„Der Nil ist Teil unseres kollektiven Bewusstseins“

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl mitten im Wasser.
Die Insel Tuti in Khartum, Sudan, wo der Weiße Nil und der Blaue Nil zusammenfließen, Februar 2020. (Foto: Roger Anis)

Roger Anis dokumentiert seit fast einem Jahrzehnt den längsten Fluss der Welt. 2024 ließ er gemeinsam mit einheimischen Fischern eine traditionelle Prozession auf dem Nil wiederaufleben, Sorge bereitet ihm die anhaltende Verschmutzung.

Interview von Shrouk Ghonim

Qantara: Seit 2017 beschäftigen Sie sich mit dem Nil und fotografieren die Gemeinschaften, die an seinen Ufern leben. Wie kam das Projekt zustande?

Roger Anis: Es begann mit einem journalistischen Auftrag im Nildelta in Ägypten. Dort traf ich einen Bauern, der mir erzählte, dass das Wasser des Flusses im Gegensatz zu früher nicht mehr bis an sein Land herankäme. Stattdessen seien er und andere auf Grundwasser angewiesen. Von diesem Moment an ließ mich eine Frage nicht mehr los: Wie sieht der Nil jenseits von Ägypten aus?

Grundsätzlich ist mein Bezug auf den Nil nichts Außergewöhnliches. Er ist vielmehr Ausdruck der kollektiven Beziehung, die die Ägypter zu ihm haben. Der Nil ist nicht einfach eine Wasserstraße, sondern Teil unseres täglichen Lebens und unseres kollektiven Bewusstseins. Selbst Menschen, die nie an seinen Ufern gelebt haben, kennen ihn durch seine Präsenz in der ägyptischen Kultur – in Liedern, Filmen und Geschichten.

Während meines Studiums an der Fakultät für Bildende Künste in Minya gingen wir regelmäßig an die Ufer des Nils, um zu malen. Der Fluss war Teil meines Lebens, lange bevor er zum Gegenstand dieses mehrjährigen Projekts wurde.

Sie haben in Ländern des gesamten Nilbeckens gearbeitet, von Ägypten über den Sudan, nach Äthiopien und darüber hinaus. Wie hat sich Ihre Perspektive auf den Nil dadurch verändert?

Je weiter ich mich von Ägypten entfernte, desto deutlicher erkannte ich, dass der Nil nicht überall so ist, wie ich ihn kannte. In einigen Ländern am Oberlauf besteht er nur aus kleinen Bächen und Seen, die allmählich zusammenfließen und irgendwann einen Fluss bilden. In Khartum kann man dann sehen, wie sich der Weiße und der Blaue Nil vereinen.

Der Unterschied liegt nicht nur im Erscheinungsbild des Flusses, sondern auch darin, wie die Menschen mit ihm umgehen. Jede Gemeinschaft hat ihre eigene Art zu leben und mit dem Nil zu interagieren. Ich habe im Laufe des Projekts verstanden, dass wir den Nil zwar früher verehrt und als Quelle des Lebens gesehen haben. Heute halten wir dagegen weniger inne und konsumieren den Fluss.

روجيه أنيس (Photo: Private)
Fotograf

Roger Anis studierte Bildende Künste an der Universität Minya und machte anschließend einen Master an der Royal Academy of Art (KABK) in den Niederlanden. Dort beschäftigte er sich mit Wasser, Identität und Vertreibung. 2010 begann er seine Karriere als Fotojournalist, seitdem arbeitet er für ägyptische Zeitungen und internationale Nachrichtenagenturen, darunter Associated Press und Agence France-Presse. Er ist künstlerischer Leiter der Initiative EverydayNile, die das Leben entlang des Nilbeckens dokumentiert.

Sie beschreiben Ihr Fotoprojekt als ein Werk mit mehreren Kapiteln, in dem Geschichte, Mythologie, Wissenschaft und die Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften zusammenkommen. Hat Sie der Prozess auch in unerwartete Richtungen geführt?

Ich hatte nicht erwartet, dass das Projekt einen solchen Umfang annehmen würde. Es begann als dokumentarisches Fotoprojekt, doch ich hatte den Eindruck, dass die Bilder allein den vielen Geschichten nicht gerecht werden. So entstand 2021 das Projekt EverydayNile, das Fotograf:innen aus allen elf Ländern des Nilbeckens zusammenbringt. Sie können die Geschichten des Flusses so erzählen, dass sie in ihren eigenen Gemeinschaften verwurzelt sind.

Boote, auf denen Männer in festlich geschmückten Gewändern sitzen, gleiten über das Wasser des Nils.
Ein Boot nimmt an der Nilprozession 2025 in der Nähe der Insel Qursaya in Ägypten teil (Foto: Roger Anis)

Neben Ihren fotografischen Projekten organisieren Sie seit drei Jahren eine jährliche Bootsprozession auf dem Nil, die von der Insel Qursaya in Kairo aus startet. Wie kam es dazu?

Meine Recherchen führten mich zur Legende von der Braut des Nils. Ich entdeckte, dass es ihr zu Ehren früher eine Nilprozession gegeben hatte, die Tradition war aber schon seit langer Zeit verschwunden. Ich glaube, dass solche Rituale nicht bloß symbolisch wirksam sind, sondern dass sie die Verbindung zwischen den Menschen und dem Fluss wieder greifbar machen können. Also versuchte ich, die Tradition wieder aufleben zu lassen.

2024 organisierten wir die erste Prozession in Zusammenarbeit mit der Initiative VeryNile, den Bewohner:innen der Insel Qursaya und einer Gruppe von Fischern. Als Datum wählten wir den 22. Februar, den Nil-Tag, der im gesamten Nilbecken gefeiert wird. Zwanzig Fischer nahmen mit ihren Booten teil, dazu kamen rund 60 Besucher:innen. 

Nach und nach entwickelte sich die Veranstaltung zu einem Gemeinschaftsprojekt mit künstlerischen und kulturellen Workshops sowie Fotoausstellungen. Beteiligt waren Fischer, Kinder und Frauen von der Insel ebenso wie Künstler:innen. Dieses Jahr kamen breits fast 2.000 Besucher:innen. Mein Traum ist es, die Prozession eines Tages auf alle Länder des Nilbeckens ausweiten zu können.

Die Statue einer jungen kostümierten Frau liegt auf dem Rücken auf einer Glasbank.
Die Statue „Die Braut des Nils“ im Nil-Museum in Assuan, inspiriert von einem altägyptischen Mythos, der nach wie vor Teil des kollektiven Gedächtnisses Ägyptens ist, Februar 2021. (Foto: Roger Anis)

Wie hat die Nilprozession Ihre Vorstellung davon verändert, wie man sich durch Fotografie mit einem Ort auseinandersetzen kann?

Die Prozession hat mir vor allem gezeigt, dass Fotografie die Realität nicht nur dokumentiert, sondern auch aktiv eingreifen kann. Die Fischer betrachten die Prozession inzwischen nicht mehr nur als jährliches Fest, sie freuen sich darauf, weil es sie zusammenbringt und ihnen ein Stück Zugehörigkeitsgefühl zurückgibt. Die Bewohner:innen der Insel sind zu Partnern des Projekts geworden. Sie heißen Besucher:innen willkommen und stellen ihnen ihre Insel und den Fluss vor.

Im Rahmen der vergangenen beiden Prozessionen haben wir jeweils zwei Fotoausstellungen organisiert: eine mit Bildern aus den Ländern des Nilbeckens und eine, die meine visuelle Reise entlang des Flusses zeigt. Besonders ist mir im Gedächtnis geblieben, wie die Bewohner:innen der Insel vor den Fotografien standen und sie betrachteten, als würden sie etwas Neues über sich selbst entdecken. Auch die Fotos aus den anderen Ländern des Nilbeckens haben ihre Neugier geweckt. Die Menschen fragten nach den Quellen des Flusses, den Booten, den Fischen und den anderen Gemeinschaften, die entlang des Flusses leben.

Bei der ersten EverydayNile-Ausstellung hörte ich Besucher:innen überrascht sagen, dass sie gar nicht wussten, dass dieses oder jenes Land den Nil mit ihnen teilt. Da wurde mir klar, dass Wissen nicht allein dadurch entsteht, dass Informationen verfügbar sind, sondern davon abhängt, ob diese Informationen die Menschen tatsächlich erreichen. Zu den Erfahrungen, für die ich am dankbarsten bin, gehört meine Arbeit mit den Fischern. Sie haben mir Wissen vermittelt, das ich in keinem Buch hätte finden können.

Was sehen Sie zukünftig als die größte Herausforderung für den Fluss?

Eine Herausforderung besteht darin, die Länder und Menschen des Nilbeckens zusammenzubringen, damit sie sich gemeinsam für den Fluss einsetzen. Dazu gehören wissenschaftliche Zusammenarbeit, der Austausch von Daten und Technologie, eine bessere Abstimmung beim Management und Verbrauch der Wasserressourcen sowie die Einbindung der Bevölkerung in den Schutz des Flusses vor Verschmutzung.

Die zweite Herausforderung ist die Verschmutzung, insbesondere durch Plastik. Der Nil ist zwar weltweit nicht der am stärksten verschmutzte Fluss, doch er ist eine der wichtigsten Quellen für Plastikverschmutzung im Meer. Das ist ein ernstzunehmendes Problem.

Eine Gruppe von Menschen spaziert auf einer Insel mitten im Wasser.
Einwohner des Gouvernements Minya in Oberägypten überqueren den Nil, um auf einer der Inseln das Frühlingsfest „Sham el-Nessim“ zu feiern, November 2024. (Foto: Roger Anis)

Hinzu kommt die Wasserknappheit, die sowohl mit unserem Wasserverbrauch als auch mit Umweltveränderungen wie dem Klimawandel zusammenhängt. Steigende Temperaturen erhöhen die Verdunstungsraten und verändern die Hochwasserzeiten und Wasserstände. 

Hier kommt der Wissenschaft eine entscheidende Rolle zu. Wissenschaftler:innen und Wasserbauingenieur:innen müssen die Mittel bekommen, um Lösungen für ein besseres Wassermanagement zu entwickeln. Auch Medienschaffende müssen sich mit diesen Themen auseinandersetzen und ihnen größere Sichtbarkeit verschaffen.

In den vergangenen Jahren konzentrierte sich ein großer Teil der Diskussion über den Nil auf den Streit um den Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD). Wie beurteilen Sie die Auswirkungen dieser Krise auf Ägypten und sein Verhältnis zu den anderen Ländern des Nilbeckens?

Ägypten steht beim Thema Wasser seit vielen Jahren unter Druck, auch bereits vor der GERD-Krise. Die Gefahr eines Konflikts um Wasser besteht weiterhin. Ich glaube jedoch, dass nur politische Verhandlungen – so schwierig sie auch sein mögen – ein Szenario vermeiden können, in dem alle verlieren. Ein Blick auf die Geschichte zeigt uns, dass die Ägypter, auf einen schmalen Wasserstreifen mitten in der Wüste angewiesen, eine der bedeutendsten Zivilisationen der Weltgeschichte aufbauen konnten.

Was mich darüber hinaus beunruhigt, ist die Verschmutzung: Sie ist die stille Gefahr, die Tag für Tag in den Fluss sickert. Der Schutz des Nils liegt nicht in der Verantwortung eines einzelnen Landes. Es ist eine gemeinsame Verantwortung, die alle Staaten des Nilbeckens tragen.

 

Dieser Text ist eine redaktionell bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Übertragen von Leon Holly mit Hilfe KI-gestützter Übersetzungstools.

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