Die Rückkehr riskieren

Eine Frau hält zwei kleine Mädchen inmitten einer Menschenmenge im Arm.
Palästinenser:innen in Gaza bei ihrer Rückkehr aus Ägypten, Februar 2026. (Foto: Picture Alliance / Anadolu | S. Jaras)

In Ägypten stehen Palästinenser:innen aus Gaza vor einem schmerzhaften Dilemma: Zu ihren Familien in die zerstörte Heimat zurückkehren oder bleiben. Fehlende Aufenthaltstitel sowie gesundheitliche und finanzielle Probleme erschweren die Entscheidung.

Von Rehab Eliawa

Die Palästinenserin Noha Soliman scrollt am Handy durch ihre Fotos. Eines zeigt sie zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Gaza, vor dem Krieg. Der hat ihre Familie auseinandergerissen, sie selbst wohnt mit den zwei Töchtern in der Nähe von Kairo, während ihr Mann ein Zelt im Gazastreifen bewohnt.

„Wir können wegen Mariams Behandlung nicht nach Gaza zurückkehren. Und er weiß nicht, wie er ausreisen und zu uns kommen kann“, berichtet sie gegenüber Qantara. Ihre siebenjährige Tochter leidet an Mittelmeerfieber. Noha kam 2024 nach Ägypten, um die Erbkrankheit behandeln zu lassen. 

Seit der Rafah-Übergang zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen im Februar 2026 wieder geöffnet wurde, sind einige Palästinenser:innen, die für medizinische Behandlungen nach Ägypten gekommen waren, in den belagerten Gaza-Streifen zurückgekehrt. Noha jedoch blieb, die Behandlung ihrer Tochter dauert an.

Mit der Hilfe von ägyptischen Spender:innen kann Noha im Viertel al-Qanater al-Charijia wohnen, nahe am Krankenhaus. „Das Leben in Ägypten ist schwer, selbst für Ägypter:innen. Doch die Alternative hieße, Mariams Leben aufs Spiel zu setzen“, sagt sie. Die monatlichen Kosten für die Behandlung ihrer Tochter belaufen sich auf 10.000 ägyptische Pfund (circa 165 Euro). In Gaza ist die Behandlung nicht verfügbar.

Zwei kleine Mädchen stehen auf einem Schulhof, hinter ihnen eine bemalte Wand.
Noha Solimans Töchter auf ihrem Schulhof in Kairo. (Foto: Privat)

Noha hat in der Nähe ihrer Wohnung einen Teilzeitjob in einer Kantine gefunden und verdient dort 2.000 ägyptische Pfund im Monat (circa 33 Euro). Um die Behandlungskosten zu bezahlen, ist sie auf sporadisch eintreffende Spenden oder geliehenes Geld angewiesen. 

Gleichzeitig hofft sie, dass ihr Mann zu ihnen nach Ägypten kommen darf. Er ist taubstumm und lebt derzeit im Flüchtlingslager Nuseirat, wo er mit seinem Zelt keinen festen Ort hat, sondern ständig weiterziehen muss. Er leidet darunter, nicht mit den Menschen um sich herum kommunizieren zu können. Früher übersetzte seine Familie für ihn in Gebärdensprache.

In Kairo besuchen Nohas Töchter keine staatlichen Schulen, sondern gehen auf eine religiöse Schule des al-Azhar-Instituts. Öffentliche Schulen sind Kindern mit Aufenthaltsberechtigung vorbehalten und die hat Noha, wie die meisten Palästinenser:innen, nicht. Dieser rechtliche Limbo ist für viele Palästinenser:innen ein Grund dafür, über eine Rückkehr nach Gaza zumindest nachzudenken. 

Bis Ende Februar waren nur 803 von circa 110.000 seit Kriegsbeginn zur medizinischen Behandlung eingereisten Palästinenser:innen nach Gaza zurückgekehrt. Palästinensische Aktivist:innen erklärten die niedrigen Zahlen gegenüber Qantara mit „Einschränkungen der Israelis“. Vor allem Frauen hatten nach der Überquerung des Grenzübergangs über „Leibesvisitationen, Demütigung und die Konfiszierung ihres Eigentums“ auf der israelischen Seite geklagt.

Die Angst vor der Grenzkontrolle in Rafah

Wer nach Gaza zurückkehren will, muss sich digital bei der palästinensischen Botschaft in Kairo registrieren. Bisher hätten das mehr als 50.000 Menschen getan, sagte eine anonym sprechende, gut informierte palästinensische Quelle gegenüber Qantara. Dann werde zwischen Israel und Ägypten abgestimmt, wer wann Grenze überqueren soll.

„Trotz dieses Verfahrens verweigert die israelische Seite manchen Leuten in letzter Minute die Einreise am Grenzübergang, ohne einen Grund zu nennen. Gäbe es diese Einschränkungen nicht, wäre eine große Zahl bereits zurückgekehrt. Die Israelis schränken die Rückkehr ein.“

Der Quelle zufolge haben manche Bedenken, sich überhaupt registrieren zu lassen, vor allem palästinensische Männer unter 40. Sie könnten „festgenommen werden oder ihnen wird gegebenenfalls die Einreise aus Sicherheitsgründen verweigert. Israel sieht in dieser Gruppe die höchste Wahrscheinlichkeit, sich bewaffneten Gruppen anzuschließen.“

Der Palästinenser Fadi Abu Qata lebt im Osten Kairos und denkt ebenfalls über eine Rückkehr nach, doch er hat Angst: vor Belästigung oder Schlimmerem an der Grenze und davor, zurückgeschickt zu werden und so seine Tochter nicht sehen zu können. Der 32-Jährige lebt im Ain-Schams-Viertel in einer Unterkunft des Ministeriums für Soziale Solidarität, welches unter anderem Verwundete aus Gaza unterstützt.

Fadi kam während des kurzen Waffenstillstands im Februar 2025 mit seiner Mutter nach Ägypten, um sich zwei Armprothesen anpassen zu lassen und für die Versorgung einer Verletzung am Bein. „Ich war mit meinem Bruder und meiner Tochter auf einer Straße in Zentralgaza unterwegs. Wir hatten ein Pferd bei uns. Plötzlich wurde ein Haus direkt neben uns bombardiert und Splitter des Geschosses flogen in alle Richtungen. Das Pferd war sofort tot und ich wurde getroffen – ich verlor beide Arme und wurde auch am Bein verletzt“, so erinnert er sich an den Tag im Januar 2024. „Gott sei Dank wurde ich getroffen und nicht meine Tochter.“

Seit Monaten wartet Fadi nun in Ägypten auf Spenden für seine Armprothesen und Fadi denkt darüber nach, das Risiko einer Rückkehr auf sich zu nehmen. Er hofft darauf, seine Tochter trotz aller Sicherheitsbedenken in die Arme schließen zu können. Ein weiterer Grund, zurückzugehen, ist seine angespannte finanzielle Situation. „Leben hier ist teuer; meine Freunde in Gaza schicken mir Geld, anstatt dass ich ihnen etwas schicke.“

Keine Dokumente, keine Stabilität

Andere Palästinenser:innen in Ägypten, besonders Leute aus der oberen Mittelschicht und Geschäftsleute aus Gaza, haben keine finanziellen Schwierigkeiten. Doch auch für sie bleibt die fehlende Aufenthaltsgenehmigung das größte Problem, sagt der 72-jährige palästinensische Dichter und Geschäftsmann Muhsin al-Khazandar.

Gemeinsam mit seiner Familie floh er im Januar 2024 nach Ägypten. Insgesamt waren sie 18 Personen, unter ihnen Kinder und Enkelkinder. Damals war die Flucht gegen exorbitante Zahlungen möglich. In Kairo ließ sich die Familie im „Fifth Settlement“ in Kairo nieder.

Ein älteres Ehepaar isst zusammen an einem Tisch.
Mohsen al-Khazandar mit seiner Frau in Kairo. (Foto: Qantara| Rehab Eliawa)

Um seinen Aufenthalt in Ägypten rechtlich abzusichern hat al-Khazandar bereits einiges unternommen. Doch selbst eine Aufenthaltsgenehmigung als Investor und ein Antrag auf die ägyptische Staatsbürgerschaft im Rahmen eines Immobilieninvestitionsprogramms wurden in seinem Fall abgelehnt. 

„Es gibt eine inoffizielle politische Entscheidung, Palästinenser:innen aus Gaza keine Aufenthaltsgenehmigungen auszustellen, damit der israelische Plan der dauerhaften Vertreibung nicht aufgeht“, sagt er gegenüber Qantara. „Wir machen ihnen das gar nicht zum Vorwurf, aber sie sollten uns zumindest das Recht zugestehen, auch ohne Aufenthaltsgenehmigung zu investieren und die Schulen zu besuchen.“

Palästinenser:innen können in Ägypten keine Bankkonten eröffnen – außer bei der Abu Dhabi Islamic Bank. Auch können sie keine Investitionsprogramme ins Leben rufen oder landwirtschaftliche Flächen kaufen. In Gaza dagegen hat al-Khazandar viel investiert, vor allem im Energiesektor. Als Geschäftsmann liefert er bis heute Kraftstoff nach Gaza, wenn auch in geringeren Mengen als vor dem Krieg.

Trotz allem hält al-Khazandar die Rückkehr nach Gaza für unverzichtbar: „Alle werden zurückkehren, früher oder später. Außerhalb von Gaza können wir nicht leben.“ Er selbst werde jedoch erst zurückkehren, wenn die Hamas ihre Waffen niederlegt und die Grundversorgung im Gazastreifen wiederhergestellt ist. Bis dahin will er mit seiner Familie in Ägypten bleiben.

© Qantara.de