patriarchalische Ordnung, die Folgen von Korruption, Islamismus und Armutsmigration. Doch seit kurzem wuchern inmitten dieser realen Geschichten surreale Bilder: Ausdruck einer Fantastik, die ausgehend von der lateinamerikanischen Literatur als „Magischer Realismus“ gefasst wird. 

Fast scheint die Fantastik eine neue Welle zu sein, die sich quer durch die arabische Welt zieht: In dem tunesischen Film „Agora“ von Ala Eddine Slim – 2024 in Locarno mit dem Grünen Leoparden ausgezeichnet – tauchen nach einem Sandsturm plötzlich verschollen Geglaubte aus dem Meer auf und versuchen, nahtlos an ihr früheres Leben anzuknüpfen.  

Muhammad Hamdys „Perfumed with Mint“ – eine ägyptische Produktion, die 2024 in Venedig Premiere feierte – zeigt einen jungen Mann beim Arzt, dem Minze aus dem Körper wächst. Und in „Roqia“, den der algerische Regisseur Yanis Koussim 2025 in Venedig vorstellte, vergisst ein alter Imam und angesehener Exorzist die Austreibungssprüche, die den Besessenen helfen. 

Fantastik und Body-Horror

Der Aufstieg des Fantastischen im arabischen Autorenkino erfolgt parallel zum Erfolg des „Body-Horror“ im westlichen Arthauskino, wo überall unkontrolliert Körper wuchern oder Gehirne ausgetauscht werden. Julia Ducournaus „Titane“ (2021) sei hier genannt oder „Poor Things“ (2023) und „The Substance“ (2024). 

Das Fantastische im arabischen Film zeigt, wie Filmschaffende aus der Region internationale Trends aufgreifen und selbst mitgestalten. Mit ihren Visionen tragen sie zum „Weltkino“ bei: Visionen, die mittels kostengünstiger Digitaltechnik und Koproduktionsfunds visuell überzeugend umgesetzt werden können. Auch Streaming-Plattformen spielen eine Rolle, indem sie eine offenere Teilhabe und wechselseitige Durchdringung globaler Erzählkulturen ermöglichen. 

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Zugleich bleibt diese globale Teilhabe regional kontrolliert, was die oben genannten Filme auch thematisieren. Ihre Bilder verhandeln etwas bislang Unausgesprochenes – unausgesprochen, weil es in der „normalen“ Filmsprache nicht ausgedrückt werden kann, sich der Eindeutigkeit entzieht. Unausgesprochen aber auch angesichts einer Zensur, die darüber wacht, dass bestimmte Tabuthemen in einer repressiven Autokratie nicht angerührt werden.  

In „Perfumed with Mint“ hört die Minze auf, aus dem Körper zu wachsen, wenn man Haschisch raucht, was eine betäubende, also verdrängende Wirkung hat. Entsprechend viel wird in dem Film gekifft. So könnte die ungewollt sprießende Minze kritische Gedanken versinnbildlichen, unangenehme Erinnerungen, unterdrückte Wünsche und Hoffnungen, für die es im Ägypten der Sisi-Ära keinen Platz gibt. 

„Das Trauma wird dir ins Gesicht schlagen”

Yanis Koussim spannt in „Roqia“ den Bogen weiter und verknüpft mehrere Jahrzehnte algerischer Geschichte: 1993 kehrt Familienvater Ahmed nach einem Unfall mit bandagiertem Kopf nachhause zurück. Derart „gesichtslos“ kann er sich an nichts erinnern, nachts erscheinen ihm fremde Gestalten, die unverständliche Laute ausstoßen.  

Auf einer zweiten, in der Gegenwart spielenden Erzählebene kommt der bereits erwähnte alte Imam und angesehene Exorzist ins Spiel. Er erkrankt an Demenz und kann keine Dämonen mehr austreiben; grauenhafte Verbrechen sind die Folge. 

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Erinnern und Vergessen, Besessenheit und Austreibung – dies rührt an die Gewaltgeschichte Algeriens: In den 1990er Jahren durchlitt das Land einen schrecklichen Bürgerkrieg mit islamistischen Massakern und zehntausenden Toten. Nicht aufgearbeitete Traumata schlummern bis heute im Unbewussten.  

Regisseur Koussim: „Wenn man das Trauma nicht aufarbeitet, wird es nicht verschwinden. Mit der Zeit wird es wieder auftauchen und dir ins Gesicht schlagen.“ Verdrängtes bricht sich in der Gegenwart Bahn. Der Film, die Kunst kann bei der Artikulation helfen.  

Dass die Gespenster und Dämonen von einst und von heute verbunden sind, zeigt sich in „Roqia“ auch darin, dass beiden Männern – dem verunfallten Vater und dem Exorzisten – ein Finger fehlt.  

Koussim greift aber noch weiter zurück als bis zum Bürgerkrieg, sieht auch Bezüge zur Kolonialgeschichte Algeriens: „Wenn man eine Karte der französischen Kolonialverbrechen auf eine Kartierung der Massaker in den 1990ern legt, dann decken sich die Orte. Das ist unglaublich.“ 

Politischer Stillstand, individuelle Blockade

In „Aisha Can‘t Fly Away“, dem ägyptischen Film mit dem Vogelstrauß, mischen sich konkrete soziale Bezüge mit mythologischen Einflüssen und Elementen des „Body-Horrors“, dem Fremdwerden des eigenen Körpers. Als Aisha eine hässlich anschwellende Wucherung an ihrem Bauch aufpult, kommt Federartiges zum Vorschein. 

Als Schwarze, Geflüchtete und Frau erlebt Aisha Ausbeutung, Rassismus und Drogenkriminalität, im Film ebenso realistisch und beeindruckend dargestellt wie ihr unbedingter Überlebenswille. Verschiedene Energien und Gefühle – Zwänge, Frustrationen, Wut – wuchern in ihr und drängen nach Ausdruck.  

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Dem mag das Bild des Straußes entsprechen, ein nicht artikulationsfähiges Tier, ein stummer Vogel, der nicht fliegen kann. Zwischen Aishas individueller Blockade und dem politischen Stillstand in Ägypten lassen sich Parallelen ziehen.

Schon Omar El Zohairys „Feathers“ erzählte 2021 von einem Mann, der sich in ein Huhn verwandelt, das in den Mühlen der ägyptischen Bürokatie verschwindet. Der Einzelne erscheint hier als ebenso anonymisiert wie das in Massentierhaltung gehaltene Federvieh.

Surreales aus Israel und Palästina

Surreale Bilder erzeugt auch der Nahostkonflikt mit seiner nicht aufgearbeiteten Geschichte und seiner absurden Besatzungspolitik. Muayad Alayans „A House in Jerusalem“ (2023) erzählt von einem aus London nach Jerusalem eingewanderten Vater-Tochter-Gespann. In dem bezogenen alten Haus erscheint der Tochter ein palästinensisches Mädchen – Rasha.  

Die Bezüge zur Nakba sind offenkundig; Regisseur Alayan und sein Bruder Rami Musa, der beim Drehbuch mitwirkte, haben die Vertreibungsgeschichte ihrer Familie einfließen lassen, die das Jerusalemer Viertel Emek Refaim 1948 verlassen mussten, dessen Name als „Tal der Geister” übersetzt werden kann.  

Ähnlich spukhaft erzählt Rakan Mayasis Kurzfilm „The Key“ (2023) von einer israelischen Familie, die nach einem Umzug in ein neues Heim sonderbare Geräusche hört: Geister der palästinensischen Vorbesitzer.

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Für das arabische Kino sind immer wieder drei große Tabus formuliert worden: Sex, Religion und Politik. Man könnte ein weiteres formulieren: Erinnerung, die Aufarbeitung von Geschichte und jüngerer Historie. Diese Tabu wird gerade von unabhängigen Filmemachern angegangen, die dafür eigene, individuelle Ausdrucksformen finden, zwischen traditionellen Elementen und universellen Symbolen. Eine spannende Entwicklung! 

 

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