„Wir verstehen, was auf beiden Seiten vor sich geht“

Israeli lawmaker Mansour Abbas, leader of the Ra'am party, speaks to supporters during a campaign event ahead of Israel's general election in the northern Israeli town of Baqa al-Gharbiyye, Thursday, Oct. 8, 2026. (Photo: picture alliance / AP | Mahmoud Illean)
Mansour Abbas, Chef der Partei Ra’am, beim Wahlkampf im nordisraelischen Ort Baqa al-Gharbiyye, 8. Oktober 2026. (Foto: picture alliance / AP | M. Illean)

Der arabisch-israelische Politiker Mansour Abbas will eine Koalition bilden, die Israels Premier Netanjahu ablöst. Warum er dafür die Zusammenarbeit mit jüdischen Israelis sucht und welche Prioritäten er für die arabische Gemeinschaft sieht, erklärt er im Interview.

Von Lisa Schneider

Qantara: Herr Abbas, Ihre Partei Ra’am ist derzeit mit fünf Sitzen im israelischen Parlament vertreten. Am 27. Oktober stehen Neuwahlen an. Wie viele Mandate möchten Sie gewinnen? 

Mansour Abbas: Mindestens acht. Wir erwarten, dass die anderen regierungswilligen Oppositionsparteien 53 Sitze gewinnen. Ra’am bräuchte daher acht Sitze, um diesen Parteien zu einer Mehrheit in der Knesset – 61 von 120 Mandaten – zu verhelfen. Sie müssten uns in die Koalitionsbildung einbeziehen.

Auf Platz zwei der Ra’am-Liste für die Knesset-Wahl steht Yoav Segalovich. Ein jüdisch-zionistischer Kandidat auf der Liste einer arabisch-muslimischen Partei ist ein Novum. Was erhoffen Sie sich davon?

Rechte Parteien und Politiker:innen äußern sich immer wieder rassistisch gegen den arabischen Teil der israelischen Gesellschaft, stellen sogar die Legitimität ihrer Staatsbürgerschaft in Frage. Mit Segalovich setzen wir ein Zeichen gegen diesen Rassismus, für Zusammenarbeit. Außerdem ist Segalovich ein Vorreiter im Kampf gegen kriminelle Gruppen, jüdisch-israelische wie arabisch-israelische. Damit hat er Unterstützung auf beiden Seiten der Gesellschaft.

Mansour Abbas, leader of the United Arab List (Ra'am) is seen in Jerusalem, on March 31, 2021. (Photo: picture alliance / AA | Mostafa Alkharouf)
Politiker

Mansour Abbas, geboren 1974 in Galiläa in Nordisrael, ist ein israelisch-palästinensischer Politiker und Vorsitzender der arabisch-islamischen Ra’am-Partei. Seit 2019 sitzt er in der Knesset. Abbas ist studierter Zahnarzt, gläubiger Muslim, Prediger und Vater dreier Kinder.

Die Gewaltkriminalität innerhalb der arabisch-israelischen Gesellschaft hat in der Amtszeit der derzeitigen Regierung von Benjamin Netanjahu deutlich zugenommen: Fast 150 Tote gab es allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026. Welche anderen Sorgen dominieren derzeit in der arabischen Gesellschaft?

Der Anstieg von Kriminalität und Gewalt ist das wichtigste Thema. Alle Menschen in Israel haben das Recht darauf, in Sicherheit zu leben. Das zweite große Problem betrifft die beduinische Bevölkerung in der Negev. Der israelische Staat erkennt bis heute viele beduinische Dörfer nicht an. Die Menschen dort müssen ohne grundlegende Versorgung auskommen – ohne Strom, ohne geteerte Straßen.

Diese nicht-anerkannten Dörfer laufen außerdem Gefahr, abgerissen zu werden. Unter dem derzeitigen Minister für Innere Sicherheit, dem rechtsextremen Itamar Ben-Gvir, gab es immer mehr Demolierungen: Allein 2024 wurden über 5.000 Strukturen abgerissen.

Es gibt viele Probleme in der arabischen Gesellschaft, die auf Diskriminierung zurückzuführen sind, unter anderem auf die Beschaffenheit des politischen Systems. In Israel vertreten Parteien häufig bestimmte gesellschaftliche Gruppen. So gibt es beispielsweise Parteien, die sich vor allem für die Angelegenheiten der Ultraorthodoxen aus der mizrachischen Gemeinschaft (dem Judentum aus Westasien und Nordafrika, Anm. d. Red.) oder der aschkenasischen Gemeinschaft (dem Judentum aus Europa) einsetzen. Das beeinflusst natürlich die Regierungspolitik. Und wenn man nicht Teil der Koalition und der Regierung ist, kümmert sich eben niemand um die Anliegen der eigenen Gruppe.

Ra’am saß schon einmal in der Regierung, von 2021 bis 2022 in der sogenannten „Regierung des Wandels“ unter Yair Lapid und Naftali Bennet. Was haben Sie in dieser Zeit erreicht? 

Grundsätzlich war es ein politischer Erfolg, Teil einer israelischen Regierung zu sein. Wir haben damit gezeigt, dass jüdische und arabische Bürger:innen auch politisch zusammenarbeiten können – nicht nur in sozialen, wirtschaftlichen und medizinischen Bereichen. Und wir konnten unsere Themen zu Prioritäten machen. Wir haben etwa bei der Bekämpfung krimineller Gruppen Erfolge erzielt; die Zahl der Fälle sank. Außerdem konnten wir Finanzmittel in die Verbesserung der Infrastruktur und des Bildungswesens in der arabischen Gemeinschaft lenken.

Sie sagen, dass Politik in Israel entlang ethnischer und konfessioneller Linien gemacht wird. Wer sind denn Ihre Wählerinnen und Wähler? 

Der Beitritt von Yoav Segalovich zeigt, dass Ra’am sich allen Teilen der Gesellschaft öffnet. Wir vertreten nicht mehr nur den konservativen Teil der muslimisch-arabischen Gesellschaft. 

Ihren Ursprung hat Ra’am aber in der Islamischen Bewegung in Israel, die als den Muslimbrüder nahestehend galt. In den 1990ern hat sich die Bewegung aufgespalten – entlang der Frage, ob eine Teilnahme an Wahlen in Israel legitim ist. Der pragmatischere südliche Flügel der Bewegung sprach sich für eine Teilnahme aus; Ra’am wurde ihr politischer Arm. 2007 wurden Sie Generalsekretär der Partei und 2019 zogen Sie erstmals in die Knesset ein. Was hat sich unter Ihrer Ägide verändert? 

Es stimmt, wir begannen als Partei der konservativen Muslim:innen innerhalb der arabischen Gesellschaft. Doch unser Fokus hat sich verändert: Wir wollen eine Partei für alle Bürger:innen sein. Dafür müssen wir unsere Partnerschaften innerhalb der arabischen Gesellschaft, aber auch in der jüdisch-israelischen Gesellschaft ausbauen. 

Was wir erreichen können, hängt auch davon ab, wie viele Partner wir finden, wie viele unterschiedliche Menschen wir zusammenbringen können. Es ist natürlich eine Herausforderung, unsere konservative Basis zu halten und gleichzeitig anderen gesellschaftlichen Gruppen zu zeigen, dass wir ihre Interessen ernst nehmen. 

Bei der anstehenden Wahl tritt noch eine weitere arabische Liste an, die „Gemeinsame Liste“, bestehend aus den Parteien Hadash, Ta’al und Balad. Alle drei sind links, säkular und eher nationalistisch ausgerichtet. Warum sollten sich arabische Wähler:innen für Ra'am entscheiden, nicht für die „Gemeinsame Liste“? 

Der wichtigste Unterschied ist: Wir wollen Teil der Koalition und der Regierung werden, während die „Gemeinsame Liste“ in der Opposition bleiben und versuchen möchte, die Politik von außen zu beeinflussen. Diesen Ansatz haben wir jahrzehntelang verfolgt – ohne unsere soziale und wirtschaftliche Lage verbessern zu können. Nur wenn wir in der Regierung sitzen, verfügen wir über ausreichend Macht und Möglichkeiten, um die Probleme in der arabischen Bevölkerung anzugehen.

Sie glauben fest an das Konzept der Regierungsbeteiligung. Doch die „Regierung des Wandels“ brach 2022 zusammen; es wurden vorzeitige Neuwahlen ausgerufen. Woran ist sie gescheitert?

An den Mehrheitsverhältnissen in der Knesset. Unsere Koalition hatte 61 Sitze – eine Mehrheit, aber eine sehr knappe. Netanjahus rechte Opposition verfügte damals über 53 Sitze, also acht weniger. Leider schloss sich die „Gemeinsame Liste“ mit ihren sechs Sitzen Netanjahus Opposition an. Damit stand es in der Knesset 61 zu 59. Als schließlich eine Abgeordnete aus unserer Koalition ausbrach, verloren wir unsere Mehrheit.

Würden Sie, wenn die Möglichkeit bestehen sollte, auch eine Koalition mit Benjamin Netanjahu und seiner Likud-Partei eingehen? 

In der Vergangenheit hatten wir dazu Gespräche mit Netanjahu. Nach den vergangenen vier Jahren sehe ich das allerdings nicht als Option. Viele Menschen in Israel – egal ob jüdisch oder arabisch – wollen eine neue Regierung an der Spitze des Landes sehen. Darauf setzen wir.

Sie bezeichnen sich als israelischen Staatsbürger und als Palästinenser. Die Situation im Westjordanland und im Gazastreifen ist wohl so katastrophal wie nie zuvor. Wie blicken Sie darauf?

Wir haben den Angriff in Israel am 7. Oktober 2023 sofort verurteilt. Die derzeitige Regierung hat es damals versäumt, ihre Bürger:innen zu schützen. Das Wichtigste ist nun, den Menschen in Israel und den Palästinenser:innen wieder Hoffnung zu geben. Wir können diesen Konflikt nicht alleine lösen, aber wir können dazu beitragen: Denn als palästinensische Araber:innen und israelische Staatsbürger:innen verstehen wir, was auf beiden Seiten vor sich geht. 

Ra'am unterstützt eine Zwei-Staaten-Lösung – wir sind überzeugt, dass sie sowohl den Israelis als auch den Palästinenser:innen dient. Unser Schwerpunkt ist allerdings erst einmal, für die Menschen zu arbeiten, die uns gewählt haben – und uns den Problemen in der arabischen Gesellschaft Israels zu widmen.

Der Wahltag rückt näher. Rechte Partei haben angekündigt, sogenannte Wahlbeobachter:innen speziell in arabische Gemeinden entsenden zu wollen. 

Ich sage ihnen: Herzlich Willkommen. Sie versuchen, die Moral der arabischen Bürger:innen zu schwächen, sie einzuschüchtern, sie von ihrem Wahlrecht abzuhalten. Es wird ihnen nicht gelingen.

 

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