Neues aus israelischen Archiven
„Das Schicksal Ben Barkas wird aufgeklärt und der Fall kann abgeschlossen werden”: Das schreiben der französisch-amerikanische Autor Stephen Smith und der Israeli Ronen Bergman in ihrem Buch „L’Affaire Ben Barka”. Sie wollen das Rätsel um den marokkanischen Revolutionär und Oppositionspolitiker Mehdi Ben Barka gelüftet haben, der 1965 in Paris getötet wurde.
Ihr 576 Seiten langes Buch, das im Oktober auf Französisch im Verlag Grasset erschienen ist, trägt die Unterüberschrift „Das Ende der Geheimnisse“ – eine Übertreibung, die möglicherweise auf Marketingzwecke zurückzuführen ist, denn präzise Antworten auf die wirklich zentralen Fragen liefern die beiden nicht.
Wo zum Beispiel wurde Ben Barkas Leichnam begraben? Was wussten die französischen Sicherheitsapparate – und waren sie Komplizen? Hat der damalige marokkanische König Hassan II. (reg. 1961–1999) die Ermordung Ben Barkas angeordnet oder wollte er lediglich, dass Ben Barka unter Zwang aus dem Exil zurückgeführt wird?
Mehdi Ben Barka (1920-1965) war eine der prominentesten Führungspersönlichkeiten der marokkanischen Nationalbewegung und der später aus dieser hervorgegangenen linken Szene. Nach der Unabhängigkeit Marokkos 1956 spielte er eine zentrale Rolle in der marokkanischen Politik.
Zunehmend positionierte er sich gegen Hassan II., der zu diesem Zeitpunkt noch Kronprinz war, und verließ 1960 schließlich das Land. Aus dem Ausland setzte Ben Barka seine oppositionellen Aktivitäten fort. 2021 enthüllte der Guardian zudem, dass Ben Barka seit 1960 als Spion für den tschechoslowakischen Geheimdienst tätig war.
Ist der Maghreb eine französische Erfindung?
In seinem Buch "The Invention of the Maghreb“ (dt. Die Erfindung des Maghreb) lädt Abdelmajid Hannoum dazu ein, übliche Bezeichnungen wie "Maghreb“, "Nordafrika“ oder "Naher Osten“ zu hinterfragen und legt ihre koloniale Wurzel frei. Eine Rezension von Shady Lewis Botros
Der Enthusiasmus der beiden Buchautoren ist insofern nachvollziehbar, dass sie tatsächlich einen journalistischen Scoop gelandet haben: Anhand bislang geheim gehaltener israelischer Dokumente können sie die zentrale Rolle des israelischen Geheimdienstes bei der Durchführung der Ermordung Ben Barkas belegen. Diese war bislang nur in vereinzelten Presseberichten erwähnt worden, jedoch ohne einschlägige Beweise.
Dieser Schatz, wie es im Buch heißt, lag mehr als ein halbes Jahrhundert im israelischen Justizministerium unter Verschluss. Ab 1966 hatte Israels Ex-Premierminister Levi Eshkol (reg. 1963-1969) die Mossad-Korrespondenzen und seine eigene detaillierte Aussage dort verborgen, nachdem es zu einem Streit über die Beteiligung an der Operation gekommen.
Meir Amit, Mossad-Chef während der Ben-Barka-Operation, warf Eshkol vor, sich der Verantwortung für das, was er genehmigt hatte, zu entziehen. Ezer Harel, Amits Vorgänger, bezeichnete das Geschehene als „politische, diplomatische und moralische Katastrophe”.
„Ihr seid großartig im Beseitigen von Leichen”
Erstmals aktiv in der Ben-Barka-Äffäre wurde Israel, als das Mossad-Büro in Rabat am 30. März 1965 ein erstes Telegramm verschickt. Darin heißt es laut dem Buch, ein Mossad-Agent namens „Cheri“ sei von „Albert“ kontaktiert und um Hilfe gebeten worden, um Ben Barka ausfindig zu machen. „Albert“ ist das Pseudonym des marokkanischen Generals Ahmed Dlimi, einem der prominentesten Sicherheitschefs im Umfeld des Königs.
So beginnt die Operation Eterna, in der dem Mossad zunächst nur eine Aufgabe zukommt: „Ben Barkas Aufenthaltsort bestimmen”. Doch unter marokkanischem Druck weitet sich die Mission schnell aus. Einige Tage später trifft ein weiteres Telegramm aus Rabat ein, in dem Dlimi um nicht rückverfolgbare Waffen bittet und um Gift, das keine Spuren hinterlässt.
Smith und Bergman erwähnen in ihrem Buch, dass Benjamin Rotem, Vize-Chef der Tevel-Einheit des Mossad, davor warnte, dass Israel sich durch die Bereitstellung dieser Art von Unterstützung „zu einem direkten Partner in der Operation“ machen würde. Amit jedoch wollte die „wichtige Zusammenarbeit” mit Rabat nicht opfern.
Drei Wochen vor der Operation fasst Amit die marokkanische Anfrage an den israelischen Premierminister wie folgt zusammen: „Sie kamen zu uns und sagten im Grunde genommen: Ihr seid großartig im Beseitigen von Leichen. Ihr sollt die Operation nicht durchführen, ihr sollt uns nur helfen.”
Daraufhin findet der Mossad zunächst heraus, dass Ben Barka unter dem Schutz des ägyptischen Staatschefs Gamal Abdel Nasser mit seiner Familie in Kairo wohnt. Laut einem im Buch erwähnten israelischen Telegramm zieht der marokkanische Militärgeheimdienstler Dlimi es jedoch vor, Ben Barka bei einem Besuch in Paris zu ermorden.
Wertvolle Tonbänder vom Gipfel
Das Buch vermittelt ein klares Bild von Dlimis zentraler Rolle in der Zusammenarbeit mit dem Mossad. Es zeigt, wie Dlimi die Israelis zunächst über seinen Plan informierte, Ben Barka zu beobachten, und wie sich seine Forderungen nach und nach ausweiteten. Was als logistische Unterstützung beginnen sollte, endete mit einem israelischen Team vor Ort in Paris, mit bereitgestellten Pässen, Verkleidungsausrüstung, einem Fluchtplan und einem Saferoom für die Zeit nach dem Attentat.
Wichtig zu erwähnen ist, dass Dlimi ein Ass gegen die Israelis im Ärmel hatte: Seine Männer hatten das Gipfeltreffen der Arabischen Liga im September 1965 aufgezeichnet, mit Technik, die ihnen vom Mossad zur Verfügung gestellt worden war. Für die Israelis waren die Aufzeichnungen von hohem geheimdienstlichen Wert. Dlimi händigte sie aber erst aus, nachdem er bekommen hatte, was er wollte: die direkte israelische Beteiligung an der Operation.
Dem Buch zufolge zeigt ein Bericht des israelischen Militärgeheimdienstes die Bedeutung der Aufzeichnungen: „Auf militärischer Ebene erfuhren wir, wie wenig sie auf einen Krieg vorbereitet waren (in Bezug auf den Sechstagekrieg von 1967, d. Red.). Das Oberkommando der israelischen Armee wurde in seiner Überzeugung bestärkt, dass wir einen Krieg gegen Ägypten gewinnen würden. Wir wurden uns unserer Stärke bewusst.” Doch die Gewissheit kam zu einem hohen Preis: Der Mossad stand kurz davor, ein Attentat außerhalb der israelischen Grenzen zu verüben.
Ben Barka wurde in der Badewanne ertränkt
Ende Oktober 1965 wird Ben Barka von einem vom marokkanischen Geheimdienst rekrutierten französischen Polizisten in einen Hinterhalt gelockt und entführt. Zunächst wird er an einem Ort festgehalten, der von einer bestochenen französischen Gang geführt wird. Anschließend wird er unter Drogen in das Haus eines französischen Agenten gebracht, der mit Dlimi kollaboriert. Dort wird er von Franzosen und Marokkanern bewacht.
Als Dlimi am 2. November persönlich in Paris eintrifft, sind die Vorbereitungen mithilfe des Mossad bereits abgeschlossen. Ihm werden fünf Reisepässe, eine 24-Stunden-Hotline und ein Schlüssel für ein Schließfach im Gare du Nord zur Verfügung gestellt, in dem eine Flasche Gift deponiert ist, das ursprünglich für die Ermordung eingesetzt werden sollte.
Letztendlich aber wird Ben Barka ertränkt, wie Dlimi bei einem anschließenden Treffen mit Mossad-Agenten in einem Café auf den Champs-Élysées berichtet. Einer der Mossad-Agenten schrieb in einem Telegramm nach Tel Aviv:
„Nachdem die Badewanne mit Wasser gefüllt wurde, tauchten sie Ben Barkas Kopf nicht nur unter, sondern hielten ihn drei Minuten lang unter Wasser. (...) Dlimi hat den Arm nach unten gestreckt und sich vorgebeugt, um die Szene nachzustellen. Sie haben Ben Barka in der Badewanne ertränkt.”
Dlimi selbst wird mit den Worten zitiert: „Ich habe ein Foto von ihm gemacht, damit man in Marokko auch glaubt, dass es vorbei ist.”
Laut Smith und Bergman handelte es sich bei der gesamten Operation um eine marokkanisch-israelische Aktion. So soll Dlimi auch Instrumente zum Vergraben der Leiche und Chemikalien zu deren Auflösung angefordert haben, die von einem Mossad-Agenten in Paris auch bereitgestellt wurden. Die Dokumente zeigten, heißt es im Buch, dass es eine Reihe bilateraler Koordinierungstreffen sowohl vor als auch nach der Operation gegeben habe.
„Eine Lösung erfordert politischen Mut“
Spannungen zwischen Marokko und Algerien führen zu einem erbitterten Wettrüsten. Der marokkanische Forscher Hicham Mouatadid geht der Rivalität auf den Grund und fordert einen Ansatz für regionale Sicherheit, der über den Westsahara-Konflikt hinausgeht.
Sorgen beim Mossad
Nach der Operation herrschte beim Mossad Sorge, die Marokkaner könnten unprofessionell gehandelt und Spuren hinterlassen haben, die den israelischen Geheimdienst ins Zentrum des Falls rücken. Nachdem Frankreichs Präsident Charles de Gaulle aus Ärger über den Mord im Herzen Frankreichs eine Untersuchung wegen Versagens der Sicherheitsdienste einleitete, erteilte Meir Amit seinen Männern den Befehl: „Vernichtet alle Dokumente, die mit der Operation in Zusammenhang stehen.”
Verstärkt wurden die Sorgen der Israelis dadurch, dass sie weder wussten, wo Ben Barka festgehalten wurde, noch wo seine Leiche vergraben wurde. „Die Leiche wird niemals gefunden werden”, hatte Dlimi dem Mossad-Agenten David Shomron in Rabat lediglich mitgeteilt.
Monate nachdem man den marokkanischen Dissidenten losgeworden war, entwickelte sich der Fall in Israel schließlich zu einem Machtkampf innerhalb der Behörden. Ein erster Untersuchungsausschuss kam zu dem Schluss, Mossad-Chef Amit habe sich schuldig gemacht, da er die politische Führung nicht rechtzeitig über das Ausmaß der Mossad-Beteiligung an der Eterna-Operation informiert habe.
Ein zweiter U-Ausschuss dagegen befand Amit für schuldig. Dennoch hielt Premierminister Eshkol bis zum Ende seiner Amtszeit an ihm fest. Seine Aussage schloss Eshkol mit den Worten: „Amit verdient es, entlassen zu werden, aber er kann nicht entfernt werden. Dadurch würde die Beteiligung des Mossad an diesem Verbrechen bekannt, gerade jetzt, wo Frankreich sich darauf vorbereitet, den Fall Ben Barka zu eröffnen. Das allgemeine Staatsinteresse macht dies unmöglich.”
Den beiden Autoren ist es in ihrem Buch gelungen, Licht in die israelische Geheimnistuerei rund um das Attentat zu bringen. Der Rest des Buches gibt allerdings lediglich wieder, was seit Jahrzehnten in den Gerichtsaussagen der Hauptakteure und anderer Beteiligter, in Büchern und in Interviews über die Beteiligung der Marokkaner und französischer Gangs am Mord an Ben Barka kursiert.
L'Affaire Ben Barka - La fin des secrets
Stephen Smith, Ronen Bergman
Éditions Grasset
Oktober 2025
© Qantara.de