Anonyme Gräber an der EU-Außengrenze
Das weitläufige Bergmassiv des Strandzha-Nationalparks ist das größte Naturschutzgebiet Bulgariens. Es erstreckt sich über 160 Kilometer entlang der Grenze zwischen der Türkei und Bulgarien. Seine dichten Wälder und steilen Täler zu durchqueren, dauert mehrere Tage. Für viele ist dies der letzte und gefährlichste Abschnitt auf ihrem Weg in die EU.
Jusuf* ist einer von vielen, die es über diese Route versucht haben und dabei Gewalt erleben mussten. Aus Marokko reiste er mit drei Freunden nach Istanbul; von dort machten sie sich im Frühling 2025 gemeinsam auf nach Bulgarien.
Nach sechs Tagen Fußmarsch durch Strandzha griff die bulgarische Polizei die Gruppe mitten in der Nacht auf, zerstörte ihre Smartphones und nahm ihnen Jacken und andere Kleidung weg. Die Beamt:innen zwangen sie zurück über die Grenze und ließen sie auf der türkischen Seite im starken Regen zurück.
Doch in einem zweiten Versuch einige Tage später schafften es Jusuf und seine Freunde in die südbulgarische Stadt Harmanli. Dort erzählten sie Qantara ihre Geschichte.
Aber nicht alle können berichten, was ihnen bei der Grenzüberquerung zugestoßen ist. Auf den Friedhöfen entlang des Nationalparks liegen unbenannte Gräber im hohen Gras. Einfache Holzkreuze tragen nur ein Wort: „НЕИЗВЕСТЕН“, unbekannt. Viele weitere Menschen sind spurlos verschwunden.
Notrufe blieben unbeantwortet
Einer von ihnen ist Mohammed. „Er blieb zurück, weil seine Beine geschwollen waren“, erinnert sich Fatima, eine afghanische Frau, die heute in Schweden lebt. Seit dem 25. September 2022 hat sie nichts von ihrem Bruder gehört. In Afghanistan war er Offizier. Nachdem das Land 2021 zurück an die Taliban gefallen war, wollte er nach Europa.
Mehr als 70 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, in der Nähe der bulgarischen Küstenstadt Burgas am Schwarzen Meer, trennte sich Mohammed von seiner Gruppe. „Er sagte den anderen, sie sollen ohne ihn weitergehen. Er selbst wollte sich der Polizei stellen“, fährt Fatima fort. Rechtlich gesehen hätte er das Recht gehabt, Asyl zu beantragen.
Doch Mohammed verschwand. Sofort kontaktierte die Familie Leute, mit denen er unterwegs gewesen war. Doch als sie zurückkamen, war er nicht mehr auffindbar.
Wird die bulgarische Polizei über eine Person in Schwierigkeiten informiert, müsse sie sofort reagieren, erklärt Dragomir Oshavkov in seinem Büro in Burgas. Oshavkov ist Anwalt bei der Organisation Foundation for Access to Rights (FAR), die Migrant:innen rechtlich berät und fairen Zugang zum Rechtssystem fordert.
„Doch die Rettungsdienste reagieren oft nicht direkt, besonders wenn es um Flüchtlinge geht“, sagt Oshavkov. Das erkläre die tragischen Fälle. „Viele Leichen werden erst Jahre später in den Wäldern gefunden, wenn es unmöglich geworden ist, sie zu identifizieren.“
Seit 2023 übernimmt Bulgarien eine zentrale Rolle bei der Überwachung der Migration aus der Türkei in die EU. „Brüssel hat Sofia aufgefordert, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Zahl der Durchreisenden zu reduzieren“, erklärt Francesco Martino vom italienischen Thinktank Osservatorio Balcani Caucaso Transeuropa. „Bulgarien hat im Gegenzug weiteren Zugang zur EU verhandelt.“
So hat die Integration Bulgariens in die EU in den letzten Jahren an Fahrt aufgenommen: Obwohl das Land schon seit 2007 EU-Mitglied ist, wurde es erst 2025 vollständig in den Schengenraum aufgenommen und führte zum 1. Januar 2026 zudem den Euro ein.
Gleichzeitig ist die Zahl der versuchten Grenzübertritte laut der bulgarischen Regierung um mehr als 70 Prozent zurückgegangen: von 55.166 im Jahr 2024 auf 15.421 im Jahr 2025. Begleitet wird dieser Rückgang von Berichten über systematische Gewalt gegen Migrant:innen seitens der bulgarischen Behörden, inklusive illegaler Pushbacks.
Bezeichnend ist der Fall von den drei ägyptischen Teenagern Ahmed Samra (17), Seifalla Elbeltagy (15) und Ahmed Elawdan (16), die im Dezember 2024 im Strandzha-Wald an Unterkühlung starben. Ein Bericht des Menschenrechtsbüros der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache Frontex vom November 2025 kam zu dem Schluss, dass die bulgarische Grenzpolizei für den Tod der Jugendlichen verantwortlich sei. Von grober Fahrlässigkeit und Behinderung von Rettungsmaßnahmen ist die Rede.
Frontex bestätigte, dass Notrufe an die 112 stundenlang unbeantwortet blieben und dass zivile Rettungsteams der Organisationen No Name Kitchen und Collettivo Rotte Balcaniche von der Polizei daran gehindert wurden, zu den Jungendlichen vorzudringen.
„Die fehlende Menschlichkeit ist verstörend“, sagt Ric Fernandez, Koordinator von No Name Kitchen. Mitglieder seiner Organisation hätten Abdrücke von Hundepfoten und Militärstiefeln rund um den leblosen Körper von Ahmed gefunden - Beweis dafür, dass jemand in der Nacht dort gewesen war, ohne Hilfe zu leisten.
Während Frontex in den Fall der drei ägyptischen Jugendlichen nicht direkt involviert war, koordiniert und kooperiert die Agentur mit den lokalen Behörden. Man dürfe nicht vergessen, dass Frontex über alle Operationen Bescheid wisse, betont Fernandez.
Korruption in Bulgarien
Sie werde immer öfter um Hilfe bei der Suche nach vermissten Angehörigen gebeten, berichtet Diana Dimova, Direktorin von Mission Wings, einer der wenigen lokalen NGOs, die Rechtsberatung und Hilfsangebote für Geflüchtete und Migrant:innen anbieten.
In ihrem Büro in Stara Zagora lagert sie Ordner voller Unterlagen. Für jede vermisste Person archiviert Mission Wings die Korrespondenz mit Staatsanwält:innen sowie Fotos und Zeugenaussagen der Familien. „Wir helfen Angehörigen, DNA-Tests zu bekommen, wir begleiten sie zu den Behörden, sogar in die Leichenhalle.“
Im Umgang mit verstorbenen Migrant:innen gebe es jedoch kein einheitliches Vorgehen: In Burgas konservieren sie Tote über Jahre, in Jambol werden sie innerhalb weniger Tage beerdigt. Wir hatten Fälle, in denen der Staatsanwalt die Beisetzung angeordnet hat, ohne die Familie zu informieren. Das ist inakzeptabel“, so Dimova.
Im vergangenen Jahr geriet Dimova ins Visier der bulgarischen Behörden. „Manche Institutionen sehen uns als Bedrohung. Sie haben Angst, dass wir Dinge ans Licht bringen, die sie lieber im Dunkeln lassen“, sagt sie.
Dimova prangert auch die weitverbreitete Korruption beim Umgang mit Migrant:innen in Bulgarien an. Wenn eine Person sterbe oder verschwinde, versuchten manche, aus der Verzweiflung der Angehörigen Profit zu schlagen, beispielsweise Angestellte in den Leichenhallen oder Polizeibeamte. „Ich bin von diesen Leuten schockiert, die immer neue Wege finden, um den Schwächsten noch Geld abzupressen.“
Korruption ist in Bulgarien seit langem ein Problem. Zusammen mit Ungarn belegt das Land unter den EU-Mitgliedstaaten den ersten Rang im Bereich Korruption, so der Corruption Perceptions Index von Transparency International im vergangenen Jahr.
Von Korruption berichtet auch Fatima, die afghanische Frau in Schweden. Sie erinnert sich an die Versuche, ihren Bruder Mohammed ausfindig zu machen. Nach seinem Verschwinden reisten ihr Ehemann und ein weiterer Bruder nach Sofia. In der afghanischen Botschaft erhielten sie ein Schreiben an die bulgarische Grenzpolizei. Dessen ungeachtet sei die Polizei den beiden Männern gegenüber aggressiv aufgetreten und habe ihnen nicht geholfen.
Monate später reisten sie wieder nach Bulgarien und versuchten, Zugang zur Leichenhalle in Burgas zu bekommen. „Zuerst ließ man sie nicht hinein. Doch dann gab mein Bruder dem Wächter Geld und konnte schließlich doch nach Mohammed suchen“, erklärt Fatima. Sie fanden ihn jedoch nicht.
Seit über drei Jahren lebt Fatimas Familie nun im Limbo. „Wir leben nicht, wir überleben. Wir fragen uns, wie das sein kann: Jemand kommt nach Europa, um Schutz zu suchen, und verschwindet dann spurlos.“
Dutzende werden vermisst
Die NGO Collettivo Rotte Balcaniche ging 2023 mit dem Projekt Border Memory online. Auf der digitalen Plattform werden unter anderem Berichte über Menschen gesammelt, die im bulgarischen Grenzgebiet verschwunden sind.
Bei über 250 Gemeinden fragte das Kollektiv an und erhielt 170 Antworten, insgesamt meldeten sie 62 anonyme Gräber. Durch eigene Suchaktionen fand es auf grenznahen Friedhöfen weitere 21 Gräber in Burgas, vier in Sredets, zwei in Elhovo und eines in Jambol.
Die Italienerin Cecilia Strada, langjährige Menschenrechtsaktivistin und Abgeordnete im EU-Parlament der sozialdemokratischen Fraktion, erklärte gegenüber Qantara, dass parlamentarische Anfragen zu Menschenrechtsverletzungen an den EU-Grenzen immer mit der Plattitüde beantwortet würden: „Grundlegende Rechte müssen respektiert werden.“
Migration, warnt sie, werde immer stärker aus einer Sicherheitslogik heraus betrachtet statt aus der Perspektive von Menschenrechten und Solidarität. Ihrer Meinung nach verstärken die jüngsten Reformen des EU-Migrationsregimes diesen Trend noch: Die geplante Reform der Rückführungsrichtlinie verlängere die mögliche Haftzeit und erweitere gleichzeitig die Haftgründe. Die Richtlinie zur Bekämpfung der Beihilfe zur illegalen Einreise berge die Gefahr, dass Migrant:innen weiter als Schleuser:innen kriminalisiert würden.
„Wir reden hier nicht von ein oder zwei Fällen“, fasst Diana Dimova von Mission Wings die Lage zusammen, „sondern von dutzenden, möglicherweise hunderten Menschen, die in Bulgarien verschwunden sind. Es ist Zeit, dass die Institutionen dieses Thema ernst nehmen. Familien müssen sicher sein können, dass überhaupt noch jemand versucht, die Wahrheit über den Verbleib ihrer Liebsten herauszufinden. Im Moment ist das nicht der Fall. Und das ist herzzerreißend.“
* Name geändert
Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis.
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