„Wut kann sehr konstruktiv sein”
Qantara: Dein Song „Dounana“ („Ohne uns“) geht gerade viral. Darin rappst du: „Ihr rottet unsere Wurzeln aus, zerstört unsere Häuser, kriminalisiert unsere Existenz… aber wer wärt ihr ohne uns?“ An wen richtet sich das?
Siba: Diese Zeilen, wie auch der gesamte Song, richten sich an koloniale und imperiale Mächte. Es geht um die allgemeine Ausbeutung durch westliche Kolonialmächte. Deshalb ist die Ansprache auch bewusst eher allgemein gehalten.
Mit diesen kolonialen Machtstrukturen rechnest du voller Wut ab, wie man in dem Musikvideo sieht. Kann Wut konstruktiv sein?
Wut kann sehr konstruktiv sein, aber auch destruktiv. Sie ist für mich erst einmal ein Signal, dass etwas ungerecht läuft. Wenn ich wütend werde, weiß ich: Hier stimmt etwas nicht. Wut ist wichtig. Sie kann einen dazu bringen, zu handeln und nicht einfach zuzuschauen, wie etwas Schreckliches passiert.
Je nachdem, wie man mit diesem Gefühl umgeht, kann es einen konsumieren und zerstörerisch werden lassen oder dabei helfen, ein Zeichen zu setzen, dem Gegenüber oder dem Unterdrücker zu zeigen: Das geht so nicht. Und dann liegt es am Gegenüber, was er oder sie mit dieser Wut macht.
Du singst auf Arabisch. Versteht das „Gegenüber“ dich überhaupt?
Das ist ein guter Punkt, deshalb wird die Übersetzung eingeblendet. Aber der Song richtet sich nicht nur an das „Gegenüber“, sondern auch an die Menschen, die diese Wut selbst spüren. Wenn uns Rechte genommen werden oder wir Ungerechtigkeit erleben, kann Wut uns das Gefühl geben, gehört zu werden. Wir fühlen unsere Existenz wieder. Es geht also nicht nur um ein Signal nach außen, sondern auch um Empowerment.
Läuft das nicht Gefahr, ein „Wir gegen sie“-Narrativ zu verstärken?
Das ist eine Interpretation. Wer ist „wir“, wer sind „die“? Das habe ich ja nie gesagt. Ich würde zum Beispiel niemals sagen, dass jeder weiße Mensch zu „denen“ gehört. Es gibt auch sehr viele weiße Menschen, die an dem Song mitgearbeitet haben. Wenn man sich selbst als „die anderen“ verstehen will, ist das nicht mein Problem oder das Problem des Songs.
Dennoch richtet sich deine Kritik ausschließlich an den westlichen Kolonialismus und Imperialismus.
Das ist für mich Whataboutism. Wir können nicht bei jeder Aussage gleichzeitig über alles sprechen. Ein Kunstwerk kann nicht alle Ungerechtigkeiten der Welt adressieren. Nur weil wir westlichen Kolonialismus und Ausbeutung ansprechen, bedeutet das nicht, dass wir andere Formen von Unterdrückung gutheißen.
Dass ich westlichen Kolonialismus so direkt anspreche, liegt daran, dass wir bis heute in Strukturen leben, die daraus entstanden sind. White Supremacy, Gefängnissysteme in den USA oder generell die Unterdrückung von nicht-weißen Menschen und anderen marginalisierten Gruppen hängen historisch damit zusammen.
Außerdem war westlicher Kolonialismus besonders global und nachhaltig. Es ging nicht nur um Landnahme, sondern darum, ganze politische, wirtschaftliche und kulturelle Systeme umzubauen, damit diese Machtstrukturen weiter bestehen. Sklavenhandel, willkürlich gezogene Grenzen, Ressourcenraub. Viele Ungleichheiten und Formen von Armut heute gehen direkt darauf zurück.
Du hast „Dounana“ bereits vor knapp zwei Jahren geschrieben und veröffentlicht. Gab es einen Anlass?
Wir hatten damals seit Monaten einen Genozid auf unseren Bildschirmen verfolgt, aber durften nichts sagen. Es gab ein Gefühl von Hilflosigkeit (in Deutschland, d. Red.). Damals war es noch schwieriger zu demonstrieren als heute. Die Wut hat sich angestaut und ist dann so rausgekommen.
Ich wurde auch von dem Song Quechua 101 von Bobby Sanchez inspiriert. Er ist auf Quechua, einer Sprache, die von indigenen Bevölkerungen in den Anden gesprochen wird. Sie wurde durch Kolonialmächte verdrängt und ist heute vom Aussterben bedroht. Mir wurde bewusst, wie global dieser Schmerz ist, der mit der Zerstörung ganzer Bevölkerungen und Kulturen einhergeht.
Warum trifft „Dounana“ gerade jetzt so einen Nerv?
Als wir den Song vor zwei Jahren veröffentlichten, haben wir einfach ein vierminütiges Querformat-Video auf Instagram hochgeladen. Das war überhaupt nicht algorithmusfreundlich. Vor ungefähr einem Monat hatte ich dann ein Gespräch mit dem Produzenten Monkyman. Wie fanden es schade, dass wir dem Song keine wirkliche Chance gegeben haben. Im Hochformat ging es dann viral.
Der Song ist leider immer noch relevant. Wir schauen weiterhin zu, wie ein Genozid passiert, was Israel im Libanon macht und wie Menschen weltweit unterdrückt werden – nicht nur dort, sondern auch hier, in westlichen Ländern, in den USA, in Kanada, überall. Deshalb fühlte es sich richtig an, nochmal daran zu erinnern. Und offensichtlich fühlen viele Menschen diesen Schmerz.
Das Musikvideo ist unschwer in Deutschland zu verorten und es sind ausschließlich Menschen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ darin zu sehen. Wie kam es zu dieser visuellen Entscheidung?
Es war nicht einfach, eine Location zu finden, die uns Platz bot und gleichzeitig erlaubte, ein Video zu so einem Song zu drehen. Da mussten die Werte übereinstimmen. Letztlich haben wir es dann im 90 Mil in Berlin gemacht.
Die vielen Menschen mit Migrationshintergrund stehen für eine klare Botschaft des Empowerments: Wir sind sehr viele, wir fühlen das alle, und wir werden nicht leise sein. So wie es auch am Ende des Songs heißt: سنبقى في مقامنا ويبقى فينا حبّنا („Wir werden standhaft bleiben, und unsere Liebe wird in uns bleiben.“).
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