Das eigene Trauma als TV-Unterhaltung

Poster of "Mawlana"series. (Photo: Shahid/MBC)
Die Serie „Moulana“ mit Schauspiel-Star Tim Hassan stieß auf besonders viel Interesse. (Foto: Promo/Shahid/MBC)

In Syrien sind in diesem Jahr die ersten Ramadan-Serien aus der Zeit nach Assad gelaufen. Einige thematisierten Traumata, andere übten satirisch Kritik. Doch über den richtigen Umgang mit der jüngsten Geschichte gibt es heftige Debatten.

Von Sham al-Sabsabi

Das syrische Fernsehen befindet sich derzeit in einem radikalen Wandel – sichtbar in der diesjährigen Ramadan-TV-Saison, der ersten, die vollständig nach Assads Sturz geschrieben und produziert wurde.

Nach Jahrzehnten von Verboten, Zensur und kodierter Sprache spiegelt dieser Wandel nicht nur das Wegfallen des Zensurapparats wider, sondern auch eine grundlegende Veränderung des Produktionsumfelds. Entscheidungsträger und Kreative lassen politische Ängste hinter sich und orientieren sich zunehmend an den Bedürfnissen des Publikums.

Das hat zur Folge, dass der Fernsehbildschirm – vor dem Syrer allabendlich nach dem Fastenbrechen stundenlang Ramadan-Serien verfolgen – nicht mehr nur ein Ort der Unterhaltung ist. Er ist zu einem Prüfstein für das Gewissen einer Branche geworden, die jahrzehntelang daran gewöhnt war, Ausflüchte zu suchen und sich behutsam durch Angst und Zensur zu manövrieren.

Für die diesjährige Ramadan-Saison waren 25 neue Dramaserien produziert worden. Bevor man sich einigen von ihnen im Detail widmet, lohnt ein Blick auf die übergeordneten Trends: Die Produktionen schlugen im Wesentlichen zwei Richtungen ein. Einerseits setzen sie stärker auf Unterhaltung und Spannung, andererseits thematisieren sie das Leid Syriens.

Serien, die unter anderem vom Gefängnissystem unter dem Assad-Regime (1970–2024) inspiriert sind – etwa „Al-Qaisar“ (القيصر) oder „Der Gang zum Brunnen“ (الخروج إلى البئر) – haben eine breite Debatte über die ethischen Fragen ausgelöst, die sich stellen, wenn das Leid von Häftlingen dramatisiert wird, bevor überhaupt Gerechtigkeit geschaffen oder das Schicksal der Verschwundenen geklärt worden ist. 

Kontroverse um „Al-Qaisar“

Unter der Regie von Safwan Neamo ist „Al-Qaisar“ von wahren Geschichten über Inhaftierung und Verschwinden in Gefängnissen der Assad-Ära inspiriert. Der Titel bezieht sich direkt auf Farid Al-Madhan, bekannt als „Caesar“, den Offizier, der Tausende von Fotos veröffentlichte, die Folteropfer in den Sicherheitsbehörden des Regimes dokumentieren. Das Thema verlieh der Serie erhebliches symbolisches Gewicht, weckte Erwartungen und schärfte die öffentliche Sensibilität. 

Doch als die Serie ausgestrahlt wurde, hatten viele Zuschauer und Kritiker das Gefühl, dass sie zu stark vereinfacht sei. Die fragmentierte Struktur der Serie konnte die Schwere und die menschliche Komplexität der Erfahrungen nur schwer vermitteln. Es fehlte an einer schlüssigen Erzählstruktur und einer dramatischen Entwicklung; Stattdessen setzte die Serie allein auf die Tragik des Themas.  

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Die Serie besteht aus 30 Folgen, die in zehn dreiteilige Geschichten gegliedert sind. Dabei folgt sie einem sich wiederholenden Rhythmus aus aufeinanderfolgenden Schocks.  

In einer der Geschichten träumt die von Dana Mardini gespielte Protagonistin Naya vom revolutionären Sänger Abdul Baset Al-Sarout und deutet dies als gutes Omen. Die Ereignisse nehmen aber eine tragische Wendung, als sie zusammen mit ihrem Bruder verhaftet wird und im Gefängnis stirbt. 

Dieser abrupte Wechsel von Hoffnung zu Katastrophe zieht sich durch die gesamte Serie, Schockmomente werden eher als unmittelbares Stilmittel eingesetzt denn als Ergebnis einer schrittweisen dramatischen Entwicklung.  

Anstatt das Trauma behutsam aufzudecken und die Vergangenheit durch eine einfühlsame dramatische Darstellung zu rekonstruieren, präsentiert die Serie das Leid der Syrer durch schonungslose, verstörende Bilder, ohne genügend Raum für Reflexion zu lassen. 

Die Kontroverse nahm bald eine moralische Dimension an. Die Caesar Families Association sowie Aktivisten und andere Angehörige von Verschwundenen protestierten dagegen, dass das Thema zur Unterhaltungsshow gemacht wurde, während das Schicksal ihrer Angehörigen weiter ungeklärt ist. Einige forderten, die Serie abzusetzen.

„Der Gang zum Brunnen“

In ähnlicher Weise beschäftigt sich „Der Gang zum Brunnen“ mit dem Aufstand im Sednaya-Gefängnis 2008. Die Handlung zeichnet sowohl den Aufstand der Gefangenen als auch die Verhandlungen mit den Sicherheitskräften nach. Parallel wird die Geschichte der Familie des verschwundenen Häftlings Sultan al-Ghalib, gespielt von Jamal Suleiman, erzählt. 

Die Serie möchte das Leid der Inhaftierten und ihrer Familien auf menschliche Art darstellen. Die Erzählung wechselt zwischen dem Inneren des Gefängnisses – geprägt von Folter und Unterdrückung – und dem Äußeren, wo die Familien psychischen Belastungen und sozialer Entfremdung ausgesetzt sind.

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In den sozialen Medien löste die Serie heftige Diskussionen aus und spaltete die Zuschauer in zwei Lager: Die einen sahen in ihr einen ernsthaften Versuch, sich mit dem Trauma von Sednaya auseinanderzusetzen, während die anderen der Meinung waren, dass sie sich zu sehr auf bestimmte islamistische Häftlinge konzentriere, ihnen bisweilen unkritisches Mitgefühl entgegenbringe oder komplexe historische Zusammenhänge zu stark vereinfache. 

Gleichzeitig wird durch die Figur des Fahd, Sultans Sohn, gespielt von Khaled Shabat, religiöser Extremismus thematisiert. In Abwesenheit seines inhaftierten Vaters driftet er in Richtung einer rigiden und restriktiven Religiosität ab. Er versucht, das Leben seiner Familie bis ins Detail zu kontrollieren, kritisiert das äußere Erscheinungsbild seiner Schwester und trennt seinen Haushalt, um zu verhindern, dass seine Frau mit seinem Bruder Kontakt hat.  

Einige Kritiker argumentierten, dass durch diese Figur ein Gegengewicht geschaffen und zwischen moderateren und extremeren Ausdrucksformen des Glaubens unterschieden würde. 

Die Kritik an „Der Gang zum Brunnen“ gipfelte zwar nicht in der völligen Ablehnung der Serie oder in Forderungen nach einer Absetzung. Dennoch wurden ähnliche ethische Bedenken laut wie bei „Al-Qaisar“.  

Es ging um die Frage, wie und ob die Ereignisse in dem berüchtigten Gefängnis zu einem Zeitpunkt dramatisiert werden sollten, zu dem viele der Verschwundenen nach wie vor vermisst werden.  

Beide Serien stießen auf ein Publikum, das nicht einfach nur die Darstellung einer Tragödie sehen will. Vielmehr sucht es nach einer tieferen Lesart der Vergangenheit – einer, die es vermeidet, Leid zu instrumentalisieren oder zu trivialisieren.

Serie „Mawlana“ – Wie entstehen politische Anführer?

Der zweite Ansatz, bei dem Unterhaltung und Spannung im Mittelpunkt stehen, wird durch Serien wie „Mawlana“ (مولانا) verkörpert. „Mawlana“ verbindet Thriller-Elemente mit dunkler Komik und erzählt die Geschichte eines Flüchtigen, der in einem Dorf zum Gegenstand der Verehrung wird und dadurch in ein Geflecht aus sozialen und religiösen Widersprüchen gerät. Die Serie stützt sich stark auf das Charisma ihres Hauptdarstellers, des syrischen Stars Tim Hassan. 

Ein ähnlicher Ansatz findet sich in „Mit fünf Leben“ (بخمس أرواح), das die Geschichte eines Müllmanns erzählt, der entdeckt, dass er der uneheliche Sohn eines Millionärs ist. Um sein Erbe anzutreten, muss er seine vier Geschwister aufspüren, wodurch Figuren aus völlig unterschiedlichen sozialen Milieus miteinander verwoben werden. 

„Mawlana“ selbst dreht sich um eine ausgesprochen politische Frage: Entsteht eine Führungspersönlichkeit von selbst, oder wird sie von der Gemeinschaft geschaffen?  

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Die Geschichte beginnt mit einem Verbrechen, das der Protagonist Jaber begeht: Er tötet den Ehemann seiner Schwester, einen Anhänger des Assad-Regimes, und flieht in das Grenzdorf al-Adliyah. Dort warten die Bewohner auf einen Retter mit heiliger Abstammung. Durch eine Reihe von Zufällen nimmt Jaber die Identität dieser lang ersehnten Gestalt an, und die Gemeinschaft projiziert ihre Hoffnungen auf ihn. 

Vor diesem Hintergrund untersucht die Serie, wie Gesellschaften, die mit begrenzten Wahlmöglichkeiten konfrontiert sind, die Figur eines Retters entwickeln können. Für die Dorfbewohner, die unter der Herrschaft von Assads Armee leben, spiegelt dies den Wunsch nach Rettung wider. „Mawlana“ fungiert als Spiegel dieses kollektiven Bedürfnisses. 

Einige Zuschauer zogen Vergleiche mit dem iranischen Film „Marmoulak“. Auch dort nimmt ein Flüchtender eine religiöse Rolle an und ist dann in Erwartungen anderer gefangen, die weit über seine wahre Identität hinausgehen. 

Die politische Dimension – einschließlich einer Kritik an der Ära Assad – kommt durch Darstellungen der Kontrolle des Lebens durch die Armee zum Ausdruck. Zum Beispiel sind Landenteignungen ein Thema, die Gefahr der Wehrpflicht ein anderes.  

Gerahmt wird die Handlung durch einen Sicherheitsdiskurs, der diese Maßnahmen im Namen des Schutzes des Vaterlandes rechtfertigt. Solche Elemente sind jedoch in die Erzählung eingebettet und treten nicht als direkter Kommentar in den Vordergrund, wodurch die Thematisierung solcher Themen fließender ist als in anderen Serien. 

Der Erfolg der Serie beruht nicht nur auf der schauspielerischen Leistung von Tim Hassan oder darauf, dass einige ihrer Dialoge zu Social-Media-Trends geworden sind. Auch die Fähigkeit, ein ernstes politisches Thema in eine schlüssige, satirische Erzählung einzubetten – und dabei ironische Kritik an Herrschaft und der Vergötterung von Anführern zu üben – dürfte zum Erfolg von „Mawlana“ beigetragen haben.  

 

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