Er wollte die Grundlagen des Wissens neu denken
Wie sollten muslimische Gesellschaften mit der Moderne umgehen? Sollten sie sich westlichen Denkweisen anpassen oder ihre eigenen wiederentdecken? Das gesamte 20. Jahrhundert war von der Debatte dieser Fragen geprägt.
Nur wenige gingen ihnen mit der philosophischen Tiefe und Beharrlichkeit nach wie Syed Muhammad Naquib al-Attas, der am 8. März im Alter von 94 Jahren verstarb. Als Philosoph, Historiker, Linguist und Bildungstheoretiker galt al-Attas weithin als einer der letzten Universalgelehrten des modernen Islam.
Sein Leben lang setzte sich al-Attas mit dem intellektuellen Zeitgeist auseinander. Im Mittelpunkt seiner Schriften stand eine immer wiederkehrende Frage: Wie konnte die islamische Zivilisation, die einst zu den Hochburgen der Philosophie und Wissenschaft gehörte, hinter die herrschende Ideologie des modernen Westens zurückfallen? Er kam zu dem Schluss, dass die Krise der muslimischen Welt nicht in erster Linie politischer oder wirtschaftlicher, sondern erkenntnistheoretischer Natur war.
Bevor Institutionen oder Gesellschaften erneuert werden können, so seine Überzeugung, müssen die Grundlagen des Wissens neu etabliert werden. Attas war dabei nicht einfach ein Kritiker des westlichen Denkens. Er entwarf vielmehr ein ambitioniertes philosophisches Projekt, das es dem muslimischen Denken ermöglichen sollte, auf seinen eigenen intellektuellen Weg zurückzufinden.
Aus der Armee in die Wissenschaft
Al-Attas wurde 1931 auf Java in eine Familie jemenitischer Herkunft geboren und wuchs inmitten der kulturellen und religiösen Traditionen Malaysias auf, zu einer Zeit, als Südostasien noch mit den Nachwirkungen der Kolonialherrschaft zu kämpfen hatte.
Als junger Mann schien al-Attas für eine militärische Laufbahn prädestiniert. Er trat dem malaysischen Regiment unter britischem Kommando bei und absolvierte eine Ausbildung an der renommierten britischen Militärakademie Sandhurst, wo er 1955 zum Offizier ernannt wurde.
Doch Reisen durch Nordafrika und Spanien – Regionen, in denen die Überreste der islamischen Zivilisation in der Architektur, in Bibliotheken und im historischen Gedächtnis sichtbar waren – lenkten seine Ambitionen allmählich von der militärischen Karriere hin zur Wissenschaft.
Er verließ die Armee, um sich dem Studium der islamischen Geistesgeschichte zu widmen. An der School of Oriental and African Studies in London verfasste er eine Doktorarbeit über den im 16. Jahrhundert wirkenden Sufi-Philosophen Hamzah Fansuri aus Sumatra. Darin zeigt sich seine frühe Faszination für die philosophischen Aspekte der islamischen Spiritualität, insbesondere für die Tradition des metaphysischen Sufismus.
Nach seiner Rückkehr nach Malaysia nahm al-Attas rasch eine herausragende Stellung im florierenden Hochschulsystem der Region ein. Sein vorrangiges Interesse galt der intellektuellen Entwicklung muslimischer Gesellschaften in der Moderne.
Universitäten in der gesamten muslimischen Welt waren zum größten Teil nach europäischem Vorbild aufgebaut worden und hatten deren Gliederung in Disziplinen und intellektuelle Prämissen übernommen. Obwohl diese Einrichtungen erfolgreiche Absolvent:innen in Ingenieurwesen, Verwaltung und Wissenschaft hervorbrachten, war al-Attas der Ansicht, dass sie auch das muslimische Verständnis von Wissen an sich verändert hatten. Seiner Meinung nach kam dies einer intellektuellen Entfremdung gleich.
Al-Attas‘ zentrale Kritik an der westlichen Herangehensweise richtete sich gegen das Bild von Wissen als bloße Anhäufung von Informationen oder als dem Beherrschen empirischer Fakten. Für ihn hatte Wissen eine moralische und metaphysische Dimension: die disziplinierte Ausrichtung des Geistes auf Wahrheit, Sinn und letztlich die göttliche Wirklichkeit.
Diese tiefere Form des Verstehens verband er mit dem Konzept der Ma’rifah (Gnosis), einer Form der Erkenntnis, die nicht nur die Vernunft, sondern auch die spirituelle Eingebung einbezieht. Ein solches Wissen lasse sich nicht allein auf empirische Beobachtung oder logische Schlussfolgerung reduzieren. Es erfordere die Entfaltung des Menschen als moralisch und spirituell geläutert.
Dies führte al-Attas zu einem weiteren Begriff, der für sein Denken von zentraler Bedeutung wurde: Adab. Das Wort, das oft mit „Etikette“ oder „Manieren“ übersetzt wird, hatte für ihn eine weitaus tiefere philosophische Bedeutung. Adab bezog sich auf die richtige Ordnung der menschlichen Seele, eine intellektuelle und ethische Disziplin, die jeder Form des Wissens ihren rechten Platz zuwies.
Ohne Adab könne das Wissen leicht bruchstückhaft oder instrumentalisiert werden und eher der Macht als der Wahrheit dienen. Bildung lasse sich daher nicht auf eine rein fachliche Ausbildung reduzieren.
In seinem einflussreichen Werk „The Concept of Education in Islam“ argumentierte al-Attas, dass das wahre Ziel der Bildung in dem liege, was die islamische Philosophie als insan al-kamil bezeichnet, also dem vollständigen oder vollendeten Menschen. Wissen solle dazu dienen, die göttliche Ordnung im Kosmos und in der Gesellschaft zu erkennen.
Die „Islamisierung des Wissens“
Der Zerfall dieser ganzheitlichen Auffassung von Wissen, so al-Attas, sei der Kern der intellektuellen Krise der muslimischen Welt. Die muslimischen Bildungssysteme hätten westliche Erkenntnistheorien übernommen, ohne die darin verankerten metaphysischen Annahmen zu hinterfragen.
Diese Diagnose bildete die Grundlage für seine bekannteste und umstrittenste Idee: die „Islamisierung des Wissens“, auf die muslimische Intellektuelle im späten 20. Jahrhundert häufig Bezug nahmen. Für al-Attas bedeutete Islamisierung dabei nicht, modernen Disziplinen islamische Begriffe überzustülpen. Sie bedeutete etwas Radikaleres: eine philosophische Neugestaltung des Wissens selbst.
Der erste Schritt für diese Neugestaltung war für ihn eine „Entwestlichung“: das Aufdecken und Beseitigen der säkularen Annahmen moderner intellektueller Denkmodelle. Westliches Wissen sei aus einem bestimmten Verlauf der Geschichte hervorgegangen, in dem die Religion nach und nach ihre Autorität über Philosophie, Sprache und Gesellschaft verloren habe.
Ibn Arabi – ein Lehrmeister des Paradoxen
James Morris, Professor für Islamische Theologie an der Universität Boston, erklärt im Gespräch mit Claudia Mende, warum die Schriften des Philosophen und Mystikers Ibn Arabis bis heute nachwirken und die produktivste theologische Antwort auf fundamentalistische Auffassungen des Islam bieten.
In seinem einflussreichen Buch „Islam and Secularism“ führte al-Attas die Genealogie des säkularen Denkens auf Entwicklungen innerhalb der christlichen und griechisch-römischen Zivilisation zurück. Die Säkularisierung sei kein unvermeidliches Stadium des menschlichen Fortschritts, sondern ein spezifisches historisches Ergebnis, ein Prozess, in dem das Heilige nach und nach vom öffentlichen Leben und vom intellektuellen Streben getrennt wurde.
Wissen, losgelöst von seinen metaphysischen Grundlagen, sei lediglich zu einem Instrument geworden, um über die Welt zu herrschen, anstatt ihren tiefsten Sinn zu ergründen. Dagegen schlug al-Attas eine Wiedervereinigung von empirischer Forschung mit Offenbarung und metaphysischer Erkenntnis vor. Eine wahre Islamisierung lehne weder die Vernunft noch die Wissenschaft ab. Vielmehr versuche sie, diese in einen größeren Rahmen einzubetten, der auf dem Prinzip des Tawhid, der Einheit Gottes, gründe.
Ein alternatives Modell der Hochschule
1987 versuchte al-Attas, seine Vision zu verwirklichen, indem er in Kuala Lumpur das Internationale Institut für Islamisches Denken und Zivilisation (ISTAC) gründete. Das Institut, als alternatives Modell der Hochschulbildung gedacht, sollte das klassische islamische Ideal des integrierten Wissens wiederbeleben, indem es Theologie, Philosophie, Sprach- und Naturwissenschaften in einem einheitlichen intellektuellen Rahmen zusammenführte.
Eine Zeit lang zog das ISTAC Wissenschaftler:innen aus aller Welt an. Es wirkte wie ein ungewöhnliches Experiment, das die Grundlagen der Hochschulbildung in der muslimischen Welt neu denken wollte. Doch das Projekt erwies sich als anfällig für politische Umbrüche und akademische Rivalitäten. Veränderungen in der politischen Landschaft Malaysias untergruben nach und nach seine Autonomie und Anfang der 2000er Jahre war seine ursprüngliche Vision weitgehend erloschen.
Dennoch reichte al-Attas’ intellektueller Einfluss weit über einzelne Einrichtungen hinaus. Sein Projekt entwickelte sich parallel zu dem anderer Denker, die in ihrer Einschätzung der Krise der muslimischen Zivilisation unterschiedliche Ansichten vertraten. Dazu gehörten unter anderem Ismail Raji al-Faruqi, Muhammad Abid al-Jabiri und Fazlur Rahman, um nur einige zu nennen.
Al-Faruqis Projekt, in das erhebliche Gelder aus Saudi-Arabien flossen, zielte darauf ab, moderne akademische Disziplinen zu islamisieren. Über Institutionen wie das Internationale Institut für Islamisches Denken baute er ein weltweites Netzwerk von Wissenschaftler:innen und Förderern auf.
Al-Jabiri und Rahman sahen die Ursache des Problems in der historischen Dominanz textbasierter und mystischer Argumentation gegenüber dem empirischen Rationalismus und plädierten für eine Wiederbelebung rationaler und empirischer Traditionen innerhalb der islamischen Geistesgeschichte.
Al-Attas ging davon aus, dass die eigentliche Krise in einem Verlust der metaphysischen Orientierung lag – in der Loslösung des Wissens von seinen spirituellen Grundlagen. In seiner Antwort auf dieses Problem lehnte er die Moderne weder ab noch wollte er sie unkritisch annehmen.
Stattdessen setzte er sich mit dem modernen Wissen immer wieder neu auseinander und schöpfte dafür aus der Geistesgeschichte des Islams. Sein Vorhaben fußte auf einer Überzeugung, die in Zeiten akademischer Spezialisierung vielleicht unzeitgemäß erscheint: dass Wissen und Charakter untrennbar miteinander verbunden seien.
Eine Zivilisation, die sinnvolles Wissen produzieren kann, müsse zunächst Menschen hervorbringen, die Disziplin, Demut und moralische Klarheit besitzen. Höchstes Ziel des Lernens sei nicht bloß die Aneignung von Wissen, sondern die Bildung eines Menschen, der fähig ist, die Wahrheit zu erkennen.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Aus dem Englischen von Leon Holly.
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