Eine komplizierte Liebe

Eine Frau raucht Wasserpfeife an einem Pool. (Foto: Promo/Patrick Baz)
Leichte Momente in harten Zeiten: Filmszene aus „Do You Love Me“. (Foto: Promo/Patrick Baz)

Lana Dahers Film „Do You Love Me“ ist eine Reise durch die Filmarchive des Libanon. Collagenartig zeichnet die Regisseurin die Geschichte eines Landes nach, das seine komplizierte und gewaltvolle Geschichte bis heute verdrängt.

Von Hannah El-Hitami

Eine Videocollage zeigt Menschen, die tanzen: Eine Frau wirbelt im Kreis und bewegt zuckend ihre Hüften. Zwei Männer wackeln lachend mit dem Brustkorb. Ein Mann im Overall trippelt in rhythmischen Bewegungen um sein Auto herum. Menschen in traditioneller Kleidung überkreuzen hüpfend die Beine zum Dabke.

Dazu läuft ein französisches Chanson aus den 70ern, das wie eine Ode an das Leben klingt: „Ich lebe von Liebe und Tanz. Ich lebe, als wäre ich im Urlaub. Ich lebe, als wäre ich ewig, als wären die Nachrichten ohne Probleme.“  

Dann ein Schnitt, das Lied endet abrupt, die Kamera zeigt ein Haus, vor dem sich Müll türmt. Eine Frau öffnet von innen die Tür, schiebt die Müllsäcke beiseite, um herauszukommen. Die Szene stammt aus Zeiten der Müllkrise 2015 in Libanons Hauptstadt Beirut.   

Heute funktioniere dieses Motiv metaphorisch für die Lage im Libanon, sagt Filmemacherin Lana Daher: „für alles, das unter der Oberfläche fault und von den Verantwortlichen ignoriert wird“. Auch wenn es im Libanon zwischendurch leichte und ausgelassene Momente gebe, „am nächsten Morgen wachst du auf und musst immer noch mit der Realität zurechtkommen.“

In einer Filmszene aus Do you love me tanzt eine Frau in einem Wohnzimmer. (Foto: Maroun Bagdadi)
Libanon, 1980: Filmszene aus „Do You Love Me” (Foto: Promo/Maroun Bagdadi)

Filmschnippsel wie diese hat Lana Daher für „Do You Love Me” miteinander verwoben. Der Film, der am 7. Mai in die deutschen Kinos kommt, ist eine Reise durch die Filmarchive des Libanon. In jahrelanger Kleinstarbeit hat Daher eine Vielzahl von Filmausschnitten gesammelt.  

Das Ergebnis ist eine berührende Collage, die das Lebensgefühl im Libanon greifbar macht: zwischen der Liebe zu einer komplizierten Heimat und den schwelenden Problemen, die ihre Bewohner*innen jederzeit einholen können. 

Libanons Suche nach einer gemeinsamen Erzählung

Lana Daher wurde 1983 in Beirut inmitten des libanesischen Bürgerkriegs geboren. Sechs Jahre war sie alt, als der Krieg endete, doch in ihrer Kindheit und Jugend blieb er präsent: in den zerstörten Gebäuden der Stadt, den Einschusslöchern in den Wänden. Gesprochen wurde darüber nicht.  

„Ich konnte sehen, dass meine Mutter ängstlich und nervös war, aber sie schien das nicht mit dem zu verbinden, was sie erlebt hatte“, erinnert sich Daher. In vielen Familien, glaubt sie, sei das Trauma der Kriegsjahre nicht aufgearbeitet, sondern an die nächste Generation weitergegeben worden. 

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Auch auf staatlicher Ebene hat der Libanon seine Geschichte verdrängt. Ein Nationalarchiv gibt es nicht. Der Geschichtsunterricht in der Schule befasst sich nur mit der Zeit bis zur Unabhängigkeit 1943. Die konfessionelle und ethnische Vielfalt in der libanesischen Gesellschaft und Regierung erschweren bis heute die Suche nach einer gemeinsamen Erzählung über das geschehene Unrecht.  

„Es gibt kein einheitliches Geschichtsbuch, weil das bedeuten würde, sich für eine Perspektive zu entscheiden“, sagt Daher. In ihrem Film eröffnet sie daher einen ganz anderen Blick auf die Geschichte: durch die Linsen unzähliger Kameras aus unterschiedlichen Jahrzehnten – gedreht von professionellen Filmemacher*innen, Journalist*innen oder privaten Hobbyfilmer*innen. 

Dafür war Daher acht Jahre lang in Libanons Archiven unterwegs: in Universitäten und Fernsehsendern, bei Kulturschaffenden und Privatpersonen. 20.000 Elemente hat sie insgesamt gesichtet: Töne, Bilder, Kinofilme, Heimvideos, Podcasts und Artikel. Wie eine Archäologin habe sie nach den richtigen Spuren gesucht, sagt Daher. „Es war ein sehr langer und langsamer Prozess.“

Lana Daher, Regisseurin des Films "Do you love me" (Foto: Tanya Traboulsi)
Regisseurin Lana Daher (Foto: Promo/Tanya Traboulsi)

100 Jahre libanesische Geschichte

Entstanden ist ein beeindruckendes Portrait eines Landes, das von einer Katastrophe in die nächste stolpert: der Bürgerkrieg von 1975-1990, politische Morde Anfang der 2000er, die andauernde Wirtschaftskrise und die ständigen Stromausfälle, Massenproteste gegen Korruption und Misswirtschaft, die Corona-Pandemie, die Hafenexplosion 2020, und immer wieder Krieg mit Israel. Auch die jüngste Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah trifft vor allem die libanesische Zivilbevölkerung.

„Ich habe viele kleine Aufnahmen von den schweren Momenten unserer Geschichte gezeigt“, sagt Lana Daher. „Nicht, um die Leute zu retraumatisieren oder schmerzhafte Erinnerungen hochzuholen, sondern um zu sagen: Das ist passiert und wir haben das durchgemacht.“  

Damit wolle sie auch daran erinnern, dass es bislang keine Gerechtigkeit gegeben habe und niemand für irgendetwas zur Rechenschaft gezogen worden sei. „Und die ganz normalen Menschen zahlen dafür immer wieder den Preis.“ 

Ein Mann mit Ghettoblaster vor zerstörten Häusern, (Foto: Fouad Elkoury)
Beirut, 1995: Filmszene aus „Do You Love Me” (Foto: Promo/Fouad Elkhoury)

Die Bilder aus insgesamt 100 Jahren libanesischer Geschichte fügen sich in „Do you love me“ ganz organisch aneinander – als lägen nicht Jahrzehnte zwischen ihnen, als wären es nicht ganz unterschiedliche Protagonist*innen, manche fiktiv, andere echt, die darin auftauchen.  

Wenn sie aufs Meer blicken oder aus dem Fenster eines Autos, scheinen ihre Sehnsüchte die gleichen zu sein. Wenn sie durch zerstörte Gebäude gehen, in denen sie einst zuhause waren, ist unklar, ob dahinter der Bürgerkrieg, israelische Luftangriffe oder die Hafenexplosion steckt – die Erschütterung ist die gleiche.

„Weg? Wohin denn?“

Was all diese Menschen verbindet? „Die Liebe zu diesem Ort, eine komplizierte Liebe“, sagt Daher. „Das Leben im Libanon ist nicht verlässlich. Es ist eine Achterbahnfahrt zwischen Ruhe und Krieg. Man kann nie wissen, wann sich schlagartig alles verändert.“  

Viele Libanes*innen wollen mit dieser Unsicherheit nicht mehr leben und wandern aus. Auch diesem Thema widmet der Film einige Szenen: tränenreiche Abschiede, lange Umarmungen, abhebende Flugzeuge, eine Frau, die sagt: „Wir müssen weg“, und ein Mann, der antwortet: „Weg? Wohin denn?“ 

Viele ihrer Freund*innen hätten den Libanon verlassen, sagt auch Daher. Sie selbst will bleiben, trotz Risiko. Beirut sei ihr Zuhause. Als Künstlerin sieht sie auch etwas Positives: „Diese schwierigen Situationen bringen auch Wachstum und Kreativität mit sich.“ In der Kulturszene nutzten viele das, um Kunst zu schaffen und darüber zu sprechen, was um sie herum passiert. So wie Lana Daher in ihrem neuen Film: „Diesen Ort authentisch darzustellen war nur möglich, weil ich hiergeblieben bin.“ 

 

„Do You Love Me" 
Frankreich, Libanon, Deutschland, Katar 2025
Originalsprachen: Arabisch, Französisch, Englisch 
Regie: Lana Daher 
Länge: 75 Min.

 

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