Schiiten? Oftmals nicht willkommen
„Wir nehmen zwar Leute auf, aber nur sehr wenige. Wir filtern die Leute. Wir lassen nicht jeden rein“, sagt ein Hotelmitarbeiter im christlichen Viertel Gemmayzeh in Beirut, das normalerweise bei Tourist:innen sehr beliebt ist.
Hunderttausende sind vor den israelischen Angriffen im Südlibanon, in der der Bekaa-Ebene und auf die südlichen Vororte der Hauptstadt geflohen. In der Eile haben sie meist nur wenige Habseligkeiten mitgenommen.
In Beirut ist die Suche nach einer Bleibe zur Sisyphusarbeit geworden. Laut UN-Angaben sind mehr als eine Million Menschen vertrieben worden – über ein Fünftel der libanesischen Bevölkerung. Mehr als 2.000 wurden getötet.
„Der Libanon ist in einen Konflikt hineingezogen worden, den er nicht wollte“, fährt der Hotelangestellte in Gemmayzeh fort. „Aber die Tragödie ist, dass wir es gewohnt sind. Das ist unser sechster Krieg seit 2006.“
Nach dem Inkrafttreten einer zehntägigen Waffenruhe am 16. April haben einige vertriebene Familien begonnen, über eine Rückkehr nachzudenken. Doch für viele ist das keine Option. Zahlreiche Häuser sind zerstört worden und Teile des Südens sind weiter von der israelischen Armee besetzt. Der Zugang zu diesen Gebieten ist aufgrund beschädigter Straßen, Brücken und anderer Infrastruktur schwierig. Auch ist unklar, wie lange die Waffenruhe halten wird.
Rund um den Märtyrerplatz im Herzen der Hauptstadt und entlang der Strandpromenade säumen Zelte die Gehwege. Autos parken Stoßstange an Stoßstange. Koffer und Plastiktüten voller Essen und Decken stapeln sich in den Autos oder auf dem Boden.
Zu Beginn der Eskalation sind landesweit Hunderte öffentliche Gebäude, darunter Schulen und Sportanlagen, zu Notunterkünften erklärt worden. Doch viele waren schnell überfüllt.
„Etwa 122.000 Binnenvertriebene sind derzeit in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, während sich fast 800.000 weitere außerhalb dieser Einrichtungen aufhalten“, sagte Tony Hadad, stellvertretender Leiter der Nothilfe bei Caritas Libanon, bereits im März. „Die größte Herausforderung ist die Unterbringung: Wir benötigen dringend Gastfamilien, medizinische Versorgung und Nahrungsmittel.“
„Sie haben Israel einen Grund gegeben, uns anzugreifen“
Für manche vertriebene Familien mag die Anmietung eines Zimmers oder einer Wohnung eine einfache Lösung sein, zumal einiges leer steht. Doch viele berichten, von Vermieter:innen abgewiesen worden zu sein.
In überwiegend christlichen Vierteln von Beirut wie Aschrafieh berichten Anwohner:innen, dass nur wenige vertriebene Familien Aufnahme gefunden haben. Während einige Klöster christlichen Mitbürger:innen Schutz bieten, sind schiitische Familien größtenteils auf öffentliche Unterkünfte angewiesen, deren Kapazitäten stark begrenzt sind.
In manchen Vierteln blieben öffentliche Schulen für Vertriebene sogar gänzlich geschlossen. Suchen sie alternative Unterkünfte, werden sie verstärkt kontrolliert oder gar abgewiesen.
Auch sind einige Vorhaben zur Unterbringung von Vertriebenen auf Widerstand gestoßen. So wurde beispielsweise der Plan, einen Hangar in Karantina nahe dem Hafen von Beirut in eine Notunterkunft umzuwandeln, nach Protesten aus der Politik und von Anwohner:innen verworfen, die vor möglichen „Spannungen“ warnten.
Die Hisbollah hatte Anfang März im Anschluss an die US-amerikanischen und israelischen Angriffe auf den Iran Raketen in Richtung Nordisrael abgefeuert und damit israelische Vergeltungsmaßnahmen ausgelöst. Die Eskalation hat eine Tendenz verstärkt, die schiitische Gemeinschaft im Libanon, die als soziale Basis der Hisbollah gilt, kollektiv verantwortlich zu machen.
„Schiit:innen schützen die Hisbollah“, sagt ein armenischer Einwohner von Bourj Hammoud, nördlich von Beirut. „Und jetzt zahlt das ganze Land den Preis. Sie haben ihnen einen Grund gegeben, uns anzugreifen. Das ist nicht unser Krieg.“
„Wer aus dem Süden kommt, den sehen die Leute anders an“, sagt Faour, 38, ein Schiit. „Es ist, als ob die gesamte schiitische Gemeinschaft dafür verantwortlich wäre.“
Angst, zum Ziel zu werden
Seit Beginn der Eskalation sind Hotels und Wohngebäude in der gesamten Hauptstadt, auch in zentrumsnahen Vierteln, angegriffen worden. Einige Hotelbesitzer:innen verweisen auf das Risiko, Personen zu beherbergen, die Verbindungen zur Hisbollah unterhalten könnten. Hintergrund ist, dass die israelische Armee ihre Angriffe als Bekämpfung angeblicher „Hisbollah-Infrastruktur“ gerechtfertigt hat.
Faour, der 38-jährige Schiit, engagiert sich seit über einem Jahr ehrenamtlich in einem Hostel in Beirut. Als eine neunköpfige, aus dem Süden vertriebene Familie in Begleitung eines Angehörigen der libanesischen Armee dort ankam, habe er für sie eine vorübergehende Lösung im Hostel gefunden. Doch der Manager, ein Christ, habe sie am nächsten Tag aufgefordert, wieder zu gehen.
„Ich bestand darauf, dass sie bleiben können. Es kam zum Streit und er sagte mir, bis Ende der Woche solle auch ich verschwinden.“
Laut einer Mitarbeiterin einer franziskanischen Hilfsorganisation in Beirut können Orte zu Zielen werden, wenn sich Kämpfer oder ehemalige Hisbollah-Mitglieder dort verstecken. „Selbst für uns ist es schwierig, genaue Daten über die Menschen in den Unterkünften zu erhalten: ihr Alter, ihr Geschlecht, ob sie verletzt sind. Dabei brauchen wir diese Informationen, um wirksam Hilfe leisten zu können, aber die Menschen befürchten, dass sie in die falschen Hände geraten könnten“, sagt sie mit Blick auf den israelischen Geheimdienst.
Solidarität unter Druck
Die Familie, der Faour geholfen hatte, fand schließlich eine Unterkunft und dann eine Wohnung. Die Unterkünfte seien jedoch alles andere als ideal, betont er, sie böten kaum Privatsphäre. Matratzen sind Mangelware, sodass manche Menschen auf dem Boden schlafen müssen. Für alles gibt es lange Warteschlangen, Toiletten, Essen und Wasser. Besonders betroffen sind Kinder, Kranke und ältere Menschen.
Mit dem Krieg gerät Libanons fragiles soziales Gefüge zunehmend unter Druck. Zwar springen Solidaritätsnetzwerke, getragen von der Zivilgesellschaft und über konfessionelle Grenzen hinweg, dort ein, wo der Staat versagt. Doch mit wachsender Angst und zunehmender Trauer um die Toten verschärfen sich die Spannungen zwischen den Gemeinschaften und lassen die Gefahr eines internen Konflikts wieder aufleben.
Unterdessen werden bereits marginalisierte Gruppen wie syrische Geflüchtete und migrantische Arbeiter:innen, viele von ihnen aus afrikanischen sowie süd- und südostasiatischen Ländern, von Hilfssystemen ausgeschlossen, die für vertriebene Libanes:innen konzipiert wurden.
Myriam, eine Frau in ihren Vierzigern, berichtet von zwei syrischen Freundinnen – eine mit sieben, die andere mit fünf Kindern –, die bei ihr nach Bombenangriffen auf die Dahieh Zuflucht gesucht haben. „Ich verbringe meine Tage damit, ihnen zu helfen. Ich klopfe an Türen und bitte um Kleidung, Essen und Medikamente“, erzählt Myriam. Nada, eine der Mütter, deren Baby drei Monate alt ist, sagt, es herrsche Mangel an allem. „Ich habe keine Windeln und keine Milch. Ich gebe ihm Zuckerwasser.“
Obwohl auch sie Opfer der israelischen Offensive sind, haben die beiden Frauen keinen Zugang zu Schutzunterkünften, weil sie Syrerinnen sind. Man hat ihnen gesagt, sie sollten „nach Hause zurückkehren“, in ein Land, das sie seit Jahren nicht mehr betreten haben.
Myriam selbst stammt aus Baalbek, einer Hochburg der Hisbollah im Osten des Libanon. Sie kam im Herbst 2024 nach Beirut, nachdem sie im damaligen Krieg alles verloren hatte. Heute beherbergt sie etwa 15 Menschen in ihrer Wohnung, um „etwas von dem zurückzugeben“, was sie selbst an Unterstützung erfahren hat.
„Die eigentliche Frage“, sagt Faour, „ist, ob Menschen wirklich aus Sicherheitsgründen ausgeschlossen werden oder aufgrund ihrer Herkunft und der damit verbundenen Vorurteile.“
Dieser Text ist eine KI-gestützte, bearbeitete Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis.
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