Karrieren und Karriere-Knicke
Die Weltpremiere von „No Good Men“, dem dritten Spielfilm der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat im Berlinale-Palast, ist eine kleine Sensation. Bisher hatten große Festivals wie Cannes und Venedig zwar Arbeiten junger afghanischer Filmschaffender im Programm, nicht aber zur Festivaleröffnung.
Die 36-jährige Drehbuchautorin Sadat lebt seit ihrer Evakuierung aus Afghanistan im August 2021 in Hamburg. Viele weitere afghanische Filmemacher:innen hat es nach Deutschland und in andere NATO-Staaten verschlagen, teils aufgrund bestehender Beziehungen zu Kulturinstitutionen wie dem Goethe-Institut oder zu Menschenrechtsorganisationen.
Viele von ihnen sind angesichts des militärischen Scheiterns der US-geführten NATO-Intervention vor den Taliban geflohen: zunächst vor allem nach dem weitgehenden Abzug der westlichen Truppen in den Jahren 2014/15 und erneut ab August 2021, als die Taliban die Macht in Afghanistan zurückeroberten.
Doch nicht jeder kann sich Gehör verschaffen wie Shahrbanoo Sadat. Unter den heute in Deutschland lebenden Kulturschaffenden aus Afghanistan sind auch Mitglieder des ehemaligen Filmkollektivs „Jump Cut“, deren Filme schon 2012 auf der Documenta 13 in Kassel gezeigt worden waren.
Ali Husseini, damals Teil des Filmkollektivs, lebt seit vier Jahren in Deutschland, ist aber von staatlicher Unterstützung abhängig. Er träumt davon, bei einer deutschen Filmproduktion zu arbeiten; gerne würde er auch einen C1-Deutschkurs machen, aber das Jobcenter wolle nicht dafür zahlen, sagt er.
„Ich habe in Afghanistan als Filmemacher gearbeitet. Meine Kurzfilme haben Preise erhalten. Für den Dokumentarfilm Generation Kunduz habe ich die Kamera gemacht“, sagt Husseini. „Ich kann die Filmarbeit hier weitermachen. Aber vorher möchte und sollte ich fließend Deutsch lernen.“ Zurzeit sucht er eine Ausbildung im Medien-, IT- oder Elektronikbereich.
Aus der Ferne erzählt
Der Krieg tobt weiter, und für viele Sudanes:innen sind Entwurzelung und Exil längst Lebensrealität. Das zeigt sich auch in „Aisha Can't Fly Away” und „Cotton Queen”. Eine Rezension zweier sehr unterschiedlicher Portraits sudanesischer Frauen.
Husseini wohnt in Köln, in einer Siedlung am Stadtrand, zusammen mit weiteren vierzig Familien. Die meisten kämen aus Afghanistan und seien ab 2021 angekommen; in der Siedlung werde wenig Deutsch gesprochen. Husseini weiß um den „Ghetto“-Effekt, aber eine zentralere Wohnung zu finden sei schwierig.
Die Filmproduktion in Afghanistan
Anders als etwa iranische Filmschaffende in Deutschland verfügen afghanische Regisseur:innen bei deutschen Kritikern über keine Lobby. Die Filmpresse kennt in der Regel zwar Autor:innen und Filme aus dem Iran, aber über den afghanischen Film und über die sprachlich-(film)kulturellen Verbindungen mit Iran, wo viele afghanische Filmemacher:innen im Exil gelernt haben, ist wenig bekannt.
Ein weiterer Grund ist, dass der afghanische Film im Heimatland in der Zeit der NATO-Intervention keine nachhaltige Filmindustrie hervorgebracht hat. So gab es – mit Ausnahme der letzten Monate vor Rückkehr der Taliban 2021 – keine systematische Förderung durch die staatliche Filmbehörde Afghan Film. Im Iran dagegen gibt es zahlreiche staatliche wie private Filmschulen von Rang.
Zugleich waren auch in Afghanistan in der Zeit der NATO-Intervention eine Reihe privater Fernsehsender entstanden, finanziert durch internationale Hilfsgelder – ebenso wie ein Umfeld, in dem Filmausrüstung verfügbar war und Filmproduktionen florierten. Die Rückkehr der Taliban hat diesen Kosmos allerdings gesprengt. Inhaber:innen von Filmstudios mussten ihr Equipment bei der Flucht nicht selten zurücklassen. Die wenigsten Filmproduktionen haben sich im Exil neu etablieren können.
Eine wirkliche Filmindustrie nach internationalen Maßstäben gab es aber auch vor 2021 nicht, wie Shahrbanoo Sadat 2019 in einem Interview anmerkte. „Aber es gibt junge Regisseur:innen, die kurze wie lange Featurefilme drehen, Spiel- und Dokumentarfilme.“ Grundsätzlich habe man in Afghanistan drehen können, auch wenn es keine Garantie dafür gab, dass der Dreh ohne Zwischenfälle ablaufen würde.
Afghanisch-deutsche Cineasten
Auch Jamil Jalla und Jalal Hussaini, die im „Jump Cut“-Kollektiv Film- und Drehbuch-Kollegen waren, leben seit mehreren Jahren in Deutschland. „Ich habe hier vier Jahre an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg studiert“, erzählt Jalla, „und habe festgestellt, dass es sehr schwer ist, Freunde zu finden und Netzwerke aufzubauen.“
Mittlerweile hat Jalla, der für internationale Produktionen auch als Schauspieler vor der Kamera stand, ein Auskommen als Kameramann gefunden, mit Aufträgen unter anderem von Gewerkschaftsseite.
Jalal Hussaini schreibt unverändert Drehbücher und dreht Kurzfilme. Mit der regionalen Filmförderung ist er ein Stück weit vertraut, allerdings bisher ohne Zusage einer großen Förderung. Geld verdient er seit 2020 als Redakteur in der Dari/Farsi-Abteilung von Amal, einem Online-Medium für Exil-Journalist:innen.
Wenn alles glatt läuft, dürften viele der afghanischen Filmschaffenden in Deutschland in wenigen Jahren einen deutschen Pass bekommen und damit zu einem festen Teil der deutschen Filmgeschichte werden. Ihre Geschichten können wir auf der Leinwand sehen; sie beeinflussen unsere Perspektive von Einwanderung und Ausgrenzung, von Erfolg und Scheitern.
Texte wie ein Befreiungsschlag
Der Band „Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist“ versammelt 29 Dichterinnen und Dichter, die als Geflüchtete nach Deutschland kamen. Ihre Texte auf Deutsch, Arabisch, Kurdisch, Persisch und Ukrainisch geben Einblicke in ihre Erfahrungen.
Im Nachhinein erweist sich der schmachvolle militärische Abzug des Westens aus Afghanistan 2021 paradoxerweise als entscheidender Faktor für die Präsenz afghanischer Filmschaffender in Deutschland. „Kunst und Kultur während der westlichen Intervention waren vor allem eine Blase aus westlichen Hilfsgeldern. Ohne sie hätte es viele Möglichkeiten nicht gegeben. Als der Westen abzog, fielen sie prompt weg“, merkt Aman Mojadidi an, ein US-afghanischer Künstler in Paris, der 2012 das afghanische Programm der Documenta 13 ko-kuratierte.
Nachhaltig war dies auch deshalb nicht, weil die Geberstaaten nichts Entscheidendes dafür taten, dass die Filmförderbehörde mit Geldern für einheimische Regisseur:innen ausgestattet wurde. Unter den Taliban wurde Afghan Film im vergangenen Sommer nach rund 60 Jahren schließlich abgewickelt. Das Schicksal des Archivs mit tausenden Filmrollen, die Jahrzehnte des Lebens in Afghanistan dokumentieren, gilt aktuell als ungewiss.
Mit Shahrbanoo Sadats Eröffnungsfilm auf der Berlinale scheint der afghanische Film nun im Ausland volljährig geworden zu sein. Als im Jahr 2008 Deutschlands größtes Dokumentarfilmfestival DOK-Leipzig erstmals ein Sonderprogramm aus 15 afghanischen Filmen zeigte, erklärte die Festivalleitung noch, von einem „afghanischen Film“ als kulturellem Ausdruck könne nicht die Rede sein. Das scheint nun passé.
Für die Zukunft wünscht sich Aman Mojadidi jedoch, dass afghanische Filme weniger unter einem nationalen oder ethnischen Aspekt bewertet werden: „Oft wird afghanische Kunst ausgestellt, nur weil sie afghanisch ist; als Teil einer Agenda, aber nicht aufgrund ihrer Qualität“, sagt er. Er, der Sadats „No Good Men“ noch nicht gesehen hat, hofft auf einen Berlinale-Erfolg: „Wenn es ein guter Film ist, wird das große Bedeutung haben.“
© Qantara.de